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Der
Schneiderstein - Was aus ihm wurde
Bei
einem späteren Besuch war der Schneiderstein von Wildwuchs befreit und
als echte Sight erkennbar. Wiederum etwas später war er wieder mehr
verwildert. Beides war ok. Steht ein Knabe während einer Wanderung durch
den schönen Colditzer Wald mit Papa an einer der Übersichtstafeln und
testet seine Lesekenntnisse, so kann es passieren, dass es
fragt: „Papa, Schneiderstein, was ist das?“ Sofort erwacht der
Abenteuergeist in Papa und er zögert nicht, seinem Knaben zu zeigen, wie
man so etwas herausbekommt. Er fängt also mit der der Tafel entnommenen
Information an, ihn zu suchen. Findet er ihn dann, tritt er mit
geschwellter Brust und noch etwas verschwitzt vom Suchen vor seinen Sohn:
„Siehst Du mein Junge, einst kannst Du Deinem Sohn von diesem Ereignis
berichten. Präge Dir alles ein! Du gehörst nun zu denen, die Bescheid
wissen!“ Hierbei gilt: Umso größer das Dickicht, desto stolzer der
Papa. Und so könnte das Generation für Generation weiter gehen. Könnte.
Leider wurde dieses Idyll von der Realität erschreckend überrannt.
Sucht
man heute den Schneiderstein landet man vor einem Zaun, wenn auch ohne
Stacheln. Hinter dem Zaun ist alles abgeholzt, ein kahler Streifen, und
dahinter wieder ein Zaun. Von einem erhöhten Standort aus kann man die
den Schneiderstein umgebenden Bänke inmitten dieser Kahlheit erkennen.
Als braver DDR-Bürger sieht man zuerst einen solchen Zaun als unüberwindliches
Hindernis. Doch im Laufe der Zeit hat sich manches geändert und tollkühn,
nicht ganz ohne die kriminelle Energie eines abenteuersüchtigen Rebellen,
sucht man die Möglichkeit der Überwindung des Hindernisses. Diese kann
man dann auch in Form einer provisorischen Leiter finden. Befindet man
sich dann innerhalb des Streifens, hat man ständig Angst, von einem
bewaffneten Schützen auf einem Wachturm, ich meine natürlich Hochsitz, für
ein böses Tier gehalten zu werden, das sich über die winzig kleinen
unschuldigen Setzlinge, aus denen mal wieder Bäume werden sollen,
hermacht. Überwindet man dann mit Hilfe geeigneten Schuhwerks noch einen
weiteren Hindernisstreifen aus zusammengetragenem Holz, kann man ihn
erreichen. Den Schneiderstein in Form eines Kreuzes. Von Finden kann dann
keine Rede mehr sein, man sieht ihn schon von weitem, völlig seiner schützenden
Hülle beraubt. Ein Bild von Golgatha drängt sich einem auf. Ein Kreis
von Baumstümpfen um ihn herum lässt noch darauf schließen, mit welcher
Sorgfalt er irgendwann bedacht wurde. Die Tafel mit der Beschreibung ist
offenbar mitsamt dem sie tragenden Baum verschwunden. Nur ein umgekippter
Papierkorb voller Müll und Bierdosen ziert noch sein Umfeld. Wie lange
wird es dauern, bis die Bäume um ihn herum nachgewachsen sind? 10-20
Jahre?
Der
Knabe, der jetzt lesen gelernt hat wird dann vielleicht schon selbst einen
Sohn haben, bevor er den Schneiderstein selbst zu Gesicht bekommen hat.
Hier
der Text, der sich auf der verschwundenen Tafel befand: „Schneyderstein.
Steinkreuz in lateinischer
Form mit rechtwinkligen Balken. Material: Knollenstein. Umrisszeichnung
Schere, Elle oder Nadel. Sage: Schneider oder Bettelmann von Wildschwein
getötet.“
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