Rokoko und Utopia
"Sie ist aber
auch das Irrationale, magisch Weibliche, rational nicht zu Beherrschende,
bestenfalls zu Verdrängende, triebhafte Unbewußte." So beschreibt Ralf
Nürnberger im Programmheft des Opernhauses die Königin der Nacht. Na nur gut,
daß Sarastro "die Sphäre männlicher Rationalität, bürgerlicher Tugendideale,
des Fortschrittglaubens und des Glaubens an die rationale Beherrschbarkeit von
Mensch und Natur", widerspiegelt. Schade aber ist dann, daß er das Duell
gewonnen hat. "Irrational" und "nicht zu beherrschen" - vielen Dank für die
Blumen, Herr Nürnberger. Aber Sie müssen keine Angst vor uns haben und uns nicht
als "triebhaftes Unbewußtes" verdrängen. So furchtbar ist Frau nun auch wieder
nicht ;-)
Diesmal hatten wir eine wirklich merkwürdige Inszenierung der Zauberflöte. Sie haben sich ganz schön viel Gedanken darum gemacht. Ich hätte nicht gedacht, daß man in diese Oper so viel hineindichten kann, was aber auch nicht ganz aus der Luft gegriffen war und für mich schon Sinn macht. Die moderne Welt löst die "Alte" ab. Der "Verfall der Religion" und das auftauchen von "Ersatzreligionen" wie die der Freimaurer bringt vielleicht den Glauben an eine neue Gesellschaftsordnung - sagt Ralf Nürnberger. Wobei ich denke, daß es doch schon immer andere Glaubensrichtungen gab, vielleicht nur nicht so offensichtlich und die Freimaurerlogen doch eigentlich irgendwie aus den Templerorden entstanden sind. Vielleicht als kleiner Ausweg, da dieser ja verboten wurde und soviel ich weiß noch verboten ist. Da kann man sich eine Menge Gedanken darüber machen und sicherlich hat das auch Mozart beeindruckt und da er, soviel ich weiß, Mitglied in einer Loge war, wollte er sicherlich seine Erfahrungen und Eindrücke auch irgendwo einbauen, was er hiermit wohl in der Zauberflöte getan hat. Aber Sozialismus und Kommunismus sollte man da vielleicht nicht unbedingt hineindichten und bitte, schon gar nicht eine Gleichmacherei wie die der Abart des Maoismus, an den mich der letzte Akt sehr stark erinnerte. Das hat mir überhaupt nicht gefallen und auch, wenn die Umsetzung des Kommunismus oder Sozialismus letztendlich Schei** war, heißt das noch lange nicht, daß er so sein sollte und ich kann mir auch überhaupt nicht vorstellen, daß Mozart so etwas im Sinn hatte. Ralf Nürnbergers Zauberflöte weckte in mir eine unbehagliche, trostlose Stimmung und wenn ich seine Ausführungen so lese, wollte er das mit seiner Inszenierung wohl auch rüberbringen:
"Heute leben wir ohne gesellschaftliche Utopie, ohne Verankerung in kollektiver Heilsgewißheit. Unser neuer Gott ist der neue weltweite Markt. Ihn fürchten wir, von ihm erhoffen wir alles. Der Mensch hat sich zu fügen. Dem Markt zu dienen, plündern wir rücksichtslos die Natur. Die Ressourcen werden knapp und die Erde wird zu klein für alle Papagenos und Papagenas...." Ja, vielleicht werden die Ressourcen knapp, aber vielleicht ist es nicht so, sondern nur ein falsches "Welt-" Management und Miteinander. Stelle man sich vor, wie die Volkswirtschaft mit ihren Wohlfahrtsdenken die Welt gern hätte. Dann wäre doch für jeden genügend da. Dann würde jeder das machen, was er am besten kann und es würde sich ein Gleichgewicht einstellen mit dem jeder zufrieden und gut leben könnte. Problematisch hierbei ist nur der Faktor Mensch mit seinem Egoismus und seiner Unersättlichkeit und seiner Freude daran den Schwächeren zu unterdrücken und auszunutzen.
Ich habe damals mit Spannung unsere VWL Vorlesungen verfolgt und fand es schon da faszinierend wie das große Ganze so funktioniert und wie einfach es manipuliert werden kann und wie gefährlich Manipulation ist. Da kann so ein kleines unüberlegt angeschuppstes Steinchen eine ganz schön große Lawine auslösen die eine Menge Leben unter sich begraben.
Aber gut, ich
wollte mir, wie viele andere auch, eigentlich nur die Zauberflöte ansehen und
nicht an das Elend der Realität erinnert werden. Das hatten wir nach der Wende,
das haben wir jetzt, das hat man jeden Tag, wenn man den Fernseher einschaltet.
Wahrscheinlich flüchten deshalb auch so viele Menschen in Träumereien und wenn
das nicht mehr reicht betäuben sie sich in Sekten, mit Alkohol und Drogen oder
einfach nur mit schwachsinnigem Fernsehprogramm. Letztendlich alles keine
Lösungen, da man doch früher oder später wieder auf den Boden der Realität
plumpst und vor noch einem größeren Scherbenhaufen sitzt. Nein, da sollte man
doch lieber versuchen die schönen Dinge des Lebens zu sehen, auch wenn sie noch
so unscheinbar sind. Wie heute morgen z.B. dieser phantastische Sonnenaufgang
oder die herrlichen Farben der Bäume jetzt im Herbst oder ein herrliches Bad mit
duftenden Ölen oder wie ich jetzt, gemütlich hier im Warmen sitzen, bei
Kerzenschein und der "Zauberflöte" im Hintergrund nur so zum Spaß Buchstaben
aneinander reihen. Klar kann ich klug daherreden, da ich einen Job habe und es
mir gut geht. Aber wir haben hier schon eine Menge durch. Wenn ich an die
Wendezeit zurückdenke, an das tägliche Bangen um den Arbeitsplatz und an unsere
Demos in der Kälte zum Erhalt des Chemiedreiecks. Da kriecht auch jetzt immer
noch ein beklemmendes Gefühl in mir hoch. Wir waren mehr als 17 000 Mitarbeiter
an einem Standort und davon sind gerade mal so um die 2 400 an 5 Standorten übrig
geblieben. Und da geht es uns noch super. Wenn ich mir so die kleinen Firmen in
der Region ansehe, die ihren Mitarbeitern noch nicht mal pünktliche ihre
Gehälter auszahlen können, wird es mir schon ganz anders. Oder die Opelkrise,
die im Moment die Medien beschäftigt, oder die Aktion von Karstadt einige ihrer
Geschäfte zu schließen. Da fragt man sich wirklich wohin das noch führen soll
und man möchte besser nicht darüber nachdenken. ... aber nun weg mit den trüben
Gedanken und weiter mit der "Zauberflöte" in der Leipziger
Oper.
Stefan Blunier
leitete das Orchester wunderbar und die Ouvertüre war wiedermal ein Hochgenuß.
Darum hätte auch nicht sein müssen, daß sie der Ouvertüre schon ein Bild geben.
Das hat sie wirklich nicht nötig, daß man von ihr mit einem sich im Schlaf
wälzenden Tamino ablenken mußte.
Das Bühnenbild des ersten Auftrittes gefiel mir auch überhaupt nicht. Was sollte das schäbige Zimmer? Soviel ich weiß, hätte Tamino sich in einem Wald befinden sollen und nicht in seinem Appartement. Mir gefiel auch nicht, daß ihn das Appartement in fast jede Szene begleitete. Das nahm die ganze Romantik der darauf folgenden Bühnenbilder. Auch die Szene mit der Schlange kam nicht richtig rüber. Da gefiel mir die Inszenierung in Bad Lauchstädt um Längen besser. Die kaum zu leben scheinende Blechschlange dieser Inszenierung brachte die Verfolgung nicht richtig rüber und Taminos Schlafanzug fand ich auch nicht so recht praktisch für eine Jagd.
Aber super gefiel mir das Erscheinen der drei Damen (Hendrikje Wangemann, Kathrin Göring, Inga Lampert) im roten Lichtschein. Das brachte etwas mystisches und die Kostüme waren sehr passend - schwarz und elegant.
Dann endlich erschien Papageno
auf der Bühne. Milko Milev gefiel mir schon in "Martha"
sehr gut, aber trotzdem fand ich das Spiel und die Mimik von Gerd Vogel als Papageno in der Bad
Lauchstädter Zauberflöte noch um einiges besser gelungen. Der war so herrlich
spitzbübig und schelmisch, daß man sich richtig in ihn verlieben konnte. Auch
sein Kostüm gefiel mir besser als das in Leipzig, obwohl die mit dem roten
Kostüm und
dem angedeuteten Schwänzchen schon eine nette Idee hatten. Auch die
beiden Federn auf dem Kopf waren süß. Aber Leute, was sollte das mit den
Eimern???? Der Vogelfänger steckt doch seine Vögel nicht in Mülleimer - nein,
den tieferen Sinn habe ich wohl wiedermal nicht verstanden. Naja, vielleicht war
der tiefere Sinn ja, das der Mensch die Natur wie Müll behandelt - oder so. Aber
meinen Meisen und Spatzen jedenfalls, die mich immer hier auf dem Balkon
besuchen, geht es sau wohl. Wenn sie mir brav die Spinnen vom Hals halten,
bekommen sie auch ab und zu mal ein Leckerli in Form von Sonnenblumenkernen oder
Brötchenkrümeln.
Die Arie des Papageno war wieder ein Genuß, wo Frau hätte am liebsten mitgesungen. Milko Milev brachte das Flötenspiel auch sehr gut <grins>, nur als er die Flöte dem Tamino in die Hand drückte kamen da nur ein paar klägliche Töne heraus. Flöte spielen war wohl nicht so recht Stanley Jacksons Ding. Aber es hat nicht gestört, sondern war nur witzig. Singen konnte er jedenfalls nicht schlecht.
Der Auftritt der
Königin der Nach war leider nicht so spektakulär, wie er hätte sein müssen. Das
haben sie in Bad Lauchstädt wieder um Längen besser gemacht. Eigentlich schade,
so als Königin der Nacht muß sie einfach einen grandiosen Auftritt haben. Hier
kam sie nur so von hinten angeschlichen - beschämend :-( ABER! Ihre Stimme
war einfach spitzenklasse. Ich bin immer noch beeindruckt. Anna-Kristiina
Kaappola brachte die Koloratur Arie erstklassig und ihre elegante Erscheinung als Königin gefiel mir auch sehr gut.
Da war es schade, daß ihre Arie so schnell gesungen war und sie nur noch einmal
in dieser Oper zum Zuge kommen sollte.
Tamino verliebt
sich in das Bild Paminas - seufz, das gibt es auch nur im Märchen - und die Oper
Leipzig hat das sehr schön umgesetzt, indem sie die hübsche Eun Yee You an ihm
"vorbeischweben" ließen. Die Idee hat mir gefallen. Mit Eun Yee You hatten sie
auch eine erstklassige Schauspielerin, ein hübsches, zartes Persönchen und Sie
hat sich richtig in ihre Rolle hineinversetzt. Ihre Stimme hat mir auch
gefallen.
Nach der Schlange wechselte das Bühnenbild in einen großen, unheimlicher Wald. Wow! Was für mächtige Bäume. Dieses Bühnenbild gefiel mir wieder sehr gut. Auch das Bühnenbild, welches Sarastros Palast im Hintergrund zeigte, gefiel mir besser, als das Bad Lauchstädter. Die gigantische Kugel machte schon was her und beschrieb Sarastros Macht beeindruckend. Super gemacht!
Die Priester mit
ihren grauen Anzügen waren schon etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem der, der
wie Karl Marx aussah - nee, das war nicht mein Ding und lenkte mich
gewaltig von
der Handlung und der schönen Musik ab. Das war mir doch ein wenig irritierend.
Mir gefiel auch nicht, daß man Sarastro kaum von ihnen unterscheiden konnte.
Diese Gleichmacherei sollte wohl wieder auf Maos Kommunismus hindeuten. Nee, das
fand ich ein bißchen daneben. Aber gut, wahrscheinlich ist es für die
Inszenierung auch nicht einfach sich immer etwas Neues einfallen zu lassen, wo
doch die Zauberflöte schon tausend Male inszeniert wurde. Da wagten sich Ralf
Nürnberger und seine Crew schon mutig vorwärts. Das sollte man ihnen wirklich
nicht übel nehmen. Klar ist alles immer eine Frage des verschiedenen Geschmackes
der verschiedenen Leute, aber warum nicht auch mal etwas anderes versuchen und
so schlimm, daß die Inszenierung zum Schluß "Buh" Rufe verdient hätte, war sie
nun auch wieder nicht. Ich fand, das war nicht
in Ordnung von den Zuschauern. Man sollte die Arbeit anderer nicht einfach so in den Dreck treten
und sich lieber ab und zu mal an die eigene Nase fassen. Gut, ich sage hier auch
einfach meine Meinung und meckere über dies und das, aber ich würde nie
irgendwen mit "Buh" Rufen strafen, denn ich bin mir sicher, sie haben viel
Arbeit dort hineingesteckt und sich eine Menge Gedanken darüber gemacht und die
Inszenierung war nun wirklich nicht in allen Punkten schlecht. Ich würde sogar
sagen, daß Meiste gefiel mir sehr gut. Stimmen und Chor waren klasse und die
Papagena fand ich auch super. Süß, daß die Federn auf ihrem Kopf genau in die
andere Richtung zeigten, wie die ihres Papagenos. Anna Lissovskaia hat auch als
Hexe erstklassig gespielt.
Monostatos, der Mohr, gefiel mir von der Besetzung her nicht so gut. Der war mir einfach zu klein und sah nicht besonders furchteinflößend aus. Ich wette, den hätte Pamina mit einem gut angesetzten Schlag wunderbar "Schach matt" setzen können.
Das war also meine erste Premiere hier an der Leipziger Oper. Ich denke, die Oper war ausverkauft und es gab viele interessante Menschen zu beobachten. Herbert Blomstedt habe ich gesehen und ein paar bekannte Gesichter, wo ich wiedermal nicht weiß, wo ich sie hinstrecken soll. Alle waren gut angezogen und wir mit unseren Abends-Ausgeh-Outfit paßten auch wunderbar dazu. Ich fühlte mich wiedermal richtig wohl. Nach der Aufführung gab es noch eine öffentliche Premierenparty im Foyer, aber uns zog es, des knurrenden Magens wegen, zum Augustus hinüber. Premierenparty war diesmal nicht unser Ding. Lieber ein gemütliches, warmes und ruhiges Plätzchen um ein bißchen über das Gesehene und Gehörte zu plaudern. Leider war das Dinner im "Augustus" wieder eine Katastrophe. Vielleicht war ja der Koch schon nach Hause gegangen. Ich brauche für das nächste Mal unbedingt ein anderes Restaurant, was in der Nähe des Augustusplatzes ist.
Tja, ich würde sagen, wenn man eine gute Inszenierung sehen möchte, sollte man vielleicht doch lieber nach Bad Lauchstädt fahren, aber wenn man eine Königin der Nacht mit erstklassiger Stimme haben möchte, dann würde ich die Leipziger Oper bevorzugen. Im Großen und Ganzen ist beides sehenswert, denn die Zauberflöte ist doch immer wieder schön - egal, was sie daraus machen.
Eure Jana