A Woman of No Importance

Das Leben ist eine Komödie für jene, die denken,
eine Tragödie aber für jene, die fühlen.
Oscar Wilde

 

Oscar Wilde - ja, das ist der Mann, den ich liebe! 
"A Woman of no Importance" war das erste Stück, was ich von ihm sah und ich wußte von der ersten Szene an, daß ich vernarrt sein werde in seine Stücke. 

 

Einen Tag nach unserer wunderbaren "Midsummer Night's Dream" Gala Performance ging es wieder zurück nach London. 
Wir trafen uns mit Bettina, die erst an diesem Tag aus Frankreich ankam, im Hotel. 
Dieses mal wohnten wir wieder in einem anderen Hotel. 
"The Henry VIII", in altgewohnter Straße und noch näher am Hydepark, hielt was es versprach. Nein, wir w
urden nicht geköpft!!! Ich meine, es war ein sehr schönes Hotel. Ok, es war auch ein bißchen teurer als unsere anderen beiden Favoriten, aber DAS brauchten wir nach dem "Holiday Inn Royal Victoria" in Sheffield. Wo wir uns doch so schön an das "Royal" gewöhnt hatten.

Wieder war die Zeit knapp, da wir erst so spät aus Sheffield zurück kamen. Allerdings brauchten wir ja jetzt auch kein Gala Outfit anlegen. Die Engländer nehmen das nicht so genau mit dem Theateroutfit. 
Ich mag mich zwar gern schön anziehen, aber wenn keine Zeit ist, muß Frau halt improvisieren. Ganz in Schwarz mit roten Lippen mußte reichen. 
Dann ging es zum Bus und dann trennten sich unsere Wege. Uli und Bettina schauten sich Edmond an und da ich das schon kannte entschied ich mich für ein anderes Stück "A Woman of No Importance" von Oscar Wilde und mit Rupert Graves. 

 

 

Unwichtige Frauen

Das Stück spielte in meinem Lieblingstheater, dem "Royal Haymarket Theatre", wo es am 19. April 1893 auch Uraufgeführt wurde.
Ich war wieder eine viertel Stunde zu zeitig da, aber diesmal füllte sich das Theater doch schon. Wahrscheinlich, weil es draußen zu kalt war. Wie es aussah war es auch wieder ausverkauft. 
Ich hatte einen wunderbaren Platz in der dritten Reihe rechts. 
Um mich herum alles ältere Pärchen und neben mir ein gutaussehender einsamer Herr. Wie schön. In so guter Gesellschaft fühlt Frau sich natürlich wohl. 
Leider war Frau wiedermal zu feige um ein Pläuschchen anzufangen - tja, Chance verpasst. 
Naja, Frau ist ja auch nicht zum Flirten hier.
Dann ging auch schon das Licht aus und der erste Streich begann. 
Ich muß ich sagen, das ich alles sehr gut verstanden habe, obwohl man mich vorher gewarnt hat, daß Oscar Wilde nicht so einfach zu verstehen ist. 

Der erste Akt spielte auf der Terrasse des Hunstanton Landsitzes. Das Bühnenbild war sehr gut und die Kostüme der Darsteller passten perfekt.  Man hatte wirklich das Gefühl in einem alten englischen Garten zu sitzen. 
Die Gäste schienen die letzte Sonne im Herbst zu genießen und sprachen über eigentlich belanglose Dinge - sollte man meinen.  Wenn man aber den Dialogen folgte unterhielten sich die Frauen über die "nette" englische Gesellschaft mit einer sehr spitzen Zunge - Oscar Wildes Dialoge sind wirklich erstklassig. 
Die Gesellschaft bestand aus Frauen gemischten Alters und zwei Männern. Lady Caroline Pontefract saß mit ihrem Mann auf einer Bank und schwang die spitzesten Worte.  Ich finde die Besetzung durch Caroline Blakiston war perfekt. Auch Ihr Mann Sir John Pontefract, gespielt von Ralph Nossek, war erstklassig. Ein altes englisches Ehepaar - herrlich. Die beiden brachten mich öfter mal zum Lachen. Die Engländer haben wirklich etwas drauf, wenn es um Inszenierung geht. Im Übrigen war hier Adrian Noble verantwortlich. Auch einer meiner Lieblinge. Er hat ja schon "Brand" sehr gut in Szene gesetzt.

Ich finde, Oscar Wilde benutzt immer starke Frauen - Charaktere. So auch in diesem Stück. Die Cast war sehr passend ausgewählt. 

Im ersten Akt gefielen mir am Besten die naiven Ansichten Lady Carolines über die amerikanische Gesellschaft, denen die junge Amerikanerin Hester Worsley (Rachel Stirling) sehr entgegen stand. 
Allerdings lässt sich Lady Caroline nicht gern belehren und weist die 18 jährige nett, aber konsequent in ihre Schranken, was natürlich ein köstliches Wortspiel bedeutete. Oscar Wilde ist diesbezüglich wirklich grandios. 
Dann gibt es Diskussionen über das "langweilige Landleben" und das es doch nicht so langweilig ist, da skandalöser Weise Lady Belton mit Lord Fethersdale durchgebrannt ist. Die junge, moderne Amerikanerin fand das natürlich feige, da man vor der Gefahr nicht davon läuft; es gäbe viel zu wenig Gefahr heutzutage. Darauf erntete sie folgende Antwort: "Meiner Ansicht nach kennen die jungen Frauen heute nur noch einen einzigen Lebensinhalt: ununterbrochen mit dem Feuer zu spielen."
Damit hatte wohl Lady Caroline mit ihrer Lebensweisheit nicht ganz unrecht..... ist es nicht schön mit dem Feuer zu spielen?

Rupert GravesNoch interessanter wurde es, als Lord Illingworth, perfekt gespielt von Rupert Graves - sie hätten keinen Besseren dafür finden können - ins Spiel kam, mit so köstlichen Bemerkungen, wie: "Es ist wirklich unanständig, was sich die Leute heutzutage herausnehmen. Sie sagen einem hinter dem Rücken Dinge nach, die ganz und gar stimmen." - erstklassig! Das ist Oscar Wilde.

Es gab auch Diskussionen über Politik und Frauen: " Der gute Mr. Cardew richtet das Land zu Grunde. Mich wundert, das Mrs. Cardew ihm das erlaubt." - Ich kam aus dem Lachen nicht mehr heraus. Ich konnte gar nicht genug kriegen und dabei waren wir erst im ersten Akt..... und noch ein weiser Rat von Lord Illingworth: "Man sollte überhaupt niemals Stellung beziehen, Mr. Kelvil. Stellung beziehen ist der erste Schritt zur Aufrichtigkeit. Der folgt unweigerlich Rechthaberei, und das Ergebnis ist ein unerträglicher Zeitgenosse." Dieser Lord Illingworth war wirklich nicht auf den Mund gefallen. Noch etwas Schönes aus demselben: "Inbegriff von Gesundheit: ein englischer Gutsherr, der einem Fuchs hinterhergaloppiert - das Unsägliche auf der Jagd nach dem Ungenießbaren." So ging das den ganzen ersten Akt hindurch und die Zuschauer und ich haben sich köstlich amüsiert - wunderbar Mr. Wilde. Sie treffen genau meinen Geschmack. Sogar über die Ehe denkt er wie ich: "Zwanzig Jahre Liebe machen eine Frau zur Ruine, aber nach 20 Jahren Ehe erinnert sie eher an ein Obdachlosenheim" - sorry über diese Meinung. Oh ja, ich liebe diesen Buschen mit seinen netten Sprüchen. Diesen hier hat er übrigens wieder Lord Illingworth in den Mund gelegt, der BIS JETZT auch ganz nach meinem Geschmack war - ein interessanter Mann. Gibt es so jemanden noch irgendwo auf dieser Welt? Den würde ich zu gern einmal kennen lernen.

Nähere Betrachtungen zum Thema Frau und Mann folgt im zweiten Akt. Da sind die Ladys unter sich und können mal richtig loslegen - ach, wie erinnert mich das an unsere "Freundinnen-Gespräche". Hehe - was? Denkt ihr Frauen reden nur über Küche und Kinder?!? Da muß ich Euch leider enttäuschen, darüber reden wir NIE!
Dieses mal sind die Damen im Salon, gemütlich nach dem Abendessen. Die ganze Atmosphäre war so herrlich "englisch". Ich hätte mich am liebsten dazugesetzt. Mrs. Allonby
(Joanne Pearce), Lady Hunstanton (Prunella Scales), Lady Caroline und Lady Stutfield (Elizabeth Garvie) beisammen und die junge Amerikanerin erst mal unbemerkt, etwas weiter abseits. 
Als erstes erklärte Lady Caroline Mrs. Allonby die eigentliche Bestimmung der Männer, da sie doch etwas merkwürdige Ansichten hatte: "Sich um ihre Frauen zu kümmern, Mrs. Allonby." ... und wieder zum Thema Ehe aus Lady Stutfields Mund: "Oh, ich finde, man erkennt sofort, ob ein Mann häusliche Verpflichtungen hat oder nicht. Ich habe festgestellt, daß die meisten Ehemänner sehr, sehr traurige Augen haben." - hehehe, wie gut hat Mr. Wilde doch beobachtet. 
Mrs. Allonby erwiderte: "Ach, ich habe nur festgestellt, daß sie einen entsetzlich langweilen, wenn sie brave Ehemänner sind, und sind sie es nicht, bilden sie sich furchtbar viel darauf ein." 
Tja, und so denken Frauen über ihre Ehemänner: "Ach, mein Mann gleicht eher einem Schuldschein. Ich bin es müde, ihn immer wieder präsentiert zu bekommen." - ich bin beeindruckt, wie gut sich Mr. Wilde in diesen Angelegenheiten auskennt - und wie recht er doch hat. Sorry dafür, daß ich hier Partei ergreife. Ich bin ja nicht verheiratet und habe selbstverständlich überhaupt keine Ahnung von solchen Dingen und Ausnahmen bestätigen natürlich jede Regel. 

.... und noch etwas, wo Mr. Wilde nicht so ganz unrecht hat, aus dem Mund von Mrs. Allonby: "Männer wollen immer die erste Liebe einer Frau sein. Das schmeichelt ihrer kindischen Eitelkeit. Da sind wir Frauen doch viel feinsinniger. Wir wollen nur die letzte Liebe eines Mannes sein." - na? Stimmt's oder stimmt's nicht?

Oh sorry, daß ich mich habe hinreißen lassen so viel aus Mr. Wildes Stück zu zitieren. Natürlich habe ich mir das nicht vom Theaterstück gemerkt - jedenfalls nicht alles. Da habe ich nur zugehört, mich amüsiert, die brillante Leistung der Schauspieler genossen und natürlich nichts mitgeschrieben <grins>. 
Ich habe hier neben mir diese "Wilde" Glanzleistung liegen und finde alles brillant. Ich könnte soviel zitieren, daß das Ganze hier überdimensionale Speicherausmaße annehmen würde. Das ganze Büchlein ist genial, wie auch alle anderen Komödien aus seiner Feder und wer sie bis heute nicht gelesen hat, sollte das schleunigst nachholen - Leute! Das gehört zum Leben dazu. Oscar Wilde ist ein unbedingtes MUSS!

Samantha BondJa, der zweite Akt ist noch besser als der erste und das steigert sich noch. Leider ist natürlich nicht alles Friede Freude Eierkuchen. Warum nicht? Das erfährt man auch im Zweiten Akt als Mrs. Arbuthnot auftaucht und die nette Stimmung sofort umschlagen lässt. 
Mrs. Arbuthnot, wieder eine perfekte Besetzung durch Samantha Bond. 
Hier gefiel sie mir auch viel besser als in Sean Beans "Macbeth". Die Rolle der Mrs. Arbuthnot ist wie für sie geschaffen. 
So richtig knallt es, als sie erfährt, wer Lord Illingworth eigentlich ist. Sie wollte sofort die Flucht ergreifen, was normalerweise auch kein Problem gewesen wäre, aber unglücklicherweise, wie das so im Leben ist, hatte der Lord vor, ihren - eh - ihrer beider Sohn als seinen Sekretär einzustellen. Das Schöne ist, er wußte ja nicht, daß Gerald sein Sohn ist und sie wußte nicht, daß Lord Illingworth dieser George Hartford ist, der sie mit ihrem Sohn vor 20 Jahren sitzen gelassen hat. - Leute, das war vielleicht ein Verwirrspiel, aber verdammt spannend.  - Noch besser wird es, als sie den beiden Männern die Wahrheit erzählen muß. Tata!
Natürlich verstanden sich Vater und Sohn sofort blendend und ihr passte es überhaupt nicht. 
Gerald war begeistert von seinem Vater, zumindest zu dem Zeitpunkt als er noch nicht wußte, daß er so ein "Lüstling" ist. Er konnte überhaupt nicht verstehen, warum er diese tolle Stelle als Sekretär bei Lord Illingworth nicht annehmen sollte. Warum sollte seine Mutter dagegen sein. Das wäre doch ein großer Karrieresprung für ihn. Er bittet den Lord mit ihr zu sprechen: "Bitte, Lord Illingworth, sprechen sie doch mit meiner Mutter, bevor sie ins Musikzimmer gehen. Aus irgendeinem Grund scheint sie zu glauben, daß sie nicht meinen, was sie sagen." Was dieser dann auch tat.
Durch brillante Wortspiele wird dem Zuschauer jetzt erklärt, was eigentlich hinter der Fassade des Lords wirklich steckt und man ist dabei sehr schnell seine Meinung über ihn zu ändern. 
Er versucht die ganze "Schuld" Rachel Arbuthnot zuzuschieben, um seinen Sohn für sich zu bekommen. Die pariert aber sehr gut und schlägt ihn mit seinen eigenen Waffen: Der Lord ".... Außerdem wahr ich natürlich durch meine Mutter beeinflusst. Das geht jedem Mann so, wenn er jung ist." Sie erwidert:" Ich bin erleichtert, Sie das sagen zu hören. Deshalb wird Gerald auch bestimmt nicht mit ihnen fortgehen."

Im dritten Akt spitzt sich die Lage dann noch mehr zu. Der Lord versucht Gerald zu beeinflussen und ihn auf seine Seite zu ziehen. Aber er schafft es auch nicht mit seinen schmeichelnden Worten und "weisen" Ratschlägen. 
Interessant waren wieder seine Äußerungen über Frauen und Gesellschaft: ".... Kein Mann wird im Leben wirklich Erfolg haben, wenn die Frauen nicht hinter ihm stehen, und Frauen beherrschen nun einmal die Gesellschaft." oder über die Ehe: "Man sollte immer verliebt sein. Eben das ist der Grund, warum man nicht heiraten sollte." - herrlich, ich liebe diesen Mann! 
Natürlich ist Mrs. Arbuthnot völlig anderer Meinung. Sie sagt die Dinge nicht so leicht her. Sie steht mitten im Leben und kann sich solche Sprüche nicht leisten: "Es täte mir leid, wenn ich Lord Illingworth auch nur in einem einzigen Punkt zustimmen müsste." SIE lässt sich nicht durch seine schönen Worte blenden.
Gott ist der Kerl eingebildet und die Frauen mögen das - nicht zu verstehen?!? ".... Ich verblüffe mich ständig aufs neue. Das ist die einzige Methode, ein bißchen Abwechslung in sein Leben zu bringen." .."Und womit haben sie sich zuletzt verblüfft?" ... "Dadurch, daß ich an mir alle möglichen bewundernswerten Charakterzüge entdeckt habe." - nicht zu fassen! Das wird immer schlimmer: "..... Frauen lieben uns um unserer Fehler willen. Je mehr Fehler wir haben, desto eher verzeihen sie uns alles übrige, sogar unsere überwältigende Intelligenz." Nur gut, daß er im vierten Akt noch seinen Dämpfer bekommt und wieder von seiner rosa Wolke heruntergeholt wird.

Nachdem Gerald am Ende des dritten Aktes erfahren hat, daß der Lord sein Vater ist, versucht er im vierten Akt einen Ausweg aus seiner misslichen Lage zu finden indem er ein Schreiben verfasst, wo er den Lord bittet seine Mutter zu heiraten - was für ein naiver Bursche. Gott sei Dank kommt seine Mutter noch dazwischen um dieses Vorhaben zu vereiteln. Leider kommt sie aber trotzdem nicht Drumherum den Lord noch einmal zu sehen. Denn der sieht seine Felle davon schwimmen und versucht sie durch einen Besuch umzustimmen und plötzlich kommt er mit seinen netten Wortspielchen nicht weiter. Der Ernst des Lebens hat ihn eingeholt und er kann diesem nicht parieren. Endlich spürt er wie es ist, nicht immer das zu bekommen, was er will.
Mrs. Arbuthnot: "Sie kommen zu spät. Mein Sohn braucht sie nicht. Sie sind überflüssig."
Und dann die beste Szene. 
Als er nicht bekommt, was er will, wird er ausfallend: ".... Es war schon ein amüsantes Erlebnis..... seiner ehemaligen Mätresse zu begegnen..." und erntet, sehr berechtigt, einen Schlag ins Gesicht mit seinem eigenen Handschuh. Er schaut sie erstarrt an, denn DAS verblüfft ihn wirklich. Er kann nichts anderes tun als das Zimmer zu verlassen - er hat verloren.
Gerald erscheint wieder im Zimmer und fragt nach dem Besuch, den seine Mutter hatte und sie gibt ihm die einzig richtige Antwort: "Oh! Niemand. Niemand Besonderes. Ein Mann ohne Bedeutung." ... A man of no Importance....

 

Ein perfektes Stück, eine perfekte Inszenierung und eine perfekte schauspielerische Leistung! Ich hoffe ich bekomme hier irgendwann noch mehr von Oscar Wilde zu sehen.
Vielen Dank an alle Beteiligten, DAS war wirklich ein Highlight!

Eure Jana.