Die Wannseekonferenz
Das Protokoll zu lesen ist eine Sache, aber sich das Stück
anzusehen eine ganz andere. Beim Lesen steigt es einen sofort ins Gemüht und man
entwickelt schon bei den ersten Zeilen eine Abscheu gegen die Teilnehmer der
Konferenz am Wannsee. Aber wenn man sich das Stück ansieht, bekommt man alles
aus einer ganz anderen Perspektive vorgeführt. Man findet sich in einer ganz
normalen Besprechung wieder und wenn man nicht wüsste um was es geht, könnte man
meinen, daß es eine lockere Runde ist, eine der üblichen Besprechungen, wie man
sie aus der eigenen Firma kennt. Es geht um Kosten und Transportprobleme, eben
die üblichen Schwierigkeiten in einem Unternehmen. Wenn man sich das Stück
völlig unwissend ansehen würde, könnte man am Anfang gar nicht so recht
definieren um
was es eigentlich geht.
Letzen Sonntag war ich endlich im Stück über die
Wannseekonferenz, welches das nt in Halle schon seit geraumer Zeit im Spielplan
hat. Ja, ich habe lange gebraucht, eigentlich wollte ich es mir gar nicht
ansehen. Ich wußte,
was mich erwartet und das meine sensible Seele mir das übel
nehmen würde. Aber andererseits war ich auch neugierig, wie unser Theater diesen
schweren Stoff in Szene setzen würde.
Das Bühnenstück von Paul Mommertz beruht auf dem Originalprotokoll der Wannseekonferenz, die am 20.01.1942 in Berlin stattfand. Die Regie in unserem
Fall hatte Peter Sodann und fast die gesamte männliche Besatzung des nt und Mila
Bruk als Sekretärin waren dabei. Es ist bestimmt eigenartig in so eine Rolle zu
schlüpfen. Klar hat man solche Sachen schon öfter im Fernsehen gesehen, aber ein
Theaterstück ist doch etwas anderes, es ist irgendwie - so nah... man sitzt
praktisch mitten drin im Geschehen und genauso fühlt man sich auch.
Gut gefiel mir der Beginn, daß die Schauspieler ihre Rollen
vorstellten und die Fragen des "Klägers" an bestimmte Personen.
Schon das
brachte ein ungutes Gefühl in meinen Magen und ich fühlte mich irgendwie
unbehaglich auf meinem Sitzplatz in der zweiten Reihe.
Wenn man die Biographien der einzelnen Konferenzteilnehmer
ließt, kann man gar nicht glauben, wie so intelligente Menschen solch furchtbare
Taten begehen können. Sie müssen doch genau gewußt haben, was sie taten. Aber
gut, daß das nichts Neues ist, hat uns die Geschichte schon öfter bewiesen. Ist
es möglich, daß sie wirklich an das geglaubt haben, was sie taten? Ist es
möglich, daß sie dies für richtig hielten? Über die Vernichtung von Millionen
Menschen zu richten? Was haben sie wohl gedacht, wo das hinführen würde? ...
weltweit?
Reinhard Heydrich wurde in Halle geboren und seine Eltern waren Musiker - er
sollte doch Sinn für Schönes haben, für den Aufbau und nicht für die Zerstörung.
Musik verbindet Menschen - was ist passiert, daß er so geworden ist? Oder ist
das alles nur ein Machtkampf um Posten in einer Hitler-Zukunft? Karrieredenken?
Ja, wohl schon - selbst heutzutage gehen manche Leute wegen ihrer Karriere über
Leichen. Es gibt sehr viel Brutalität um einen herum - vielleicht war das nur
eine Art ihre Brutalität auszuleben? Sind die Menschen so? Ja, sind sie wohl -
überall wo man hinsieht. Der Stärkere versucht den Schwächeren zu unterdrücken
und wenn er es mit einem Ebenbürtigen zu tun hat, versucht er einen Kampf um
einen Sieg zu erringen und sein Konkurrenten zu vernichten. Und wenn er es nicht
im "offenen" Kampf kann, versucht er es versteckt. Er sucht sich Verbündete und
untergräbt die Integrität seines "Feindes" bis er so viele Verbündete auf seiner
Seite hat, daß er ihn verdrängen oder gar vernichten kann.
Der Aufbau der Bühne ist sehr gut gelungen. Zur
ebener
Erde
stand ein großer dreieckiger Tisch, an dem die Konferenzteilnehmer rechts und
links Platz nahmen. An der Spitze saß Reinhard Heydrich. Irgendwie sträubt es
sich in mir, die Szene mit den Namen der Konferenzteilnehmer zu beschreiben.
Eigentlich sieht man die Schauspieler vor sich, die man schon aus so vielen
Stücken kennt und es fällt wirklich schwer sich in diese Situation zu versetzen
und sich vollkommen in das Stück zu denken. Irgendwie fällt es mir auch schwer
diesen Bericht zu schreiben. Ich kann gar nicht sagen, wer und was mir am Besten
gefallen hat, ich habe immer diese furchtbare Tragödie im Hinterkopf und kann es
nicht separieren. Ich kann nicht schreiben, daß Rayk Gaida mir in seiner Rolle
als Reinhard Heydrich sehr gut gefallen hat, es fällt mir schwer, da seine Rolle
furchtbar war. Ich glaube, ich belasse es dabei zu sagen, daß ich finde, daß wir
sehr gute Schauspieler am nt haben und ich noch niemals enttäuscht wurde. Die
Umsetzung der Stücke, die sie hier spielen ist immer erstklassig und die
Umsetzung dieses Stückes ging mir richtig in den Magen. Ich weiß noch, daß ich
die ganze Zeit überlegt habe, wie das wohl am Ende mit dem Applaus gehen sollte.
Man konnte da doch nicht klatschen. Es war eine gute Leistung des Theaterteams,
aber Applaus paßte hier einfach nicht. Ich kann Euch gar nicht sagen wie froh
ich war, daß das nt eine gute Lösung gefunden hatte, nur so und nicht anders -
vielen Dank, Ihr habt dem Publikum und mir damit einiges erspart.
Es war so gut inszeniert und gespielt, daß ich mich wirklich
in die Konferenz hineinversetzt fühlte. Alles war so nah, die Gespräche und
Diskussionen, selbst das manchmal spaßige Miteinander und die ganze lockere
Unterhaltung. Man kam sich wirklich so vor, als wäre man dabei. Wir machten
sogar zur selben Zeit Pause und konnten selbst draußen noch einige Offiziere
beim Pausengespräch treffen. Das war schon ein merkwürdiges Gefühl und mir war
immer noch nicht wohler und DAS steigerte sich noch im zweiten Teil.
Diskussionen über logistische Probleme und Witze über Enteignungen der Juden und
über deren Vernichtung und Ausnutzung machten das Ganze nur schlimmer. Aber ich
habe gut durchgehalten bis zum Schluß, da haben sie noch einen draufgepackt und
da war es dann auch vorbei mit meinem Durchhaltevermögen in Sachen Tränen. Jaja,
ich bin so eine, die bei traurigen Filmen oder Geschichten in Tränen ausbricht.
Allerdings im Theater war das bis jetzt erst das zweite Mal - nur gut, daß es
dunkel war. Oh ja, das ging schon ganz schön an die Nieren und ich war bestimmt
nicht die Einigste der das passierte.
Im Ganzen Theater war eine Totenstille und es war so unheimlich. Das Licht war
gedämpft und jemand las ein Stück aus Elie Wiesels "Macht Gebete aus meinen
Geschichten" vor. Sie deckten den Konferenztisch mit einem roten Tuch ab und
legten rote Rosen an die Stirnseite. Alles war dunkel, nur die roten Rosen
wurden angestrahlt - Gott war das unheimlich!
..... und still verließen die Akteure den Saal - ohne Applaus.
...
Eure Jana
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