Fünf auf einen Streich

Wagner in Leipzig,
ein bißchen Beethoven in London,
Kamerablitze zum Film Critics Circle Award,
Sex mit einer Ziege und
Geigenpower mit Bruch.

Es tut mir leid, daß ich diese fünf netten Erfahrungen so halbherzig zusammenfassen muß, aber es würde viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen detaillierter zu berichten. Und Zeit ist im Moment kostbar, da ich mal wieder in Prüfungsvorbereitungen stecke und auch noch meinen Umzug in die neue, geniale, alles übertreffende Wohnung vorbereiten muß. Es blutet mir zwar das Herz im Galopp durch die schönen Erlebnisse zu sprinten, aber es ist wirklich nicht anders möglich.

Angefangen hat meine Odyssee mit der Wagner-Gala am 07.02.04 in der Leipziger Oper. Das war, bis auf den Film Critics Circle Award, eigentlich auch das einzige geplante Event für den Februar. Glücklicherweise bekam Freundin Uli wieder das tolle Appartement bei Hapimag in London, wo der Film Critics Circle Preis vergeben wurde, und zwar für eine ganze, sieben Tage lange Woche. Also was lag da näher, als Uli zu Wagner zu überreden und die Londonferien in Leipzig mit etwas Kultur zu beginnen. Ich persönlich mag Wagner sehr gern, darum konnte ich natürlich nicht widerstehen, als die Oper Leipzig eine ihm gewidmete Gala auf dem Programm hatte. Die habe ich auch schon im Oktober entdeckt und stehenden Fußes gebucht. Leider waren schon da die besten Plätze ausverkauft und ich bekam zwar meine Lieblingsreihe, aber leider nur zwei Außenplätze und dann auch noch rechts bei den Cellis, wo ich doch eigentlich lieber bei den Geigen sitze. Erfreulicher Weise gab es dann doch nicht die klassische Orchesteraufstellung und ich bekam auch rechts meine Geigen. Tja, es sieht so aus, als ob kleine Wünsche sofort erledigt werden.
Wir bekamen einen schönen breiten Parkplatz im Parkhaus "Augustusplatz", gleich bei der Oper und hatten noch Zeit für ein Essen im "Augustus". Wenn das Restaurant nicht so schön günstig gelegen wäre, hätte ich mir schon längst ein anderes gesucht. Es war komischerweise wie immer so gut wie voll und das Dinner wie immer schrecklich bis mittelmäßig. Ich muß mir unbedingt etwas anderes in der Nähe suchen. Wahrscheinlich gibt es in Leipzig aber kein besseres, da in diesem hier nicht nur Operngäste saßen. "Also liebe Leipziger. Falls das hier einer von Euch lesen sollte, BITTE gebt mir einen Tipp, wo ich besser essen kann in der Nähe des Gewandhauses. Denn wenn ich meine Ohren in Eurer wunderbaren Oper oder Eurem erstklassigen Gewandhaus verwöhne, möchte ich, um die Perfektion zu vollenden, vorher auch meinen Gaumen verwöhnen. Es gibt nichts Schlimmeres als einen perfekten Abend so minderwertig zu beginnen."
Ich war schon lange nicht mehr in der Leipziger Oper und so freute ich mich auf diesen netten Abend im alten Gemäuer. Dieses Ambiente vertrieb die Gewitterwolken des mittelmäßigen Essens allmählich und ließ die Sonne am Wagnerhimmel glänzend scheinen. Es spielte das Gewandhausorchester unter Leitung von Asher Fish, von dem ich schon einiges gehört hatte. Ich freute mich ihm mal live zu erleben. Programm und Sänger schienen vielversprechend und ich war glücklich diese Gelegenheit wahrgenommen zu haben. 
Zuerst zog die Walküre eAsher Fish (Quelle: Programm Wagner-Gala)in. Schade nur, daß sie den Walkürenritt nicht auch einziehen ließen. Ich finde das ist eins der besten Wagner Stücke und hätte es wirklich verdient. Vor allem hätte es die Eintönigkeit ein bißchen unterbrochen. Sorry - natürlich war das Orchester super und die Sänger ebenfalls, aber irgendwie sind die Arien so ganz ohne Oper doch nicht so das Richtige. Uli gähnte neben mir und ich war auch schon nahe dran. Nein, ich erkannte mich nicht wieder. Wo ich Wagner doch so liebe. Irgendwie konnte ich mich mit dem ersten Teil nicht so richtig anfreunden. Ich überlegte schon mir in der Pause lieber einen Kaffee zu gönnen als an den Toiletten anzustehen. Ein Blick zu Uli sagte mir, sie könnte auch einen gebrauchen. Leider siegten die Toiletten und für den Kaffee blieb keine Zeit, da die Schlange vor den Damentoiletten wiedermal unbezähmbar schien. Ein verlockender Gedanke die Sache abzukürzen und einfach in der Männertoilette zu verschwinden, aber leider war auch dort zu viel Betrieb und es könnte nicht unbemerkt geschehen. Also blieb nur eins - w a r t e n und auf den Muntermacher zu verzichten.Richard Wagner (1913-1883)
Gut, daß es nach der Pause ein bißchen bunter weiter ging. Uli meinte zwar, daß die Orchestereinlagen wunderbar wären, aber die Sänger irgendwie schreien würden - typisch Wagner und mir gefiel es. Die Sänger waren gut, nur eine Stimme schien ein bißchen dünn. Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag erwischt - hehe, sicherlich vorher ein Essen im "Augustus" gehabt.
Der Dirigent traf meine Erwartungen - er hatte ja auch ein super Orchester vor sich - und der Abend hatte sich gelohnt. Aber ich glaube trotzdem, Wagner gefällt mir als Oper doch besser. Und somit düsten wir dann auch mit Schumanns Frühlingssymphonie zurück nach Halle.

Sonntag konnten wir "Gott sei Dank" ausschlafen, gemütlich frühstücken und endlich wieder ausgiebig schwatzen. Abends entschlossen wir uns das kulinarische Desaster vom Vortag zu vergessen und zum Spanier "Las Salinas" essen zu gehen. Was für ein Unterschied!
Da der Abend noch jung war und das gute Essen verdaut werden mußte, begaben wir uns noch auf ein, zwei Glas Bier in "Strieses Biertunnel". Das ist eine nette Kneipe, ähnlich wie ein Pub, wo man gemütlich bei einem Glas Bier einen Theaterabend im "nt" ausklingen lassen kann. Den Theaterabend haben wir diesmal weggelassen, da es auch Stücke gibt, die uns überhaupt nicht interessieren, aber einem philosophischenUnser Zimmer bei Hapimag. Gespräch mit Bier und später auch mit Käsehappen konnten wir nicht widerstehen. Was für ein wunderbares Leben: Einen Wagnergenuß hinter uns, ein genussvolles Bier vor uns und in nächster Zukunft einen sicherlich genießenswerten Aufenthalt in London.

Montag ging es dann mit Cirrus-Airlines auf altgewohntem Weg nach London. Ein wunderschönes Appartement bei Hapimag wartete auf uns und wir freuten uns auf ein Wiedersehen mit unseren französischen Mädels Bettina und Julie, die leider erst einen Tag später ankommen wollten.
Gut, daß wir uns in London schon bestens auskennen, so ging das Lebensmitteleinkaufen unübertroffen schnell und wir konnten noch gemütlich einen Happen zu Abend essen.

Am nächsten Tag war Shopping geplant, da ich noch einen hübschen roten Schal für mein Ein netter Blick aus dem Fenster. schwarzes Abendkleid brauchte, und am Abend gab es Beethoven und auch noch mein absolutes Lieblingsstück von ihm: Das 5. Klavierkonzert - herrlich! Diesmal wechselte ich die Konzerthalle, da die letzte nicht gerade meinem Geschmack entsprach. Leider war die Royal Festival Hall nur ein klein wenig besser. Es tat mir leid, daß kein Geld da war um die Sitze der Zuschauer zu erneuern und ich war froh, daß es in Deutschland noch nicht ganz so weit bergab geht mit der Kultur. Ich hoffe inständig, daß unsere Politiker es auch nicht so weit kommen lassen und das die Menschen weg von ihren primitiven Fernsehprogrammen ihren Weg zur Kunst und Kultur wiederfinden.
Nichts desto trotz waren diesmal die Londoner sehr gut angezogen und wir fielen in unseren Abends-Ausgeh-Klamotten nicht ganz so auf. Das Publikum war im Allgemeinen ruhiger als das letzte Mal und machte einen sympathischen Eindruck. Leider war der Saal wiedermal nicht voll, was eigentlich beschämend für London sein sollte. Die Londoner scheinen Theater mehr zu lieben als Musik. Dafür sind die Konzerte auch nicht so teuer undThe Royal Festival Hall - London eigentlich so gut, daß sie sich mit den Theater sehr wohl messen können. Das "Orchestra of the Age of Enlightenment" war ein sehr kleines Orchester. Somit hatte es natürlich nicht die Power, die man bei Beethoven erwartete. Erst schienen mir die Geigen etwas dünn, aber in Anbetracht der Anzahl waren sie hervorragend. Dirigiert hat Sir Roger Norrington.
Wenn ich mich recht erinnere habe ich ihn letztens bei arte gesehen als er ein Konzert mit Bratschen-Solo dirigierte, was sehr schön war. Auch hier war er ein erstklassiger Dirigent. Das Orchester beeindruckte mich, da sie ohne "Hilfsmittel" spielten. Ich meine die Geigen ohne Schulter- und Kinnstütze ein ganzes Konzert hindurch zu spielen ist sicherlich sehr anstrengend und verdient Hochachtung. Ich war jetzt schon erfreut, daß ich die Karten besorgt habe. Das OSir Roger Norringtonrchester ist zwar klein, aber fein.
Sie begannen mit der Ballettmusik zu "The Creatures of Prometheus", was ein sehr schönes Stück ist. Leider konnte ich nicht wirklich in dieser herrlichen Musik abtauchen, da ein Sprecher vor jedem Teil Anmerkungen dazu machte. Oliver Cotten sprach zwar sehr schön, aber ich empfand es als sehr störend. Es riß mich jedes Mal aus meinen Musikträumen und ich konnte sie dadurch nicht wirklich genießen. Nur gut, daß sich das nach der Pause änderte.
Endlich, nach so langer Zeit, kann ich mir wieder Beethovens Oliver Cotten Klavierkonzert Nr. 5 live anhören. Darauf hatte ich mich schon den ganzen Tag gefreut. Emanuel Ax spielte das Piano hervorragend und das Orchester untermauerte seinen schnellen Anschlag in seinem zarten Spiel, daß es nur so ein Genuß war. Natürlich gab das kleine Orchester nicht die Power, die man eigentlich gewohnt war her, aber auch seine Art tat dem genialen Stück kein Abbruch und ich genoß es bis zur letzten Note. "Oh Beethoven! ich danke Dir für diese geniale Eingebung!". Es ist und bleibt eines meiner Lieblingsstücke.

Als ich Emanuel Ax so zusah, kam mir ein nettes Gedichtchen von Wilhelm Busch in den Sinn, was ich es Euch nicht vorenthalten möchte:

Gemartert

Ein gutes Tier
ist das Klavier,
still, friedlich und bescheiden,
und muß dabei
doch vielerlei
erdulden und erleiden.

Emanuel Ax

Der Virtuos
stürzt darauf los
mit hochgesträubter Mähne.
Er öffnet ihm
voll Ungestüm
den Leib, gleich der Hyäne.

Und rasend wild,
das Herz erfüllt
von mörderlicher Freude,
durchwühlt er dann,
soweit er kann,
des Opfers Eingeweide.

Wie es da schrie,
das arme Vieh,
und unter Angstgewimmer
bald hoch, bald tief
um Hilfe rief,
vergeß ich nie und nimmer.

 

Glücklich, daß er das Tierchen doch am Leben ließ und noch immer in den schönsten hohen und tiefen Tönen schwelgend mußten wir uns leider auf den Heimweg machen. Warum nur sind die Konzerte immer so schnell vorbei? Beim eintönigen Rattern der Tube merkte ich dann auch sehr schnell, daß ich außer dem Frühstück noch nichts weiter im Magen hatte. Uli ging es nicht anders und so entschlossen wir uns kurzer Hand zu einem Dinner beim Chinesen. Wir hofften, daß die Restaurants noch ein Weilchen auf uns warten würden. Leider war es schon sehr spät und ich sah mit jedem rucken des Zeigers meiner Uhr unsere Aussichten unseren Magen zu füllen schwinden. Ich sah uns schon an der Victoria Station bei McD enden. Gott sei Dank paßten wir die Sperrstunde gerade noch so ab und bekamen ein nettes Essen bei einem Chinesen in der Nähe von Bayswater. Leider war es nicht der erhoffte Gaumenschmaus - wahrscheinlich hatte der Koch keine Lust mehr - aber es machte satt und war auch nicht so teuer. Es ist wirklich ärgerlich, daß die Restaurants und Pubs in London immer so zeitig schließen. In Paris fand ich das viel besser. Die Franzosen sind mir da viel sympathischer. Sie gehen nach dem Konzert essen und nachts um 1 Uhr sind die Restaurants noch so voll, daß man kaum einen Platz bekommt. Ich glaube, ich liebe das Nachtleben. Manchmal denke ich, daß irgend etwas mit mir nicht stimmt, da ich so gern ausschlafe und lieber Nachts etwas länger durchhalte. Irgendwie ist der Abend und die Nacht interessanter als der Tag. Was bin ich doch für ein merkwürdiger Mensch - ich sollte französisch lernen und nach Paris ziehen.
Somit haben wir am nächsten Tag natürlich ausgiebig lange geschlafen, ein bißchen Joga gemacht, gemütlich gefrühstückt und nebenbei mit unseren nun eingetroffenen Freunden ein nettes und sehr langes Pläuschchen abgehalten. Ich liebe es ausdauernd zu frühstücken und gemütlich zu schwatzen. Zwischendurch waren wir noch im Internet um aufgelaufene Mails zu checken. Gut, daß Hapimag einen Anschluß hat - was für eine nette Neuerung! Nach einem Anruf von Mark Bazeley und der Frage, ob ich denn ins Theater gehe, fiel mir ein, daß ich eigentlich noch einen Abend Zeit hätte. Leider wollten Bettina und Julie mit Freundin Sandra ins Kino und da Uli auch keine rechte Lust hatte, entschloss ich mich allein zu gehen. Hehehe, ich sehe schon, ich überfordere Uli langsam <grins>. Bin gespannt, wie sie das letzte Februarwochenende mit zwei Opern und Händels Messiah durchstehen wird. Ist es nicht schön solche Freunde zu haben :-).
Gut, daß Bettina die Kritiken studiert hatte und meinte, daß sie im "Almeida" wohl zur Zeit ein gutes Stück bringen. Somit entschloss ich mich für Edward Albee's Stück "The Goat, or Who is Sylvia?". Bettina bemerkte, daß es wohl sehr kontrovers sein sollte und ich fand es prima - genau die richtige Abwechselung zwischen zwei Konzerten und einer Gala.

Am Abend sollte es zum 24. Film Critics Circle Award ins Dorchester Hotel gehen - oh wie nobel und wie schööööööön. Lange hatten wir uns auf diesen Abend gefreut und endlich konnte ich mein schönes Abendkleid ausprobieren :-).
Natürlich mußten wir mit dem Taxi vor dem Dorchester Hotel in der Park Lane vorfahren um wenigstens einmal im Jahr die Freude auszukosten, daß ein Mann uns die Autotür aufhält, auch wenn es nur der Page vom Hotel war und dies sein Job. 
In der Nähe des Haupteinganges, beim Ballroom Entrance, standen schon ein paar Fans um ein Autogramm von eventuell anwesenden Stars zu erhaschen. Die armen Teufel da draußen in der Kälte. Lohnt sich denn so ein Aufwand für nur eine Unterschrift? Wir saßen Gott sei Dank in der warmen Bar und warteten auf unsere Bekannten. Das Dorchester ist ein wunderschönes Hotel, alles so nobel und gemütlich - ja, hier könnte ich auch mal eine Nacht verbringen..... nach einem Lottogewinn ;-).
Lange mußten wir nicht warten, bis das Spektakel um 19:00 Uhr begann. Als erstes kämpften wir uns durch die Fans, die uns misstrauisch begutachteten - hehe, nein, wir waren nicht die Berühmtheiten, die sie zu sehen hofften. 
Dann schlichen wir an den Kameras vorbei, die von allen Seiten blitzten, daß man hätte blind werden können. Die armen Stars waren wirklich zu bedauern. Sie hatten gerade eine Julie Irgendwas beim Wickel. Keine Ahnung, wer das war. Ich blicke da immer nicht durch. Sie mußte lächeln, dann rief einer "Julie rechts" und einer "Julie links" und dann wieder "Julie rechts". Das Mädel machte brav, was von ihr verlangt wurde. Mir würde das schon gewaltig gegen den Strich gehen. Nein, ich glaube das ist wirklich kein beneidenswerter Job, den die Kleine da hatte. Sie wurde immer noch abgelichtet, als wir schon den Begrüßungscampagne schlürfen durften. Was für ein herrlicher Genuß. Ich fühlte mich hier sofort wohl. Noch wohler fühlte ich mich, als ich meinen "alten Bekannten" vom letzten Jahr wieder traf, der leider wieder seine Freundin dabei hatte und etwas dicker geworden war. Aber irgendwie gefiel er mir immer noch und ich ihm auch <grins>. Ist das nicht ein schönes Gefühl? Wir verstanden uns ohne Worte.
Der Empfang füllte sich langsam und ich muß sagen, daß es ein sehr interessanter Platz war. Als erstes lief uns Bill Nighy über den Weg - schon wieder. Er ist ein großartiger Schauspieler. Vielleicht kennt ihn jemand aus "Love Actually" oder "Blow Dry". Beides erstklassige Filme.
Dann blickte ich in Jason Isaacs schöne blaue Augen. Er stand gleich hinter uns uns quatschte mit irgend einem "hohen Tier" der BAFTA. 
Es war nett Jason Isaacs mal live und so nah zu sehen. Ja, ein wirklich gutaussehender Mann, obwohl er als Lucius Malfoy aus "Harry Potter" um einiges interessanter schien.
Leider war die halbe Stunde Empfang so schnell vorbei und jemand rief zum Sammeln: "Meine Damen und Herren, bitte begeben sie sich auf Ihre Plätze! ... " und somit folgten wir brav und suchten unseren Tisch mit der Nummer 23. 
Der Ballsaal war wunderschön. Die Kronenleuchter blitzten von der Decke und die großen, runden Tische waren herrlich gedeckt. Jeder Tisch hatte seinen persönlichen Ober. Unser Ober war sehr zuvorkommend und überhaupt war alles sehr gut organisiert. Ich schaute in die Runde und war schon jetzt sehr zufrieden mit dem Abend. Was will man mehr? Ich war in London im Dorchester Hotel und saß mit meinem schönen, rückenfreien Abendkleid in Mitten eines glitzernden Saales. Um mich herum Frauen in hübschen Kleidern und Männer im Smoking. Ich fühlte mich wie in einer anderen Welt.
Alle warteten gespannt auf die Verleihung der Kritikerpreise. Mariella Frostrup und John Marriott begannen mit dem Award für den besten ausländischen Film. 5 Filme wurden nominiert und dabei war einer unserer Besten: "Goodbye Lenin"
Natürlich hielten wir ihm fest unsere Daumen. ".... and the winner is....Goodby Lenin". Herrlich, Jubel und Prost! Der Film hat es wirklich verdient. Ich hoffe, Ihr habt ihn Euch alle angesehen. Mir hat er wirklich gut gefallen - Erschreckend, wie man schon mit nur wenig Aufwand die Menschen in die Irre führen kann. Das sollte uns doch einiges zu denken geben.... Leider habe ich schon wieder vergessen, wer den Preis abholte. Oh man, ich blicke bei den ganzen Schauspielern und Regisseuren etc. hier einfach nicht mehr durch. Ich hätte mir etwas aufschreiben sollen - naja, vielleicht beim nächsten Mal.
Auf alle Fälle war er ein Ossi, wie ich (hehe, wahrscheinlich waren wir die einzigen beiden Ossis hier im Saal), und seine kleine Rede gefiel mir. Schade, daß ich ihn nachher nicht getroffen habe. Ich hätte gern zum Erfolg gratuliert.
Nach diesem Höhepunkt ging es noch 1 1/2 Stunden weiter mit der Preisverleihung. Ich denke, ich spare mir hier die Einzelheiten. Vielleicht noch wichtig, daß Bill Nighy den Preis für die beste Nebenrolle bekam und zwar für "Love Actually" - sehr gute Wahl! Ich glaube Clint Eastwood bekam einen als Director of the Year und sein Sohn nahm ihn entgegen. Der war mit seiner Familie in London, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Scheint ein netter Bursche zu sein. British Director of the Year wurde Peter Mullan für seinen Film "The Magdalene Sisters" - wenn ich mich nicht irre. Auch ein sehr guter Film und ein sehr sympathischer Mann. Ach ja, wo wir gerade bei sympathischen Männern sind, Bill Murray wurde Actor of the Year für "Lost in Translation". Leider war der nicht anwesend. Ihn hätte ich auch gern mal live und in Farbe gesehen. Ok, vielleicht klappt es mal bei der Oscar-Verleihung ;-). Dafür hatten wir aber Emma Thompson live und in Farbe und Anne Reid und Richard Curtis und Richard Attenborough und ich glaube Luke Perry war auch da, bin mir aber nicht so sicher. Möglich wäre es schon, da er ja z.Z. im West End Theater spielt. Sein Stück "Harry Meets His Sally" habe ich aber nicht gesehen, da ich mich zu diesem London-Trip für ein anderes entschied. Es soll zwar gut sein, aber irgendwie bin ich bei den Amerikanern skeptisch, erst recht nach der letzten Enttäuschung "Les Liaisons Dangereuses" hier in London.
Nach der Verleihung gab es ein wunderbares Dinner und bis 1:30 Uhr Tanz. Das Dinner war wirklich erstklassig und das Tanzen hinterher tat gut um es wieder zu verdauen..... der Kreislauf des Lebens, welches ich an diesem Abend wirklich genoß.

Freitag, der 13. und ich gehe ins Theater. Diesmal allein, denn Uli vergrub sich lieber zu Haus - ich glaube, ich habe sie mit diesem Kulturüberschuss ein wenig überfordert und sie wollte lieber in Ruhe an ihrem Drehbuch arbeiten.
Bettina ging mit den Mädels ins Kino - versprochen ist versprochen.
Ich begab mich das erste Mal ins "Almeida" Theater, welches nicht im West End, sondern ein wenig Außerhalb, Nähe Angel liegt. Ich wollte schon immer mal dort hin, da ich viel Gutes über dieses Theater gehört habe und diesmal paßte es prima, denn Bettina hatte mir das Stück "The Goat, or Who is Sylvia" empfohlen. Es sollte sehr kontrovers sein - grins - zu dem Zeitpunkt wußte ich noch nicht WIE kontrovers es werden würde.
Das Almeida gefällt mir sehr gut. Es ist ein neues, modernes Theater, aber optisch gut eingepaßt. Nicht so häßlich wie das National Theatre. 
Hier fühlte ich mich sofort wohl und dazugehörig. Schade, daß ich allein war, sonst hätte ich in der Bar noch etwas trinken können oder auch einen Happen essen. Diesmal saß ich auf dem Rang, da so kurzfristig nichts anderes mehr frei war. Im Inneren war das Theater sehr klein und gemütlich. Die Bühne war modern und sah sehr gut aus. Die Bühnendekoration zEdward Albee (*1928)eigte ein Wohnzimmer. Das Theater füllte sich langsam und wir ich es dachte blieb kein Platz frei. Die Leute waren alle sehr gut angezogen, was in London nicht gerade üblich ist und ich hier nicht vermutet hätte.
Es dauerte nicht lange und das Spiel begann. Ich war gespannt auf Edward Albees neustes Werk. Von ihm kannte ich bisher nur "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" Was für eine Schande, wo er doch so viele gute Sachen geschrieben hat. Die Weltpremiere von der "Ziege, oder wer ist Sylvia" war erst 2002 in New York unJonathan Pryce (Quelle: Programm "The Goat, or Who is Sylvia")d da sollen wohl ein paar Zuschauer entsetzt den Saal verlassen haben. In London hatte es im Almeida Theatre am 22. Januar Premiere. Na, das wäre doch eine nette Idee für eine Deutschlandpremiere im halleschen "nt". Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die Hallenser so ein Stück verkraften würde. Das "nt" auf alle Fälle. 
Es ist ein Stück für 4 Personen. Jonathan Pryce spielte die Rolle des Martin so unschulKate Fahy (Quelle: Programm "The Goat, or Who is Sylvia")dig und naiv, daß es ein großer Genuß war ihm zuzuschauen. 
Kate Fahy, als seine Frau Stevie, zerdonnerte mit so einer Leidenschaft die Wohnungseinrichtung, daß man Angst bekam, sie mache mit dem Zuschauersaal weiter. 
Eddie Redmayne, der seinen Sohn Billy spielte, konnte bei so einer Tragödie wunderbar in Tränen ausbrechen und Matthew Marsh überzeugte als "hilfreicher" Freund selbst mich.
Die erste Szene spielte im Wohnzimmer und alles war noch ganz friedlich. Ich fragte mich, ob Bettina mich wohl auf den Arm nahm - von wegen kontrovEddie Redmayne (Quelle: Programm "The Goat, or Who is Sylvia")ers, das wird doch hoffentlich nicht nur ein nettes Familienstück?! Stevie und Martin benahmen sich wie ein altes Ehepaar. Er schien ein bißchen vergeßlich und sie umsorgte die Wohnung und ihn mit Liebe - oh wie schön und <schnarch>. 
Ein bißchen Konversation ging hin und her und der Zuschauer erfuhr, daß Martin ein Interview zu seinem 50sten mit seinem Freund Ross hatte. 
Stevie und Martin liebten sich sehr und nichts schien die traute Zweisamkeit zu stören. Ross trat ein und alsdann erfährt der Zuschauer, daß man sich besser nie seinen Freunden anvertrauen sollte. Stevie verließ das Geschehen und schon begannen die Männer ein Gespräch unter Männern. Erst ging es noch um das Interview, aber dann kam das Gespräch auf MartinMatthew Marsh (Quelle: Programm "The Goat, or Who is Sylvia")s Freundin. DAS fand Ross natürlich toll und wollte wissen, wer denn die Glückliche ist. Komischerweise hatte er hier überhaut kein Mitleid mit Stevie. Es schien ihm normal, ja sogar interessant, daß Martin ein Verhältnis mit einer Anderen hatte. Plötzlich war das Interview nebensächlich und Ross versuchte alles um Martin ein bißchen mehr auszuquetschen. Er versprach keiner Menschenseele etwas zu erzählen. Sie seinen ja schließlich dicke Freunde und unter Männern behält man diese kleinen Abenteuer für sich. Martin ließ sich überzeugen und erzählte ihm seine Geschichte. .... Er war auf dem Weg aufs Land und weil er eine Pause brauchte hielt er auf einem Hügel und genoß einen netten, aber nicht außergewöhnlichen, Blick auf die Landschaft. 
Als er vor sich die wunderschöne Sylvia erblickte - er schwärmte von ihren Augen und wie sie ihren Kopf in seine Hände legte - war es um ihn geschehen. Ross schaute schon ganz lüstern und Martin beschrieb ihren Atem und wie er sie küßte und das er sie liebt. "And Who is Sylvia?" wollte Ross wissen und Martin zeigte ihm schüchtern ein Bild von ihr. "This is Sylvia ..... who you are fucking....... You're having an affair with a goat! You're fucking a goat!"  - Licht aus und erster Akt aus.

Tja, so ist das Leben. Martin hat eine Affäre mit einer Ziege. Kein Wunder, daß die New Yorker den Saal verließen. Wie es aussah waren die Engländer nicht so prüde - aber wahrscheinlich wussten sie schon, was auf sie zukam, wie auch ich. Somit war das Ganze nur noch lustig und spannend, wie es wohl weiter gehen würde. 
Auch im zweiten Akt enttäuschte die kleine Crew nicht. Dieser Begann mit einer schrecklichen Familienszene. Leider hatte sein bester Freund Ross nichts besseres zu tun, als seiner Frau Stevie diese Tragödie schriftlich mitzuteilen. Na was für ein Freund! Eine Affäre mit einer anderen Frau hätte er haben dürfen, aber Sex mit einer Ziege ging dem Herren zu weit. So tolerant war er nun auch wieder nicht. Genauso wenig, wie Sohn Billy, der es doch eigentlich verstehen müsste, denn er war gay. Herrlich, was für ein Geniestreich von Edward Albee. Schwul sein ist ok, aber Sex mit einer Ziege?! Tja, da fragt man sich doch, wo fängt die Toleranz an und wo hört sie auf?
Stevie allerdings kann ich vollkommen verstehen: "Erst hast du Sex mit einer Ziege und dann mit mir - i gitt". Genau, "i gitt" hätte ich auch gesagt. 
Martin wollte ihr alles in Ruhe erklären und sie zertrümmerte die Wohnungseinrichtung. Billy konnte nur noch ein paar seltene Stücke retten.
Am Schönsten war der Teil als er ihr von seiner "Selbsthilfegru
ppe" berichtete. Das Publikum tobte und seine Frau auch.
Alles in Allem war es ein sehr amüsantes Stück, welches auch ein bißchen zum Nachdenken über Freundschaft, Liebe und Toleranz anregte. Zum Schluß tötete seine Frau ihre Widersacherin - soviel zu Toleranz.

Wo ich gerade so viel von Liebe spreche, will ich natürlich den Valentins Tag nicht auslassen - leider ohne Valentin, aber dafür mit Bruch.
Da ich das 1. Violinenkonzert von Bruch über alles liebe, schreckte mich auch nicht der Titel "Valentins Tag Konzert" davon ab es mir anzuhören. 
Was für eine Woche, zwei meiner liebsten Konzerte auf einen Schlag. Am Dienstag noch das 5. Klavierkonzert von Beethoven und heute das 1. Violinenkonzert von Bruch. Wieder fuhren wir zur Royal Festival Hall, diesmal aber mit Spaghetti und Paul Paul Watkins (Quelle: Programm vom Konzert) Newmans berühmter Soße im Magen (welche im Sonderangebot war und nur 99 Pence gekostet hat). Ich freue mich schon wahnsinnig auf das Konzert. Das Philharmonische Orchester spielte Tschaikowski, Strauß, Bruch und Rimski-Korsakow unter dem Taktstock von Paul Watkins. Die Geige zu meinem geliebten Bruch spielte ein 18 jähriger Bursche namens Amir Bisengaliev. Na mal sehen, was der so drauf hat.
Das erstklassige Orchester arbeitete sich von Tschaikowskis Fantasie Ouvertüre aus Romeo und Julie über Strauß' Rosenwalzer durch bis hin zu Bruchs Violinenkonzert. Eine wunderschöne Musik. Bei Strauß wäre ich am liebsten aufAmir Bisengaliev (Quelle: Programm vom Konzert)gestanden und hätte getanzt - was für ein atemberaubender Walzer. Und dann ENDLICH mein geliebtes Violinenkonzert. Trotz seiner jungen Jahre war der Geiger sehr gut. Naja, ein paar kleine Schnitzerchen, aber da konnte ich gern drüberweg hören. Das Orchester untermauerte jeden Takt meisterlich. DAS war ein Orchester. Im letzten Satz, welcher mein Lieblingssatz ist, zeigte es, was es drauf hatte, was mich kaum noch auf dem Sitz hielt. Ich habe zwar keine Ahnung vom Dirigieren, aber Johann Strauss (1825-1899) ich hätte zu gern mitgemacht. Ich liebe diese Stellen, wo die Geige so zart den Ton angibt und das gesamte Orchester so powerful nachzieht - einfach wunderbar. Ich hätte gewünscht, daß es nie enden würde, aber leider, wie es immer ist, war es zu schnell vorbei und Orchester und Dirigent bekamen eine Pause und der kleine Virtuose einen tosenden Applaus. Ja, hat er gut gemacht. Ich hoffe er findet seinen Weg und wünsche ihm alles Gute für seine weitere Laufbahn.

Rimski-Korsakow - tja, das wäre mal einer, den ich nochMax Bruch (1838-1920) nie gehört habe. Sicherlich gab es nichts mehr an diesem Abend, was Bruchs Violinenkonzert noch Toppen könnte, aber einen Versuch ist es wert. Das Orchester war so gut, daß ich gespannt war wie es fortführen würde. Sie spielten "Sheherazade", welches sich wirklich gelohnt hat anzuhören. Was mir besonders gefiel waren die kleinen Solos der Geige und die Antworten des Cellos oder der Harfe darauf - wirklich wunderschön und es klang tNikolai Rimsky-Korsakow (1844-1908)ypisch russisch. Auch die Einsätze des gesamten Orchester waren wunderbar, so daß es nicht langweilig wurde und mein Herz nach mehr verlangte. Der Dirigent gab was er konnte und kam ganz schön ins Schwitzen. Das Orchester spielte gelassen, aber voller Power. Nur der Oboe sah man an, wie schwierig es war. Einem der Cellis schien es keine große Mühe zu bereiten dem Dirigenten zu folgen, da er zwischendurch noch mit mir flirtete - grins - das ist mir auch noch nicht untergekommen. Das nächste Mal muß ich meine Visitenkarten mitnehmen. Mit dem Burschen hätte ich gern ein paar Gedanken zu Rimski-Korsakow ausgetauscht.

Leider geht auch das schönste Konzert und der schönste Urlaub einmal zu Ende. Es blieb uns also nur noch ein ganzer Tag in London. Uli hatte für uns einen netten Spaziergang im Hampstead Heath herausgesucht. Und als schon am Morgen die Sonne strahlte schien auch dieser Tag perfekt zu werden. Ich höre hier allerdings auf zu berichten, da ich mit unseren Kulturevents schon genug zu tun habe und räume das Feld für Uli.

Bis ihr Bericht fertig ist, unten schon ein paar Fotos als Vorgeschmack auf diesen wunderschönen Tag unter der Sonne Londons und vielen Dank an alle, die dazu beigetragen haben, daß dieser Londonaufenthalt ein so nettes und ereignisreiches Erlebnis wurde.

Eure Jana

 

Was ewig wehrt wird gut ;-) Hier also Ulis Bericht zu Hampstead Heath incl. der jetzt nicht mehr hier unten chaotisch angeordneten und Ladezeit ins Endlose verlängernden Fotos.