Ruhige Schönheit & wilde Jagd

 

Dies ist nun also mein zweites Matinéekonzert. Das erste Mal habe ich mir ja noch eingebildet sie veranstalten diese Konzerte, damit Kinder und Jugendliche auch mal in den Genuß eines Konzertes kommen. Die sind ja Abends bis Morgens immer in der Disko unterwegs und haben somit keine Zeit zur gewöhnlichen Zeit und da wäre es doch nach dem Aufstehen nett mal ins Konzert zu gehen. Aber da war ich wohl völlig fehlgeleitet. In Leipzig, wie auch in Hamburg damals, war das DIE Veranstaltung für Rentner. Ich kam mir irgendwie schon vor wie eine Aussässige. Normalerweise, am Abend, sind doch noch ein paar Leute in meinem Alter dabei, aber um 11:00 Uhr, vor dem Mittagschlaf, waren da alles nur Rentner. Aber egal, für dieses Konzert gab es nur eine Matinéeveranstaltung und ich wollte doch zu gern mal wissen, wie Orgel zusammen mit  Orchester klingt, denn "nur" Orgel ist ja ganz hübsch, siehe Edgar Krapp, aber eigentlich mag ich Orchesterpower doch etwas lieber. Und da dachte ich mir, so in Summe müßte das doch Camille Saint-Saens (1835-1921) - Quelle: Programm des mdr super klingen und dann noch eine Sinfonie von Camille Saint-Saëns, den ich schon immer mal live hören wollte.

Mit Ausschlafen am Sonntag und in Ruhe Frühstücken war also nix, da Frau ja noch Duschen, Haare waschen, Nägel lackieren, Farbe auftragen und am schwersten, die richtigen Klamotten für ein Matinéekonzert heraussuchen, mußte. Also Abends ist das alles viel einfacher, da macht Frau im Abendkleid meist eine elegante Figur, aber was zieht Frau zum Frühstück in ein Konzert an und außerdem wollten wir nach dem Konzert noch mal zum Leipziger Bahnhof ein bißchen Läden abklappern. Also brauche ich etwas Elegantes und trotzdem noch Bequemes. Das heißt Schuhe, mit denen ich nachher noch hinter Thomas' Sturmschritt hinterherkomme.

Ich war gerade mal nur eine halbe Stunde hinter der Zeit hinterher und ... Ding Dong - mein bester Kumpel Thomas klingelte schon an der Haustür. Wieso sind die Männer eigentlich immer so pünktlich? Wie machen die das nur? Hmmm ... ist ja auch alles viel einfacher, nur Rasieren, die paar Haare sind schnell gewaschen und nach hinten gekämmt - Föhnen is nich, trocknet im Auto. Der Anzug ist auch immer der Selbe, nur ein anderes von den eigentlich fast identischen Hemden, -  und Schlips muß eh Frau binden, ..... nachdem sie ihn gebügelt hat, da der Herr Doktor den ja nicht freiwillig umlegt, sondern nur für den Notfall in der Jackettasche mit sich herumträgt, zusammen mit den Zigaretten, dem Zigarettenpapier der letzten 2 Schachteln, den dazugehörigen Tabakkrümeln, der Brieftasche, dem Geld, was daneben gefallen ist, dem Wohnungsschlüssel, dem Autoschlüssel, diversen Kassenzetteln ... und dann sich über meine Handtasche lustig machen. DA paßt immerhin noch ein Schirm und Fotoapparat mit hinein <grins>.

Nachdem ich die Frage "Was spielen sie denn?" zur Zufriedenheit beantwortet habe, ging es dann ab nach Leipzig ins Gewandhaus. Fabio Luisi (Quelle: Programm des mdr) Diesmal schon wieder ein mdr Konzert mit schon wieder Fabio Luisi, aber diesmal in der Saalempore und somit sozusagen von der Seite <grins>. Damit hatte ich ihn dann von hinten, von vorn und von der Seite mit jeweils dem selben Gezappel. Aber ich muß sagen, von der Seite gefällt mir seine Showvorstellung am besten ;-)

Mein Lieblingsgeiger schien diesmal nicht dabei - ach ja, war ja auch ein anderes Orchester als sonst. Die mdr Leute kenne ich noch nicht so richtig.

Fabio Luisi begann ohne zu zögern - wie immer - und siehe da, bei Verdis "Quattro Pezzi Sacri" kann er auch ganz ruhig, ohne zu zappeln. ... und das sah ja richtig elegant aus und war wirklich angenehm. Seine Umsetzung war wieder erstklassig. Der Chor sang spitzenmäßig, ruhig und erholsam, einfach wunderschön.

Am besten gefiel mir "Sabat Mater", so mit dem Orchester zusammen. Das würde ich gern mal bei uns in der Marktkirche hören, klingt bestimmt bombastisch. ... schade, daß ich Verdis "Messa da Requiem" in der Leipziger Oper verpasse, da ich zu dem Zeitpunkt in der Schweiz bin. Das ist fast noch besser.

Schnell war der letzte Teil "Te Deum" heran. Die Sopranstimme zum Schluß von Carola Höhn war spitze. Die Stücke waren mehr als perfekt! Nur leider riß mich die Pause zu schnell aus diesem Genuß.

Von draußen schien die Sonne grell ins Foyer und es war doch ein bißchen ungewöhnlich so zeitig im Gewandhaus zu sein. Für die meisten hier aber wohl nicht, denn das Konzert war so gut wie ausverkauft. ... einmal Schlange stehen an der Toilette und draußen auf dem Balkon den Raucher gesucht und schon war die Pause vorbei und es kam der zweite Teil, das 3. Sinfoniekonzert, die Orgelsinfonie, von Camille Saint-Saëns.

Carola Höhn (Quelle: Programm des mdr)Ich hatte das Teil schon zu Hause auf einer uralten CD und die ist schon super, aber live klingt das Konzert noch um einiges besser. Die Orgel spielte Ferruccio Bartoletti undGiuseppe Verdi (1813-1901) (Quelle: Programm des mdr) Fabio Luisi dirigierte im altgewohnten Stil.

 

...... Ganz zaghaft galoppierte das Pferd über die grünen Wiesen der Bretagne. Der schwarze Reiter blickte sich ab und zu nach seinen Verfolgern um, keiner war zu sehen. Trotzdem begann er seinem Pferd die Sporen zu geben. Er wollte seinen Vorsprung nicht verlieren. Er erreichte im nun schnelleren Galopp eine alte, lehmige Landstrasse. Das Wasser der Pfützen peitschte bis zu seinen Beinen hoch und er straffte die Zügel um sein Pferd ein bißchen zu schonen. Wieder der Blick nach hinten - niemand zu sehen. Der Himmel über ihn verfinsterte sich wieder. Es wurde windig und die Kälte kroch ihm in die vom letzten Regenguss nassen Sachen. Er zog seinen Hut tiefer ins Gesicht und dachte an sonnigere Zeiten. Niemand war zu sehen, kein Haus, keine Zivilisation. Vor ihm eine endlose, einsame Straße und hinter ihm die Männer, die nicht aufgaben ihn zu verfolgen. Er hatte keine Zeit zu verlieren. Sein Pferd schnaufte, er riß die Zügel zurück und brachte es ruppig zum Stehen. Stille - weites, stilles Land ....

Ferrussio Bartoletti (Quelle: Programm des mdr)Die Orgel klang sanft im Hintergrund und der erste Satz drang genauso zaghaft und ruhig durch den Saal des Gewandhauses, wie die Stille in dieser Landschaft - wunderschön -

Der Reiter blickte ruhig um sich und suchte in der Ferne nach Bewegungen. Nichts war zu sehen. Die Anspannung stand ihm im Gesicht, aber sein Atem wurde ruhiger. Er hielt immer noch die Zügel krampfhaft in seinen Händen. Das Pferd schnaufte und scharrte schon mit den Hufen. Es witterte die Gefahr und wollte weiter. Er strich ihm sanft über die nasse Mähne und klopfte beruhigend seinen Hals, den Blick nicht von dem kleinen Hügel rechts von ihm lassend. .... und da waren sie wieder. Sie hatten die Pferde getauscht und waren somit schneller als er. Aber sein Hengst war kräftig und wendig. Er könnte es bis in die Berge schaffen und dann würden sie ihm nicht mehr folgen können mit ihren großen Rössern. Die waren nicht für die Berge geschaffen. Er biß die Zähne zusammen und gab seinem Hengst die Sporen. Es würde nicht lange dauern und sie werden ihn entdecken. Das Land hier ist einfach zu übersichtlich um sich zu verstecken. Der zweite Satz donnerte durch den Konzertsaal und er gab seinem Pferd mit einem Ruck die Sporen - sie hatten ihn entdeckt und jagten den Hügel hinunter. Es blieb keine Zeit, sie waren zu schnell. Sein Herz pochte bis zum Hals und sie kamen immer näher - nein, er wollte nicht aufgeben. Sie durften das Manuskript einfach nicht in ihre Hände bekommen. Er galoppierte über die Wiesen und da fiel ihm die blonde Frau aus dem Gasthaus ein in dem er die letzten Nächte verbracht hat. Sie war so wunderschön in ihrer sanften Erscheinung und sie lächelte immer, wenn sie ihn sah. Er hatte Sehnsucht nach ihrer Zärtlichkeit - ja, er würde wiederkommen, wenn er seinen Auftrag erfüllt hat.

Sein Pferd trug ihn wie von allein den Bergen entgegen. Er drehte sich jetzt nicht mehr um. Er wußte, daß sie nah hinter ihm waren und er wußte, daß sie nicht mehr lange brauchten um ihn einzuholen - das Spiel schien vorbei und er wird diesmal nicht der Sieger sein. Schade, er hätte sie gern wiedergesehen. Vielleicht hätte sie ihn gemocht, ja, ganz sicher hat sie ihn gemocht - bei dem Gedanken huschte ein Lächeln über sein Gesicht und er drückte dem Pferd die Sporen in die Lenden. Die Orgel tönte in voller Kraft dazu. Nein, er wird nicht aufgeben. So leicht bekommen sie ihn nicht. Er muß die Berge erreichen. Sie kommen mit ihren Pferden nicht die Schlucht hinunter. Das ist seine einzige Chance - er hörte schon ihre Hufschläge. Sie waren zum Greifen nahe und er riß wieder an seinen Zügeln, aber diesmal wendete er sein Pferd ruckartig. Die erschrockenen Reiter hinter ihm jagten an ihm vorbei und er galoppierte über die Wiesen in Richtung der Berge, immer schneller und schneller. Es dauerte eine Weile, bis die Reiter diese Aktion begriffen und sich neu formieren konnten - wichtige Sekunden, die ihm die Berge näher brachten. ... über den Graben, durch den Morast. Sein Pferd war wendig und klein. Im Gelände war dies ein Vorteil. Die großen, eleganten Pferde seiner Verfolger waren noch lange nicht so wendig. Sie waren schnell auf der Straße, aber jetzt im Gelände eher etwas unbeholfen. Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht, vor ihm die große Schlucht. Auch für ihn war der Weg hinunter gefährlich, aber mit den großen Pferden würden sie es nicht wagen. Das wäre ihr Ende. Er ritt der Schlucht in vollem Galopp entgegen und hinunter ohne zu sehen, was vor ihm lag. Sein Pferd vertraute ihm und sprang in die Tiefe - er machte die Augen zu und einen Augenblick glaube er es sei vorbei - Stille - und dann das Aufschlagen der Hufe auf einem kleinen grünen Hügel. Sofort bremste er sein Pferd - seine Verfolger schauten hinunter - keiner tat einen Schritt nach vorn - er hatte recht mit seiner Vermutung, er war in Sicherheit ....

 

Tja, irgendwie viel mir diese kleine Geschichte beim Zuhören ein. Keine Ahnung warum, vielleicht paßt sie ja ein bißchen zur Musik, manchmal kommt mir so etwas eben in den Kopf ;-)

Jedenfalls war die Musik spitze und am liebsten mochte ich den zweiten Satz - herrlich! ... und den Orgeleinsatz im dritten Satz. Das war wirklich ein phantastisches Konzert. Ich denke, ich werde die CD mal morgen mit hinunter ins Auto nehmen und durch die Nässe galoppieren ....

 

 

Eure Jana