Tchaikovsky Gala Night

Was könnte es für einen besseren Abschluss eines guten Jahres geben, als ihn in London, meiner Lieblingsstadt, zu verbringen.
Natürlich wieder mal überhaupt nicht eingeplant.
Aber da Freundin Uli anrief, daß wir kurzfristig wieder unser günstiges Appartement bei Hapimag bekommen könnten und ich ein spontanes Hapimag London Mädchen bin, packte ich meine sieben Sachen und startete am 29.12.2003 durch nach London. 
Was für wunderbare Zufälle sich doch manchmal ereignen an die man vorher nicht im Geringsten geglaubt hat. Da kann man doch wirklich zufrieden sein.

Diesmal flog ich wieder mit Cirrus Airlines, aber landete das erste mal auf dem London City Airport.
Wieder so ein niedlicher Flughafen. Ich glaube, der gefällt mir bis jetzt am besten. Klein, aber fein. Er liegt auch ganz günstig, ca. 1 h weg von der Londoner Innenstadt. 
Zuerst fährt man ein kleines Stück mit dem Bus, wobei ich bei den Fares nicht so ganz schlau wurde. Hin bin ich mit dem Shuttle gefahren für 2.50 Pfünder und zurück mit der Linie 69 für 70 Pence. Ok, zurück war ich "off peak", vielleicht lag es daran. Beim nächsten Mal muß ich das genauer unter die Lupe nehmen. 
Mit dem Bus kommt man also bequem nach Canning Town und von dort mit der "Jubilee Line" weiter direkt und schnell in die Innenstadt. Hin ca. 4.10 Pfund und zurück 3.10 Pfund und DAS lag ganz sicher am "off peak".  
Ich mußte einmal bei der "Bond Street" umsteigen, weil ich zum Lancaster Gate wollte. Das bereitete keine weiteren Probleme. Langsam fühle ich mich dort wie zu Hause und das U-Bahn-System ist wirklich spitzenmäßig und zuverlässig, wenn nicht gerade die Feuerwehr streikt oder eine Bombendrohung ins Haus steht. Nein, keine Sorge. Dort unten wird alles mit Kameras überwacht und man kann sich wirklich sicher fühlen.
In London lohnt es sich nicht ein Auto zu mieten. Wir sind dort bis jetzt erst einmal mit dem Auto unterwegs gewesen und ich kann Euch sagen, DAS war ein herrlicher Spaß.

Uli war noch unterwegs auf dem Chaosflughafen Heathrow. Sie hatten Feueralarm. Irgendein Gepäckband qualmte und alles war lahm gelegt. Also ging ich schon mal Lebensmittel einkaufen und es blieb sogar noch Zeit für ein Mittagschläfchen. Ich wollte ja schließlich ausgeruht sein, da wir abends ins Konzert gingen. Ich freute mich schon sehr darauf. 
Eigentlich sind wir ja mehr Theater-Fans aber nach und nach fangen mich auch Konzerte und Opern ein. Somit war das unser erstes Konzert in London, worauf ich wirklich schon sehr gespannt war.
Als Uli endlich eintrudelte blieb uns noch ein bißchen Zeit für ein Dinner beim Italiener, der übrigens sehr gut, aber auch teuer war. DAS war Luxus und das nächste Mal gibt es wieder Fish und Chips im "Swan" oder ein Menü bei McD. 
Der Kellner vom "Taormina", übrigens, war sehr charmant undPeter Iljitsch Tschaikowski (1840-1893) ich fühlte mich so richtig wohl an diesem Tag.

Wir hatten noch genügend Zeit für Fingernägel lackieren - ich rot und Uli französisch - und unser Abends-Ausgeh-Outfit anzulegen. Das war doch perfekt. Endlich hat Frau mal Zeit zum Rausputzen. Zwei Stunden später ging es dann mit der Tube (unser Taxigeld hatten wir beim Italiener gelassen) zur "Barbican Hall" Richtung Barbican U-Bahn Station.

Auf unserem heutigen Programm stand Tschaikowski mit seinen bekanntesten Stücken. Ich muß ehrlich zugeben, daß das mein erstes Tschaikowski Konzert war. Ich habe da eher andere Lieblinge. 
Dirigiert hat Andrew Constantine das London Concert Orchestra und einen Part hatte Nigel Hutchison am Piano.

Barbican Hall - LondonDie Barbican Hall ist riesengroß, mit Theater, Kino und Konzerthallen. Mir persönlich gefiel sie überhaupt nicht. Für London einfach zu modern. Ich mag die Royal Albert Hall lieber und werde das nächste mal besser aufpassen, wo ich buche. 

Wenn man nicht acht gab, konnte man sich hier sehr leicht verlaufen. Ein wirklich hässliches Bauwerk. Dagegen ist unsere Händelhalle das allerschönste Schmuckstück. Sogar das Gewandhaus in Leipzig gefällt mir noch besser. Aber eigentlich war es ja nicht so wichtig, denn wir wollten uns das Konzert anhören und nicht das Bauwerk begutachten. Trotzdem finde ich, daß richtige Ambiente gehört schon dazu. 
Die Konzertgäste gaben sich unterschiedlich, von total lotterlich, bis exklusive, alles dabei. Typisch für London, würde ich hier sagen und eigentlich nicht störend. Es war wie immer interessant die Menschen zu beobachten. Sie schienen alle zufrieden und gespannt auf das Konzert.

Wir hatten die besten Plätze im Saal, Reihe G. Das war gleich nach dem Absatz, in der Mitte und günstig weit vorn. Die habe ich doch unwissend völlig richtig ausgesucht. Die Sitze waren gemütlich, aber hatten leider auch schon bessere Tage gesehen. Sieht so aus, als ob es der Barbican Hall nicht besonders gut geht.  

Langsam füllte sich der Saal, aber leider waren nur die Plätze im Parkett besetzt und da noch nicht mal alle. Die Ränge blieben gänzlich leer. Wenn ich so etwas sehe, tut es mir immer sehr leid. Ich weiß, daß die Musiker ihr bestes geben und wirklich einen vollen Saal verdient hätten. Warum rennen die Menschen nur immer diesen "Superstars" und "Big Brother Fuzzies" hinterher und verpassen solch schöne Augenblicke für die Seele? Manchmal denke ich, irgendetwas stimmt nicht mit dieser Welt. Entwickeln wir uns zurück, oder war das schon immer so und mir ist es nur nicht aufgefallen? Wieso zieht man 0-8-15 Shows solch aufwendigen Konzerten vor? Hier steckt die Arbeit und die Energie, DAS ist Kunst und Aufwand für das Publikum. Die Fernsehshows sind Billigproduktionen und die Leute werden nur über den Tisch gezogen und blöd hingestellt. Die Maschinerie dahinter verdient eine Menge. Marketing und Merchandising sind der Hauptzweck dieser Shows. Sehen das die Menschen nicht? Sollte man nicht eher dagegen arbeiten? Langsam habe ich Angst und mache mir ernstlich Sorgen, daß in ein paar Jahren nur noch solch Schwachsinn im Fernsehen gezeigt wird und intelligente Unterhaltung völlig auf der Strecke bleibt. Das kann doch nicht der Wunsch der Menschen sein? Das ist doch peinlich!

Oh Gott, ich sollte nicht so philosophisches Zeug daher reden und mich lieber wieder auf den Bericht zum Konzert konzentrieren.

Andrew ConstantineDas Orchester nahm Platz, der Dirigent folgte und sie begannen mit dem Slawischen Marsch, meiner Meinung nach, eines der Besten Stücke Tschaikowskis und mein Lieblingsstück aus seiner Kollektion. 
Es war ein Genuss dem Dirigenten zuzusehen. Andrew Constantines Dirigieren war wie Ballett. Den hätte ich gern mal von der Orgelempore aus erlebt, aber leider hatten sie hier keine. Was für ein Feuer der Mann hatte! Im Gegensatz zu ihm, war das Orchester ein wenig lahm. Da konnte er sich noch so anstrengen. Irgendwie schienen sie mir ein wenig lustlos. Hier fehlte das Feuer gänzlich. Gut - so kurz nach Weihnachten hat keiner so richtig Lust sich zu bewegen.
Trotzdem klatschte das Publikum nach jedem Satz und nervte damit den Dirigenten. Am Anfang bemühte er sich noch mit einem Lächeln darüber hinwegzusehen und scheuchte jedes Mal sein Orchester hoch, aber letztendlich ging es ihm (und mir schon lange) doch auf die Nerven und das Publikum bekam nur noch einen düsteren Schulterblick. Ich konnte ihm richtig ansehen, was er dachte.
Nigel Hutchison Als zweites Stück spielten sie das Finale vom Schwanensee - wunderschön - und das Orchester wurde langsam munter. Danach, vor der Pause, Tschaikowskis Klavier Konzert Nr. 1. Der Pianist war Nigel Hutchison. Jetzt Grauhaarig, aber ich konnte weit und breit kein neueres Bild finden. Dies hier ist aus dem Programmheft. Hmmmm .... oder sie haben kurzfristig gewechselt. Allerdings haben die Musiker eigentlich immer alte Fotos in den Programmheften - scheint eben nicht wichtig zu sein.... oder sie wollen die armen Zuschauer verwirren.

Das Klavierkonzert gefiel mir sehr gut und der Pianist spielte meisterlich. Es ist für mich immer wieder beeindruckend, wie schnell die Finger über die Tasten gleiten. Von unseren Plätzen aus konnte man das sehr gut beobachten. Ich war schon dabei vollkommen in sein Spiel abzutauchen, da mich jetzt kein Klatschen zwischendurch störte, als ich durch einen lauten Knall aus meinen Träumen gerissen wurde. Einer zweiten Geige ist die Bridge zusammengebrochen - Hölle! Der Dirigent schaute erschrocken und ganz rot im Gesicht rüber und der erste Geiger war dem Herzinfarkt nahe. Der zweiten Geige war des peinlich, sie schaute betrübt nach unten und versuchte ihre Saiten zu sortieren. Armes Mädel, so was darf einfach nicht passieren. Das ruiniert die Geige und das Konzert. Der Dirigent nutzte diesmal das nervige Klatschen in einer kleinen Zwischenpause aus und scheuchte das Orchester hoch, so das eine dritte Geige mit der Zweiten tauschen konnte, die Kopf hängend und mit angelegten Ohren den Saal verließ. Armes Mädel, sie hätte gar nicht so betrübt sein müssen, denn ich wette es ist niemandem im Publikum aufgefallen, daß eine zweite Geige fehlte. Nach dem "Desaster" bekamen Orchester, Pianist und Dirigent eine Pause und wir einen Drink an der Bar.

Nach der Pause ging es weiter mit Dornröschen und dem Nussknacker.
Ich fand das englische Publikum war sehr unruhig. Neben mir saß ein Pärchen mit Tochter in der Mitte. Das arme Kind langweilte sich schon im ersten Teil. Im zweiten Teil bekam es eine Tüte Bonbons zum Knabbern. Leider hatten die Eltern vorher nicht bedacht, daß die Tüte herrlich knisterte. Somit wurde das Kind sträflich angeschaut, ausgeschimpft und die Tüte wurde wieder entzogen.  
Armes Kind, kann gar nichts dafür. Die Eltern sollten wissen, daß man kein knisterndes Knabberzeug ins Konzert mitnimmt und hätten ihm etwas kaufen sollen, was sich ruhiger essen lässt. Nagut, nach dem Dornröschen kehrte dann auch langsam wieder einigermaßen Ruhe ihm Saal ein und ich versuchte erneut in der herrlichen Musik abzutauchen. Das klappte auch bis zur 1812 Ouvertüre. Da wurde ich durch Kanonenschlägen und Feuerwerk erneut aus meinen Träumen gerissen. Allerdings war es hier ja beabsichtigt und gefiel mir sehr gut. Ein Funke des Feuers des Dirigenten ist nun auf das Orchester übergesprungen und sie ließen die Ouvertüre durch den Saal donnern, daß es nur so ein Genuss war. Zum Höhepunkt gab es noch ein kleines Feuerwerk. Eine wirklich schöne Überraschung.
Da jetzt das Publikum tobte vor Vergnügen, gab es noch eine Polonaise als Zugabe. Die Melodie kannte ich sehr gut, aber leider weiß ich den Titel nicht mehr. Vielleicht die Polonaise aus "Eugen Onegin", aber ich bin mir nicht sicher.

Ich glaube trotz der netten Panne zwischendurch und dem am Anfang etwas träge wirkendem Orchester gefiel mir das Konzert gut. Das Publikum war zwar nervig, aber die Melodien waren herrlich und machten Einiges wieder wett. Das Klavier war perfekt und der Dirigent ein Genuss. Ja, ich kann sagen, daß der Abend gelungen war. Vielen Dank dem Dirigenten und Orchester und an die Inszenierung des Feuerwerkes, welches mir sehr gut gefallen hat. Mr. Constantine und liebes London Concert Orchester, wir sehen uns sicherlich wieder.

 

Eure Jana

ps. und ohne Kommentar:
A note of Andrew Constantine....