Düster und schön

Wenn ich jetzt aus dem Fenster sehe, blicke ich in ein wunderschönes düsteres Gemälde, einer einzigartigen, atemberaubender Stimmung. Die Abendsonne scheint golden hinter schwarzen, düsteren Wolken hervor, nur ab und zu sieht man ein Stück des blauen Himmels und manche Wolken reflektieren das warme Licht der Sonne. Von Zeit zu Zeit prasseln ein paar Regentropfen an meine Fensterscheiben - herrlicher April! Genau diese Stimmung gab Sibelius 4. Sinfonie wieder, welche das Gewandhaus als Großes Konzert im April ausgesucht hatte.

Jean Sibelius (1865-1957)Am Donnerstag letzte Woche war ich wieder zu einem Konzert in Leipzig. Es dirigierte Herbert Blomstedt das Gewandhausorchester und sie spielten außer Sibelius düstere 4. noch die sehr gut zu diesem Werk passende grandiose 4. Sinfonie von Tschaikowski.
Ich hatte Glück, daß ich noch eine Karte bekam, denn das Konzert war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Kein Wunder bei diesem erstklassigen Dirigenten und Orchester. Ich finde es immer noch eine gute Idee, daß sie Herbert Blomstedt (Quelle: Prospekt des Gewandhauses) Herbert Blomstedt für das Gewandhaus gewinnen konnten.

Leider blieb diesmal keine Zeit für ein Essen vor dem Konzert, aber da ich hätte sowieso allein gehen müssen, störte es mich auch nicht sonderlich. Naja und das "Augustus" überzeugt mich nicht so doll, das ich da unbedingt kein Essen verpassen durfte.
Der Donnerstag war ein guter Tag für ein Konzert und ich freute mich sehr. Sibelius und Tschaikowski ist eine nette Mischung und endlich gibt es mal etwas anderes von Tschaikowski als seine Nussknacker-, Dornrösschen- oder Schwanensee -Ballettmusik. Die sind zwar sehr hübsch, aber meiner Meinung nach, hat er viel bessere Sachen geschrieben, wie eben dieses Wunderwerk einer 4. Sinfonie.

Das Konzert begann mit Sibelius und schon dieser Anfang ließ einen das Blut in den Adern gefrieren - oh ich liebe diese düstere Musik! Es klang so wunderbar und Herbert Blomstedt leitete sein Orchester so erstklassig. Ich glaube, er dirigierte die beiden Sinfonien sogar ohne Noten. Vielleicht mag er sie auch so gern, wie ich.

Wie gut, daß die Komponisten ab und zu mal eine depressive Phase hatten. Da entstehen die besten Stücke. Jean Sibelius ist einfach spitze und das auch bei seinen anderen 6 Sinfonien. Tja und schon wieder ein Finne. Langsam fühle ich mich umzingelt. Das letzte geniale Stück eines Finnen, hatte ich erst vor ein paar Tagen zur Premiere von "Asche & Aquavit" unseres "neuen theaters" sehen dürfen. Da wird einem erst mal bewusst, daß die Finnen auch einiges zu bieten haben. Ist mir vorher nie so richtig aufgefallen.

Das düstere Machwerk schlich tragisch, berauschend durch seine 4 Sätze und den Saal des Gewandhauses. Die Zuschauer waren so still, daß es fast unheimlich wirkte und ich war der Tragik so herrlich verfallen, daß ich aufschreckte, als Herbert Blomstedt im vierten Satz aufstampfte, daß das Potest einen dumpfen Schrei von sich gab. Es beeindruckt mich immer zu sehen, wie er voller Energie und Gefühl dabei ist. Leider kam die Pause viel zu schnell heran und unterbrach diese wundervolle düstere Stimmung. Das Publikum klatschte und der Dirigent bedankte sich beim Orchester indem er fast jedem die Hand schüttelte. Finde ich einen netten Zug. Er geht jedes Mal bis zu den Bläsern hinter. Ich frage mich, ob er wohl außerhalb der Konzerte auch so ein netter Mensch ist? Im Konzert jedenfalls lächelt er des öfteren zu seinem Orchester rüber. Ja, ich fand auch, das sie es haben diesmal sehr gut gemacht haben.

"kapriziöse Arabesken, unfaßliche Gestalten, die, von der Phantasie Peter Tschaikowski (1840-1893) und seine Frau Antonina, 1877 (Quelle: Progamm des Gewandhauses) geschaffen, vorbeischweben, wenn man Wein getrunken und einen kleinen Rausch hat"* Das sagt Tschaikowski über seine 4. Sinfonie, nagut, nur über den 4. Satz aus dieser. Aber man bedenke, was manche Leute so im Rausch fabrizieren, schaffen die Meisten noch nicht einmal im wachen Zustand. Und da sag mal noch einer Alkohol ist schädlich. Hätte er Milch getrunken, wie ich jetzt, wäre wohlmöglich nie so etwas Grandioses dabei heraus gekommen. Ich sollte mal suchen, ob ich noch irgendwo eine Falsche Wein stehen habe.

Schon der erste Satz ist wunderschön, aber der zweite noch besser. Den habe ich sofort zu meinem Lieblingssatz dieser Sinfonie gekürt. Ich liebe diese Stellen, wo die Streicher so laut aufbegehren. Ich kann gar nicht genug davon bekommen. Ich mochte sie schon immer sehr gern im Auto hören, aber in der Konzerthalle ist sie nicht mehr zu Toppen. Was für ein Klang!!! Vielleicht hätte ich es mit: "Bitte noch mal, Herr Blomstedt!" versuchen sollen.
Oh, diese Sinfonie ist so gut, viel besser als das, was sie sonst immer von Tschaikowski spielen. Ich bin immer noch dankbar über den genialen Einfall des Gewandhauses, dieses Stück in seinen Plan aufzunehmen.
"Das ist ein lyrischer Vorgang, eine musikalische Beichte der Seele, die sich in Tönen ergießt, ähnlich wie sich ein lyrischer Dichter in Versen ausspricht. Der Unterschied besteht nur darin, daß der Musik unvergleichlich reichere Ausdrucksmittel und eine feinere Sprache zur Wiedergabe seelischer Regungen zur Verfügung stehen."* Was für eine wunderschöne Beichte der Seele. Ich wünschte, er hätte öfter als 6 Mal solche Beichten abgelegt!
Der dritte Satz war auch sehr hübsch. Bei 5 1/2 Minuten Pizzicato bekamen die Streicher wunde Finger und die Saiten mußten eine Menge aushalten, aber es hat sich gelohnt, zumindest für die Zuhörer. Eine sehr schöne Idee von Tschaikowski. Es klang richtig niedlich, ganz im Gegensatz zum 4. Satz, der noch einmal voll in die Bresche schlägt, so daß man sich bei so viel Wucht am Sitz festhalten mußte.

Herbert Blomstedt (Quelle: Prospekt des Gewandhauses)

Alles in Allem ein sehr schön auf einander abgestimmtes Konzert und ein wahrer Genuß! Vielen Dank an alle Beteiligten, es war ein wahres Fest für die Sinne!

Leider wurde man wieder viel zu schnell in den trüben Alltag zurückgeschleudert. Schon im Parkhaus unter dem Augustusplatz packte einen das Grauen, wenn man daran dachte, daß diesmal nur eine Ausfahrt geöffnet war - tja, auch in Leipzig ist nicht immer alles perfekt. Aber wenigstens waren die Parkgebühren nur die Hälfte von denen die man im Parkhaus an der Händelhalle in Halle zahlt.

Glücklich über diesen schönen Abend und darüber, daß ich heil aus dem Parkhaus und Leipzig raus gekommen bin, düste ich durch die Dunkelheit heim nach Halle. Eine kleine Abkürzung von Bruckdorf nach Osendorf durch die Pampa und... Polizei am Ruderklub - oh graus!!! Ich bin 60 gefahren, wo man nur 30 durfte - Shit! Wieso stehen die hier mitten in der Nacht und ärgern brave Frauen die nur schnell nach Hause wollen? - "Verkehrskontrolle." - Ah, ach so, uh, phuuuu, das ging noch einmal gut <schwitz>.
Die haben nicht die Geschwindigkeit gemessen, sondern nur mal so kontrolliert. Das soll wohl auch vorkommen. "Ja, es ist mein Auto und die auf dem Foto des Führerscheines bin auch ich" - <lächel>, da die Beamten auch nur ihre Pflicht tun und ...... Tschüß!

Eure Jana

ps. Was für eine freundliche Polizei war das doch an diesen Abend :-)

*Tschaikowski - aus dem Programm des Gewandhauses