Hervorragend, hervorragend, hervorragend

 

Ich komme gerade von einer überaus hervorragenden Aufführung des "Don Giovanni" in Bad Lauchstädt und einem überaus hervorragenden Dinner in der Tapas-Bar des Las Salinas in Halle.

Was für ein grandioser Tag dieser heutige Samstag doch war! Am Morgen noch verregnet und düster und am Nachmittag nach der Vorstellung sonnig und herbstlich golden. Ja genau, die Vorstellungen im Goethe Theater in Bad Lauchstädt beginnen immer am Nachmittag, was zwar nicht so schön, da dann der Tag nicht mehr anderweitig nutzbar zu machen ist, aber was den großen Vorteil hat, daß man nach der Vorstellung noch schön Essen gehen kann. Allerdings das diesmal nicht in Bad Lauchstädt, weil die Gaststätten dort nicht unbedingt zu empfehlen sind, sondern in der Wiedereröffneten Tapas-Bar des Las Salinas in Halle.

 

Diesmal also erwartete uns eine Eigenproduktion der Historischen Kuranlagen und des Goethe Theaters Bad Lauchstädt und eigentlich war ich deswegen schon ein bißchen skeptisch. Regie: Paul Stern, Musikalische Leitung: Christoph Stöcker und es spielte das Concerto Brandenburg auf historischen Instrumenten.

Ich schaute mir sie Liste der Sänger/ Darsteller an und siehe da, ein alter Bekannter, der mir schon in Dessaus "Tristan und Isolde"  sehr gut gefiel: Marek Wojciechowski -- wunderbar! dachte ich, wenn der Rest der Sänger, die ich nicht kannte, auch so gut ist, dann wird das eine hervorragende Aufführung.

Nach einem scheußlichen Dornfelder in hübschen, regengeschützten Ambiente vor dem kleinen, alten Theater bezogen wir unsere Plätze in der Reihe 1 der Parkett Loge. Der Kartenverkauf des Goethe-Theaters empfahl mir diese Plätze und ich muß sagen, die Empfehlung ist empfehlenswert. Das waren überaus hervorragende Plätze. Ich hatte einen wunderbaren Blick auf das Innere dieses hübschen Theaters und über die Köpfe der Zuschauer hinweg auf die nicht allzu weit entfernte Bühne. Alles um mich herum erinnerte an alte Zeiten und gab mir ein wunderbares Gefühl von Behaglichkeit und Zufriedenheit zurück.

Jedes Detail war liebenswert, ob der rote Kronenleuchter an der Decke, der das warme Licht von Kerzen imitierte oder die schlichten Holzgeländer der Ränge, die an ein altes, kleines, aber feines Theater in der Provinz erinnerten. Darum alles auch nicht so prunkvoll, wie z.B. in den kleinen alten Londoner Theater, aber sehr hübsch und liebenswert. Vielleicht könnte man es mit "Shakespeares Globe" in London vergleichen, auch wenn das historische Globe schon ca. 200 Jahre früher existierte.

 

Der alte rote Vorhang verdeckte noch das Bühnenbild und das Orchester, diesmal sehr gut angezogen, nahm langsam Platz in dem engen, kleinen Orchestergraben und daneben.

Der Dirigent tauchte auf, der Vorhang liftete sich und die Ouvertüre klang in einer hervorragenden Lautstärke durch den Saal. Naja gut, der erste Eindruck vom Orchester war hervorragend, aber der erste Eindruck vom Bühnenbild eher wohl.... nicht ganz so hervorragend. Da waren alte Holzbohlen, über die letztendlich die armen Sänger balancieren mußten - gar nicht so einfach da nicht daneben zu treten und sich den Hals zu brechen.

 

"Es kommt nur darauf an,

Mut zu haben"*

 

Der Satz passt zwar jetzt auch auf das Halsbrechen und balancieren auf wackeligen Holzbohlen, aber eigentlich hat dieser Satz Casanovas einen tieferen Sinn. Mut ist eigentlich eine der wichtigsten Eigenschaften, die man benötigt um durch dieses interessante Leben zu kommen, oder anders, daß Leben wäre nicht so interessant ohne Mut, im Gegenteil, es wäre langweilig, wenn man nicht den Mut besäße vorwärts zuschreiten. Einfach mal mutig sein und los. Einfach mal "Tu was Du willst, sei das ganze Gesetz!"** Und deswegen liebe ich Casanova so. Er war ein intelligenter und interessanter Mann, der sich nicht aus Angst seine Chancen entgleiten ließ. Der ging einfach vorwärts und genoss das Leben und das Leben genoss ihn und gab ihm das Glück und die Gegebenheiten, die er brauchte. Es ließ ihn nie im Stich. "Wer sich selbst hilft, den hilft auch Gott." oder  auch "Frech kommt weiter." Oh ich hätte Casanova zu gern mal kennen gelernt. Seine Memoiren sind wunderbar und intelligent geschrieben. Sehr empfehlenswert zu lesen - im Gegensatz zu den Texten des Marquise de Sade, der gegen Casanova doch eher als primitiv und plump anzusehen ist. Ich habe beide Autoren gelesen und Casanova ist für mich einfach ein brillanter Mann und ich bin neidisch auf Mozart, denn er hat ihn kurz vor der Aufführung des Don Giovanni in Prag getroffen. Das hätte ich auch gern.

Es ist interessant zu überlegen, daß Mozart durchaus beide Autoren und deren Bücher kannte und es ist ein schönes Gedankenspiel, was er wohl von dieser Literatur dachte.

"Bei Don Giovanni findet man eine grundsätzliche sadomasochistische Neigung, die wir bei Casanova nicht feststellen."*** Also doch beide Autoren gelesen? Aber nein, da bin ich nicht einer Meinung mit den Herausgebern des Programmheftes. Ich finde Mozarts Don Giovanni nun nicht gerade sadomasochistisch. Er ist einfach nur frech und genießt es, daß ihm die Frauen scharenweise hinterher laufen. Er genießt das Leben, genauso, wie es Casanova genossen hat und genauso, wie es Mozart gern genossen hätte oder vielleicht auch hat. Ja klar, er läßt Don Giovanni zum Schluß zur Hölle fahren und den übrig bleibenden traurigen Rest eine Hohelied auf die Tugend singen, aber waren das wirklich und wahrhaftig seine Gedanken zu Don Giovanni/ Casanova/ Don Juan? Nein, ich wette nicht.

 

Eigentlich mag ich Mozarts Musik nicht besonders, oder sagen wir mal, Mozarts Musik gehört nicht zu meinen bevorzugt Gehörtem. ABER! der Don Giovanni und viele seiner Opern, sind Meisterwerke und ich liebe sie und den Don Giovanni liebe ich am meisten. .... schon weil die Besetzung der Rolle jedes Mal mein Frauenherz höher schlagen läßt. So auch diesmal. Der Don Giovanni war hervorragend besetzt durch Morten Frank Larsen.... und wenn die Männer dann noch diese alten Kostüme anhaben, dann kann Frau sich kaum noch ihrer ureigensten Instinkte entziehen. Warum nur sehen die Männer in diesen Sachen immer nur so unwiderstehlich gut aus? Das hat mir schon damals bei der Aufführung von Händels "Imeneo" in Halle so gut gefallen. Otto Kazameier hat da einfach eine so tolle Figur in diesen Kostüm gemacht, so daß es Frau schier in die Glieder fuhr und es ihr so manchen dummen, casanovaschen Gedanken in den Kopf trieb. Genauso also auch zur diesmaligen Aufführung des Don Giovanni. Es war einfach wunderbar, daß sie diese schönen alten Kostüme benutzten - nicht nur, daß es wunderbar zu diesem alten Aufführungsort passte, nein, auch war es ein Hochgenuß für Frau, diese Männer in diesen tollen Kostümen zu sehen. Da bin ich jetzt einfach mal so frech wie Casanova und sage was ich gerade denke: 'Das war sehr erotisch und ich hätte an diesem Abend so jemanden gern mit nach Hause genommen.'

 

Die Musik im Graben und der Gesang auf der Bühne waren excelent aufeinander abgestimmt. Die Stimmen waren allesamt erstklassig und das Orchester spielte hervorragend. Alles war perfekt und unübertreffbar. Die Bühne war schlecht, aber ich bemerkte es kaum, da die Sänger mit Ihrem Gesang, Spiel und Mimik dieses Bühnenbild einfach als nebensächlich erscheinen ließen und ich es somit unbeachtet ließ. Das war das erste Mal für mich, daß mich diese hervorragenden Stimmen und Musik das Bühnenbild als Zweitrangig betrachten ließen, noch mehr, es für mich völlig unsichtbar machten. 

Ich saß dahinten in der Loge und ließ diese Melodien und den Gesang durch meine Seele gleiten und ich dachte in diesem Moment, daß es nichts Schöneres auf Erden geben kann, als dieser Aufführung in Bad Lauchstädt zu lauschen. Soviel Glück und Freude erhellte meine Seele und alles um mich ward vergessen. Ich genoss diese unbeschreiblichen Augenblicke und die pure Freude darüber. Ich atmete die Musik ein und ließ sie in meinem Körper widerhallen und meine Gedanken waren frei, so frei und so zufrieden mit dem Leben. Das war ein sehr schönes Gefühl.

Ich kenne fast alle Arien aus Don Giovanni sehr gut und viele Arien daraus sind auch sehr bekannt. Aber die Schönste ist immer noch die, als Don Giovanni sich an die frisch verheiratete Zerlina heran macht und sie überreden will, ihm in sein Schloß zu folgen. Oh glaubt mir, ich wäre da auch weich geworden.

Sehr gern mag ich auch die Arie, als er so überschwänglich singt: "Auf denn zum Feste....". Herrlich! Und in dieser Inszenierung nutzten sie die Ränge rechts und links neben der Bühne hervorragend. Das gab dem Ganzen Räumlichkeit und Nähe, wirklich hervorragend!

 

"Auf denn zum Feste,Goethe-Theater Bad Lauchstädt - September 2006

Froh soll es werden,

Bis meine Gäste

glühen vor Wein!

Siehst Du ein Mädchen

Nahen dem Garten,

Lass' sie nicht warten,

Führ' sie herein.

Tanzen lass' alle sie

Wirr durcheinander;

Hier Menuette,

Da rasche Walzer,

Dort Allemanden

Spiel' ihnen auf.

Ich aber leise,

Nach meiner Weise,

Führe das Liebchen

In's Kämmerlein.

Drum ohne Sorgen

Deinem Register

Schreibst du schon morgen

Zehne noch ein."****

 

Goethe-Theater Bad Lauchstädt - September 2006Sehr schön auch, wie sie die Harmoniemusik von den Rängen aus spielten. Das war ein exzellenter Klang. Hervorragend! Brillant!!! Meine Hochachtung Herr Stöcker!

 

Don Giovanni genießt das Leben und ist übermütig, so übermütig, daß er den toten Komtur zum Essen einlädt. Jetzt, zum Schluß, kommt also notgedrungen der belehrende Epilog der Oper. Don Giovanni fährt zur Hölle...... und ...... die Frauenherzen seufzen... leider....

Das war alles perfekt dargestellt und hervorragend gespielt durch Marten Frank Larsen und Marek Wojciechowski. Erstklassig!!!

UND! Was haben wir nun daraus gelernt?

"Also stirbt, wer Böses tat.

Ja, dem Sünder wird Vergeltung,

Wenn die letzte Stunde nahmt!"****

Wirklich? Ja, dem Sünder vielleicht, aber bestimmt nicht Don Giovanni, denn wenn man es genau nimmt, hat er eigentlich viel Freude gebracht und wer Glück und Freude schenkt, dem sollten die Sünden doch vergeben sein, oder?

 

 

Eure Jana

 

 

..... noch unbedingt zu erwähnen, die die mir diesmal soviel Glück und Freude brachten:

Don Giovanni....... Morton Frank Larsen

Komtur...................Marek Wojciechowski

Donna Anna..........Mary Anne Kruger

Ottavio...................Raphael Pauß

Donna Elvira.........Katharina Warken

Leporello...............Marek Gasztecki

Masetto.................Ingolf Seidel

Zerlina...................Rosina Herrera

 

.... und an alle Anderem im "Hintergrund" einen lieben und herzlichen Dank für diese wunderbare und überaus hervorragende  Aufführung des Don Giovanni!

 

 

 

 

 

 

 

*Casanova, Vorrede aus den Memoiren; Quelle: Programm zur Oper, S. 20

** Aleister Crowley; Quelle Programm zur Oper, S. 11

*** aus dem Programm zur oper S. 21

**** Don Giovanni, 15. Szene