Nach der erfolgreichen "was-wäre-wenn-Shakespeare-sie-am-Leben-gelassen-hätte"-Inszenierung des "neuen theaters" zu Romeo und Julia, nun der Vorläufer zu dieser Kishonschen Misere: Shakespeares Original "Romeo & Julia" -- oder so fast - ebenso am "neuen theater" in Halle.

Ich möchte hier gleich vorweg nehmen, dass ich mich immer noch nicht zwischen "schwachsinnig" und "brillant" entscheiden kann.  Beides scheint bei dieser Inszenierung verdammt dicht beieinander zu liegen. Mein Zuschauerherz ist einerseits völlig entsetzt, aber andererseits überschwänglich begeistert. Also wundert Euch hier nicht, wenn ich etwas wirr daher rede.

Da einige meiner Bekannten sehr schlecht über diese Inszenierung des Stückes daher redeten, war meine ursprüngliche Intension eigentlich diese, daß ich es mir nicht ansehen werde. Meine ursprüngliche Intension wurde allerdings durch wenige aber unwiderlegbare äußere Einflüsse dahingehend beeinflusst, daß ich meine erste EntscheidCafe The Art in Halle November 2006ung kurzerhand überdachte und die ursprüngliche Intension zu Gunsten des Stückes daniederbrach - was soll's, wenn die Inszenierung Mist ist, hat man immer noch in gemütlicher Runde zu Abend gegessen und diesen somit genussvoll herumgebracht.

Im Unterschied zu unserem letzten kulinarischen Erlebnis in der Sternstraße, hatten wir diesmal wirklich genusvollen Genuss, zwar nicht mit Showbarkeeper Sallerandi, da zu zeitig, aber trotzdem im "Cafe the Art" nach Art des Hauses oder besser als Vorprogramm zur darauf folgenden Art des diesmaligen Abends. Kurz: Das Etablissement ist kulinarisch empfehlenswert und stilvoll bis hinunter zur wohl- und praktisch ausgestatteten Toilette. (ps. Ich weiß jetzt zwar nicht, wie das auf der Männertoilette war, aber von den liebevoll hergerichteten Accessoires der Damentoilette war ich begeistert.)

Nach frauentypischer Diskussion und Auswertung der uns gegebenen Gegebenheiten zog es uns alsdann zu diesem öffentlichen Platz nach der Stadt Verona um wie alle schaulustig Gaffenden dem traurigen Spiel und Schicksal der Häuser Capulet und Montague beizuwohnen.

Der Platz nicht gar so prunkvoll dargestellt, wie einst Verona in dieser jungen Zeit hätte aussehen mögen, - eher schlicht, doch dennoch des Luxus eines Swimmingpools nicht fehlend, zu dem die Gaffenden sich nicht in die Nähe wagten - mit recht, behaupte ich alsweil zu sagen.

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die das Schwatzen nicht konnte übertönen und so verschafften sich der Streitlust Zwei kämpfend das nötige Maß an Aufmerksamkeit. Diese mit Argwohn beobachtend, zog alsdann Stille ein zwischen den Gaffenden und den Schwatzenden und das Spektakel nahm seinen traurigen Verlauf so dicht der Augen nah, die ob dem traurig Ende keine Tränen halten konnten.

 

 

Der Einstieg in das Stück war hervorragend gemacht und in diesem Moment beschloss meine Meinung zu meinen, daß das eine brillante Inszenierung (Christian Weise) ist..... abgesehen allerdings von dem langweiligen Bühnenbild --- eigentlich gab es gar kein Bühnenbild, außer einen Swimmingpool mit geringfügig dekorativen Degen, in Summe vier und somit an jeder Ecke einen ---

Dem bösen Gemetzel in zeitgeraffter Deutlichkeit folgte nach überaus deutlicher Ansprache des Fürsten Escalus (Karl-Fred Müller) nicht etwa der Friede zwischen den beiden Großen, sondern eine todbringende Geschichte zweier Liebenden und erst nach bitterem Ende dieser, die Einsicht.

Am Anfang der Geschichte begann alles noch relativ harmlos, natürlich von dem Gemetzel abgesehen. Romeo war verliebt, allerdings noch nicht in Julia und Benvolio machte sich über ihn lustig - zumindest in der Inszenierung des "neuen theaters". Der Text dazu allerdings, behauptet das Gegenteil: ".... So fühl ich Lieb und hasse, was ich fühl! - Du lachst nicht?" "Nein, das Weinen ist mir näher."** Just in diesem Moment beschloss meine Meinung, daß die Beiden (Martin Vischer & Björn Geske) zwar süß waren und dass das auch wirklich sehr gut so in eine moderne Inszenierung passte, aber daß sie doch lieber die schönen Alten und Verstaubten mochte. 

Weiter geht es mit Liebe und Romantik und Dianas Witz, der Amor manchmal ganz schön dumm aus der Wäsche schauen lässt, so beim Zielen und Treffen.

"Dies Treffen traf dir fehl, mein guter Schütz;

Sie weicht dem Pfeil aus, sie hat Dianens Witz..."** Tja, was soll man dazu noch sagen, wahrscheinlich war sie schon vergeben - hmmm - so ist das eben mit der Liebe - in diesem Zusammenhang fällt mir auch sofort ein Gedicht von Heinrich Heine ein:

 

"Ein Jüngling liebt ein Mädchen,

Die hat einen andren erwählt;

Der andre liebt eine andre,

Und hat sich mit dieser vermählt.

 

Das Mädchen heiratet aus Ärger

Den ersten besten Mann,

Der ihr in den Weg gelaufen;

Der Jüngling ist übel dran.

 

Es ist eine alte Geschichte,

Doch bleibt sie immer neu;

Und wen sie just passieret,

Dem bricht das Herz entzwei." - seufz - Herz, mein Herz sei nicht beklommen..... und "Folg meinem Rat, vergiss an sie zu denken!"** - seufz - Benvolio hat gut Reden.... Herz, mein Herz sei nicht beklommen..... Herz, mein Herz sei nicht beklommen....

 

Programm zu Romeo und Julia - neues theater Halle November 2006Szenenwechsel/ Gedankenwechsel, kein Wechsel des Bühnenbildes, aber ein Wechsel der agierenden Personen. Andreas Range als Paris tritt in Erscheinung, mit hübschem Röckchen aus Schlips und ich bin mir nicht mehr sicher, ob er da schon seine Gitarre dabei hatte.

In dieser Szene verkuppelt der Herr des Hauses Capulet (Hilmar Eichhorn) seine minderjährige Tochter mit dem hübschen Paris ("Die schönste Blume von Veronas Flor."***) - sozusagen - und kündigt seine Party an, und hier passiert dann auch schon das alles beeinflussende und schicksalhafte dumme Missgeschick des armen leseschwachen Dieners. Der sucht ausgerechnet bei den Montagues und Anhängern Hilfe und Verständnis für sein Handicap.

Das Schicksal nimmt also alsdann seinen unbeirrbaren Lauf. 

Der Shakespeare hat sich das schon sehr gut ausgedacht. Das könnte glatt das wahre Leben sein. Ein kleines Steinchen bringt die alles zerstörende Lawine ins Rollen. Durch dieses klitzekleines Steinchen also verschlägt es den Spross der Montague samt Freunde auf das Fest der Capulet und sofort verliebt er sich dort in die hübsche Julia (Barbara Hirt), die Tochter des Hauses.

Liebe auf dem ersten Blick - was soll man dazu noch sagen? Gut dargestellt durch die Inszenierung und durch die beiden Schauspieler.

Danach dann das ganze Hin und Her zwischen den Liebenden und um sie herum. Vom Balkongeflüster bis zur heimlichen Trauung alles super und auch überhaupt noch nicht kritisch. Mit dem Beistand der Kirche oder eigentlich mit dem Beistand durch Bruder Lorenzo, dem Geistlichen, der nach Abwechslung sinnt und nach einem friedlichem Leben in Verona, binden sich die beiden für ihr ganzes Leben aneinander. Ein guter Zug von Bruder Lorenzo und eine sehr gute schauspielerische Leistung von Reinhard Straube.

Vorab allerdings gibt es noch die erfrischende und wichtige Erklärung des Klassenclowns Mercutio (super gespielt von Pascal Lalo) zu Frau Mab. "Frau Mab, wer ist sie?"**** Wollt Ihr wissen? Ja, das solltet Ihr auch wissen, denn sie befällt so Manchen und so Manches, selbst in der heutigen Zeit - setzt einen ganz wirre und dumme Träume in den Kopf und das nicht nur bei Nacht. Also seit vorsichtig, wenn Euch solch Wesen einmal begegnen sollte! Dann nicht die Augen zu machen und schon gar nicht träumen!

 

"Sie ist der Feenwelt Entbinderin,

Sie kommt, nicht größer als der Edelstein

Am Zeigefinger eines Aldermanns,

Und fährt mit'nem Gespann von Sonnenstäubchen

Den Schlafenden quer auf der Nase hin.

Die Speichen sind gemacht aus Spinnenbeinen,

Des Wagens Deck aus eines Heupferds Flügeln,

Aus feinem Spinngeweb das Geschirr,

Die Zügel aus den Mondes feuchtem Strahl;

Aus Heimchenknochen ist der Peitsche Griff,

Die Schnur aus Fasern;

Eine kleine Mücke im grauen Mantel sitzt als Fuhrmann vorn,

Nicht halb so groß als wie ein kleines Würmchen,

Das in des Mädchens müßgem Finger nistet.

Die Kutsche ist eine hohle Haselnuss,

Vom Tischler Eichhorn oder Meister Wurm

Zurechtgemacht,

Die seit uralten Zeiten

Der Feen Wagner sind.

In diesem Staat trabt sie dann Nacht für Nacht;

Befährt das Hirn Verliebter, und sie träumen dann von Liebe,

Des Schranzen Knie, der schnell von Reverenzen,

Des Anwalts Finger, der von Sporteln gleich,

Die schönen Lippen, die von Küssen träumen;

Oft plagt die böse Mab mit Bläschen diese,

Weil ihr Odem Näscherei verdarb.

Bald trabt sie über eines Hofmanns Nase,

Dann wittert er im Traum sich Ämter aus,

Bald kitzelt sie mit eines Zinshahns Federn

Des Pfarrers Nase, wenn er schlafend liegt,

Von einer bessern Pfründe träumt ihm dann;

Bald fährt sie über des Soldaten Nacken,

Der Träumt sofort von Niedersäbeln, träumt

Von Breschen, Hinterhalten, Damaszenern,

Von manchem klaftertiefen Ehrentrunk;

Nun trommelts ihm ins Ohr: da fährt er auf

Und flucht in seinem Schreck ein paar Gebete

Und schläft von neuem.

Eben diese Mab

Verwirrt der Pferde Mähnen in der Nacht

Und flicht in struppges Haar die Weichselzöpfe,

Die, wiederum entwirrt, auf Unglück deuten.

Dies ist die Hexe, welche Mädchen drückt,

Die auf dem Rücken ruhn, und die sie lehrt,

Als Weiber einst die Männer zu ertragen.

Dies ist sie - "****

Mercutio springt zur Musik auf und ab und fordert unfreiwillige Mitarbeit des geschockten Publikums, aber leider keinen Tanz am Ende, wie zu Shakespeares Zeiten.

Doch die Fröhlichkeit ging um und der Klassenclown stirbt zum Schluss - vielleicht so: Bringe die Menschen zum Lachen und sie töten Dich dafür. Nein, wohl nicht so wirklich. Der Spruch zum Sokrates passt besser zum Sokrates: Sokrates lief umher und verteile gute Ratschläge, die Menschen töteten ihn dafür. Nagut, kommt vielleicht aufs Selbe raus... kommt Zeit, kommt Rat - haha ---

Mercutio lief also umher und machte sich über alles lustig, Tybalt tötete ihn dafür. Was ich durchaus verstehen konnte, aber letztendlich doch traurig fand. Der wirre Knabe ward mir nun doch ans Herz gewachsen ist.

Der Liebling des Publikums ersäuft mit blutendem Herzen im Swimmingpool des Hauses. Da half auch leider nicht die Erste-Hilfe-Aktion und der Ruf ins Publikum nach einem Arzt. Nein, was einmal festgeschrieben ist, ist eben festgeschrieben. Mercutio stirbt durch die Hand von Tybalt. Das musste schon so sein, denn sonst hätte Romeo Tybalt ja nicht aus Wut und Zorn umbringen können. Wo er doch sonst so unglaublich friedliebend ist. Das hätte dann die ganze schöne traurige Handlung versaut.

Ich meine, er hätte schon können, aber keiner der Zuschauer hätte dann diese grausige Tat verstanden und Mitleid mit ihm gehabt. Shakespeare blieb also nichts anderes übrig, als seinen besten Clown zu opfern.

Die Kampfszene war übrigens wirklich choreographisch und darstellerisch hervorragend. Die ganze Inszenierung von Spaß und Spiel bis zum bitteren Ernst war brillant dargestellt. Nur die Sterbeszene, fand ich, war ein bisschen übertrieben. Aber sicherlich war der Schauspieler froh, daß er nach so viel hitziger Energieverschwendung endlich im hoffentlich kühlen Nass abtauchen und so völlig energielos darin umhergleiten konnte.

 

Der rächende Kampf des Romeo hingegen ward schneller beendet und der Tod des Tybalt ruck zuck abgearbeitet. Frank Benz ist mir schon in den letzten Kampfszenen im "Parzival" positiv aufgefallen und somit betrauerte ich schmerzlich den schnellen Tod dieses degenschwingenden Meisters. Ich meine, er war dem zarten Romeo sicherlich haushoch überlegen. Wahrscheinlich hatte Romeo nur Glück, oder in diesem Fall, wie es sich gleich darauf zeigte, eigentlich doch Pech. Nein, sie haben ihn nicht dafür umgebracht. Das wäre ja eine Kette ohne Ende geworden, nein, sie haben ihn nur verbannt. Dazu würde ein moderner Mensch jetzt natürlich sagen "Naund, dann ziehe ich eben um und meine Frau nehme ich auch mit." Aber in diesen alten Zeiten war das dann wohl doch nicht so schön - fernab von der Heimat süßen Klängen..... und spätestens hier beißt sich die Katze in den gestreiften Schwanz und schreit bei modernen Inszenierungen sich vor Entsetzen ihre Seele aus der kleinen Kehle. Das Moderne passt nun nicht mehr zu dem alten Text und den alten Gegebenheiten. Ein moderner Zuschauer in einer modernen Inszenierung kann sich auf keinen Fall in so eine Tragödie hineinversetzten wenn er nicht auch das schöne altmodische Ambiente dazu um sich hat.

Die Katze schreit immer noch und mir kommt dann auch wieder meine altmodische, romantische Seele durch und ich kann mich da genauso wenig hineinversetzen wie die schreiende Katze und alles wird irgendwie zu einer Farce und lächerlich. Nein, da lobe ich mir doch eher die alten englischen Inszenierungen am Londoner West End. Da passt alt zu alt und neu zu neu. Da hatte ich bis jetzt immer das Gefühl in alte Zeiten versetzt zu sein und das Verständnis für alle Beteiligten. Das Wieso und Warum kam viel deutlicher beim Zuschauer an. Hier in der "Moderne" wundert man sich nur, warum er denn so ein Gezeter darum macht und nicht zu seinen Verwandten, sagen wir mal nach Amerika, oder noch schöner nach Neuseeland auswandert? Alles wäre Bestens und das Ende dann auch nicht gleich so tragisch. Ja, das ist das Problem. Die modernen Inszenierungen sind in diesem Punkt einfach unglaubwürdig. Vielleicht probiere ich "Romeo & Julia" noch einmal in Dessau und dann entsage ich der Moderne bei alten Stücken und verlege mich doch besser auf das Londoner West End.

 

Ich denke den Verlauf des Stückes muss ich Euch hier jetzt nicht weiter erklären. Der sollte bei einem gewissen Maß an Allgemeinwissen eigentlich in Euren Köpfen vorhanden sein.

Aber es ist schon erstaunlich, dieser William Shakespeare ist einfach brillant und "Romeo & Julia" wirklich eines seiner Meisterstücke. Jeder Satz und jede Figur, die ihn spricht, ist hervorragend durchdacht. Es ist eine wahre Freude das Stück im Nachhinein noch einmal durchzulesen."Die Braut vom Lammermoor" - Eugène Delacroix (Quelle: Programm der Oper)

Ich denke, das "neue theater" hat diesen Shakespeare sehr gut umgesetzt - ja, vielleicht nicht gerade in meinem Stil und zur Befriedigung meiner altmodisch romantischen Ambitionen, aber vom Sinn und Verstand her hervorragend. Da kann man nicht meckern und vermutlich sollte man es auch weiterempfehlen - ABER Vorsicht! Das ist kein Stück für uns Romantiker und wohl auch kein Stück für die ältere Generation. Hier würde ich sagen "Lasst es und seht Euch lieber die Oper "Lucia di Lammermoor" im halleschen Opernhaus an" - ähnlich gelagerte Handlung, aber viel mehr Inszenierung fürs Herz und für eine romantische Seele wie die meine.

 

Ja, sehr ähnlich gelagerte Handlung: Streit zwischen zwei größeren Häusern, hier allerdings in Schottland..... eine heimliche Liebe zwischen zwei bedauernswerten Seelen ... sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief... eine Ehe, oder hier nur ein Eheversprechen und dann das tragische Ende.... sie konnten zusammen nicht kommen, der Graben, den Andere zwischen ihnen gruben war viel zu tief... Die Gesellschaft zeigt mit dem Finger darauf und sagt, es passt nicht zusammen... Capulet und Montague, Graf und Chansonette und eben Ashton und Ravenswood. Was sich einmal im gesellschaftlich manipulierten Hirn der Gemeinschaft festgesetzt hat, ist schwer da wieder hinaus zu bekommen. Noch schlimmer, die Gesellschaft wehrt sich mit allen Mitteln und lässt es nicht zu. Zum Untergang verdammt, in den Tod getrieben - damals, wie auch heute noch. Aber was passt denn nun zusammen? Ist das wirklich die Frage? Oder ist es eigentlich die Frage: Was gehört denn nun zusammen? Die Liebe kann überall entstehen und meistens entsteht sie da, wo man sie am wenigsten vermutet und wo man überhaupt nicht damit rechnet. Die Liebe ist eben ein merkwürdiges Wesen, schleicht sich in Dein Herz und bringt alles durcheinander. Sie schert sich überhaupt nicht darum, ob das auch gesellschaftlich oder thematisch zusammen passt. Nein, im Gegenteil, es macht ihr Spaß gerade die ungewöhnlichsten Konstellationen auszuprobieren. Sie will sich nicht langweilen mit Einheitlichkeit und Einfachheit, nein, am meisten verlangt es ihr nach verschlungenen Wegen und danach Sachen zu verkomplizieren, die eigentlich auf der Hand liegen. Die Menschen helfen ihr sehr gut dabei. Sie handeln nicht einfach nach ihrem Instinkt, wie das sonst jedes Lebewesen macht auf dem Erden Rund - nein, der Mensch denkt! .... und Gott lenkt....  Pustekuchen, es kommt immer anders, als man Zweitens denkt!

 

"Ach! Den Lüften will ich klagen

Der Sehnsucht heißes Flehen,

Sie sollen es Dir sagen

In stillen Abendwehen;

Dir sagen, wie ein treues Herz

Im Grame fast vergeht.

Weih denn eine Träne mir,

Die dich so innig liebt!"****

 

Gaetano Donizetti (1797-1848) (Quelle: Programm der Oper)Wunderschöne Opernklänge schon bei dem Orchestervorspiel.... so herrlich düster, daß sie sich gleich in die Seele eingraben und man schon bei den ersten Takten denkt, was für eine wundervolle Musik.....

Ich habe Donizettis Oper "Lucia di Lammermoor" an diesem 18. November das erste Mal gehört und gesehen und vom ersten Takt an war ich begeistert. Byron Knutson gab diesmal diesen an und unser Operhaus hat ihn mit einem hübschem Bühnenbild sehr gut in Szene gesetzt (Paul Curran). 

Die Jagdszene zwar nicht im Wald aber dafür mit zwei hübschen, braven Hunden in einem alten schottischen Jagdschloss. Das Bühnenbild (Paul Edwards) dazu war hervorragend, sogar hinter dem Fenster sah man die Nebel vorbei ziehen und die Lichteffekte, die so jeweils die verschiedenen Tages- und Nachtzeiten mit sich brachten, waren hervorragend umgesetzt! 

Ich konnte mich phantastisch in eine alte schottische Landschaft hineinversetzen und mit diesem wunderbaren Eingangsbild auf der Leinwand war die Illusion perfekt gelungen.

 

Die herrliche italienische Opernmusik zog weiter in locker leichtem Takt in mein Gemüt - da geht es mir mit Donizetti genauso, wie mit Verdi - da kann die Oper noch so eine todtraurige Handlung haben, die Musik ist immer locker leicht und unbeschwert..... zumindest für meine Begriffe und Gefühlswelt. Alles bricht zusammen, aber die Musik tönt fröhlich daher. Dieses Phänomen würde ich mir gern mal näher erläutern lassen?

 

Das Jagdgefolge feiert die Ausbeute und Lord Ashton spricht von "wilden Grimm" zu Edgardo - wie auch beim alten Shakespeare liegen hier beide  Häuser im Streit. Sir Edgardo di Ravenswood liebt die schöne Lucia Ashton, die Schwester des voller wilden Grimm über ihn daher redenden Lord Ashton. Die Probleme bahnen sich also auch hier ihren Weg bis zum unausweichlichen Desaster. Leider war von Lord Asthons Grimm in dieser Aufführung nicht allzu viel zu spüren. Giuseppe Garra hatte zwar eine hervorragende Stimme, aber irgendwie war seine Mimik nicht dementsprechend. Aber gut, vielleicht konnte ich das von dort oben im zweiten Rang nicht so gut erkennen - aber für mich sah er einfach nicht wütend aus. --- heute habe ich mir in Leipzig auf dem Flohmarkt ein wunderschönes altes Opernglas mit wunderschönen Perlmuteinfassungen und nach sehr intensiven Putzen dann auch hervorragenden Linsen, gekauft. Das, damit ich das nächste Mal, wenn ich im zweiten Rang sitze, die Mimik der Darsteller besser sehen kann. Der zweite Rang ist im halleschen Opernhaus bis auf die ersten drei Reihen, ein hervorragendes Plätzchen. Man braucht sich nicht den Hals wegen der Übertitel zu verrenken und hat eine sehr gute Akustik mit umfassenden Blick auf die Bühne. Allerdings braucht man für so manche Mimik halt ein Opernglas - allerdings bei der hervorragenden Mimik von Romelia Lichtenstein war kein Opernglas von Nöten. Die "Mordszene" war erstklassig interpretiert, so daß mir selbst da oben im zweiten Rang das Blut in den Adern gefror.

 

Auch hier muss der Geliebte das Land verlassen und seine Liebe zurücklassen. Allerdings gibt es nicht ganz so viel Tote nebenbei und auch keine Fechtszenen im Swimmingpool.

Edgardo trifft Lucia noch einmal mit schöner Stimme bevor er gehen muss. Anfangs fand ich die Stimmen ein bisschen sehr zaghaft, so dort oben vom zweiten Rang aus, aber nach der Pause in absoluter Hochform. Die Sterbearie des Edgardo war erstklassig von Hector Sandoval gesungen und gespielt.

 

"Dies Herz, das heiß und treu geliebt,

Bald wird es nicht mehr schlagen,

Und ohne Klage still und stumm

Wird man's zu Grabe tragen!

Mein Tod wird wie mein Leben sein,

Kein Auge weint um mich.

Auch du, die einst mir alles war,

Wirst meiner kaum gedenken,

Doch solltest einst die Schritte du

Nach meinem Grabe lenken,

So denk, hier ruht ein treues Herz,

Es litt und brach für Dich!"*****

 

.... und einiges davor, Lucias Selbstmordarie und das absolute Highlight dieser Oper, das Duett Romelia Lichtensteins mit der Soloflöte - phantastisch!!! Wenn ich daran denke, ist mir jetzt noch ganz unheimlich zu mute und meine Wangen beginnen zu glühen.

 

 

Genau wie bei Romeo und Julia sollte auch hier die Braut die Braut eines anderen werden, obwohl Treue und Hochzeitsschwüre dem Geliebten galten. Durch Intrige und Hinterlist schien das diesmal auch zu funktionieren. Nur leider hatte hier der Andere schon in der Hochzeitsnacht das Nachsehen --- Das hübsche schottische Hochzeitsfest wird durch Tod und Wahnsinn zum Trauerspiel. (ps. Also diese Männer in den Schottenröcken machen Frau schon ein bisschen die Knie weich - da sag noch mal einer Männer in Röcken sind nicht anziehen ;-).

... und das Trauerspiel nimmt seinen traurigen Lauf: Lucia stürzt sich zu Tode, Edgardo ersticht sich nach einer phantastischen Arie um mit Lucia vereint zu sein, ich saß heulend im zweiten Rang und das nennt der Mensch nun Vergnügen.

 

"O welch schreckensvolles Ende!"******* Oh, welch wundervolle Oper......

 

 

 

Eure Jana

 

 

 

 

 

*"Romeo & Julia" William Shakespeare Übersetzung August Wilhelm von Schlegel, 3. Akt, 5. Szene

**"Romeo & Julia" William Shakespeare Übersetzung August Wilhelm von Schlegel, 1. Akt, 1. Szene

***"Romeo & Julia" William Shakespeare Übersetzung August Wilhelm von Schlegel, 1. Akt, 3. Szene

****"Romeo & Julia" William Shakespeare Übersetzung August Wilhelm von Schlegel, 1. Akt, 4. Szene

*****"Lucia di Lammermoor", Geatano Donizetti/ Salvatore Cammarano (Walter Scott), 1. Akt, 2. Bild, 5. Auftritt

******"Lucia di Lammermoor", Geatano Donizetti/ Salvatore Cammarano (Walter Scott), 3. Akt, 2. Bild, 8. Auftritt

*******"Lucia di Lammermoor", Geatano Donizetti/ Salvatore Cammarano (Walter Scott), Ende