1958Plane mit, arbeite mit, regiere mit...

.....das war 1958 - ja, so verändert sich die Zeit und vieles gerät in Vergessenheit. Ich habe mit Schrecken feststellen müssen, daß ich kaum noch etwas über die 60er Jahre weiß. Gut, ich wurde erst 1969 geboren, aber wir hatten doch soviel davon damals in der Schule und ich kann mich kaum erinnern. Ja, ich weiß noch wie Walter Ulbricht aussah und wie die SED gegründet wurde und wie Chruschtschow während einer UNO Vollversammlung mit seinem Schuh auf das Podium hämmerte, aber sonst sieht es ziemlich dürftig aus mit meinem Wissen über diese Zeit. Ich denke, da habe ich noch etwas Nachholbedarf und sollte doch meine Lücken schließen.

So war es doch ein guter Anfang die Revue 60 des "neuen theaters" hier in Halle zu besuchen. Nach der traurigen "Wannseekonferenz" von letzter Woche, war auch wieder etwas Aufheiterndes fällig. Nicht, daß die 60er Jahre immer Spaß machten, das war sicherlich ganz und gar nicht so, aber die Revuen des nt's machen Spaß und genau DAS brauchte ich jetzt.

Programm des ntEs sieht wohl so aus, als ob ich mich in letzter Zeit viel mit Geschichte beschäftige. Beides sehr interessante Themen, aber leider bleibt kaum Zeit etwas tiefer in die Geschichte einzutauchen, da ich hier und jetzt eigentlich nicht tippen, sondern für die Prüfung zur "Internationalen Wirtschaft" am 16.04. lernen sollte. Auch ein sehr interessantes Thema, wo man sich gern drin vertiefen möchte, aber leider, wie immer fehlt die Zeit. Mich interessieren so viele Sachen, daß ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Es ist wirklich schwer zu priorisieren. Ja, Geschichte wäre auch eine schöne Studienrichtung, oder Volkswirtschaft, oder auch Kunst... alles sehr interessant. Leider bin ich bei BWL gelandet, was nicht ganz so interessant ist (für mich), aber hoffentlich im Job weiterhilft.
Schön aber, daß es dort einen kleinen Teil Volkswirtschaft gibt und schön, daß unser Professor Blazejczak spitze ist und sehr gut erklären kann. Ich könnte ihm stundenlang zuhören - und DAS will wirklich was heißen, denn im Allgemeinen bin ich froh, wenn ich die Uni nicht sehe und die vielen Prüfungen irgendwie überstehe. Aber eigentlich war das nicht das Thema dieses Berichtes. Ich muß besser aufpassen, daß ich mich hier nicht verplaudere.

Ulbricht in BunaDiesmal war nicht nur Theaterabend, sondern auch Elterntag. 
Ich dachte mir, weil sie mir so nett mit dem Umzug in die neue Wohnung helfen und weil ich sie liebe und weil die 60er ein bißchen ihre Zeit waren, lade ich sie doch einfach zur Revue 60 ein. Erst gab es natürlich ein großes Geschrei, da wir doch mitten im Umzug sind und man (oder Frau) da doch keine Zeit für Theater hat und schon gar nicht für's nt, aber dann freute man sich doch auf ein schönes Programm und noch mehr auf einen netten Tanzabend. Meine Eltern waren seit der Wende nicht mehr im halleschen Theater. Ich weiß nicht, warum sie ihm gegenüber solche Vorurteile haben aber ich denke mir, egal, was das ist, man sollte sie abbauen. Mir jedenfalls ist es das liebste Theater und ich hoffe auf noch viele neue, interessante Vorstellungen.

Das Dinner gab es diesmal somit auch bei den Eltern - ja, es war wieder mal schön echte Hausmannskost zu bekommen. Kann ich nur jedem empfehlen. Das ist besser als jedes Restaurant, was ich kenne und es ist kalorienbewusster.
Wilhelm Pieck in Buna Nach dem Essen noch schnell in Schale geworfen und Freundin Susi abgeholt. Ich frage mich, wieso eigentlich immer ich fahren und dann dieses furchtbare alkoholfreie Bier trinken muß. Ich glaube, ich muß DAS das nächste mal anders organisieren. 
Vor dem nt trafen wir uns noch mit meiner Arbeitskollegin nebst Mann und so waren wir eine nette 6er Runde. Als 6er Runde sollte man auch nicht zu spät im Theater erscheinen, damit man noch zusammenliegende Plätze bekommt. Allerdings zu früh ist auch nicht schön, da man dann vor dem Theater Schlange stehen muß - obwohl das ja wiederum zur Revue 60 passt. - Ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie wir zu Ostzeiten immer Schlange stehen mußten. Diesmal also waren wir ein paar Sekunden zu zeitig und so kamen wir noch in den Genuß am Einlass Schlange zu stehen. Herrlich, ich kam mir vor wie in der Straßenbahn, damals, als ich immer damit auf Arbeit fahren mußte. Luft anhalten, Bauch einziehen, Ellbogen anwinkeln und reiiiiiiiin. Bei diesem wunderschönen Gedrängel traf ich auch noch eine weitere Arbeitskollegin mit Familie und wir konnten zwischendurch ein bißchen schwatzen. Hehe, wirklich! wie früher in der Straßenbahn. Ja, schon das weckte alte Erinnerungen. Straßenbahn fahren hatte echt was für sich. Man konnte nach Feierabend immer so schön abdösen, natürlich nur, wenn man einen Sitzplatz hatte und im Winter war es immer so kuschelig warm UND, es konnte nie einer umfallen bei dem Gedränge. Solch volle Straßenbahnen hat der Westen noch nie erlebt und am Schönsten war es, wenn sie wiedermal eine Panne hatten, was natürlich dauernd vor kam. Ja, da hatten wir immer die beste Fitness, dann hieß es nämlich laufen... Wer in der Stadt arbeitete war gut dran, ich allerdings mußte von Ammendorf bis Buna immer 4 km im tiefsten Winter und Schneesturm laufen. Ja, Wir hatten keine Gewichtsprobleme!

Diesmal waren die Tische in langen Reihen aufgestellt, nicht so günstig wie bei der Wende-Revue. Wir und die Kellner/-innen hatten ein schweres Durchkommen. Vor allem, als ich ausgerechnet mitten in der Vorstellung auf die Toilette mußte. 'Tschuldigung, 'tschuldigung, 'tschuldigung - Gott war das peinlich. Es tat mir ja wirklich leid, aber der Kaffee bei den Eltern und das alkoholfreie Bier, waren einfach zu viel. Und das auch noch ausgerechnet dann, als die Beatles auftraten und von der DDR verboten wurden - ja, recht hatten sie! Was waren das für Chaoten ;-)
Die Vorstellung war wieder einmalig. Walter Ulbricht und Nikita Chruschtschow - herrlich! Die Stimmen und die Mimik, alles paßte perfekt. Die Kostüme, vor allem die Kittelschürzen waren spitze. Wirklich schade, daß die Revue 60 nur noch einmal gespielt wird. Sie ist wirklich gut und sehenswert - ein schönes Potpourri durch alte Erinnerungen. Selbst meine Eltern waren begeistern. Nicht ganz ohne Kritik, versteht sich, aber die kleinen Fehler waren tolerierbar und es hat ihnen sehr gefallen. Und DAS, liebes nt, ist wirklich ein großes Lob und hat eine hohe Bedeutung. Wenn meine Eltern sagen "sehr gut", dann war es auch sehr gut! 
Wie es aussah hat es auch dem Rest des Publikums gut gefallen. Die Vorstellung war ausverkauft und die meisten der Zuschauer waren im Alter meiner Eltern. Ich finde, es ist eine wirklich gute Idee des Theaters solch einen Abend zu veranstalten. Den Schauspielern muß man es wirklich hoch anrechnen. Sie waren von 19:30 bis fast 0:00 Uhr für ihr Publikum auf den Beinen und ließen keine Müdigkeit aufkommen und das für nur 15,50 EUR Eintritt. Wirklich eine großartige Leistung! Vielen Dank an das gesamte Team!!! Ihr wart spitze.

Nach dem Schnitt durch die Geschichte der 60er und eine 20minütigen Pause mit Dinner, gab es dann auch wieder Tanz für jedermann zu den vom Theaterensemble gesungenen, zu den 60ern passenden Songs. Mich hielt es natürlich, wie immer, nicht auf meinem Sitzplatz. Leider hatten sie diesmal zu viele langsame Songs dabei. Das war zwar nett für die Liebespärchen unter den Zuschauern, aber für mich und Susi nicht ganz so günstig. Wir wollten ja nicht unbedingt Wange an Wange tanzen. So mußte ich nach jedem zweiten Lied leider wieder auf meinem Platz und durfte mich durch die ganze Reihe, bis zur Mitte durchkämpfen, was den Damen und Herren auf den vorderen Plätzen nicht so richtig gefiel. "Also meine Damen und Herren der vorderen Plätze! Wenn Ihr hier nicht so faul herum sitzen, sondern ab und zu mal tanzen würdet, würde ich Euch mit meinem hin und her auch nicht so stören. Es tut mir leid, aber ICH tanze nun mal gern und deshalb drängele ich mich hier auch jedes Mal durch - nein, eigentlich tut es mir nicht leid. Wenn Ihr solche Triefnasen seit, habt Ihr es verdient gestört zu werden! Weswegen seit Ihr hier? Leute! Vergnügt Euch - und tanzt!!!"
Eigentlich kann ich ja auch gar nicht zusammen tanzen. Ich hatte schon mal erwähnt, daß ich ein Kind der "Neuen Deutschen Welle" bin, und wir leider nie so richtig tanzen gelernt haben, aber das hielt mich natürlich nicht ab trotzdem das Tanzbein zu schwingen. Naja und mit meinem Vater konnte ich dann doch wunderbar zusammentanzen. Er meinte bei der richtigen Führung klappt das auch - was für ein Mann! Meine Mutter hat da wirklich Glück gehabt ihn zu treffen. Ja, so etwas hätte ich auch gern. Einen Mann, der endlich mal die Führung übernimmt!

Oh ja, es war wirklich ein schöner Abend und ich hätte die ganze Nacht weiter machen können, aber leider soll man ja aufhören, wenn es am Schönsten ist. Das Ensemble bekam einen wunderbaren Beifall und nötigte Peter W. Bachmann ein Schlusswort zu halten. Ja, er hat recht und ich schließe mich seinem Aufruf an: Leute geht ins Theater! Es ist das Beste, was Euch passieren kann und es würde uns soviel verloren gehen, wenn es kein Theater mehr in Halle geben würde!

Vielen Dank für diesen wunderschönen Abend und weiterhin viel Erfolg dem neuen theater!

Eure Jana.