The Rake's Progress - Die Karriere eines Wüstlings
Oh ist mir schlecht - natürlich nicht von "The Rake's
Progress"! Dafür gäbe es wirklich keinen Grund. Nein, ich habe soeben einen
"Negerkuss" verdrückt - Oh Schande, was für eine Sünde - und jetzt ist mir
schlecht davon. Die Dinger werden auch immer süßer - i gitt. Aber irgendwie
hatte ich gerade Appetit auf etwas Schokoladiges. Wahrscheinlich dachte mein
Geist, er bräuchte eine Belohnung, wo er doch heute den ganzen Tag über den
Büchern brütete.
Leider hat mein gesunder Menschenverstand mit seiner
Diätmoral diesmal das Rennen gegen die Schokoladenlust verloren. Aber ich weiß,
es gibt ganz bestimmt ein nächstes Match, wo e
r wieder eine Chance bekommt...
Gestern habe ich mir also die Strawinsky Oper "The Rake's
Progress" angesehen.
Eigentlich wollte ich sie mir gar nicht ansehen. Ich mag so moderne Opern nicht
wirklich gern, aber nachdem ich zufällig das Interview mit Axel Köhler (wmv;
ca. 3,5 mb) im Halle
TV gesehen habe, beschloß ich diesen Versuch zu wagen. Ich hatte Axel Köhler
noch nie als Countertenor gehört und war jetzt doch ein bißchen neugierig.
Außerdem war ein "alter Bekannter" aus "Imeneo" mit dabei - Gregory Reinhart - und
mit so zwei fantastischen Stimmen konnte doch eigentlich nichts schief gehen und
der Abend versprach ein Genuß zu werden, egal, was das für eine Oper werden
würde.
Wieder schaffe ich es vorher noch zu einem exzellenten Dinner
und wieder im "Las Salinas". Ich glaube, ich sollte das nächste Mal etwas
anderes ausprobieren, denn drei Wochen hintereinander im selben Restaurant fällt
langsam auf.
Es gefällt mir wirklich sehr gut dort und es hatte sich auch diesmal wieder
gelohnt und vom "Las Salinas" zum Opernhaus ist es auch nur ein Katzensprung -
vielleicht 5 min zu Fuß.
Noch schnell am "nt" vorbei um die Karten für die
"Wende Revue" zu holen, wo ich Anfang März mit meinen Kollegen hingehen werde,
und dann pünktlich zur Konzerteinführung ins Opernhaus.
Die wollte ich diesmal
nicht verpassen, da ich von "The Rake's Progress" vorher noch nie etwas gehört
hatte und es mir interessant schien mehr darüber zu erfahren.
Die Konzerteinführung gab wieder der Dirigent Pavel Baleff. Er wird immer besser
und diesmal schien er auch nicht so nervös wie beim letzten Mal, nur ein bißchen
zappelig, was ihn aber durchaus sympathisch macht.
Seine Ausführungen waren sehr interessant, obwohl ich zugeben muß bei so manchem
nur die Hälfte verstanden zu haben.
Unglaublich war, daß Strawinsky viele seiner
Stücke in zwei Tonarten schrieb. Pavel Baleff spielte es am Flügel vor uns es
klang genauso genial, wie nachher unten vom ganzen Orchester gespielt. Er sprach
davon, daß Strawinsky einiges in seiner Oper von großen Meistern geklaut hat -
oh 'Tschuldigung, daß heißt "zitiert" hat.
So gab es z.B. Ähnlichkeiten zu Mozarts "Don Giovanni", die selbst ich
herausgehört habe. Leider war die interessante Einführung viel zu schnell vorbei
und ich konnte mir auch nicht alles merken, was mich sehr ärgert, denn ich hätte
gern noch ein bißchen mehr dazu geschrieben.
Ich saß wieder in meiner Lieblingsreihe, diesmal allerdings
auf der linken Seite und der Orchestergraben war ärgerlicherweise immer noch so
tief unten, so daß man niemanden sehen konnte. Naja, wenigstens stand der
Dirigent wieder etwas höher. Er wurde mit Beifall begrüßt und alsdann begann das
Spiel.
Die Ouvertüre war sehr laut aber wohlklingend. Schon nach den ersten Takten
dachte ich mir, daß Strawinsky wohl nicht schlecht werden würde.
Es dauert nicht
sehr lange bis der Vorhang sich liftete und ein nett aussehendes Bühnenbild frei
gab. Der Frühling erwärmte den Saal und zwei Liebende turteln vor einer Statue -
oh wie romantisch. Ann und Tom, gesungen von Anke Berndt und Nils Giesecke,
beteuerten sich ihre Liebe.
Anns Papa (Jürgen Trekel) erscheint und bietet Tom eine nette Stellung in einer
Londoner Bank an. Dieser setzt lieber auf sein Glück und lehnt ab - was für
ein Träumer.
Am Anfang war die Musik sehr laut, man merkt, daß Strawinsky die Oper nicht sehr
mochte,
denn die Sänger kamen gar nicht zum Zuge. Die Musik war hervorragend,
aber die Stimmen schienen mir etwas dünn. Ich dachte schon, daß Pavel Baleff ein
bißchen zu dick auftrug, bis Gregory Reinhart mit seinem starken Bass zeigte, daß
es nicht am Orchester lag.
Was für eine herrliche Stimme. Er sang Nick Shadow
hervorragend. Sie hätten keinen besseren finden können. Selbst sein
schauspielerisches Können war brillant. Er gefiel mir hier sogar noch besser als
im "Imeneo".
Sein schwarzes Outfit paßte wunderbar zu seiner schwarzen Seele und
die Idee mit dem Kontrast zu dem völlig in weiß
gekleideten Tom Rakewell fand
ich wunderbar.
Diesmal hatten sich Kostüm und Maske wirklich ins Zeug gelegt.
Die Kostüme von José-Manuel Vazquez haben mir damals schon bei der "Hochzeit des
Figaro" sehr gut gefallen. Allerdings fand ich sie im Spettacolo Barocco nicht
so berauschen - naja gut, man kann ja nicht immer ins Schwarze treffen.
Auch beim Bühnenbild (Heinz Balthes) haben sie mich diesmal gefangen. Der erste
Akt im Frühling gefiel mir sehr gut, aber noch besser war das Bühnenbild bei den
Szenen im Freudenhaus - wirklich genial und was für ein Kontrast zur
Frühlingsszene. Allerdings wäre das Bühnenbild nur halb so schön gewesen, wenn
es nicht die sehr gute Beleuchtung gegeben hätte. Matthias Hönig macht das
wirklich perfekt. Dieses Dunkelrot war einfach spitze und verbreitete eine
wunderbare Stimmung. Die rot angestrahlten Statuen und der Chor wirkten richtig
unheimlich. Auch hier gefielen mir die Kostüme. Besonders aber möchte ich
hervorheben, daß die Kostüme der Diener im 2. Akt sehr gut gelungen waren. Die
schwarzen "Fracks" mit rot abgesetzten Biesen sahen wirklich toll aus. Ebenso
das Kostüm von Axel Köhler als Türken Bab. Wenn er nicht gerade seine Taille
zeigte, sah er richtig elegant aus ;-).
Vielen Dank auch an die Inszenierung (Klaus Froboese), daß sie sich die sonst so
üblichen lächerlichen Einlagen gespart haben. Ich finde diesmal wirklich nichts
zu meckern. Alles war genau richtig.
Die Idee Mutter Goose in der Statue zu verstecken war brillant. Überhaupt
gefielen mir die
Wechsel des Bühnenbildes, obwohl ich nicht als Sänger unter den
Wänden des Frühlings hätte stehen mögen. Ich habe immer gedacht:
'Hoffentlich halten die Seile!'
Auch eine gute Szene, fand ich, war als Nick die Uhr zurück laufen ließ. Das schien richtig unheimlich und Gregory Reinhart zeigte sich wirklich in Hochform an diesem Abend. Niels Giesecke sah ganz schön blass aus im Duett mit ihm.
Im zweiten Akt bekamen wir dann endlich Toms zukünftige Frau,
die Türken Bab, zu sehen. Sie wurde in einer Senfte hereingetragen - herrlich -
und wenn ich nicht gewusst hätte, daß Axel Köhler da singt, hätte ich geschworen,
eine Frau gehört zu haben. DAS war die zweite brillante Stimme an diesem Abend.
Auch er spielte hervorragend.
Was für eine verrückte Oper. Die Handlung wurde
immer schriller. Man sollte meinen Strawinsky mache sich lustig über die Oper,
was ein großer Erfolg war, denn den Zuschauern schien es zu gefallen. Es war
auch ziemlich voll heute. Fast alle Plätze waren besetzt, was ich nicht gedacht
hätte, da es ja eine relativ moderne Oper ist. Es hat sich wohl herumgesprochen,
daß sie sehenswert ist.
Tom ist mit seiner Ehe nicht zufrieden. Seine Frau plappert
ihn zu und ist unausst
ehlich. Um dem Ganzen zu entfliehen verfängt er sich in
Träumereien, die Nick Shadow sofort zu seinen Gunsten aufgreift und "wirklich"
werden lässt. Das Ganze ist so irrsinnig, daß Tom nur verlieren kann. Im dritten
Akt ist er somit auch pleite und muß fliehen. Nick ist immer an seiner
Seite, lauernd auf die Gunst der Stunde. Ann sucht weiter nach ihrem Geliebten
und lässt sich durch die Türken Bab darin bestärken.
Als Nick seine Zeit gekommen sieht fordert er seinen Lohn, wie sollte es anders
sein, natürlich Toms Seele. Wie das bei dem Teufel so üblich ist, spielt er sehr gern und so auch hier (Strawinsky hat wirklich kein Klischee
ausgelassen).
Mit mehr Glück als Verstand gewinnt Tom die Wette und Nick fährt
ärgerlich zur Hölle. Natürlich nicht ohne Tom vorher zu verfluchen und ihn
mit Wahnsinn
zu strafen. Dieser hält sich alsdann für Adonis und sucht seine geliebte Venus. Da sieht man
mal wieder, in der Not, kommen sie alle wieder zurück.
Der dritte Akt spielt in einer Irrenanstalt. Der Chor stellte das so gut dar, daß ich mich
richtig beklommen fühlte und nicht mit Tom hätte tauschen wollen. Zwischen den
ganzen Irren taucht nun endlich seine geliebte Ann auf und siehe da, sie liebt ihn immer noch....
und..... veräßt ihn dann trotzdem. Er meint, die Irren um ihn herum hätten sie
gestohlen und stirbt daran. Die Irren beklagen seinen Tod.
Strawinsky zieht das ganze Register und ich meinen Hut vor ihm. Er ist wirklich
ein witziger Bursche. Am besten ist die Moral am Schluß. DAS mußte ja noch kommen.
Also liebe Männer, es ist natürlich nicht so, daß Euch die Frauen ihre ganzes
Leben lang nachlaufen und so treu sind wie diese Ann. Und liebe Frauen seht Euch
vor den Männern vor, das sind alles Verbrecher - aber das haben wir ja schon
immer gewusst. Und zu guter Letzt, Faulheit und Müßiggang werden immer bestraft
und der Teufel freut sich Euch faules Pack in seiner Hölle zu begrüßen. Also gebt
acht und lernt Karten spielen ;-)
So, liebes faules Pack, nun macht Euch auf
vom Fernsehsessel und schaut Euch die Oper an. Es lohnt sich wirklich.
Nicht alle Stimmen sind großartig, aber die
Gregory Reinharts auf alle Fälle und Axel Köhler sollte man unbedingt gehört
haben.
Das Orchester war so gut, daß es den meisten Beifall bekam, was mir auch
noch nicht unter gekommen ist, worüber ich mich aber sehr freue, da sie sonst
eigentlich meiner Meinung nach immer zu kurz kommen. Also auch von mir einen
special Dank an das Orchester mit ihrem sympathischen Dirigenten.
Eure Jana