The Rake's Progress - Die Karriere eines Wüstlings

Oh ist mir schlecht - natürlich nicht von "The Rake's Progress"! Dafür gäbe es wirklich keinen Grund. Nein, ich habe soeben einen "Negerkuss" verdrückt - Oh Schande, was für eine Sünde - und jetzt ist mir schlecht davon. Die Dinger werden auch immer süßer - i gitt. Aber irgendwie hatte ich gerade Appetit auf etwas Schokoladiges. Wahrscheinlich dachte mein Geist, er bräuchte eine Belohnung, wo er doch heute den ganzen Tag über den Büchern brütete. 
Leider hat mein gesunder Menschenverstand mit seiner Diätmoral diesmal das Rennen gegen die Schokoladenlust verloren. Aber ich weiß, es gibt ganz bestimmt ein nächstes Match, wo e
Igor Strawinsky (1882 - 1971)r wieder eine Chance bekommt...

Gestern habe ich mir also die Strawinsky Oper "The Rake's Progress" angesehen.
Eigentlich wollte ich sie mir gar nicht ansehen. Ich mag so moderne Opern nicht wirklich gern, aber nachdem ich zufällig das Interview mit Axel Köhler
(wmv; ca. 3,5 mb) im Halle TV gesehen habe, beschloß ich diesen Versuch zu wagen. Ich hatte Axel Köhler noch nie als Countertenor gehört und war jetzt doch ein bißchen neugierig. Außerdem war ein "alter Bekannter" aus "Imeneo" mit dabei - Gregory Reinhart - und mit so zwei fantastischen Stimmen konnte doch eigentlich nichts schief gehen und der Abend versprach ein Genuß zu werden, egal, was das für eine Oper werden würde.

Wieder schaffe ich es vorher noch zu einem exzellenten Dinner und wieder im "Las Salinas". Ich glaube, ich sollte das nächste Mal etwas anderes ausprobieren, denn drei Wochen hintereinander im selben Restaurant fällt langsam auf.
Es gefällt mir wirklich sehr gut dort und es hatte sich auch diesmal wieder gelohnt und vom "Las Salinas" zum Opernhaus ist es auch nur ein Katzensprung - vielleicht 5 min zu Fuß. 
Noch schnell am "nt" vorbei um die Karten für die "Wende Revue" zu holen, wo ich Anfang März mit meinen Kollegen hingehen werde, und dann pünktlich zur Konzerteinführung ins Opernhaus
Die wollte ich diesmal nicht verpassen, da ich von "The Rake's Progress" vorher noch nie etwas gehört hatte und es mir interessant schien mehr darüber zu erfahren.
Die Konzerteinführung gab wieder der Dirigent Pavel Baleff. Er wird immer besser und diesmal schien er auch nicht so nervös wie beim letzten Mal, nur ein bißchen zappelig, was ihn aber durchaus sympathisch macht.
Seine Ausführungen waren sehr interessant, obwohl ich zugeben muß bei so manchem nur die Hälfte verstanden zu haben. 
Unglaublich war, daß Strawinsky viele seiner Stücke in zwei Tonarten schrieb. Pavel Baleff spielte es am Flügel vor uns es klang genauso genial, wie nachher unten vom ganzen Orchester gespielt. Er sprach davon, daß Strawinsky einiges in seiner Oper von großen Meistern geklaut hat - oh 'Tschuldigung, daß heißt "zitiert" hat.
So gab es z.B. Ähnlichkeiten zu Mozarts "Don Giovanni", die selbst ich herausgehört habe. Leider war die interessante Einführung viel zu schnell vorbei und ich konnte mir auch nicht alles merken, was mich sehr ärgert, denn ich hätte gern noch ein bißchen mehr dazu geschrieben.

Ich saß wieder in meiner Lieblingsreihe, diesmal allerdings auf der linken Seite und der Orchestergraben war ärgerlicherweise immer noch so tief unten, so daß man niemanden sehen konnte. Naja, wenigstens stand der Dirigent wieder etwas höher. Er wurde mit Beifall begrüßt und alsdann begann das Spiel.

Die Ouvertüre war sehr laut aber wohlklingend. Schon nach den ersten Takten dachte ich mir, daß Strawinsky wohl nicht schlecht werden würde. 
Es dauert nicht sehr lange bis der Vorhang sich liftete und ein nett aussehendes Bühnenbild frei gab. Der Frühling erwärmte den Saal und zwei Liebende turteln vor einer Statue - oh wie romantisch. Ann und Tom, gesungen von Anke Berndt und Nils Giesecke, beteuerten sich ihre Liebe. 
Anns Papa (Jürgen Trekel) erscheint und bietet Tom eine nette Stellung in einer Londoner Bank an. Dieser setzt lieber auf sein Glück und lehnt ab - was für ein Träumer. 

Am Anfang war die Musik sehr laut, man merkt, daß Strawinsky die Oper nicht sehr mochte, Niels Giesecke (Quelle: Homepage Opernhaus Halle) denn die Sänger kamen gar nicht zum Zuge. Die Musik war hervorragend, aber die Stimmen schienen mir etwas dünn. Ich dachte schon, daß Pavel Baleff ein bißchen zu dick auftrug, bis Gregory Reinhart mit seinem starken Bass zeigte, daß es nicht am Orchester lag. 
Was für eine herrliche Stimme. Er sang Nick Shadow hervorragend. Sie hätten keinen besseren finden können. Selbst sein schauspielerisches Können war brillant. Er gefiel mir hier sogar noch besser als im "Imeneo". 
Sein schwarzes Outfit paßte wunderbar zu seiner schwarzen Seele und die Idee mit dem Kontrast zu dem völlig in weiß Anke Berndt (Quelle: Homepage Opernhaus Halle) gekleideten Tom Rakewell fand ich wunderbar. 
Diesmal hatten sich Kostüm und Maske wirklich ins Zeug gelegt. Die Kostüme von José-Manuel Vazquez haben mir damals schon bei der "Hochzeit des Figaro" sehr gut gefallen. Allerdings fand ich sie im Spettacolo Barocco nicht so berauschen - naja gut, man kann ja nicht immer ins Schwarze treffen.
Auch beim Bühnenbild (Heinz Balthes) haben sie mich diesmal gefangen. Der erste Akt im Frühling gefiel mir sehr gut, aber noch besser war das Bühnenbild bei den Szenen im Freudenhaus - wirklich genial und was für ein Kontrast zur Frühlingsszene. Allerdings wäre das Bühnenbild nur halb so schön gewesen, wenn es nicht die sehr gute Beleuchtung gegeben hätte. Matthias Hönig macht das wirklich perfekt. Dieses Dunkelrot war einfach spitze und verbreitete eine wunderbare Stimmung. Die rot angestrahlten Statuen und der Chor wirkten richtig unheimlich. Auch hier gefielen mir die Kostüme. Besonders aber möchte ich hervorheben, daß die Kostüme der Diener im 2. Akt sehr gut gelungen waren. Die schwarzen "Fracks" mit rot abgesetzten Biesen sahen wirklich toll aus. Ebenso das Kostüm von Axel Köhler als Türken Bab. Wenn er nicht gerade seine Taille zeigte, sah er richtig elegant aus ;-).
Vielen Dank auch an die Inszenierung (Klaus Froboese), daß sie sich die sonst so üblichen lächerlichen Einlagen gespart haben. Ich finde diesmal wirklich nichts zu meckern. Alles war genau richtig.
Die Idee Mutter Goose in der Statue zu verstecken war brillant. Überhaupt gefielen mir die Gregory Reinhart (Quelle: Homepage Opernhaus Halle) Wechsel des Bühnenbildes, obwohl ich nicht als Sänger unter den Wänden des Frühlings hätte stehen mögen. Ich habe immer gedacht: 'Hoffentlich halten die Seile!'

Auch eine gute Szene, fand ich, war als Nick die Uhr zurück laufen ließ. Das schien richtig unheimlich und Gregory Reinhart zeigte sich wirklich in Hochform an diesem Abend. Niels Giesecke sah ganz schön blass aus im Duett mit ihm.

Im zweiten Akt bekamen wir dann endlich Toms zukünftige Frau, die Türken Bab, zu sehen. Sie wurde in einer Senfte hereingetragen - herrlich - und wenn ich nicht gewusst hätte, daß Axel Köhler da singt, hätte ich geschworen, eine Frau gehört zu haben. DAS war die zweite brillante Stimme an diesem Abend. Auch er spielte hervorragend. 
Was für eine verrückte Oper. Die Handlung wurde immer schriller. Man sollte meinen Strawinsky mache sich lustig über die Oper, was ein großer Erfolg war, denn den Zuschauern schien es zu gefallen. Es war auch ziemlich voll heute. Fast alle Plätze waren besetzt, was ich nicht gedacht hätte, da es ja eine relativ moderne Oper ist. Es hat sich wohl herumgesprochen, daß sie sehenswert ist.

Tom ist mit seiner Ehe nicht zufrieden. Seine Frau plappert ihn zu und ist unausstAxel Köhlerehlich. Um dem Ganzen zu entfliehen verfängt er sich in Träumereien, die Nick Shadow sofort zu seinen Gunsten aufgreift und "wirklich" werden lässt. Das Ganze ist so irrsinnig, daß Tom nur verlieren kann. Im dritten Akt ist er somit auch pleite und muß fliehen. Nick ist immer an seiner Seite, lauernd auf die Gunst der Stunde. Ann sucht weiter nach ihrem Geliebten und lässt sich durch die Türken Bab darin bestärken.
Als Nick seine Zeit gekommen sieht fordert er seinen Lohn, wie sollte es anders sein, natürlich Toms Seele. Wie das bei dem Teufel so üblich ist, spielt er sehr gern und so auch hier (Strawinsky hat wirklich kein Klischee ausgelassen). 
Mit mehr Glück als Verstand gewinnt Tom die Wette und Nick fährt ärgerlich zur Hölle. Natürlich nicht ohne Tom vorher zu verfluchen und ihn mit Wahnsinn zu strafen. Dieser hält sich alsdann für Adonis und sucht seine geliebte Venus. Da sieht man mal wieder, in der Not, kommen sie alle wieder zurück. 

Der dritte Akt spielt in einer Irrenanstalt. Der Chor stellte das so gut dar, daß ich mich richtig beklommen fühlte und nicht mit Tom hätte tauschen wollen. Zwischen den ganzen Irren taucht nun endlich seine geliebte Ann auf und siehe da, sie liebt ihn immer noch.... und..... veräßt ihn dann trotzdem. Er meint, die Irren um ihn herum hätten sie gestohlen und stirbt daran. Die Irren beklagen seinen Tod.
Strawinsky zieht das ganze Register und ich meinen Hut vor ihm. Er ist wirklich ein witziger Bursche. Am besten ist die Moral am Schluß. DAS mußte ja noch kommen. Also liebe Männer, es ist natürlich nicht so, daß Euch die Frauen ihre ganzes Leben lang nachlaufen und so treu sind wie diese Ann. Und liebe Frauen seht Euch vor den Männern vor, das sind alles Verbrecher - aber das haben wir ja schon immer gewusst. Und zu guter Letzt, Faulheit und Müßiggang werden immer bestraft und der Teufel freut sich Euch faules Pack in seiner Hölle zu begrüßen. Also gebt acht und lernt Karten spielen ;-)

 

So, liebes faules Pack, nun macht Euch auf vom Fernsehsessel und schaut Euch die Oper an. Es lohnt sich wirklich. 
Nicht alle Stimmen sind großartig, aber die Gregory Reinharts auf alle Fälle und Axel Köhler sollte man unbedingt gehört haben. 
Das Orchester war so gut, daß es den meisten Beifall bekam, was mir auch noch nicht unter gekommen ist, worüber ich mich aber sehr freue, da sie sonst eigentlich meiner Meinung nach immer zu kurz kommen. Also auch von mir einen special Dank an das Orchester mit ihrem sympathischen Dirigenten.

Eure Jana