Oper Zürich am 22.01.2005Vergesst Zürich, vergeßt Leipzig, geht nach Dessau ...

 

Ja, ich habe in den letzten 14 Tagen alles ausprobiert. Ich war im züricher Opernhaus zu Verdis "Nabucco", ich war in der Leipziger Oper zur Premiere von Beethovens "Fidelio" und ich war gestern in Dessau zur Premiere "Der Räuber" von Verdi. In Zürich, super Stimmen, aber eine langweilige Inszenierung. In Leipzig war mir die Inszenierung zu modern, aber die Stimmen waren ok und in Dessau waren die Stimmen klasse, aber das Herausragende war die Inszenierung. Die war einfach fantastisch, genial, hervorragend..... Da besucht man die berühmtesten Häuser und das Beste gibt es in der Provinz. Ja, so ist das, Leute, ihr müßt keine 230 Franken für Zürich ausgeben, oder 39 EUR für Reihe 17 in Leipzig, nein, Ihr bekommt die besten Plätze und das beste geboten für schlappe 29 EUR in Dessau. Probiert es aus, Ihr werdet Dessau lieben - so wie ich. Wie oft schimpft man als Zuschauer auf die langweiligen oder viel zu modernen Inszenierungen, die die Romantik der schönen Opern gar nicht mehr einfangen. Da helfen auch nicht die teuren und erstklassigen Stimmen, wenn die Inszenierung die Stimmung nicht bringt. Da gibt es nichts mehr, was dem normalsterblichen Zuschauer gefällt, aber in Dessau, da haucht Johannes Felsenstein mit seinen Inszenierungen der Oper Gefühl ein, das es ein wahrer Genuß ist zuzuschauen.

 

Seit fast einer Woche bin ich nun wieder zurück aus der Schweiz. Da ich dienstlich drüben war, war es nicht nur schön, sondern auch sehr anstrengend. Somit war ich richtig froh, daß das Wochenende bald ran kam - nun allerdings leider wieder so gut wie vorbei.

Programm Nabucco - Züricher OperDie Schweizer sind wirklich ein sehr freundliches und hilfsbereites Völkchen. Da sollte so mancher Deutscher den Hut vor ziehen.

Giuseppe Verdi (1813-1901)Ich war fast drei Wochen dort und da dieser Aufenthalt auch die Wochenenden einschloß, dachte ich mir, ich nutze ein Wochenende für einen Besuch in der züricher Oper. Das mußte ich einfach ausnutzen, wo ich doch schon mal dort war und dann hatten sie auch noch "Nabucco" auf ihren Spielplan. "Nabucco" ist eine der Schönsten Verdi Opern und ich habe sie noch nie life gesehen und dann auch noch die berühmte züricher Oper - ja, dafür läßt Frau auch mal ein Sommerkleid sausen und gibt das Geld für eine Opernkarte aus. Einmal im Leben kann sie das schon mal machen.

 

Die züricher Oper ist wirklich hübsch, zumindest der Opernsaal und das Foyer. Leider passte die Bar "Nabucco" Szenenfoto aus dem Programmheft der Oper überhaupt nicht dazu. Die kahlen, weißen Wände waren richtig häßlich und schienen irgendwie überhaupt nicht zu dieser wunderschönen Oper zu gehören.

Boiko Zvetanov (Quelle: Programm der Oper)Die High Society trank Sekt und ich meinen Rotwein - wie immer. Frau muß sich ja nicht in allen Dingen anpassen. Allerdings dachte ich, ich hätte mich mit meinem "Lagerfeld" Kleid wenigstens der Garderobe der Schönen und Reichen angepaßt. Na weit gefehlt - ich glaube das Publikum der züricher Oper ist das schlecht angezogenste Publikum, was ich bis jetzt erlebt habe. Nur zwei Damen, ganz in schwarz, stachen heraus und gefielen mir sehr gut. Nicht zu glauben und das bei dem Geld, was hier im Saal saß.

Der Opernsaal ist wirklich wunderschön. Ich saß in der ersten Reihe, ziemlich weit außen. Das war der einzige Platz der noch zu haben war. Alle anderen waren Abonnements und ausverkauft.

Carlo Colombara (Quelle: Programm der Oper)Aber selbst von Platz 27 ziemlich rechts außen, konnte Frau noch sehr gut sehen.

Die Oper schien auch nicht sehr groß. Ich würde fast behaupten kleiner als Leipzig. Vom Orchester trennt mich nur eine dünne "Scheibe", was sich leider auch nicht als sehr vorteilhaft erwies. Dort wo ich saß war das Orchester viel zu laut. Die Sänger waren schlecht zu hören. Nun bin ich mir nicht sicher, ob das an der dünnen "Scheibe" lag, oder ob der Dirigent ein wenig übertrieNello Santi (Quelle: Programm der Oper)ben hatte. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, daß die Sänger sich ganz schön anstrengen mußten um Nello Santis Begleitung zu übertönen.

Allerdings war seine Ouvertüre erstklassig, einfach wunderschön. Er stand ziemlich still da, nur ab und zu erwachte er zum Leben und fauchte das Orchester an. Sehr sonderbar, nein, ich mag seinen Stil nicht. Ich konnte ihn gar nicht ansehen. Er wirkte auf mich unheimlich und unwirklich. Ich würde sogar fast bedrohlich dazu sagen.

Also lenkte ich meine Blicke lieber wieder auf das Orchester. Die sahen beruhigend normal und überhaupt nicht bedrohlich aus ;-)

Der Vorhang liftete sich und gab den Tempel des Salomon frei. Das Bühnenbild erinnerte mich irgendwie an das der Leipziger Oper zu Aida, nur ein bißchen blasser. Für einen Tempel gefiel es mir ganz gut, da habe ich aber auch noch nicht geahnt, daß dieses Bühnenbild uns die ganze Oper hindurch begleiten würde.

Renato Bruson (Quelle: Programm der Oper)Der Chor (Jürg Hämmerli) sang wunderbar und Carlo Colombara war genau die richtige Besetzung für Zaccaria, den Priester der Hebräer. Ein intelligenter, gutaussehender, großer Mann. Dem habe ich sofort den Priester abgenommen. Seine Stimme gefiel mir sehr gut und mein Herz begann zu hüpfen und ich dachte, das wird eine tolle Oper..... Tja, und dann erschienen Ismael und Fenena auf der Bühne. Die beiden Liebenden - nee, Leute, das kann einfach nicht sein. Ich denke, man sollte beim Aussuchen der Darsteller nicht immer nur auf die Stimme achten. Die Stimmen von Boiko Zvetanov und Stefania Kaluza waren wirklich erstklassig. Es war ein Hochgenuß ihnen zuzuhören, .... aber ich konnte mich überhaupt nicht in die Oper hineindenken. Boiko Zvetanov war einfach zu klein und Stefania Kaluza zu alt für die Rolle der jüngeren Tochter Nabuccos. Da hätte die Inszenierung besser aufpassen müssen und Ismaele lieber auf ein Treppchen stellen sollen.

Selbst Paoletta Marroce, die die ältere Tochter ARapperswil - Januar 2005bigaille sang, war viel zu groß für ihn und die beiden Sängerinnen wohl mindestens 20 Jahre auseinander. Nein, das paßte hinten und vorne nicht. Wie gesagt, die Stimmen allesamt spitze und die Mimik von Paoletta Marroce wunderbar. Sie versetzte sich herrlich in die Rolle hinein, aber es half nichts, bei mir kam einfach die gewohnte Stimmung nicht auf. Auch die Kostüme der Damen waren furchtbar. Das grün stand Stefania Kaluza überhaupt nicht und bei Paoletta Marroce sah man BH und Speckringe. Das hätte die Ausstattung besser machen müssen. Sie hatte eigentlich eine hübsche, weibliche Figur. Mit dem richtigen Kleid dazu, hätte sie toll ausgesehen.

Die restlichen Kostüme wiederum gefielen mir sehr gut. Renato Bruson als Nabucco sah toll aus und Carlo Colombara hatte das passende Kostüm zu seiner Erscheinung - wunderbar! Boiko Zvetanov sah zwar irgendwie aus wie Dirk Bach, aber sein Kostüm war ok.

Zürich im Januar 2005Seufz - es ist wirklich schade, er hat so eine herrliche Stimme. Aber Oper ist eben etwas für das Auge, sonst kann Frau sich gleich eine CD anhören, oder zu einer Operngala gehen. Nein, hier möchte sie den Zauber, die Gefühle und die Romantik sehen. Sie möchte abtauchen in die wunderschöne Welt der Oper und ein bißchen träumen fern ab von jeder Realität. Nein, das hat diesmal überhaupt nicht geklappt. das Bühnenbild war langweilig und die Cast bildlich unpassend. Tut mir leid, ich bin nun mal ein Musikbanause, der auch auf das Optische Wert legt und das erst recht bei einer Oper, wie der in Zürich.

Die Erklärungen zur Handlung lasse ich heute hier mal weg. Ich bin mir sicher, daß ich mir "Nabucco" noch einmal in einem anderen Haus ansehen werde und dann bekommt Ihr etwas mehr dazu.

Tja und eine Empfehlung für Nabucco in der züricher Oper - hmmm, ich weiß nicht. Die Stimmen waren wirklich spitze, das Orchester klasse, bloß in Reihe 1 etwas zu laut. Naja, sagen wir mal so, für wen die Inszenierung mit Bühnenbild und Kostümen nur beiläufig interessant ist, der sollte sofort die 230 Franken ausgeben, die Augen schließen und sich "Nabucco" dort anhören.

 

Fidelio - Szenenfoto aus dem Programm der OperEine knappe Woche später dann also Leipzig. Ich freute mich riesig darauf, denn auch die einzige Oper meines Lieblings Beethoven, habe ich noch nie life gesehen.

Diesmal nicht allein, sondern mit einer Kollegin und in altgewohnter Umgebung der Leipziger Oper. Die ist nun nicht so hübsch barock, wie die Züricher, aber es gibt hier keine kahlen Wände und alles paßt perfekt zusammen. Die Leute waren zur Premiere wieder sehr gut angezogen und ich fühlte mich wieder dazugehörig.

Leider hatten wir diesmal sehr schlechte Plätze in der Reihe 17. Das ist einfach zu weit hinten und vor mir saß auch noch ein Berg von Mann, an dem Frau einfach nicht vorbei gucken konnte..... und das war jetzt negativ gemeint.

Herbert Blomstedt dirigierte die Ouvertüre wiedermal hervorragend und ich fühlte mich in seiner Obhut Programm zu Fidelio sofort sehr wohl. Er hat ein beruhigendes Lächeln und faucht nicht das Orchester so unheimlich an. Ein sympathischer Mann.

Dann kam das Bühnenbild zum Vorschein ..... tja .... nun ja ...., schon wieder so ein Modernes und wieder konnte das nicht die Atmosphäre der Oper einfangen. Irgendwie kam ich mir vor wie in der West Side Story. Dafür hätte Fidelio wohl eher ein Musical werden sollen. Und somit konnte ich ihnen die eigentlich traurige Situation gar nicht abnehmen. Alles war so locker und heiter. Nein, daß paßte irgendwie nicht so wirklich.

James Moellenhoff als Rocco gefiel mir sehr gut und auch Gabriele Fontana als Leonore/ Fidelio fand ich passend. Überhaupt haben sie hier, im Gegensatz zu Zürich, Ihre Akteure sehr gut passend zu den Rollen ausgesucht. Eike Wilm Schulte spielte super als Don Pizzaro und Thomas Piffka gefiel mir als Florestan am besten. Auch der Chor war wieder erstklassig. Das konnte man in Reihe 17 auch alles noch sehr gut hören. Nicht sehen war nicht so schlimm, denn man hat bei dem Bühnenbild ja nichts verpaßt. Aber gut, es war modern und auch in sich schlüssig. Bis auf die Szene, als Fidelio die Gefangenen ans Tageslicht gelassen hat. Seit wann gibt es in unseren modernen Gefängnissen noch solche Kerkerhaft, daß die Gefangenen sich nach dem Sonnenlicht sehnen? Den geht es doch hier bestens - aber vielleicht spielte das ja in irgendeinem amerikanischen Knast in irgendeinem verstaubten Village in Texas.

Naja, ich hätte mir da doch mehr eine schöne, alte, verstaubte Inszenierung gewünscht, wie sicherlich viele andere an diesem Abend auch. Denn es gab zum Schluß ganz schön laute "Buh" Rufe für die Inszenierung. Allerdings waren die für mich unangebracht. So schlecht war die Inszenierung nun auch wieder nicht, eben nur anders. Sie haben viel Arbeit hineingesteckt und das erste Bühnenbild war sehr detailliert und gut durchdacht. Den Kerker im zweiten Bühnenbild haben sie auch gut dargestellt. Nein, ein "Buh" hat das Ganze nicht verdient. Vielleicht hätte man nicht klatschen sollen - ich habe geklatscht - kein Bravo, aber ein Dankeschön, für die Arbeit, die sie hinein gesteckt haben und ein Dankeschön für immer neue Ideen und ein Dankeschön, daß sie Beethovens "Fidelio" zur Aufführung brachten, da ich das noch nie life erleben durfte und ein Dankeschön, daß die Preise noch nicht das Zenit übersteigen.

- Am meisten Beifall hatte Herbert Blomstedt und sein Orchester.

 

Anhaltisches Theater in Dessau am 29.01.2005So, und dann der absolute Höhepunkt, die Premiere zu Giuseppe Verdis "Räuber" in Dessau. Ich bin immer wieder begeistert von Johannes Felsensteins Inszenierungen. Auch diesmal stimmte alles bis auf's i-Tüpfelchen. Der Mann hat einfach ein Auge dafür, was dem Zuschauer gefällt. Wir sind nun mal ein dummes Volk und wollen ein hübsches Bühnenbild und schöne Kostüme. Klar, tolle Stimmen mögen wir auch, aber es spielt nicht die allergrößte Rolle für uns. Viel wichtiger ist die Inszenierung und das alles zusammenpaßt. Wir wollen was für's Auge und wir wollen nicht interpretieren, was die Inszenierung sich dabei gedacht hat. Wir wollen, daß alles paßt, die Musik, die Darsteller, die Inszenierung und sogar die Umgebung in der wir uns befinden. Und das alles hat das Anhaltische Theater in Dessau. Die Musik war spitze, Golo Berg und sein Orchester waren wieder in Hochform - fand ich jedenfalls, auch wenn er am Schluß ein Pieter Roux - Die Räuber - Premiere Anhaltisches Theater Dessau 2005 bißchen ernst guckte. Die Darsteller paßten perfekt, Pieter Roux als Karl spielte und sang wirklich genial und Ludmil Kuntschew paßte  perfekt in die Rolle des schleimigen Franz. Am Anfang fand ich ihn stimmlich zwar nicht so gut, aber er wurde mit der Zeit immer besser. Rainer Büsching spielte und sang den Vater Maximilian hervorragend und die hübsche Iordanka Derilova spielte die Amalia mit soviel Herzblut, daß es ein Genuß war ihr zuzuschauen. Sie hatten es geschafft den Zauber dieser Oper wunderbar einzufangen und rüberzubringen. Wirklich toll!!!

Eigentlich hatten sie kaum Bühnenbild,  aber es war perfekt. Im ersten Teil saß Karl über einen Brief seines Bruders der ihm mitteilte, daß sein Vater ihn verstoßen und enterbt hätte. Aus Frust darüber verbündete er sich mit den Räubern und wird ihr Anführer. Der Chor war genial und die Kostüme paßten wunderbar. Auch die Idee mit der Leinwand und den trinkenden Räubern dahinter fand ich super. Dann gab es einen Szenenwechsel und wir befanden uns im Schloß, wo Franz, der jüngere Bruder durch Hermann seinem Diener dem Vater und Amalia die fingierte Nachricht vom Tode des erstgeborenen Bruders überbringen ließ. Der Wechsel vom einem zum anderen Raum war perfekt gemacht. Auch der Griff nach dem Säbel passte gut in den Fluß. Super gemacht!

Dann, die Friedhofszene - super - das war wirklich unheimlich. Dort erfährt Amalia, daß Vater und Geliebter noch leben. Iordanka Derilova spielte sehr gut und auch ihre Stimme war super, nur habe ich ihr Deutsch sehr schlecht verstanden. Bei ihr konnte ich mir auch so vorstellen, daß beide Brüder in sie verliebt waren. Sie liebte Karl und Franz bedrängte sie auf dem Friedhof. Der Kerl war wirklich ekelhaft.

Ludmil Kuntschew - Die Räuber - Premiere Anhaltisches Theater Dessau 2005Und bei so mancher freizügigen Szene ließ Felsenstein jr. die älteren Damen vor uns ganz blaß werden. Vor allem die Zerstörung des romantischen Bildes, welches Frau eigentlich so von Räubern hat, ließ die beiden Damen vor uns zusammenschrecken. Herrlich!

Die Szene, als Franz "in die Hölle fährt" war Johannes Felsenstein und seiner Crew auch sehr gut gelungen. Ich liebe diese Aktionen mit den Elementen. Die Idee mit den Feuerkreuzen war brillant. Das ganze Bühnenbild war ein Genuß. Die Farben und Effekte waren herrlich auch die Schüsse zwischendrin und die Idee mit der durch einen roten "Spalt" getrennten Bühne, die uns durch die ganze Oper begleitete - super!

 

Ich könnte so viel lobend darüber schreiben aber ich denke, ich will hier nicht zu viel verraten. "Leute, macht Euch auf nach Dessau, genießt das Anhaltische Orchester, die Sänger und Golo Bergs wunderbare Umsetzung der Musik und schaut Euch die Felsenstein Inszenierungen an. Ihr werdet nicht enttäuscht sein!"

 

..... und vielen Dank nach Dessau, das es noch so etwas gibt.

 

Eure Jana