"... allgemeine Verdichtung, die im Leben selbst enthalten ist...."*

Fressen oder gefressen werden, so ist das Leben und so drastisch das Ende von Tennessee Williams Stück "Plötzlich letzten Sommer" diesmal nicht in London, sondern im "neuen theater" in Halle.
Selbstverständlich mußte ich mir die Interpretation des neuen theaters zu diesem Stück ansehen. Da ich es schon einmal in London in einer Inszenierung des brillanten Michael Grandage gesehen habe, war ich neugierig auf die Version unseres Theaters.
In London war ich beeindruckt und geschockt, so gefühlsnah haben sie mir das Stück präsentiert und im "neuen theater" passierte mir dasselbe.
Auch hier spannend bis zur letzten Sekunde und so was von brillant durch die Darsteller gespielt. "Das war atemberaubend, meine Damen und Herren Schauspieler! Vielen Dank für diese fesselnde Darstellung!"
Ich muß ehrlich
zugeben, ich war skeptisch, was unser "neues theater", jetzt unter der
merkwürdigen
Führung von Christoph Werner da wohl wieder
zusammengebastelt hat und ich
war sehr angenehm überrascht über das Ergebnis. Ich wusste, daß es keinen Zweifel
gab, daß die Inszenierung damals in London, die beste war, die dieses Stück jäh
erreichen würde. Denn was Michael Grandage in die Hand nimmt endet immer
brillant. Er hat einfach einen Sinn dafür. Und es war die beste Inszenierung
damals, ABER gestern im "neuen theater" in Halle, durfte ich ein sehr gutes Stück
in fast ebenso atemberaubender weise dargestellt erleben. Und das ist hier
Halle, sozusagen die Provinz und nicht die Weltstadt London, wo die Theater
täglich in einen Wettstreit der besten Inszenierungen und Schauspieler treten!
Umso mehr freue ich mich ein Theater mit solch hoher Qualität hier in meiner
Stadt zu haben und hoffe, daß das auch noch viele weitere Jahre so bleiben wird.
Diesmal waren wir
zu viert und wieder lecker essen im "Las Salinas". Ich war schon eine ganze
Weile nicht mehr dort und somit stellte ich mit Freude fest, daß wir nicht mehr
allein im Restaurant saßen. Wie es aussieht haben die Hallenser Qualität erkannt
und genießen nun öfter die vortreffliche Küche und das angenehme Ambiente dieses
Lokales.
Warum war ich schon eine ganze Weile nicht mehr dort? Ganz einfach, weil ich auch unser Theater schon eine ganze Weile vernachlässigt habe und lieber in die Oper gegangen bin und wenn ich in die Oper gehe, bevorzuge ich ein Restaurant in der Nähe, das Restaurant in der "Zanzibar". Auch so ein verkanntes kulinarisches Schmuckstück.
Die Bar im unteren Teil des Restaurants ist relativ gut besucht, aber das eigentliche Kleinode, das Restaurant mit hübschen Blick auf den Uni-Ring kommt immer viel zu kurz. Manchmal denke ich, vielleicht wissen die Leute nicht, daß es in der Bar eine Treppe gibt, die hinauf in ein hübsches Restaurant führt. Und vielleicht wissen die Leute auch nicht, daß dort oben exzellentes Essen serviert wird, daß dort der Koch und die Ober noch sehr viel von ihrem Handwerk verstehen. Das ist für mich Exklusivität und dem sollte viel mehr Anerkennung gezollt werden!
Nun sitze ich hier
bei einem guten Glas Rotwein, höre Maria Kliegels "Arpeggione" von Schubert und
denke über das gestern erlebte Stück nach. Es bietet eine Menge Potential zum
Nachdenken, aber ich drifte immer zu Maria Kliegels Schubert ab. Das dritte mal
in diesem Bericht, wo ich Brillanz erwähne. Ich kann einfach nicht meine Sinne
davon lassen. Das Cello vibriert mit atemberaubender Klangschönheit in meinem
Gemüt und läßt mich immer wieder in diese hervorragende Musik abtauchen....
unbeschreibliche Schönheit!
Man möchte die Augen schließen und diese Schönheit mit allen Sinnen aufsaugen. Vielleicht sitzend in Sebastians exotischen Garten mit blühenden Orchideen um einen herum - schade, daß das Bühnenbild des "neuen theaters" zu diesem Stück den Garten nicht so wiedergegeben hat.
Was an der Inszenierung (Enrico Lübbe) und am Schauspiel
brillant war, ließ am Bühnenbild etwas zu wünschen übrig. Aber vielleicht war
das auch nur mein Eindruck, da ich das Stück kannte und einen dunklen,
deprimierenden Gart
en und nicht ein helles, zwar Irrenhauszellen ähnliches, aber freundliches Zimmer erwartet habe.
Von meinen Erwartungen sollte man allerdings seine Meinung nicht abhängig machen, denn z.B. meine Begleitung an diesem Abend fand es sehr zum Stück passend und gut gelungen.
Naja und Tennessee Williams war da aber wohl mehr meiner Meinung: "Hineingewoben in das Bühnenbild ist ein phantastischer Garten, der wie ein tropischer Dschungel oder Urwald aussieht, aus jener Prähistorischen Zeit riesenhafter Farnkrautwälder, als die Flossen der Lebewesen sich in Beine und die Schuppen in Haut umzubilden begannen.
Die Farben in diesem Urwald sind von großer Intensität, zumal er von Hitze zu dampfen scheint wie nach einem Regen. Es gibt massive Baumgewächse, die wie Organe eines Körpers wirken, herausgerissen, von ungetrocknetem Blut glitzernd; ....."** Tja, das muß der Bühnenbildner wohl überlesen haben - hmmm.
In der ersten Szene
werden uns Mrs. Venable, Sebastians Mutter und der junge Arzt Dr. Cukrowicz
vorgestellt.
Erika Skrotzki erstklassig als Mrs. Venable und Peter W. Bachmann als Dr. Cukrowicz.
Überhaupt Alles in
Allem eine sehr gute Wahl der Darsteller. Barbara Zinn als die unscheinba
re Miss
Foxhill, auch mit diesmal wenig Text, sehr überzeugend.
Hannelore Schubert war perfekt für die Rolle der Mrs. Holly und Yves Hinrichs in der ihres Sohnes George. Das passte alles hervorragend zusammen. Danne Hoffmann als Krankenschwester Felicitas war wie immer super und als Krönung meisterte Anja Pahl die sehr schwierige Rolle der Catherine Holly mit Bravour.
Makellose schauspielerische Leistung - es war ein Genuss dem kurzweilig erscheinendem Geschehen zu folgen. Die 75 Minuten ohne Pause vergingen wie im Fluge und ich bedauerte, daß das Erlebnis so schnell vorüber war.
Maria Kliegel spielt immer noch, jetzt schon zum zweiten Male und da ich nun nicht mehr genug davon bekommen kann und darin versinken möchte, werde ich mich jetzt zurück lehnen und in diese geniale Musik abtauchen.
Wer also mehr über den Inhalt des Stückes erfahren möchte, sollte sich meinen letzten Bericht dazu durchlesen, oder noch besser in dieses Stück des neuen theaters gehen. Es ist sehr empfehlenswert.
Eure Jana
ps. Gerade eben habe ich im TV-Halle eine kurze Vorstellung des Stücks gesehen und für Euch digital festgehalten. Also wen es interessiert, der klicke bitte hier (wmv, ca. 5,5 MB)***
*Barbara Vahland - aus dem Programm zum Stück
** Tennessee Williams "Plötzlich letzten Sommer", Fischer Bücherei Frankfurt, Mai 1960
*** Aufzeichnung des Lokalsenders TV-Halle am 19.03.2006