
... und diesmal pflückte ich die Gelegenheit zweier hervorragender Ereignisse beizuwohnen. Zum Einen die sehr gelungene Uraufführung Benjamin Yusupovs "Concerto intimo" im Anhaltischen Theater Dessau und zum Anderen die überaus hervorragende Inszenierung des "L'Orfeo" von Claudio Monteverdi im Opernhaus Halle.
Bevor ich
allerdings Benjamin Yusupovs düsterem Highlight lauschen durfte, konnte ich und
die anderen Besucher des 5. Sinfoniekonzertes in Dessau Debussys 10 minütiges
erotisches "Prélude à l'après-midi d'un faune" genießen. Was wohl und wahrhaftig
ein wahrer Genuss war, nicht zuletzt, trotz staubigen Schuhen (ein staubiger
Blickfang von der 7. Reihe aus), Golo Bergs hervorragenden Einsatzes zu
verdanken war. Also auch wenn die Schuhe staubig und das Podest knarksend, war
Debussys Meisterwerk perfekt in jeder Note, was nicht nur gut komponiert,
sondern auch hervorragend dargeboten wurde. Stoff also hervorragende umgesetzt, Herr
Debussy!
Knisternde Erotik und still seufzende Seelen im Spiegel ihrer selbst oder besser im Spiegel "andeutungsvoller Poesie um die erotischen Träume eines Fauns, der an einem heißen Sommernachmittag seinen Gedanken nachhängt"**...... heißer Sommernachmittag.... Erotik... Träume... Sommernachtsträume? Ja, das bringt mir wieder Shakespeares Sommernachtsträume in den Sinn und die Frühlingsgefühle erwachen. Vor dem Sommer kommt ja schließlich auch erst der Frühling! Mit Kribbeln in der Seele und Pochen im Herzen folgte ich den Träumen des Faun und landete in Gedanken in Shakespeares sommernächtlichen Spielen der Verliebten und Elfen im Märchenland der Phantasie. Was für ein schönes Gefühl, in dem man sich fallen lassen kann um den Tönen zu folgen. Hemmungslos in wilder Extase....... natürlich nur im Traum und in Gedanken... mit starrem Blick zum Orchester und Dirigenten, ohne sich zu rühren in scheinbarer Ruhe und doch.... so wild verzückt im Inneren, für niemanden sichtbar, ein erotischer Tanz der Gefühle.
Gedanken fliegen nach Italien in sonnige Wärme. Schöne Spiele im Blumengras auf heißer Erde, Freiheit in den Sinnen und Freiheit im Herzen - Sommernachtsträume - Schmetterlinge, duftende Wiesen, schönes Sizilien..... "Siziliens Ufersumpf, ihr stillen flachen Teiche, um die ich heißen Sinns im Neid der Sonne schleiche als stiller Räuber in dem Blumenflor..."***
Das ist das Leben, so heftig erwachend, das sind die Frühlingsgefühle, die Sommernachtsträume, die ihre Daseinsberechtigung fordern. So wild die Gefühle im Inneren auch toben mögen, nach Außen hin scheinbare Kühle, alles überdeckend, eiskalte Gefühle --- staubige Schuhe, knarksendes Podest, ernstes Orchester, aber ---- angenehm, wohltuende Wärme so nah.
Noch in den wunderbarsten Träumen versunken, werde ich durch lauten Beifall wieder wach und in das Hier und Jetzt gerufen. Mein Klatschen mischt sich mit dem der Anderen, aber meine Gedanken sind immer noch nahe dem Faun und träumen von sonnigen Wiesen und sommernächtlichen Spielen.
Herr Berg kommt,
Herr Berg geht, Herr Berg kommt, Herr Berg geht - Klatschen, Beifall, Bravo.....
Sommernacht... Faun... Erotik... --- fullstop!
Benjamin Yusupovs beängstigende Klänge donnern plötzlich durch den Saal und meine noch träumerisch schwelgende Gefühle machen sofort eine 180° Kehrtwende und folgen dem traurig, deprimierenden Dröhnen in die Tiefen der Hölle. Intimes Konzert, intime Hölle, wie furchtbar muß einen die Welt erscheinen, wenn man so etwas beängstigendes komponiert. Meine Gefühle wissen gar nicht, was sie fühlen sollen. Von himmelhoch jauchzender Lust zu tiefbetrübt bedrückendem Schmerz. Schreie, Hilfe, Angst, Tod..... Wer komponiert so etwas?
Der Komponist saß am Klavier. In seinem Gesicht spiegelten sich diese Gefühle wieder. Ein kleiner, zarter Mann schlug wie wild die Tasten und das Klavier bäumte sich auf vor Schmerzen. Ein kleines Mädchen steht vor den Trümmern ihrer Stadt, so allein und einsam. Alles um sie herum zerstört und tot. Da gibt es keinen Hoffnungsschimmer mehr. Einmal vielleicht, so von der Ferne, jault ein Hund hinter einem Stacheldrahtzaun. Sie steckt ihre kleinen zarten Hände hindurch, aber kann ihn nicht erreichen. In ihren Augen ist Leere und Trauer und um sie herum eine zerstörte Welt. Tränen stiegen in mir auf.
Diese Vorstellung zum Konzert ist unerträglich, drängt sich mir aber immer wieder auf und will nicht verschwinden. Ich beobachte den Pianisten und versuche mich in seiner Tonwelt hineinzuversetzen, aber der einmal gedachte Film läuft unaufhaltsam in meinen Gedanken weiter und still fließen die Tränen von soviel Mitleid für so ein tragisches Schicksal. Erst als das Klavier stirbt und die traurige Stille durch heftiges Klatschen zerrissen wird, holt die Wirklichkeit mich wieder ins Leben zurück. Rasender Beifall für ein so fürchterliches Stück und ich schließe mich dem an. Das Konzert war hervorragend, nur der Film meiner Gedanken dazu grauenvoll.
Das waren meine Gedanken dazu und jetzt lese ich das Programm des Anhaltischen Theaters zum Konzert.........
Beeindruckend, daß so ein hervorragender Komponist selbst seine Uraufführung im Anhaltischen Theater Dessau spielt. Aus den Bemerkungen dazu im Programm kann man erkennen, daß wir das wohl dem GMD des Hauses, Golo Berg, zu verdanken haben. Vielen Dank für diese hervorragende Idee, Herr Berg! Sie waren an diesem Abend brillant! Was war der Ansporn? Die hervorragende Musik oder die Live Übertragung im Deutschlandfunk? Egal, ich habe es jedenfalls von der ersten bis zur letzten Note genossen.
Das Programm gibt diesmal nicht sehr viel Aufschluss über die eigentliche Intension dieses merkwürdigen intimen Konzertes. Die Konzerteinführung war zwar wie immer brillant, aber in diesem Fall für mich auch nicht sehr aufschlussreich. Sie sagten nicht, daß mich so etwas traurig Beängstigendes erwarten würde.
Golo Berg und Ronald Müller sprachen über verschiedene sehr merkwürdige Techniken, die der Komponist anwenden würde, aber ich habe sie nicht gehört, da ich viel zu sehr zu verstehen versuchte, warum soviel Trauer in diesem Stück steckte, oder ob ich mir das nur einbilden würde. Selbst jetzt noch, wenn ich an das Konzert denke, bekomme ich den bitteren Beigeschmack nicht von den Lippen meiner Phantasie und es ärgert mich sehr, daß ich die Gelegenheit, die sich mir nach dem Konzert im Foyer bot, nicht nutzte um Herrn Yusupov nach seiner eigentlichen Intension zu diesem Meisterwerk zu befragen.
Selbst nach der
Pause machte es mir noch Angst und diese Angst ließ sich ganz und gar nicht
durch Tschaikowskis "Pathétique" vertreiben - wie auch, wo diese doch genauso
nach Tod roch, weil der Komponist 9 Tage nach ihrer Uraufführung, die er selbst
noch dirigierte, verstarb.... merkwürdigerweise kann man den düsteren Tod in ihr
hören und das fühle nicht nur ich. Kann ein Mensch seinen Tod vorausahnen?
Tschaikowskis "Pathétique" rief mir an diesem Abend wieder einen meiner Lieblinge aus vergangenen Zeiten ins Gedächtnis. Auch wenn man das sicherlich nicht wirklich vergleichen kann, schrieb auch Falco sein "Out of the Dark" so kurz vor seinem tragischem Unfall. Wenn Falco auch bis auf seine Hommage an Mozart nicht wirklich etwas mit Klassik zu tun hatte, mochte ich ihn und seine Musik doch sehr gern. Kann also ein Mensch seinen Tod vorausahnen? Wie war das bei Puccini und seiner "Turandot" - ein Meisterwerk! .... Dieser Gedanke lässt mich erschaudern ... alles das kam in mir hoch, als ich dieser wundervollen "Pathétique" lauschte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, aber es war trotzdem ein Hochgenuss Golo Bergs Taktstock in diese unergründlich schaurigen Tiefen zu folgen.
Unergründlich schaurige Tiefen, taten sich auch kurze Zeit danach im Opernhaus Halle auf. Einen Tag nach der Premiere schaute ich mir die vergeblichen Versuche Orpheus seine Euridice aus der düsteren Unterwelt und den Händen Plutos zu befreien an.
Die Kammeroper "L'Orfeo" von Claudio Monteverdi in einer hervorragenden Inszenierung von Kobie van Rensburg beeindruckte mich maßlos. Die Musik (Wolfgang Katschner), die Stimmen und die Inszenierung waren meisterlich. Trotz wenig Bühnenbild erschaffte Kobie van Rensburg eine so phantastische Stimmung und Umsetzung der Oper. Überaus modern (ich fühlte mich sofort in das "neue theater" versetzt) und dennoch brillant, begeisterte er den ausverkauften, kleinen "Zuschauersaal", welcher seine Interpretation mit nicht endendem Beifall honorierte. Mein nichtendender Beifall mischte sich bei, denn das war wirklich eine Glanzleistung aller Beteiligten.
"L'Orfeo" habe ich noch nirgends als richtige Opernaufführung gesehen, meist, wenn überhaupt, nur in einer konzertanten Variante. Schon deshalb zog es mich in unser hübsches kleines Opernhaus um mir endlich mal dieses Kleinode anzusehen UND! es zog mich zu dieser Opernaufführung, weil unser Händelfestspielorchester im "Orchestergraben" saß, denn das bedeutete eine Aufführung mit historischen Instrumenten.
Diesmal war der Orchestergraben sehr klein und mitten auf, oder besser, in der Bühne. Diesmal saßen wir auch nicht im Zuschauersaal, sondern mitten auf der Bühne - das meinten sie also mit Kammertheater im Opernhaus. Seit ich die Karten kaufte habe ich mir das Hirn zermartert, wo in unserem kleinen Opernhaus noch ein Kammertheater sein sollte. Aha! Also lasst uns ein bisschen zusammenrücken und diese Oper hautnah miterleben.
Am Anfang war ich doch ein bisschen skeptisch, wie das wohl aussehen sollte, aber schon nach den ersten Takten wuchs in mir die Begeisterung. Von Wolfgang Katschner war ich solche hervorragenden Sachen ja schon gewohnt, aber mehr in Bad Lauchstädt als in Halle und den Namen Kobie van Rensburg habe ich auch schon des Öfteren gehört, wusste aber bis dato nicht, wo ich ihn zuordnen sollte. Seine Kurzbiografie im Programm gab Aufschluss. Zu den Händelfestspielen 2001 sang er den Giuliano in Rodrigo. Klar, solch gutaussehenden Mann mit dieser phantastischen Stimme habe ich mir selbstverständlich gemerkt. Es freut mich, daß wir den in Johannesburg geborenen Südafrikaner wieder in Halle begrüßen dürfen und das nicht nur als hervorragender Sänger, sondern auch als hervorragender Regisseur.
Schon das
Programmheft gefiel mir diesmal sehr gut. Ich denke, es passte hübsch zu einer
400 Jahre alten Oper. Davon abweichend war das spartanische Bühnenbild sehr
modern. Trotzdem traf es genau den Punkt. Die Videowand mit den inszenierten
Übertiteln war sehr gut durchdacht und überaus passend. Genauso wie der
Orchestergraben mitten auf der Drehbühne und die Nähe der Darsteller zu den um
das Geschehen herum gereihten Zuschauer. Das mit dem ruhestörenden Handy im
Prolog der "La Musica" war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber erinnerte
auf nette Weise, die Dinger doch während der Vorstellung auszuschalten.
Gesine Nowakowski als "La Musica" sang ihren Prolog über den großen Orpheus und begeisterte das Publikum und freundlich den neben ihr sitzenden älteren Herren - hübsch gemacht, Herr van Rensburg.
"Ich bin die Musik', die mit lieblichen Tönen
dem verwirrten Herzen Ruhe schenkt.
Bals zu edlem Zorn, bald zur Liebe vermag ich
selbst eiserstarrte Sinne zu entfachen."****
Schon die Idee zu diesem Prolog von Alessandro Striggio d.J. und Claudio Monteverdi war meisterlich. "La Musica" erzählt die Geschichte durch Wolfgang Katschners Töne, Kobie van Rensburgs Inszenierung und der vielen wunderbaren Stimmen auf der kargen dunklen Bühne.
Nymphen und Hirten feiern die Hochzeit Orpheus mit Euridice und alle scheinen glücklich, daß die beiden sich endlich gefunden haben. Ging natürlich hier alles ein bisschen seichter zu, als in Offenbachs Werk, was die Oper Halle schon mit Bravour aufführte, aber letztendlich ist es natürlich die selbe Geschichte. Auch hier blieb das Glück den Verliebten nicht lange hold und Euridice, von einer Schlange gebissen, verschwindet in das Reich der Toten zum Herrscher Pluto. Orpheus leidet um seine geliebte Frau und folgt Ihr in die Unterwelt. La Speranza, die Hoffnung, in Gestalt und Form von Axel Köhler unterstützt ihn dabei. Hübsches Outfit und hervorragende Stimme, aber wie immer etwas albern daherschreitend stoppt Axel Köhler und somit auch die Hoffnung vor den Toren der Unterwelt, da überm Tor geschrieben steht, daß man die Hoffnung doch ab hier zurücklassen solle. "Lasciat ogni speranza ò voi chéntrate" ("Lasst alle Hoffnung zurück, die ihr hier eintretet!"***** Frei nach Dante, steht im Programm dazu.
Dadurch lässt sich
Orpheus natürlich nicht abschrecken und ganz ohne Hoffnung versucht er den
Fährmann Caronte zu überreden ihn ans andere Ufer zu bringen. Für mich war dies
eine der besten Szenen der Aufführung überhaupt. Die Kostüme (Claudia Doderer)
und die Bühne dazu waren hervorragend und die Stimmen und Ausführung
unübertroffen. Der Monolog des Orpheus war brillant von Kobie van Rensburg
gesungen und Ki-Hyun Park war ein nicht nur stimmlich hervorragender Fährmann.
Die Unterweltgeister (Björn Christian Kuhn, Maik Gruchenberg, Andreas Guhlmann, Peter Zenner und Hwa Young Chun) zeigten sich nicht nur in dieser Szene phantastisch in ihren unheimlichen Kostümen.
Nicht nur der dritte Akt gefiel mir besonders, sondern auch der Vierte in Plutos Unterwelt. Anke Berndt als Proserpina und Gerd Vogel als Pluto waren perfekt in ihren Rollen. Erscheinung und Gesang gefielen mir überaus gut. Die ganzen Unterweltszenen mit begleitender Videowand waren einfach brillant. Meine Hochachtung für Ihr Regiedebüt, Herr van Rensburg! Sie sollten öfter nach Halle kommen. Das wäre eine sehr große Bereicherung für uns.
Leider nimmt die Geschichte nicht so ein schönes Ende, wie in Offenbachs Variante. Orpheus kann sich nicht beherrschen, verpatzt die Flucht, schwört dann allen Frauen ab, obwohl ja nicht die, sondern er höchstpersönlich an seinem Schicksal schuld war, und bekommt dafür seine Strafe gemäß des Librettos von 1607. Da kann Apollo (Nils Giesecke) als sein Vater in schrillem Kostüm, nur den Kopf schütteln.
Unübertroffener Beifall donnerte durch den kleinen Saal und ja, diese Aufführung des halleschen Opernhauses ist mehr als empfehlenswert.
Ohne Frage, eine der besten Inszenierungen meiner letzten Kulturjahre.
Noch zwei Sätze zu albernen Szenen und Darstellern in der Oper:
Ich habe das sehr gut geschriebene Programm jetzt bis zum Schluss gelesen. Interessant waren die Ausführungen Volker Weiskes zur Entstehung der bürgerlichen Oper, über Rationalisierungsmaßnahmen und den Einbau von komischen Figuren in die ansonsten ernste Handlung - ich sehe schon, und das beeindruckt mich, es hat sich bis heute nichts am Management der Oper geändert.
Eure Jana
*Claudio Monteverdi: "L'Orfeo"; Dritter Aufzug (http://www.impresario.ch/)
** aus dem Programm zum Konzert S. 2; Ronald Müller
*** Stéphane Mallarmé: "Der Nachmittag eines Faun"
****Claudio Monteverdi: "L'Orfeo"; Prolog (http://www.impresario.ch/)
***** aus dem Programm zur Oper S. 3; Volker Weiske