Ohne Blut

 

(c) ur - MaterialstudienJetzt sitze ich auf dem Flughafen in Stansted, fertig für Take Off, aber leider noch kein Flugzeug zu sehen - ok, zu sehen schon. Eine ganze menge Flugzeuge, nur nicht das, was mich wieder nach Deutschland bringen soll.

Seit ich das erste mal hier war, hat sich einiges Verändert. Die Area der Billigflieger hat sich durchgesetzt, zur Freude der Globetrotter und Zum-Shopping-oder-Theater-nach-London-Flieger. Fliegen hat sich vom Luxus der Reichen und Geschäftsleute zum Spaß für Jedermann, oder Frau entwickelt. Auch wenn viele dagegensprechen, finde ich es eine sehr gute Entwicklung. Bequem, schnell und einfach - sozusagen wie Busfahren. Einfach für schlappe 50 bis 100 EUR nach London ohne Zwischenlandung. Und in London dann läßt sich das durch den billigen Flug gesparte Geld sehr gut in Klamotten anlegen (vor allem, wenn sie hier in Deutschland mit der Umsatzsteuer auf 19% rauf wollen lohnt sich London noch mehr!). 

Da dürfen es dann schon mal ein Paar Karen Miller Stiefel für über 100 Pfund sein, oder ein Theaterstück im Almeida für 30. So einfach das Opportunitätsgesetz umgesetzt, was ich nicht für das Eine ausgebe, kann ich in etwas Anderes investieren. Zum Beispiel auch in einen Nokia Communicator oder Taschen PC, mit dem man dann auf dem Stansted Billigflieger Flughafen seine e-Mails beantworten kann, oder wie ich jetzt, den Bericht zu Macbeth im Almeida schreiben. Das mach das Leben doch lebenswert - oder? -- Manchmal denke ich an alte Ostzeiten zurück und frage mich, was wohl mit mir geworden wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre - würde ich dann jetzt Reisen in die SU machen? Oder nach Bulgarien? Oder würde ich gelangweilt zu Hause sitzen - ohne PC, ohne Homepage und ohne meine Freunde vom Klassenfeind? Ein eigenartiges Gefühl - ohne den Fall der Mauer hätte es London für mich nie gegeben und somit auch kein Macbeth im Almeida, (c) ur - Materialstudien wahrscheinlich würde ich noch nicht mal Englisch verstehen. Es wäre eine Tragödie ein so grandioses Stück nicht gesehen zu haben.

 

Der Macbeth als Ein-Mann-Stück, sozusagen Erzähltheater - wie schön das wieder passt. Erst noch im nt zum Erzähltheater und dann nicht wissend auch hier in London. Das nt hat "Ohne Blut" sehr gut umgesetzt und das Almeida Shakespeares "Macbeth". Beides super, obwohl ich meine, das Macbeth wohl die größere Herausforderung war.

"Ohne Blut", die erste Regiearbeit, die ich von dem Neuen, Christian Werner, sah und "Macbeth" die erste Regiearbeit, die ich von Travis Preston sah. Travis Preston hätte ich schon kennen können. Er hat zwei Opern in Hamburg inszeniert, "Boris Goduonov" und "Al Gran Sole Carico D'Amore".

Christoph Werner hätte ich auch schon kennen können, er hatte vor seiner nt Area schon das Hallesche Puppentheater in seinen Fingern. Im Puppentheater war ich aber noch nicht. -- wieder Gemeinsamkeiten. Aber dann gibt es nicht mehr viel Gemeinsames. Beide Stücke müssen getrennt betrachtet werden. Obwohl beide etwas mit Leid, Angst, Tod und Verrücktheit zu tun haben. Beide eigentlich deprimierend und bei beiden war ich mir nicht sicher, ob sie mir auch gefallen würden. Bei "Ohne Blut" wusste ich ungefähr was auf mit zukam, aber bei Macbeth hatte ich keine Vorstellung und es Überraschte. 

Der Regisseur erklärte im Programm, wie er auf die verrückte Idee kam, den Macbeth für eine Person zu modifizieren. Er meinte, den meisten Text hat sowieso der Macbeth und fand die Idee eines Einmannstückes interessant. Erst eine Schnapsidee die er dann mit seinem Freund Stephen (c) ur - Materialstudien Dillane langsam in ein spielbares Stück umwandelte, das dann im Almeida Gestalt annahm.

 

Eine Stunde vorher trafen wir in der Bar des kleinen Theaters unseren LTRC Clubleiter Phil auf einen Schwatz mit Wein und dann nahmen wir unsere hervorragenden Plätze ein. Phil hat da wirklich immer ein sehr gutes Händchen für.

Das Almeida ist ein hübsches keines Theater. Ich kannte es schon von dem etwas schrägen Stück "The Goat , or who ist Silvia", was mich damals sehr begeisterte und nun freute ich mich auf einen weiteren Abend in diesem hervorragenden Theater.

Die Bühne war mit schwarzen, grafitartigem Sand bedeckt was ein wunderbaren Kontrast gab zu der im Hintergrund leuchteten weißen Wand. Rechts auf der Bühne ein bißchen versteckt im Dunkeln die Musiker mit ihren Instrumenten.

Erstklassige musikalische Emotionen untermauerten Stephen Dillanes ausdrucksstarkes Schauspiel. Vinny Golia, Jeremy Drake und Harris Eisenstadt hauchten dem Spiel musikalische Tragik ein und Benoît Beauchamp verstärkte das noch mit seinen Lichteffekten. Das Drumherum war perfekt abgestimmt und verleite dem Ganzen eine sonderbare Atmosphäre. Und dann der Akteur - eine Stunde und 40 Minuten ohne Pause Stephen Dillanes Interpretation von Macbeth. Das war atemberaubend!

Programm des neuen theaters HalleAllerdings war es schon gut, daß Stück zu kennen. Dadurch, daß ich Macbeth im Albery schon gesehen hatte, konnte ich mir die einzelnen Szenen sehr gut vorstellen. Unglaublich, wie er die Lady Macbeth rüberbrachte. Am besten gefiel mir die Szene als sie sich die Hände vom Blut reinwaschen wollte - sehr gut. Und auch die Szene, als Macbeth sich an den Tisch setzten sollte und den Geist des Toten sah. Stephen Dillane spielte das Verrückte brillant, um einiges besser, als damals Sean Bean. Unvorstellbar! Was für eine meisterliche Darstellung und das allein und ohne Bühnenbild. Das Stück war ausverkauft und die Leute tobten vor Begeisterung. Ich war also nicht die Einzige, der das so gut gefallen hat.

Ein bißchen zu kurz, fand ich, kam allerdings die Kampfszene mit MacDuff am Schluss. Das ging mir ein wenig zu schnell und ich konnte nicht so richtig folgen. Aber sonst bin ich immer noch begeistert. Sogar so sehr begeistert, daß ich mit das Stück gern noch ein zweites Mal ansehen würde.

Bei "Ohne Blut" ist das nicht ganz so. Das ist sogar ein Stück, was ich jetzt nicht jedem weiterempfehlen würde. Da sollte man Theater schon sehr lieben und/ oder die Bücher von Alessandro Baricco. Da braucht man auch eine Weile um solche Depressionen zu verarbeiten und den Inhalt richtig zu verstehen. Das ist kein Stück zum Vergnügen. Das ist Stoff zum Nachdenken, das ist Stoff der traurig stimmt und das ist Stoff, wo man nicht wirklich weis, was man davon halten soll. Aber das ist Stoff, der von Christoph Werner hervorragend umgesetzt und von Petra Ehlert, Monika Pietsch, Barbara Zinn, Stanislaw Brankatschk und Sebastian Kaufmane trotz kleiner Schnitzer sehr gut rübergebracht wurde.

 

Irgendwie habe ich eine Antipathie zu Christoph Werner und zum Umbau des neuen theaters, aber ich muß fair sein und sagen, daß seine Regiearbeit in diesem Erzählstück hervorragend war. -- Sein Umbau des Theaters leider nicht. Das Stück spielte in der Werft, was früher die Kommode war. Vielleicht brauchten sie ja einen Raum, der düster und ungemütlich sein sollte, aber hätte man da nicht irgendwo einen Keller nehmen können? Und nicht die hübsche Kommode so verunstalten müssen? Hässliches BraunProgramm "Macbeth" des Almeida in London, keine Fenster mehr und unbequeme Sitze ohne Lehne. Zum Stück hat's gepasst, zu meinem Rücken und Wohlbefinden nicht. Früher war der Raum Freude und Spaß, jetzt ist er Trauer und Depression. Damit ist der Name "Werft" doch auch unpassend. "Werft" gibt doch Zukunft, es entstehen Schiffe in ihr, die ausziehen in die weite Ferne, in die Sonne und in das Leben und nicht in die Dunkelheit und den Tod. Vielleicht sollten die B. Travens "Totenschiff" dort inszenieren. Das würde auch passen.

Nein, ich glaube die Werft ist nicht mehr meine Plattform, so wie es die Kommode war. Ich glaube, ich werde mal das Theater in Dessau testen. Wenn die genauso gut sind, wie das Opernhaus dort, könnte ich eigentlich meine Plattform wechseln. 

Ich verstehe immer noch nicht, warum man aus diesem tollen Theater so einen ungemütlichen Platz machen mußte? Früher fühlte ich mich dort wie in einer großen Familie - Geborgenheit und Freude. Aber jetzt versprüht die Atmosphäre dort Unbehagen und Einsamkeit.

Ich verstehe auch nicht, was das Ganze sollte? Wozu hat man Geld für Renovierung und Veränderung ausgegeben, wo das "Alte" doch perfekt war? Das Geld wäre woanders viel besser angelegt gewesen. Haben wir denn soviel davon, daß wir es für völlig unnütze Umbauten zum Fenster hinaus werfen können?

...und wo ich schon mal beim Meckern bin, ich kann auch nicht verstehen, daß man das Andenken an Peter Sodann, den früheren Intendanten, so mit Füßen tritt. Warum? Ohne Peter Sodann und seine Crew hätten wir nicht so ein wunderbares und deutschland- wenn nicht sogar europaweit, bekanntes Theater, wir hätten kein nt-Café, wo Frau zwischen ihren Einkäufen ein kleines Kaffeepäuschen in gemütlicher Atmosphäre machen kann und wir hätten auch keinen Striese Biertunnel, wo man nach einem Theaterbesuch, das Stück bei Bier und leckerem Essen diskutieren und den Abend gemütlich ausklingen kann. Ich frage mich, was hat Peter Sodann so Verwerfliches getan, daß man keine Erinnerung an ihn bestehen lassen möchte. Ist das Abscheu vor einem diktatorischem Charakter oder ist das etwa Angst vor einem starken Mann?

 

 

 

 

Eure Jana