Vollkommenheit
Da unsere Kulturszene hier Sommerpause hat, mir somit langweilig war und ich ohne Konzerte nicht mehr leben kann, beschloß ich nach Oberstdorf zu fahren, da dort am 29. Juli der Musiksommer beginnt..... eine schöne Einleitung, aber DAS wäre doch wirklich ein bißchen übertrieben ;-)
Nein, ich hatte wiedermal richtige Lust auf Freiheit und wo anders kann man sie finden, wenn nicht in den Bergen. Ist es nicht ein berauschendes Gefühl nach einem anstrengenden und manchmal auch gefährlichen Aufstieg die kühle, reine Luft der Berge einzuatmen und hoch auf dem Gipfel über das schöne Land zu blicken? Das ist wirklich ein Genuß, den man nicht missen sollte. Und damit meine ich nicht die mit Stöckelschuhen und Sandalettchen betippelten, Touristen überfluteten Seilbahn vermarkteten Gipfel - nein, ich meine die, wo man schon etwas Arbeit hineinstecken muß um dort oben am Kreuz einen Gruß ins Gipfelbuch eintragen zu können, ich meine die, wo man so manchmal mit zitternden Knien lieber umkehren möchte und die, wo man dann doch weitergeht, weil der eigene Ergeiz einen höhnisch lächelnd herausfordert. Ja, das sind Abenteuer, die ich liebe und Gefühle, die ich nicht missen möchte.
Das Genießen der Ruhe und das stille Nachdenken über "Gott und die Welt" indem man einfach nur einen Fuß vor den anderen setzt und die Landschaft um sich herum entdeckt und bewundert - das ist Vollkommenheit, welche nur die Natur einen bieten kann.
Da ich dieses Jahr so gut wie untrainiert für hohe Berge war, beschloß ich mit einer leichten Tour zu beginnen - nach dem Motto passend zu "Schau 'mer mal Tours" - Schau 'mer mal, ob 'mer den Berg noch hoch kommen....
(ps. wer sich nicht durch meinen kompletten Bericht durchkämpfen und lieber gleich die paar Zeilen zum Oberstdorfer Musiksommer lesen möchte, kann das Ganze abkürzen, indem er HIER klickt ;-)
Eine der schönsten
Touren um Oberstdorf, finde ich, ist immer noch der Hohe Ifen mit dem
Gottesackerplateau. Es ist auch nur ein kleiner Aufstieg von der Bergstation
(1600 m) zum Gottesacker (2000 m) und noch ein kleines Stückchen höher zum Ifen
(2230 m).
Die ganz Fleißigen können natürlich auch von Riezlern den ca. 1000 m Aufstieg wagen, welcher aber meiner Meinung nach ein bißchen Stumpfsinnig ist, da er größtenteils über langweilige Wege und Straße verläuft. Da nimmt Frau doch lieber den Sessellift und läßt sich Beine schwingend und Kühe beobachtend bis auf 1600 m hochziehen. Somit bleibt auch mehr Zeit für Gipfel und Gottesacker.
Diesmal war Zeit
aber leider etwas knapper als sonst, da ich Abends ins Eröffnungskonzert des
Oberstdorfer Musiksommers wollte. - Was für ein schöner Zufall aber auch. Da fährt
man in die Berge, fern ab von jeder Klassik, doch mehr in das Gebiet der
Volksmusik und muß feststellen, daß sich Händel und Bach auch bis hier hin
rumgesprochen haben - nein, sorry, das war ein Witz. Es ist mir natürlich klar,
daß auch die Einwohner der
"Bergdörfchen" nicht fern ab von jeder Kultur leben
und es freute mich besonders, daß ich diesmal genau in so ein Ereignis
hineingestapft bin. Und neugierig wie Frau so ist, konnte ich mich natürlich
nicht bremsen und besorgte mir eine Karte zum Eröffnungskonzert. Nur leider
brachte das meine Ifen - Tour ein bißchen ins wanken und ich mußte sie
drastisch verkürzen, damit ich noch ein bißchen Zeit zum Essen und Zurechtmachen
hatte - Frau konnte doch wohl nicht nach einer Bergtour, mit zerzausten Haaren,
völlig verschwitzt und wie ein Penner aussehend in die Kirche zum Konzert gehen
- nein, da mußte die ursprüngliche Tour um einiges zusammengestrichen werden.
Das heißt, diesmal den Ifen links liegen lassen und sich lieber für die
interessantere Tour, den Gottesacker, zu entscheiden. Und ob Frau es dann noch
über die Scharte zum Hölloch schafft ist auch fragwürdig, aber warten wir es
erst mal ab.
Von Oberstdorf kommt man bequem mit dem Bus nach Riezlern und dann weiter mit dem Ifen-Bus bis zur Seilbahnstation. Wer direkt von Oberstdorf die Mammuttour wagen möchte, würde das über die Breitachklamm in Angriff nehmen. Aber eigentlich ist das eher für den Rückweg zu empfehlen, da sich dann die Touries dort nicht mehr tottrampeln und man die Klamm erst richtig genießen kann. Allerdings sollte man dann zeitig starten, damit man am späten Nachmittag noch durch kommt. Die Klamm schließt gegen 17:00 Uhr, wenn ich mich recht erinnere.
D
iese verrückte Tour
habe ich komplett bis jetzt erst einmal geschafft und dann beschlossen auf solch
übergroßen Anstrengungen bis auf Weiteres zu verzichten. Da kann man sich ganz
schön die Füße platt laufen und sollte sehr fix und ausdauernd mit den selben
sein.
Somit diesmal etwas fauler ein kleiner, gemütlicher Trip mit dem Sessellift bis zur Mittelstation. Der zweite Lift ist im Sommer nicht bedient, was auch gut so ist, denn dann ist der Berg nicht von schon oben erwähnten bergnaiven Naturen bevölkert und man trifft größtenteils nur vernünftige Wanderer. Tut mir leid, daß ich da nicht sehr tolerant bin, aber ich kann es einfach nicht sehen, wenn die Leute hochgestylt mit ihren dünnen Designerklamotten und zarten Schühchen in den Bergen umhertippeln, sich wundern, daß es dort oben kälter ist als im Tal und daß die Wege nicht betoniert sind, damit sie besser laufen können. (ps. Da wäre eher die Zugspitze zu empfehlen. Die ist nämlich betoniert. ) Oder die, die es gerade bis zur Gaststätte schaffen und sich von der anstrengenden Seilbahnfahrt erst mal erholen und ein Bier auf die schwierige Rückfahrt trinken müssen. Manchmal schämt man sich richtig eigentlich auch nur ein Tourist zu sein.
Diesmal bin ich auch zu einer ungünstigen Zeit hier. Das nächste Mal muß ich sehen, daß ich meinen Bergurlaub wieder Ende Juni angehe. Da liegt noch ein bißchen Schnee in den Oberstdorfer Bergen, die Wege sind noch nicht ausgetrampelt und man ist selbst auf den gängigen Touren einsam unterwegs. Die meisten Touries kommen erst mit den Schulferien, Ende Juli, August und September. Ich hätte wirklich besser aufpassen müssen bei meiner Planung.
So ein Sessellift
ist eine feine Erfindung. Immer an der frischen Luft und nicht so ein Gedränge
wie in den Gondeln. Die Fahrt dauert zwar etwas länger, aber man kann schön die
hübsche Aussicht genießen und sich auf den Aufstieg freuen, der einen in
endlosen Serpentinen allmählich dem Gipfel näher bringt.... was für eine
Tippel-Tappel-Tour .... rechts herum..... links herum .... rechts herum ...
links herum ...keuch...
Diesmal war der
Anstieg nicht ganz so langweilig, da es überall etwas zu sehen gab. Was für eine
wunderschöne Flora. Diesbezüglich hatte ich die Zeit gut abgepaßt, überall Alpenrosen,
Vergißmeinnicht, Stiefmütterchen, Enzian, Thymian, Orchideen, Türkenbundlilien,
Glockenblümchen und etliches, was ich vom
Namen her nicht kannte.
Ich mag diese kleinen Bergblumen sehr gern. Alles in so niedlicher Miniaturausführung. Schade, daß die Schlüsselblumen nicht mehr blühten. Das sind meine absoluten Lieblinge. Auch die Kuhschellen waren schon verblüht und man sah nur noch den buschigen Samen wie Löckchen um ihre Köpfchen wehen. Ja, schon die Wiesen allein sind es Wert eine Bergtour in den Alpen zu machen.
Von der Fauna kann
ich nur sagen Kühe, Kühe, Kühe und noch mehr Kühe, schlafende Kühe, fressende
Kühe, wiederkäuende Kühe, mit dem Schwanz Fliegen vertreibende Kühe, den Weg
versperrende Kühe und einfach nur glotzende Kühe - zumindest auf dieser Tour.
Auf späteren Touren sah ich dann noch eine Gamsfamilie, ein Pärchen Füchse,
Alpendolen und Vögel aller Arten, winziges Kräuch- und Fleuchzeugs, ein paar
etwas schläfrige Schafe, Golfer, jede Menge Hun
de, die ihren Besitzer ausführten
und ein spezielles Exemplar, was im Bach tauchte. Was, glaubt Ihr nicht? Hunde
tauchen nicht? Hehe - und sie tauchen doch. Hänge ein Beweisfoto mit an. Ja,
das war wirklich niedlich. Herrchen schmiß ein kleines Steinchen in den Bach und
Hundi sprang hinterher, tauchte unter, verharrte eine Weile in dieser Position
und brachte einen riesengroßen Bocken zurück zum
Ufer.
Ich stand da bestimmt eine dreiviertel Stunde und beobachtete diesen verrückten Hund. Der war wirklich einzigartig - so etwas habe ich noch nicht erlebt.
Selbst Herrchen
konnte es nicht fassen und wenn er mal nicht schnell genug war mit dem Werfen
der Steinchen, sprang das Tier von selber in den Bach und holte einen Brocken
nach dem anderen an Land und ich meine da wirklich Brocken. Das arme Tier konnte
sie fast nicht tragen. Tauchende Hunde... tztztztz..
. schien ihm aber wirklich
Spaß zu machen.
Ich denke fast der Aufstieg bis zum Gottesackerplateau dürfte ca. eine Stunde gedauert haben und dann dieser wunderbare Blick über das Plateau - herrliches, ausgewaschenes Karstgebiet, überall Spalten im Kalk. Hier sollte man schon aufpassen, daß man nicht in einer Dieser auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Aber nein, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Stand zwar "nur für Geübte" am Wegweiser, aber wenn man ein bißchen Trittsicher ist, braucht man sich da keine Sorgen zu machen - einfach über die Spalten drüberhüpfen ;-) und hier und da ein bißchen klettern. Das schafft jeder Rentner locker .... wenn er oder sie gut trainiert ist ;-) - ja wirklich, ich habe auf dieser Tour unterwegs eine nette, alte Dame getroffen, die mindestens 80 Jahre alt war. Da kann ich nur sagen, meine Hochachtung in diesem Alter noch solche Touren zu unternehmen, wo hier den Jungen schon die Lunge pfeift.
Oh ich liebe diese
kargen Landschaften - vor mir eine unendlich scheinende weite Steinwüste, nur
mit ein paar grünen Fleckchen von kurzem Rasen, winzigen Blumen und Kräuter und
auch Latschenkiefern gespickt. Ab und zu lag auch noch ein bißchen Schnee in den
Ecken, wo die Sonne nicht so gut rankam. - Gut, daß die Sonne schien und alles
so angenehm freundlich erscheinen ließ. Im Dunkeln oder bei schlechtem Wetter
möchte ich um keinen Preis der Welt hier oben sein. Dann wirkt alles so
unheimlich und man kommt sich vor wie in einem Märchen von bösen Zauberern und
vermutet hinter jedem Felsen ein Ungeheuer. Hey! - Da gibt es nichts zu lachen!
Ich war schon einmal hier oben, als plötzlich schlechtes Wetter mit herrlichem
Nebel aufzog. Damals habe ich die Tour sofort abgebrochen und bin den langen
Weg,
den ich vorher mühsam hinauf geklettert war, wieder hinunter gelaufen. Das
war schon sehr ärgerlich, aber man sollte auf keinen Fall riskieren, hier oben
umherzuklettern, wenn man nichts sieht, auch wenn man einen Kompass dabei hat.
Dann findet man zwar den Weg so einigermaßen - wenn man Glück hat, aber es ist
dennoch gefährlich in eine der Spalten abzurutschen oder plötzlich vor einem
Abgrund zu stehen.
Dies gilt übrigens nicht nur für den Gottesacker, wenn sich ein dunkles Wölkchen am Himmel zeigt, sollte man schleunigst sehen, wieder das Tal zu erreichen. Diese kleinen, netten Wölkchen wachsen sehr schnell zu einem großen, bösen Gewitter heran und dann kann man nur noch beten, daß es einen auf den kaum bewachsenen Berghängen nicht erwischt. Leider hat nicht jeder das Glück da wieder heil herunterzukommen. Überall stehen Kreuze, wo Menschen durch solche Unvorsicht ihr Leben lassen mußten.
Selbst wenn es
nicht gewittern sollte und "nur" ein Wetterchen aufzieht, ist es kein
Vergnügen
und oft auch sehr gefährlich in den Bergen herumzuklettern. Man sollte
immer bedenken, wenn es unten im Tal regnet, schneit oder hagelt es oben in den
Bergen und es ist wirklich kein Spaß mehr, pitsch naß, mit klappernden Zähnen und
blau gefrorenen Händen am Berg zu hängen. Sorry, ich will hier wirklich nicht
belehrend erscheinen, aber wer das schon mal erlebt hat, weiß wovon ich spreche
und ich sehe so oft Wanderer ohne Rucksack, oder nur mit leichtem Gepäck, also
ohne Wetterzeug, in den Bergen umherlaufen. Das ist sehr leichtsinnig, denn
selbst, wenn unten noch die Sonne scheint, muß es nicht heißen, daß sie das bei
einer 8 Stunden Bergtour die ganze Zeit so weiter tut. Mir ist es schon ein paar mal
passiert, daß ich auf halber Strecke absteigen mußte, da dunkle Wolken
beschlossen die wärmende Sonne zu vertreiben. Einmal habe ich es nicht mehr
geschafft und bin in ein Unwetter mit Hagel gekommen. Nur gut, daß ich schon
beim Abstieg und dieser ein Leichter war. Aber ich kann mich noch genau
erinnern, wie sich die Hagelkörner in meinen Jackentaschen sammelten und ich wirklich
froh war, daß ich meine wasserdichte
Jacke und ebensolche Schuhe anhatte. Die
Hose war zwar durchgeweicht, aber ließ kein Wasser in die Schuhe und es war
wirklich Ar*** kalt, trotz dickem Hemd, was ich wohlweislich dabei hatte. Bei 3
Stunden Abstieg wechselte der Hagel ab einer bestimmten Höhe dann in Regen, aber
ich kann Euch sagen, an dem Tag war ich wirklich heil froh als ich wieder in
meiner warmen und gemütlichen Unterkunft ankam.
So, genug mit Belehrungen und weiter mit der schönen Seite der Berge, herrliche Touren bei Sonnenschein - ach, vielleicht noch eins zum Sonnenschein für Berganfänger. Nicht die Sonnencreme vergessen, sonst könnt Ihr am nächsten Tag nach einer herrlichen, sonnigen Wanderung Eure Haut in Scheibchen abpellen. Jaja, ich weiß, daß das jeder weiß, aber selbst auf meiner diesjährigen Gottesackertour habe ich wieder ein paar noch sehr weiße Arme, Beine, Rücken und Bäuche gesehen, die mit der Sonne um die Wette leuchteten - na die werden sich über das Ergebnis ihres Sonnenbadens sicherlich nicht sehr freuen. Die starke Sonne der Alpen gewinnt bei solchen Wetten immer <grins>.
Ich bewegte mich
also hüpfend und kletternd über das wunderschöne Plateau, um mich herum die
weite Pracht der Berge und hinter mir der Hohe Ifen mit seinem merkwürdigen
Aussehen. Es ist schon erstaunlich, was die Natur so vollbracht hat. Man kann
sich gar nicht vorstellen, daß Eis diese schönen Formen zusammengeschoben hat,
oder daß in ein paar Millionen Jahren der ganze Kalk hier verwittert und
abgetragen ist und man die Alpen wohl dann noch nicht mal mehr erahnen kann.
Auch, daß hier einmal Meeresboden gewesen sein soll, stimmt einen nachdenklich.
Es hat mich schon sehr beeindruckt, daß ich in mehr als 2000 m Höhe in einem Bach einen Belemnit (Donnerkeil) und Muschelabdrücke gefunden habe. Wenn man sich die versteinerten Artefakte alter Zeiten (ca. 60 Millionen v.u.Z.) so ansieht, beschleicht einen ein wirklich merkwürdiges Gefühl von Ehrfurcht und man fühlt sich als Mensch plötzlich so klein und vergänglich auf dieser uralten Erde und man fragt sich, wie lange sie uns wohl noch dulden wird.
Da fällt
einem ein,
daß vor ca. 65 Millionen Jahren im Tertiär, die Gletscher wohl
diese schönen
Berge erschaffen haben, so ganz kurz nachdem die Saurier in der Kreide einem
Massensterben zum Opfer fielen und wenn man bedenkt, daß wohl unsere Erde nach
weiteren 4,5 Milliarden Jahre verdampft und dann nicht mal mehr ein
Staubkörnchen übrig bleibt, kommt man sich wirklich ganz schön winzig vor. Wo
doch unser Zeitalter, das Zeitalter des Menschen, sozusagen, gerade mal 5
Millionen Jahre existiert.... und am Anfang krochen wir da noch auf allen
Vieren umher.
Ja, Steine und Knochen können schon interessante Geschichten erzählen und es gibt soviel zu entdecken und zu erforschen, daß ein kleines Menschenleben dazu bei Weitem nicht ausreicht.
Gerade hier auf dem
Gottesacker soll es interessante Höhlensysteme geben, die sich so manch Forscher
gern ansehen möchte. Mir würde es auch gefallen da mal hinunter zu steigen -
sollte bloß nicht regnen, denn dann könnte es nämlich ungemütlich werden da
unten.
Nagut, für dieses Mal bleibe ich wohl besser oben und genieße die Landschaft an Luft und Sonne.
Der Weg führt eine ganze Weile über das Plateau und es wird keineswegs langweilig, da die Wege nicht eben sind und es viel zu entdecken gibt. So auf halber Strecke gönnte ich mir ein kleines Päuschen mit schönem Ausblick und beobachtete die Pflanzen um mich herum. Da staunt man nur, wo sie alle wachsen. Genau zu meinen Füßen, versteckt zwischen weißen Felsen ein kleines, gelbes Stiefmütterchen. Überall zwischen den Steinen sprießen die Pflanzen hervor, eine Alpenrose schöner als die andere. Die Natur findet überall ihren Weg - sie ist vollkommen.
Leider war durch
meine Trödelei nun doch keine Zeit mehr für
die Scharte und den Abstieg über das
Hölloch und ich entschloß mich schon für den ersten Abstieg. Eigentlich ist es auch
egal, es sind beides sehr hübsche Wege durch eine Schlucht ins Tal hinab.
Also dann hinunter, mit Vorfreude auf ein kühles Glas Bi ... eh Milch und natürlich auf das Konzert am Abend.
Um mich herum blühte und gedieh alles. Ab und zu gab es noch Schneefelder, die durchquert werden mußten, was aber kein Problem war, und es war hübsch anzusehen, wie sich die ersten Pflanzen zum Himmel erhoben, an den Stellen, wo der Schnee gerade erst verschwunden war.
Ich entdeckte ein merkwürdiges Liebespärchen, die hübsche, elegante Orchidee schmiegte sich an eine kleine gelbe Butterblume - was für ein ungleiches Paar, aber sie schienen sich zu mögen - naja, wo die Liebe eben hinfällt ;-).
Leider gab es hier
keine Bäche, die mich sonst immer so wunderschön mit ihrem rauschend, klaren,
blauen Wasser durch die Alpen begleiten. Oder diese herrlichen Wasserfälle und Bergseen, wo man zu gern hineinspringen möchte.
Später in meinen Touren gab es noch viele zu sehen und das eisige Wasser zu fühlen, wenn man durchklettern mußte.
Ein sehr schöner Wasserfall ist gleich in der Nähe von
Oberstdorf. Den wollte ich mir etwas näher ansehen - was meint ihr? Barfuß?
Neenee, vergeßt das mal schön wieder, ich bin kein Freund des Eisbadens....
obwohl Frau bei der Hitze unten im Ort zu gern unter diesem
prachtvollen
Wasserfall geduscht hätte. Aber davon abgesehen, daß das Wasser viel zu kalt
war, gab es dort auch viel zu viele Wanderer, die beim Duschen nur gestört
hätten. Ja, da wünscht Frau sich gern in die Tropen an einen idyllischen See mit
idyllischen Wasserfall -
so wie im Kino, wo Frau wie Gott sie geschaffen hat
unter glitzerndem, sanft danieder regnendem Wasser duschen könnte. Aber wie ist
die Realität: Alpen und sau kaltes Wasser, daß mit so einem Druck
niederprasselt, daß es einen sofort in den Boden stampfen würde.... aber, es
sieht trotzdem toll aus.
Ich weiß gar nicht mehr genau, wie lange ich unterwegs war - vielleicht 5 - 6 Stunden. Jedenfalls schaffte ich es pünktlich, geduscht, geföhnt und poliert zum Eröffnungskonzert des Oberstdorfer Musiksommers in die katholische Pfarrkirche St. Johann Baptist auf dem Markt. Somit von der Vollkommenheit der Berge direkt zur Vollkommenheit der Musik.
Leider aber nicht
vollkommen angezogen, da ich nur meine Outdoor Klamotten dabei hatte. Das heißt,
daß erste mal mit Turnschuhen zu einem Konzert. Na ob die mich so reinlassen?
- Sie ließen, denn ich war auch nicht die einzige im Freizeit-Outfit. Da hat das
Konzertfieber wohl noch mehrere Wanderer erwischt und da ich mein Ticket, genau
wie die anderen Wanderer wohl auch, erst am morgen des Konzertes gekauft hatte,
saß ich mit ihnen unauffällig im hinteren Teil der Kirche. Ich konnte aber sehr
gut sehen, da das kleine Bühnenpodest ein bißchen erhoben war.
Die Kirche gefiel
mir sehr gut. Sie war klein und alles war perfekt in Ordnung. Ich saß zum ersten
mal in einer katholischen Kirche und mußte feststellen, daß die nicht sehr
gemütlich war. Zwar gepolsterte, aber trotzdem harte Sitzbänke und vor meinen
Schienbeinen ein Brett zum Knien und
Beten. Meine Schienbeine wußten gar nicht
so recht, wo sie hin sollten. Und da das Brett auch noch mit hellem Stoff
bezogen war, wagten sich natürlich meine Füße auch nicht, es sich ein bißchen
bequemer zu machen und sich einfach darauf zustellen. Da bin ich doch froh, daß
bei uns die meisten Kirchen evangelisch und die Bretter somit weggefallen sind.
Davon abgesehen bin ich sowieso Heide und komme nur in den Genuß eine Kirche von
innen zu sehen, wenn sie drinnen ein Konzert spielen oder ein Theaterstück
aufführen oder ich einfach so eine Besichtigung mache. Naja, wie dem auch sei,
diese kleine Kirche gefiel mir sehr gut und nach ein paar mal hin- und her-gerutsche fand ich auch eine gute Position für meine vom Wandern müden Knochen.
Der Saal füllte
sich und alsdann wurden die Türen geschlossen. Hinter mir waren noch ein paar
Plätze frei, was ich sehr schade fand. - Also gehen die Herren und Damen der
Berge
doch nicht ganz so gern ins Konzert?
Es war das zwölfte internationale Klassikfestival im Allgäu und so auch der Einstieg des Redners. Er eröffnete seine kleine Rede mit der Erklärung der Bedeutung der Zahl 12 - welche für "Vollkommenheit" steht. Vollkommenheit, die man vielleicht in der Musik findet und Vollkommenheit dieses wunderschönen Tages. Die Sonne durchflutete die Hallen der kleinen Kirche und ich dachte so bei mir - recht hat er, der Tag war wirklich vollkommen.
Der Bursche dort oben auf dem Podest hat eine Rede gehalten wie ein Pfarrer und nun bin ich mir nicht mehr sicher, ob es der künstlerische Leiter Prof. Peter Buck oder der Pfarrer der Gemeinde war. So richtig konnte ich ihn von soweit hinten nicht erkennen. Naja, jedenfalls sprach er sehr deutlich und es schien so, als ob er öfter in der Kirche redet im Gegensatz zu dem etwas stimmschwachen Musiker, der uns erklärte, daß sie die Reihenfolge des Programms geändert haben. Obwohl der doch eigentlich genügend Luft haben müßte, da er ein Blasinstrument spielte, von dem ich annehme, daß es eine Oboe war - konnte ich von meiner Position aus auch schlecht erkennen.
Die Einstiegsrede gefiel mir sehr gut. Sie war kurz, inhaltlich passend und rhetorisch gut vorgetragen. Daran können sich die Redner des Eröffnungskonzertes unserer Händelfestspiele ein Beispiel nehmen.
Er begrüßte auch
nicht jeden anwesenden Gast einzeln, sondern erwähnte nur einen besonderen Gast,
einen evangelischen Bischof mit Frau aus Görlitz. Der kam sich bestimmt etwas
komisch vor in einer katholischen Kirche. Von diesem besonderen Gast
spannte er den Bogen zur Musik und wie sie Menschen verbindet, egal welchem
Glauben oder welcher Rasse sie angehören und das, denke ich, sol
lte auch der
Ursprüngliche Gedanke der Musik bleiben, trotz des Kommerz, welcher mit ihr
betrieben wird. Es ist wirklich schade mit anzusehen, wie dieser die Schönheit
und die Vielfalt der Musik zerstört, wie das Konsumverhalten der Massen die
Programme und Stücke, die gespielt werden, dominiert und wie dieses
Konsumverhalten manipuliert wird. Ich denke ein Kampf ums Überleben sollte in
der Musik nicht geführt werden. Es geht dadurch viel zu viel verloren. Es ist
wirklich schade, daß hier die selben Regeln gelten wie in der Wirtschaft und nur
wenige ein bißchen Geld übrig haben um auch etwas außergewöhnliche Projekte zu
fördern, zumindest hier in Deutschland. Darum sollte man jedem Sponsor und
Spender dankbar sein, die dies noch ermöglichen und wenn ich mir das
Programmheftchen des Musiksommers so ansehe, sind es nicht wenige in Oberstdorf
und Umgebung, die dazu beitrugen, daß dieses kleine Highlight in den Bergen
stattfinden konnte.
Für dieses Jahr
also mein zweites Eröffnungskonzert und mein e
rstes Konzert mit einer Frau als
Dirigent, also eine Dirigentin. Da fragt Frau sich sogleich, warum das so selten
vorkommt? Scheint doch ein ganz interessanter Beruf zu sein und wo Frauen doch
auch sonst ziemlich oft den Ton angeben, wäre das doch der perfekte Job. Für
Michi Gaigg jedenfalls schien es so. Schade nur, daß sie nebenbei Geige spielte und gar
nicht so recht als Dirigent zum Einsatz kam. Ich hätte zu gern gewußt wie Frau
das so macht mit dem Dirigieren. Aber das
L'Orfeo war ja auch nur ein kleines
Orchester und hatte wahrscheinlich nicht genügend Violinisten zur Verfügung oder
sie hatte einfach nur Spaß daran sich mit ihrer Geige selbst einzubringen.
Das Orchester war
wirklich
niedlich, wahrscheinlich genau so, wie man es sich zu Bachs und Händels Zeiten
vorstellen müßte. Man nimmt
jedenfalls an, daß die Orchester damals nicht allzu groß waren, zumindest nicht
wie unsere heutigen Konzerto
rchester. Auch der Aufführungsort in der Kirche
entsprach wohl den heutigen Vorstellungen, wie man damals spielte. Also richtig authentisch - oder sagen wir mal lieber "fast"
authentisch, da ja niemand weiß, wie das
früher denn so aussah -
weil die,
die das ernsthaft beurteilen könnten schon alle tot sind und ihre Meinung dazu
nicht mehr Kund tun können.
... und das wird noch
komplizierter - da man gar nicht so recht weiß, wie sie damals die Stücke
gespielt haben, muß der arme Dirigent, oder in diesem Falle die arme Dirigentin schon
eine Menge eigener Ideen in so ein Stück stecken um es ordentlich klingen zu lassen.
Allein
mit der Partitur und ein paar historischen Instrumenten ist das noch nicht
getan, die machen noch keine
wohlklingende Musik, auch, wenn die Musiker sie gut zu handhaben wissen. Aber
vielleicht ist es auch eine schöne Herausforderung seinen eigenen Stil in
die Werke hineinzutun. Das macht, denke ich, die alten Stücke viel interessanter, da von
verschiedenen Orchestern gespielt, sie auch sehr verschieden klingen können. Bei
den neueren Sachen ist die Partitur schon viel genauer beschrieben und man hat
nicht so
viel Interpretationsspielraum - hmmm... also ich glaube, wenn ich ein Dirigent
wäre, würden mir die alten Sachen viel besser gefallen. Ich denke, es macht
Spaß, seine eigenen Ideen unterzubringen.
Ja, es ist wirklich interessant zu vergleichen. Bei den alten Stücken höre sogar ich die Unterschiede heraus, selbst bei sehr bekannten und gängigen Sachen. Bei den neueren habe ich da schon meiner Schwierigkeiten. Die klingen für das Ohr des Laien doch alle sehr ähnlich, wenn nicht sogar gleich.
Das Orchester ist
noch ein ziemlich junges Barockorchester, 1996 gegründet, und im Programm steht,
daß es sich in die vorderste Reihe der führenden Ensembles der historischen
Ausführungspraxis gespielt hat. Das scheint nicht ganz so einfach zu sein, eben
aus dem Grund, daß keiner genau weiß, wie das damals denn alles so gespielt wurde und sich die
Geister schon über den Begriff "historische Ausführungspraxis" streiten. Das
versteh' mal ein Außenstehender, wie ich. Da meinen die Einen es gibt keine
"historische Ausführungspraxis", da niemand aus dieser Zeit noch lebt und das
Ergebnis besiegeln kann und die anderen meinen, das ist
ja wohl egal, Hauptsache
es klingt gut. Tja und ich muß sagen, es klang sehr gut und mir ist eigentlich
auch egal, ob das denn letztendlich authentisch ist oder einfach nur gut klingt.
Ich habe mal irgendwo ein Interview mit Nikolaus Harnoncourt gelesen. Als er gefragt wurde, was er vom Begriff "historische Ausführungspraxis" hält, hat er geantwortet, daß er überhaupt nichts davon hält und es ein blöder Begriff ist, weil es keine "historische Ausführungspraxis" gibt. Es gibt ja auch keinen einzigen historischen Aufführungspraktiker, weil wie oben schon erwähnt, ja alle schon gestorben sind. Tja und DER muß es ja wohl wissen, so als Spezialist für "historische Ausführungspraxis" ;-) Tja und Michi Gaigg hat ihn immerhin schon mal getroffen - steht jedenfalls im Programm und erhielt dadurch entscheidende Impulse und Ideen für ihre "historische Ausführungspraxis" - hmmm - klingt doch ein bißchen komisch, was sie da immer so in ihren Programmen abdrucken um all die wichtigen Namen auf nur so wenig Platz im Heftchen unterzubringen.
Naja, wie schon
gesagt, ihre "historische Ausführungspraxis" gefiel mir jedenfalls sehr
gut.
Sie spielten zwei Orchestersuiten von Bach, die Dritte und die Vierte und von
Händel ein wunderschönes Konzert für Orgel. Also ich muß sagen, ich finde Händel
immer noch besser als Bach. Das kleine Orgelkonzert war wirklich erstklassig und
gefiel mir somit auch am besten. Vor allem der erste Satz war atemberaubend
schön. Leider gab es ausgerechnet bei Händels Orgelkonzert ein lautes Getrampel
und Geflüster auf den "Rängen" - hin und her und hoch und runter - das ging mir
gewaltig auf die Nerven und ich war schon arg sauer, denn selbst mir reist
manchmal der Geduldsfaden.
In der Pause sah ich dann einen Krankenwagen draußen stehen - na, da sieht man es mal wieder, wieder aufgeregt und gemeckert ohne die Gründe zu kennen. Ich glaube, daß sollte man sich abgewöhnen - naja, wollen wir hoffen, daß es nichts Schlimmes war und derjenige nur frische Luft brauchte und wieder wohl auf ist.
Pause war pünktlich 21:00 Uhr. Das mußte gut abgestimmt sein, denn auch pünktlich 21:00 Uhr läuteten die Glocken. Nagut, die würden vielleicht auch zu Händels Orgel passen, aber da diese sehr leise gespielt wurde, war es schon besser beides separat zu hören.
Ach, fast vergessen, der Organist war Johannes M. Bogner. Sollte Frau doch erwähnen - gehört sich einfach so ;-)
Draußen war es noch halbwegs hell und so mancher Mann gönnte sich ein Eis am Stand des gegenüberliegenden Restaurants. Frau gönnte sich einen Blick auf so manchen Mann, aber Eis war passé, da Frau auf ihre Linie achten mußte und Eis sowieso viel zu süß ist.
Nach der Pause spielten sie ein kleines Konzert für 4 Blockflöten, Streicher und Basso Continuo von Johann David Heinichen (1683-1729). Drinnen waren jetzt schon die Kronenleuchter an und gaben dem Konzert einen würdigen Rahmen. Die Bühne war erleuchtet und das Konzert für die Blockflöten ein wahrer Genuß. Von Johann David Heinichen hatte ich bis jetzt noch nie etwas gehört und stellte fest, daß ich da wohl einiges verpaßt habe. Ich muß mal sehen, ob es von ihm irgend etwas auf Konserve gibt, damit ich meinen Horizont erweitern und das verpaßte aufholen kann - schon, weil er bei uns in der Gegend geboren ist.
Wie es aussah muß es eine Menge interessanter Sachen von ihm geben. Er war ein fleißiger Bursche, aber ist leider schon mit 46 Jahren gestorben.
Das Flötenkonzert soll einzigartig sein - ja, und es hat mir sehr gut gefallen.
Zum Schluß dann
noch einmal Bach. Da mußte ich wieder an das fiktive Gespräch zwischen Bach und
Händel denken, welches unser "neues theater" zum
Sommerfest aufführte. - Die
hatten es beide schon nicht sehr einfach. Händel so ganz allein, einsam ohne
Familie und immer unter Druck sich zu vermarkten und sein Theater voll zu
bekommen und Bach mit einer Frau, die zeitig starb, 20 Kindern, von denen 10
nicht älter als 3 Jahre wurden. Komponiert hat er seine großartigen Sachen für
Lau oder Just for Fun, Opern durfte er nicht schreiben, was
die Menschheit noch
heute bedauert und sonst war sein Leben auch ziemlich trostlos. Das alles hat er
wohl auch in seinen Kantaten untergebracht und so manch einer meint, daß er
selbst seine Opern dort untergebracht hat und ab und zu hat er wohl auch so
manche Kritik an der Gesellschaft in ihnen versteckt. Schade, daß ich viel zu
wenig darüber weiß. Vielleicht sollte ich mir mal eine Biographie oder ähnliches
von ihm besorgen. Falls jemand von Euch da etwas Lesenswertes empfehlen kann,
laßt es mich wissen.
Ein Teil seiner 3. Orchestersuite kam mir doch sehr bekannt vor und das gab es dann auch als zweite Zugabe für den herrlichen Applaus. Die erste Zugabe klang wie ein Stück aus Bachs Brandenburgischen Konzerten - bin mir aber nicht sicher, da ich die noch nicht sehr oft gehört habe.
Das ganze Konzert war jedenfalls ein voller Erfolg und es hat mir sehr gut gefallen. Auf dem Weg zurück zu meiner Pension gab mir der fast volle Mond noch ein nettes Geleit und ich dachte, daß das wirklich ein vollkommener Tag war.
Eure Jana
.....
und Gute Nacht ....
..... ach und übrigens, ich muß mich revidieren bezüglich der Dirigentinnen. Es gibt doch eine Menge sehr interessanter Damen in der Szene:
Die Seite habe ich heute durch Zufall im Netz gefunden und dachte, wenn sie mir schon unterkommt, sollte ich sie hier auch erwähnen.