"To be, or not to be: That is the question"
Sein oder nicht sein, das ist die Frage. Ich glaube dieser weise Ausspruch aus Shakespeares Hamlet traf auch irgendwie das Stück des neuen theaters, welches ich gestern gesehen habe.
"
Die
Früchte des Nichts" ist eine Inszenierung des Schauspielstudios der Hochschule
für Musik und Theater 'Felix Mendelssohn Bartholdy' Leipzig hier an unserem
Theater. Und um das Wichtigste schon mal vorweg zu nehmen. Die Inszenierung von
Kristo Sagor mit allem, was dazugehört war brillant. Die schauspielerische
Leistung der jungen Leute erstklassig. Es war beschämend, daß das nt für diesen
Abend nur 30 Karten verkauft hat. Das Stück war bis jetzt eines der besten unter
der Ära Christoph Werner. Zwar auch traurig und deprimierend, aber spannend bis
zur letzten Minute und so was von gut gespielt. Irgendwie erinnerte es mich an
das Stück
"History Boys", welches ich damals in London gesehen habe. Das war auch so ein
Stück, hauptsächlich mit jungen Leuten besetzt und ebenfalls erstklassig. Damals
haben sie die Atmosphäre sehr gut eingefangen und diesmal konnten sie es auch.
Eine unheimliche Steigerung von lockeren Studentenleben bis hin zum Wahnsinn und
keine Sekunde langweilig.
Schon
der Anfang mit dem drehbaren Bühnenbild (Barbara Kaesbohrer) war super. Die
Tische und die Diskussionen im Kaffee mit dem Ober im Hintergrund - super
umgesetzt. Die dazugehörigen Kostüme waren ebenfalls sehr passen und man konnte
sich die Zeit in den Trümmern sehr gut vorstellen. Man konnte sich überhaupt
sehr gut in das Stück hineinversetzen, in die so verschiedenen und hervorragend
besetzten Charaktere. Da war der erst ganz harmlos wirkende Gert. Zwar etwas
aufmüpfig, aber trotzdem liebenswert und nett zu seiner Mutter. Im Laufe des
Geschehens wa
ndelte sich sein Charakter dermaßen, daß man richtig Angst vor ihm
bekommen konnte. Eine 1 a Darstellung von Martin Vischer.
Der zweite im Bunde war sein Freund Foss, etwas ruhiger und ein bißchen merkwürdig. Aber ich glaube, das Merkwürdigste an ihm war sein schlechter Ruf. Einmal unten durch in der Gesellschaft, immer unten durch. Philipp Niedersen war perfekt für diese Rolle. Er hat sehr realistisch gespielt.
Dann die beiden Damen, einmal die luxusverrückte Adi, die noch nicht mal versucht, diese Eigenschaft zu verstecken und trotzdem Gert irgendwie den Kopf verdrehte und dann die schüchtern wirkende und naiv-gläubige Creszenz, die Foss irgendwie beschützte und über die sich die Meisten lustig machten. Auch hier sind die Charaktere sehr gut ausgewählt. Barbara Hirt spielte perfekt ihre Rolle als ein etwas überkandideltes, verwöhntes Mädchen, das unbedingt ihren Kopf durchsetzen muß und weiß, wie sie die Männer beeinflussen kann, damit sie das bekommt, was sie will. Und der Gegensatz dazu, nicht besser darzustellen, als das Nancy Fischer getan hat. Ruhig, schüchtern-verliebt und abwartend, bis sie am Zuge ist um ihren Auserwählten zu bekehren. Man hatte den Eindruck, sie ließ das Geschehen einfach laufen, ohne sich sonderlich Sorgen zu machen - naives Gottvertrauen.
Dann
die "Nebendarsteller", durch deren Hilfe die umgebende Atmosphäre am Leben
erhalten wurde. Auch wenn es vielleicht überschwänglich klingt, auch hier waren
die Schauspieler perfekt. Sicherlich hatten sie für manche Rollen zu wenig
Falten, aber gespielt haben sie sehr authentisch. Gerts Mutter (Friedericke
Ziegler) mit ihrer Angst um den Sohn gefiel mir sehr gut
und auch Jonas Hien.
Sein Kommissar war die beste Rolle. Ebenso hat er mich als eleganter Stadtrat
und immer bereiter Kellner überzeugt. Die Darstellung des Lebrecht, der Täuscher
und Primus, durch Endre Holéczy war ebenfalls perfekt und genauso auch der etwas
blauäugige Wachposten, Sebastian Kaufmane. Also kurz: Es gibt diesmal nichts zu
meckern! Sogar die Sitze in der dunklen Werft hatten jetzt endlich Lehnen.
Ein sehr gutes Stück. Es lohnt sich auf alle Fälle.
So, das war jetzt erst mal das Wichtigste. Jetzt kann ich zum Schwafeln übergehen ;-)
Ich muß zugeben, daß ich von Ferdinand Bruckner und dem Stück "Früchte des Nichts" vorher auch noch NICHTS gehört hatte und wahrscheinlich würde ich es immer noch nicht kennen, wenn mich nicht unsere Nachwuchskollegin interessiert darauf hingewiesen hätte.
Diesmal wieder in der "Werft", was früher die Kommode war, und diesmal sogar für eine bessere Bequemlichkeit mit Stuhllehnen. "Habt Ihr gehört Leute, Ihr könnt da jetzt wieder hingehen. Sie haben endlich Lehnen!" Es sieht da zwar noch immer so düster aus wie im Keller, aber man sitz jetzt bequemer als im Keller.
Da nur 30 Karten verkauft wurden, konnten wir uns natürlich die besten Plätze aussuchen und hatten einen erstklassigen Blick auf Bühne und Darsteller. Allerdings mit dem Hören war es etwas schlecht - nein, nicht zu leise, eher zu laut bei manchem Geschrei. Entweder ist die Akustik im Keller so schlecht oder die Jugend hat noch solch kräftige Puste. Mir verlangte jedes Mal nach Ohrstöpsel wenn sie sich angebrüllt haben und das war nicht selten. Aber wahrscheinlich liegt das auch an meinen Disko-unversautem Gehör. Ich bin solch Geräuschpegel einfach nicht gewöhnt.
Kurz
nachdem wir Platz genommen haben, ging es auc
h schon los. Die Drehbühne drehte
sich und zum Vorschein kam ein kleines Cafe, welches von diskutierenden
Studenten bevölkert wurde. Die Bühne schaffte es eine hervorragende Atmosphäre
wiederzugeben. Ich fühlte mich sofort in das Cafe hineinversetzt, trotz der
spärlichen Möblierung - ja, das ist hervorragendes Theater! - höre gerade
Dvoraks "Aus der neuen Welt" im Hintergrund - auch hervorragend. Passt zu den
amerikanisierten Kostümen der Darstellung. Die mich wiederum sehr gut in die
Nachkriegszeit versetzten, zu dem Zeitpunkt, für den die Geschichte geschrieben
wurde - oder doch nicht? Vielleicht passt ja auch etwas davon in unsere heutige
Zeit. Da könnte man drüber nachdenken - aber nein, die Story ist einfach zu naiv
für unsere heutige Zeit. Heute hätten sie kein Gewissen mehr und würden ihre
jämmerliche Existenz auf den Staat schieben und sich schon gar nicht irgendeiner
Schuld bewusst sein. Die Gesellschaft ist eben an allem Schuld.
Die Nachkriegsjugend in unserem Stück machte eigentlich einen eher unschuldigen Eindruck, trotz Flucht und Mord. Sie waren selber über ihre Brutalität erschrocken, also irgendwie nicht kaltblütig, auch wenn es manchmal den Eindruck vermitteln sollte. Der erst brave Gert manövriert sich in den Abgrund und zieht seinen Freund Foss mit hinunter. Die beiden Mädels steigen kurz vorher noch aus. Aber eigentlich versuchen sie alle irgendwie nur ihre Angst zu überspielen.
Aha, also gab es das schon früher, diese Angst vor der Zukunft - und das in Zeiten des Wirtschaftswachstums. Nanu, also das selbe Problem wie jetzt, bloß mit anderen Ausreden. Von Nichts kommt also immer noch nichts? Und es scheint sich nichts geändert zu haben. Genauso wie früher muß man auch jetzt noch immer etwas tun um es zu etwas zu bringen. Bildung? Lernen? Oh alles solche bösen Wörter, die niemand hören mag. Da ist es doch viel besser vorm Fernseher zu sitzen und darauf zu warten, daß einem irgendeine Karriere in den Schoß fällt. Vielleicht die eines Supermodells im Big Brother Container. Von 0 auf 100 ein umjubelter Star? Oh jeh, wer holt nur die armen Verblendeten wieder von ihren rosa Wölkchen herunter und sagt ihnen, daß man nichts ist, wenn man nichts kann und man nichts ist, wenn man nichts weiß? Also: To be, or not to be: That is the question - noch Fragen?
Eure Jana