Das würde ich sagen, ist der Satz, welchen das Volk als Titel auf das Programmheft der Oper schreiben würde. Was nützen dem Volk die Machtkämpfe und Intrigen der großen Herrscher? Diese verschwenden wunderbares strategisches Denken und ihre und anderer Energie für das kleine bisschen Macht, welche ihnen letztendlich auch noch den Hals kostet, früher, wie auch heute noch (denn es gibt überall Neider!) - allerdings sind die Abfindungen jetzt größer und die Strafe damit nicht ganz so drastisch.... und man bekommt auch heute nicht gleich ein schlechtes Gewissen mit Herzinfarkt, wenn man ein paar Leichen im Keller liegen hat - die gehören nun zum guten Ton - und eigentlich kommt Herr Puschkin da auch etwas unglaubwürdig rüber, wenn er seinem Boris Godunow solch tragisch schlechtes Gewissen Boris Godunow - Anhaltisches Theater Dessau - Januar 2007einredet und uns glauben machen will, daß er daran gestorben ist. Da denke ich doch eher, daß das mit der Macht damals genauso oder noch viel schlimmer war als heut zu Tage, und die paar Leichen im Keller gehörten dann einfach zu einer guten Reputation - aber gut, man muß ja dem Volk so manch Prinzipien nicht unter die Nase reiben und die brauchen heute, wie auch dazumal eben immer eine gute Ablenkung. Denn sind die erst mal ruhig gestellt, kann man sich in Ruhe seinen Machtspielchen widmen und wie wäre das Leben doch öde ohne ein paar kleine eigengesteuerte und selbstgebaute Intrigen, die so manch unbeliebten Kopf zum Rollen bringen.

Machtspiele sind also keine Spiele der Herrscher, was uns der gute Puschkin hier weismachen möchte. Machtspiele sind der Sport für jedermann und machen jeden Spaß - solange man sie gewinnt und nicht den Kopf dabei verliert.... sozusagen. Deshalb meine ich hat das Anhaltische Theater mit seinem Titel "MACHT" auf dem hübschen roten Programmheft genau den Zahn der Zeit und den Geist der Oper getroffen. Helmut Polixas Umsetzung war demnach brillant. Farblich, wie auch szenarisch voller eindeutiger und einfacher Symbolik, von der ersten bis zur letzten Szene. Da dürfte man eigentlich keinen noch so klitzekleinen Kritikpunkt finden. Alles war hervorragend durchdacht. Die Farbe "rot" symbolisiert eindeutig die Macht und grell blendend stach sie mir in die Augen. Die riesige Krone, leuchtend golden und verlockend, aber durch ihre Größe kaum zu (er)tragen zeichnete exzellent die Situation, in der sich Boris Godunow befand ab.

Die Krönungsbilder und wie verloren Boris Godunow in dieser riesigen Krone stand waren perfekt inszeniert. Genauso auch die "Einblendungen" des Geistes des kleinen Dimitri, den der große Herrscher Boris auf dem Gewissen haben sollte, waren gut überlegt. Auch das Spiel mit der Weltkugel, die sich Vater und Sohn zuwarfen und die dann folgende Überblendung in die Schattenwelt des Gewissens (übrigens fand ich, die beste Szene) waren brillant umgesetzt.

Der bedrückende riesige Text an den engen Wänden der Klosterzelle barg durch die einzelnen, eindeutig schuldzuweisenden deutschen Wörter zwischen dem Russisch eine wunderbare Symbolik in sich, aber irgendwie, trotz der eigentlich hervorragenden Umsetzung des Stoffes, konnte ich mich nicht wirklich mit dieser Inszenierung anfreunden. Vielleicht bin ich doch ein bisschen zu altmodisch-romantisch angehaucht und suche immer irgendetwas, was meine Seele inspiriert und nicht nur die wunderbare Musik in ihr zum Klingen bringt.

Trotz, daß ich diesmal Glück hatte, da ich die Handlung sehr gut kannte und somit sämtliche Symbolik gut interpretieren konnte, war das Zusehen mit soviel Stoff zum Verarbeiten und Interpretieren sehr anstrengend und ich war nach den 4 Stunden symbolische IPieter Roux und Daniel Lewis Williams: Boris Godunow - Anhaltisches Theater Dessau - Januar 2007nterpretationslogik so k.o., daß ich nach dieser intellektuellen Gehirndusche erst mal ein schönes Glas einfachen und simplen Rotweins zur Entspannung meiner doch stark angespannten Konzentrationsnerven benötigte und somit beschloss zur Premierenfeier nach unten in die Kantine (mit neuer Cateringfirma) zu gehen um dort ein bisschen zu entspannen, bevor ich meine Rückfahrt nach Halle antreten wollte. Nur gut, daß diese Premiere auf einen Samstag fiel und nicht wie sonst immer üblich, am Freitag nach stressigem Arbeitstag stattfand. Da hätte mein Hirn wahrscheinlich einfach keine Lust gehabt und sich lieber abgeschaltet und meine Eindrücke wären sicherlich genau die selben gewesen, die sich schon bei meiner letzte Polixa Inszenierung, "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", als etwas Wirres und Undurchsichtiges in meinem Kopf manifestierten. Dem ausgeruhten Geiste an diesem sonst erholsamen Samstag geschuldet, habe ich jetzt hier wenigstens auch keinen kompletten Filmriss, wie damals bei dem Kurt Weill Spektakel.

Also somit zusammenfassend zur Inszenierung würde ich schon sagen, daß diese hervorragend war und ich stimme dem vor Begeisterung sprühenden Mann, der nach dem guten Applaus vor uns an der Garderobe stand vollkommen zu, daß Herr Polixa ein Genie ist, aber ich teile auch sehr die Meinung der Damen auf dem Damenklo, daß die Inszenierungen des Herren Felsenstein doch sehr viel besser sind.... und wenn möglich, hätte ich doch das nächste Mal bei solch Mammutstücken bitte gern zwei Pausen, denn selbst ich als Bürostuhl- und Dauersitzerprobte Schreibtischstute konnte mit Fortschreiten der Oper nicht mehr so wirklich und bequem auf meinem hervorragenden Platz in der 9. Reihe sitzen und die Konzentration und Freude lässt dann doch schon arg nach, wenn man mit Sehnsucht und Verlangen auf die Pause wartet um endlich aufstehen zu können. Hätte ich den Platz am Rand der Reihe gehabt, hätte ich glatt zwischen den vielen und langen Bühnenbildwechseln auf dem Gang ein paar erholsame Kniebeuge gemacht - nein, nicht lachen! Das wäre schon ok gewesen - Liegestütze hätten in Abendkleid dumm ausgesehen - Kniebeuge wäre noch gegangen.

 

Ich finde "Boris Godunow" ist eine Oper mit sehr viel Potential, sowohl für die Inszenierung als auch für die musikalische Gestaltung. Bedenke man nur, daß es mindestens 8 und ich Wette sogar noch mehr verschiedene Fassungen bzw. Instrumentationen dieser gibt. Da rechne ich dem Anhaltischen Theater Dessau und seinem GMD Golo Berg doch sehr hoch an, daß sie sich für eine der Mussorgski FassungenMarian Albert und Ulf Paulsen: Boris Godunow - Anhaltisches Theater Dessau - Januar 2007 entschieden und nicht wieder und immer dar auf die allzeit beliebte Rimski-Korsakow Fassung zurückgreifen. Für mich war es also eine doppelte Premiere und Freude das erste Mal Modest Petrowitsch Mussorgskis Fassung von 1872/74 mit 10 Bildern zuhören zu dürfen. Ich nehme zumindest an, daß es Diese ist, da sich die Herren des Anhaltischen Theaters dazu nicht explizit in ihrem Programmheft geäußert haben, aber vielleicht habe ich es auch überlesen und letztendlich interessiert es die meisten Zuhörer sowieso nicht.

Ich bin nur darüber gestolpert als ich mich mit der Aufführung der Oper in Halle befasse und dort breit darunter stand: Instrumentation von Rimski-Korsakow - aha, dachte ich - eine Coverversion also - und seitdem hat es mich irgendwie fasziniert wer sich da alles an dieser Oper produzierte, nicht zuletzt, auch mein Liebling Schostakowitsch, der ebenfalls eine der Instrumentationen verzapfte, die ich im Übrigen auch noch nicht gehört habe. Das erste, was ich damals also versuchte und was meiner musikalischen Naivität zu schulden war, waren sämtliche Versionen auf CD zu bekommen um vergleichen zu können. Schnell musste ich allerdings feststellen, daß immer nur Rimski-Korsakow die Regale zwar spärlich, aber doch füllte, und keine der vielen anderen Versionen mir wohl jeh zu Gehör kommen sollten. Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, wie groß dementsprechend mein Interesse an der Dessauer Variante war und erst recht, als ich bestätigt bekam, daß es sich um eines der Originale Mussorgskis handeln würde. Die Ausweisung der 10 Bilder liftete das Rätsel ein wenig und ließ mich schließen, daß es sich nur um die Originalfassung handeln konnte, denn die Urfassung von 1869 hat nur 7 Bilder. Naja und die dritte Fassung von 1874 ist nur der Klavierauszug und hat sich wohl nicht so wirklich durchgesetzt, da unvollständig. Konnte somit und demnach nicht wirklich für eine dritte Fassung herangezogen werden.

Ok, die Fassung mit den 10 Bildern ist mir sowieso die Sympathischste, schon deswegen, weil das Fertigstellungsdatum2 anscheinend der 23. Juni 1872 war und der 23. Juni mein Geburtstag ist - Ihr müsst doch zugeben, dieses Auswahlkriterium ist doch sehr determinierend, oder?

Naja, nichts desto trotz, die Schostakowitsch Instrumentation hätte mich auch sehr interessiert, vielleicht kommt ja irgendwann mal jemand auf die Idee diese umzusetzen. Das Schostakowitschjahr wäre nahezu perfekt gewesen - und ich hätte mir da auch mindestens eine Oper von ihm gewünscht.... oder eben wenigstens eine Instrumentation.

Ich habe immer noch nicht die "Lady Macbeth von Mzensk" oder gar "die Nase" gesehen bzw. "die Nase" noch nicht einmal gehört. Aber gut, Frau kann ja nicht alles haben und sollte sich doch jetzt erst mal mit dem "Originalboris" zufrieden geben, denn der ist meiner Meinung nach, ein musikalischer Hochgenuss und sehr empfehlenswert.

 

Boris Godunow - Anhaltisches Theater Dessau - Januar 2007Der Chor, der Extrachor und der Kinderchor des Anhaltischen Theaters (Helmut Sonne/ Dorislava Kuntscheva) donnerten schon im ersten Bild als Volk, zwar nicht ganz so verständlich, aber trotzdem mächtig gewaltig vor blutbeschmiertem Bretterzaun durch den fast vollkommen gefüllten riesengroßen Zuschauersaal des Theaters und traf nicht nur mich mit solch einer Wucht, sondern diesmal sicherlich auch den letzten Zuhörer in der letzten Reihe. Ich fand, was hier sehr gut rüber kam, war die Macht und vielleicht auch Wut des Volkes. Was ich ein bisschen vermisste, war das Leid und die Ohnmacht der damals von Hungersnöten und Seuchen gezeichneten Menschen. Die waren für mich einfach alle zu munter - allerdings könnte man es auch so sehen, dass es zu diesem Zeitpunkt auch wieder irgendeine Hoffnung gab, denn der neue Zar (Boris Godunow) sollte gekrönt werden und Herr Polixa meinte ja auch in seinem kurzen Statement zum Stück, daß er dieses "Werk nicht als eine Realitätsbeschreibung oder gar Historiendeutung"3 auffassen wollte, sondern "als Dichtung im Sinne der Verdichtung, um dabei die wichtigen Dinge herauszukristalisieren"3 , naja, und das leidende Volk war wohl nicht so wichtig und fiel der Verdichtung zum Opfer. Aber das übergeordnete Thema, die Macht, kam sehr gut zur Geltung.

 

Das Volk flehte lautstark und wie das immer so war, natürlich mit etwas Hilfe der ihm beigestellten Offiziere durch deren Pistolen (immerhin keine Kalaschnikow!) und bedrängte den Regenten Boris Godunow doch endlich die Zarenkrone anzunehmen, nachdem der Reichsrat der Bojaren ihm diese längst zugesprochen hatte4 da der schwachsinnige Sohn Iwan des Schrecklichen und Zar Russlands kinderlos gestorben war.

Der zweitgeborene Sohn Dimitri aus 7. Ehe kam unglücklicherweise noch vorher im Kloster Uglitsch im Alter von 8 bis 10 Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben. - Sehr schön im Programmheft beschrieben (Ivo Zöllner), ein Abriss über die Historie um die reale Gestalt des Boris Godunow, woraus auch sehr gut die Intrigen und Machtspielchen zu erkennen sind.- Eigentlich ein Feld, wo man sich hier noch ein bisschen austoben müsste, alles sehr interessant. Aber weiter....

 

Allerdings, das einzige, was ich in Puschkins Geschichte und der Boris Godunow Realität nicht verstehe ist, warum das Kind Dimitri eine Gefahr für Boris darstellte, da der doch eigentlich nach dem geltenden Recht der orthodoxen Kirche (da 7. Ehe) nicht erbberechtigt war, also somit auch keinen Anspruch auf die Zarenkrone haben sollte.4 Wozu ihn also töten?

Wie dem auch sein, der merkwürdige Tod des jungen Dimitri, den die von Boris Godunow eingesetzte Untersuchungskommission als Unfall deklarierte und das politische Desaster mit einem schwachsinnigen Zaren an der Macht forcierten allerhand Gerüchte um diesen Knaben und dessen Tod, nicht zuletzt das, daß er wohl gar noch am Leben wäre.

Dieses sehr hilfreiche Gerücht nutzten Puschkin und Mussorgski für diese hervorragende Geschichte und der junge Mönch Grigori Otrepjew um sich die von Boris Godunow unrechtmäßig angeeignete Macht ebenfalls unrechtmäßig anzueignen indem er vorgibt der todgeglaubte "Thronfolger" Dimitri zu sein.

Puschkin will uns nun einreden, daß Boris Godunow ein Gewissen hatte auf dem der Tod des Dimitri gewaltig lastete. Da erinnert mich Helmut Polixas Inszenierung mit dem toten Kind, was immer wieder in der Phantasie des Boris auftaucht, doch sehr an den Macbeth, den ich mal in London gesehen habe und da passt auch seine Aussage, daß dieser Boris doch sehr einigen Shakespearestücken ähnelt - was allerdings auf keinen Fall ein Nachteil des Screenplay ist. Hervorragend umgesetzt!

Nicht ganz so einfach hatte es da Ulf Paulsen, der die Rolle des Boris Godunow "durch die Zeitlosigkeit der Geschichte"5 in "der Abstraktheit der leeren Räume"5 und im "um die Charaktere konzentriertem Geschehen"5 darzustellen hatte, was er allerdings meiner Meinung nach in Anbetracht dieser Umstände mit Bravour bewältigte. Leere Räume verlangen den Darstellern immer sehr großes schauspielerisches Können ab und eine gute Führung durch die Regie und so manchmal dachte ich bei dieser Inszenierung, daß so mancher Darsteller nicht so wirklich wusste, wie er die Zeit in diesen leeren Räumen schauspielerisch füllen könnte. Stimmlich gefüllt wurde die Zeit in diesen leeren Räumen größten Teils hervorragend. Ulf Paulsens stimmliche Interpretation gefiel mir sehr gut schon von der ersten Note an, genauso auch die Daniel Lewis Williams als Mönch und Chronist Pimen, obwohl er als alter Mönch ruhig hätte ein bisschen älter wirken könnte. Pieter Roux fand ich jetzt zwar ein bisschen zu alt für die Darstellung eines 20 jährigen Jünglings, aber seine Stimme gefällt mir eigentlich immer gut und irgendwie strahlt er auch immer eine gewisse Sympathie aus. Die Szene zwischen den beiden (Mönch und "Novize") in der Klosterzelle, ist meiner Meinung nach auch gut gelungen und ich war bis hier her sehr zufrieden und auf die darauf folgende Kneipenszene gespannt.

Die Wirtin (Ilona Streitberger) war hübsch und freizügig und die Bettelmönche (Nico Wouterse und Leszek Wypchlo) lieb und letztendlich lieb betrunken. Das Design der Bühne und der Kostüme passte zu allem anderen, aber sehr gut inszeniert fand ich hier die Flucht des Dimitri nach Entdeckung mit Hilfe einer Leiter über den Bretterzaun nach Litauen. Pieter Roux machte einen sehr spitzbübischen Eindruck - herrlich. Der steht ihm.

Indes beweint die Zarentochter Xenia (Cornelia Marschall) den Tod ihres Bräutigams und zerreist Ihre Hochzeitskleider (gut, wenn man mehrere davon im Schrank hat!). Wieder einzigartig wunderbare Symbolik - also wirklich hervorragend durchdacht, das schwarze Kleid für die Trauer unter zerrissenem Weiß. Wer die Story kennt, wird diese Interpretation lieben, wer nicht, könnte wieder Verständnisprobleme haben. Also unbedingt vorher mit dem Inhalt beschäftigen! Das ist hier keine Inszenierung zum Ausruhen!

Ihr kleiner Bruder Fjodor (Sabine Noack) und die Amme (Ekaterina Pavliashvili) versuchen die arme Schwester mehr oder weniger vergebens wieder aufzuheitern. Sabine Noack hätte ich kaum als Sabine Noack wieder erkannt, so authentisch hat sie diesen Knaben gespielt - wirklich super! Diese Szene war eine der besten, fand ich, genauso wie die Szene des Ballspieles zwischen Vater und Sohn - hervorragend! Szenisch, darstellerisch, wie auch gesanglich.

 

Als kalter blau-silberner Kontrast zu dem eigentlich warmen rot-gold erscheint der Szenenwechsel über die Grenze nach Polen. Das hat mich dann doch wieder ein bisschen verwirrt. "Rot" für Macht ist völlig klar - im Übrigen liebe ich die Farbe "rot", allerdings nicht unbedingt der Macht wegen. Es ist einfach eine schöne Farbe und mit schwarz zusammen schier unbeschreiblich! - Aber was sollte das "blau" bedeuten und was der hübsche Pfau im leeren Raum? "Treue" und "Eitelkeit"? Polen war nicht treuer als andere Länder und polnische Frauen auch nicht eitler als alle anderen auch - der Sinn ist mir also wirklich abhanden gekommen - aber es sah hübsch aus - und Iordanka Derilova als Marina Mnischek, die hübsche adlige Polin, stach mit ihrem silbernen Glitzerkleid aus allen anderen heraus. Eine wirklich hübsche Frau mit phantastischer Stimme, aber wie immer nicht zu verstehen.

Eine gute Idee hier, fand ich die roten Haare - ob nun gewollt oder nicht - die passten jedenfalls wieder hervorragend, oder besser, sie gaben einen schönen Fingerzeig auf das Bestreben von ihr über diesen, nun doch nicht gerade visuell ihr ebenbürtigen Dimitri, an Macht heranzukommen - ja, die Waffen der Frauen, sind etwas anders als die der Männer, zielen aber so manchmal auf das selbe ab und sind sicherlich so manchmal auch genauso effektiv. Mussorgski hätte die Frauen ja am liebsten aus dieser Sache herausgelassen, aber leider (oder Gott sei Dank), ließ ihm das die Zensur nicht durchgehen. Da sieht man mal, wie "Diverse" die Russen damals schon waren - und da denken alle, "Diversity" ist eine Erfindung der heutigen Zeit. Eine Oper ohne Frauen wollte man wohl auch früher schon nicht. Naja, sehr viel Mühe gab Herr Mussorgski sich allerdings nicht damit. Es sieht schon immer noch irgendwie so aus, als hätte er die Polenszenen einfach nachträglich dazwischengebastelt und genauso wirkte auch das strahlende Blau, einfach wie dazwischengebastelt. Auch die Liebesgeschichte wirkte für mich irgendwie etwas unstimmig. Aber gut, es geht ja hier nicht um Liebe, sondern um Macht. Marina will also die Macht, die sie als Zarin Boris Godunow - Anhaltisches Theater Dessau - Januar 2007haben könnte und der im Stück neu auftauchende wohl ranghöchste Jesuit am Hof von Sadomir, Rangoni (Ludmil Kuntschew),  will die Macht über das russisch orthodoxe Volk, die ihm eine polnische Zarin geben könnte, um es zum Christentum bekehren zu lassen. Eine sehr schöne Szene in der Geschichte, aber ich fand in dieser Inszenierung hätte Herr Polixa ihr ruhig ein bisschen mehr Bedeutung zukommen lassen können. Entweder war ich hier wirklich schon etwas k.o. und beansprucht, oder die Verstellung und Heuchelei beider Parteien wie auch die ganze Politik, die sich hinter dieser Szene verbirgt, ging doch etwas unter. Dieses Spiel der Macht lief mir in diesem Spektakel über Macht ein bisschen zu seicht ab.

Der Rest der Story ist einfach und schnell erzählt:

Mit wildem Ehrgeiz und naiver Liebe im geblendeten Herzen, zieht es Dimitri und eine um ihn gescharrte Horde Söldner und Vagabunden gen Moskau um den Zaren Boris zu stürzen, das Desaster nimmt seinen unaufhaltsamen Lauf, Boris Godunow stirbt im Wahn über sein Gewissen, ein (Gottes-)Narr unterstützt ihn noch ein bisschen dabei, das Volk und die Bojaren hängen ihre Fahnen nach dem Wind und Dimitri gewinnt zumindest für diesen Augenblick das Spiel. Großer Jubel für einen großen Sieg? Er ist besiegt - was aber nützt es uns?*

.... der Narr kennt das Ende!

 

 

 

Eure Jana

 

 

 

Ach herjeh, jetzt hätte ich doch fast noch etwas Wichtiges vergessen. Herr Berg, der Glockenklang aus dem Orchestergraben war überaus brillant... genauso auch der Rest Ihrer Musik. Sie können meiner Meinung nach, sehr zufrieden sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

*Alexander Puschkin "Boris Godunow"; XXI, Der Zar

2Manfred Schandert "Das Problem der originalen Instrumentation des Boris Godunow von M.P. Mussorgski"; 1979 Karl Dieter Wagner, Hamburg; S. 5

3Regisseur Helmut Polixa über "Boris Godunow" (Presseeinladung)

4Kurt Pahlen/ Rosemarie König "Modest Mussorgskij - Boris Godunow"; Mai 1997 Schott Musik International, Mainz; S. 170

5Ausstattungsleiter Stefan Rieckhoff zur Ausstattung des "Boris Godunow" (Presseeinladung)