Spätsommerabend

 

.... lau weht ein kühles Lüftchen durch meine offene Balkontür hinein in mein Wohnzimmer. Die zarten Rosengardinen bewegen sich geschmeidig darin und umspielen in sanfter Berührung meinen Ledersessel, der in der Nähe der Balkontür steht.

Auf dem Tisch brennt schon die erste Kerze, umhüllt mich mit romantischem Duft und kündigen den gemütlichen Herbst an. Die daneben stehende Rosenpracht spiegelt in ihren wunderschönen Farben die letzten Züge des schwindenden Sommers wieder und das Gefühl in meiner Seele von Zufriedenheit und Glück -- Im Hintergrund ertönen Mendelssohns "Hebriden", in einer Brillanz, wie sie nur Kurt Masur und das Gewandhausorchester wiedergeben können. DAS ist Vollendung und läßt nichts Schöneres und Besseres zu - es ist völlig unmöglich diesem noch das Wasser reichen zu können und demzufolge konnte es Riccardo Chailly, der Neue im Gewandhaus, auch nicht.

Diesmal ließ ich mich wieder hinreißen nach Leipzig ins Gewandhaus zu gehen, trotz, daß Riccardo Chailly das Orchester führte. Sie hatten Mendelssohns Violinenkonzert auf dem Programm und ich konnte einfach nicht widerstehen und außerdem war das letzte Konzert mit Chailly wirklich sehr gut gelungen. Vielleicht sollte ich ihn nicht gleich so schändlich beurteilen, nur weil er damals meinen geliebten Brahms versaut hat. Vielleicht mag er Brahms ja nicht und liebt aber Mendelssohn - hmmm - und ich sollte auch nicht so hart urteilen, denn an Masur kommt sowieso kaum einer ran. Diese Brillanz und Fähigkeit ist kaum zu erreichen. Dem kann eben keiner das Wasser reichen. Ich sollte hier einfach nicht vergleichen - naja, und wenn ich hier nicht vergleiche und Chaillys  Riccardo Chailly - Gewandhaus Leipzig 2006"Hebriden" allein betrachte, waren sie eigentlich sehr gut interpretiert und ich kann sagen, diese Ouvertüre hat mir gefallen.

Die Hebriden habe ich noch nicht sehr oft gehört, außer vielleicht nebenbei in irgendeinem Film, aber Mendelssohns Violinenkonzert steht bei mir in mindestens 6-facher Ausführung als CD im Regal, ein Teil also, was ich sehr gut kenne. Und ALLE, die ich hier stehen habe sind besser als die Interpretation von Riccardo Chailly. Ich weiß auch nicht, was ich dazu sagen soll, sein Konzert ließ mich einfach leidenschaftslos, - und das ist bei einem so grandiosen Stück eigentlich fast völlig unmöglich - was war daran falsch? Ich weiß es nicht, er hat mich einfach nicht gefangen :-( und das lag nicht an der Solistin, nein, Janine Jansen war sehr gut. Die Soloteile waren hervorragend, aber ....  ich weiß nicht... das Orchester war langweilig, zumindest für mich. Ich entschuldige mich für diese Äußerung, denn ich bin nur ein dummer, musikalisch völlig unbegabter Zuhörer, - aber ... ich habe sonst ein sehr gutes Gefühl für diese Musik und kann mich darin hineinvertiefen, sie in meiner Seele spüren und manchmal und verrückterweise bis tief in mich hinein in extasischer Spannung genießen. Aber zu diesem Konzert ließ sie mich völlig kalt und ich habe mich sogar erwischt, wie sie mich langweilte - DA war auf alle Fälle etwas falsch. Nie und nimmer würde mich Mendelssohns Violinenkonzert langweilen. Ich habe das sofort zu Hause ausprobiert und die CD von Midori mit den Berliner Philharmonikern und Mariss Jansons eingelegt. Nein, das Gefühl ist noch da. Jeder Takt ist Extase, jeder Takt ist immer noch ein Genuss. Ich bin froh, es liegt nicht an mir, es lag an Riccardo Chaillys Interpretation. Sie hat meine Seele nicht erreicht.

 

Nach dem leider enttäuschenden Mendelssohn ging es weiter mit Schumanns "Genoveva" und seiner 4. Sinfonie. Bei Schumann kann ich nicht mitreden. Von ihm habe ich noch nicht sehr viel gehört. Ich glaube sogar die "Genoveva" noch nie. Bei dieser Ouvertüre entschied sich Schumann für "einen altfranzösischen Romanstoff um die schöne Genoveva, die Gemahlin des Pfalzgrafen von Trier, und den arglistigen Golo, der sie zum Ehebruch verleiten will und nach dem Scheitern seines Vorhabens rachsüchtig in den Untergang treibt"*. Naja, jetzt wissen wir wenigstens, wo der Dessauer GMD Golo Berg seinen etwas merkwürdigen Vornamen her hat ;-)

Robert Schumann (1810-1856) - Quelle: Programm des GewandhausesVon Schumann steht also kaum eine CD in meinem Regal und so mußte ich zum Vergleich wieder auf die NAXOS Music Library zurückgreifen.

Aber hier kann ich sagen, die Chailly Interpretation hat mir sehr gut gefallen. Nach der Pause hatte er mich auch wunderbar eingefangen. Ich konnte Genoveva spüren und mit ihr fühlen. Chailly ließ sie hervorragend durch den komplett ausverkauften Gewandhaussaal donnern. So mochte ich das Gewandhausorchester, ja, das gefiel mir! DAS konnte meine Seele erreichen und ihr tiefe Zufriedenheit entlocken. Ich konnte die Musik einatmen und sie durchglitt meinen Körper, vom Kopf bis zu den Zehenspitzen. Was für ein wahnsinnig berauschendes Gefühl - herrlich!!!

Die 4. Sinfonie, in einer Instrumentation von Gustav Mahler, kam langsam in mein Herz. Auch hier brachte Chailly die Spannung rüber, die ich brauchte. Und auch die 4. habe ich hier zum ersten Mal gehört. 

Die NAXOS Musik im Hintergrund, hier in meinem Wohnzimmer, ist zwar etwas lebhafter und gefällt mir eigentlich auch besser, aber die Chailly Interpretation war trotzdem hervorragend und ich fieberte mit jeder Note mit. Was für eine phantastische Musik! Ich hoffte, daß sie nie enden würde. Ich hätte die ganze Nacht hindurch hier sitzen und dieser Meisterleistung lauschen mögen, aber leider folgte nach dem 4. Satz kein 5. und das Ende kam somit viel zu schnell.

Voller Traurigkeit, daß dieses Konzert schon wieder viel zu schnell vorbei war, bewegte ich mein Auto in rasender Geschwindigkeit zurück nach Halle - ich fahre gern schnell, vor allem, wenn ich Camille Saint-Saens' 3. Sinfonie im CD Player habe. Gut, daß diesmal keine Fotographen am Straßenrand standen. Ich schätze, daß hätte mich locker und leicht meine Fahrerlaubnis gekostet - hmmm - aber die Straße nach Halle war einfach zu gut, als das man sie mit nur 100 km/h bekriechen hätte sollen.

Gut, daß die A9 nach Dessau meinen unbegrenzten Drang nach Schnelligkeit freien Lauf läßt. Ich liebe diese weißen Schilder mit den schwarzen Querstrichen - herrlich! Auch zu Strauß Metamorphosen läßt es sich gut die Schallmauer durchbrechen ;-) Nein, mehr als 220 km/h läßt mein schwacher Motor leider nicht zu. ... hmmm... vielleicht sollte ich meinen Pilotenschein machen. Ja, ich habe schon einmal darüber nachgedacht, aber den Gedanken erst mal bei Seite gelegt - nein, nicht verworfen, nur bei Seite gelegt....

Die Autobahn ist also schnell passiert und das Anhaltische Theater somit schnell erreicht. Diesmal zum 1. Sinfoniekonzert der neuen Spielzeit.

Jetzt bin ich schon wieder hier. Drei Wochenenden hintereinander die Anhaltische Philharmonie und Golo Berg. Das grenzt nahezu an eine Überdosis. Aber ich konnte nicht widerstehen. Das wirre Programm des ersten Konzertes interessierte mich einfach. Ich hatte diesmal keine Ahnung, was mich erwarten würde. Das  waren alles Sachen, die ich nicht kannte. Alles kleine, feine Stücke zum Thema "Jagd" - ha! Laßt uns jagen. Ich bin ein Jäger. Das diesmalige Thema passt hervorragend zu mir. Golo Berg hat das perfekt ausgesucht - woher kennt er mich so gut?

An diesem Freitag schaffte ich es gerade so auf die Sekunde noch rechtzeitig zur Konzerteinführung. Ich konnte mich nur sehr schwer aus dem Büro losreißen. Die neue Produktionsanlage des Automotive Businesses ist einfach zu spannend, als daß ich sie wegen einer Konzerteinführung so einfach hätte verlassen können. Wenn nicht Golo Berg und Ronald Müller die Konzerteinführung gegeben hätten, wäre ich lieber noch ein bißchen dem Automotive Business und seinen interessanten Prozessen treu geblieben. Aber die beiden durfte ich natürlich nicht verpassen. Ob meines späten Erscheinens konnte ich leider nur auf einen der hinteren Plätze Platz nehmen, was mein Sichtfeld auf die Akteure erheblich einschränkte. Ronald Müller konnte ich leider nur akustisch wahrnehmen, aber das phantastische Lachen des GMD Golo Berg konnte ich ganz gut sehen. Also wenn er mal lacht, dann kann er das richtig gut.... und es gefällt mir, denn es steht ihm. Seine Konzerte sind sehr sicher und professionell, sehr gut durchdacht und stimmig bis zur letzten Note - ehrgeizig und präzise.

 

Ich lauschte den wunderbaren Stimmen der Jagdkantate von Johann Sebastian Bach und bin mir bis jetzt noch nicht sicher, ob das meine Musik ist - wohl eher nicht. Aber sie hatte keine Fehler und die Stimmen gefielen mir sehr gut. Allerdings ist es wohl nicht unbedingt meine Melodie - ich muß auch ehrlich zugeben, ich bin kein Bach-Fan. Oh graus, ja, so etwas gibt es. Ich liebe Bach nicht. Auch Mozart ist nicht mein Favorit - zumindest nicht in allen Zügen seiner Musik. Ich weiß, daß das ein Frevel für einen Klassikliebhaber ist, aber es ist so. Mozart ging mir erst näher, als ich die Ausstellung in der Albertina in Wien und den hervorragenden Film von Phil Grabsky zu diesem Thema gesehen habe. ABER! noch näher, als Mozart selbst, ging mir sein Vater Leopold, welchen ich immer noch als Organisationsgenie betrachte. Ein Meister dieses Faches, ein Meister im Knüpfen von Netzwerken. Einfach ein brillanter und man höre und staune, ein für mich interessanter Mann. Dummerweise schon seit ca. 220 Jahren nicht mehr existent in der realen Welt. Umso mehr freute es mich, daß Golo Berg und die Anhaltische Philharmonie ihn in ihrem 1. Sinfoniekonzert mit seiner "Sinfonia da caccia" huldigten. Eines, meiner Meinung nach, sehr schönen Teiles.

Was in der Konzerteinführung auch sehr interessant vermittelt wurde ist, daß Leopold Mozart genau wie der Johann Joachim Quantz bei den Flöten um seinem Schüler Friedrich einen Leitfaden zu geben, für die Geigen eine erste Anweisung auf Papier brachte. Quantz kannte ich durch meinen hervorragend Flötenspielenden Lieblingsdirigenten sehr gut, aber die Violinschule von Leopold Mozart war (schändlicherweise) neu für mich. Herr Berg, es sieht so aus, als könnte ich noch eine Menge mir Unbekanntes von Ihnen lernen.

Aber auch ohne, ein Hoch auf das verehrenswerte Genie Leopold Mozart ohne dem, mit seinem hervorragenden Netzwerken und erstklassigem Marketing sein Sohn ein Hauch im ewigen Nichts gewesen wäre.

 

Nach der Pause dann ein völlig unbekanntes Teil von einem mir völlig unbekannten Komponisten. Hans Franke gab für mich sein klassisches Debüt im Anhaltischen Theater Dessau, was auch für Golo Berg und die Anhaltische Philharmonie ein Debüt war. Aber es war ein hervorragendes Debüt und das kleine Stück, das sie in der Konzerteinführung spielten gefiel mir noch besser. Das war eine sehr gute Musik und schreit nach mehr.

Es ist wirklich immer sehr traurig, daß so viele Komponisten einfach in irgendwelchen Schubladen verschwinden ohne der ihnen gebührenden Zuwendung. Was für ein Frevel und ich hoffe, daß noch mehr dieser Seltenheiten ausgegraben und gespielt werden. Darum liebe ich auch Klaus Heymann, den Eigner des NAXOS Logo, so sehr. Er schreitet auf unergründlichen Pfaden und bringt Interessantes und Niegehörtes ans Tageslicht. Seine Firmenphilosophie ist einfach brillant und für alle Beteiligten akzeptabel und umsetzbar und wegen der geringen "Umsetzungskosten" kann er sich auch leisten solche für die gemeine Öffentlichkeit No-Name Komponisten, wie jetzt Joseph Martin Kraus, in sein Repertoire aufzunehmen. Das erweitert das klassische Spektrum ungemein und bringt Sachen ans Tageslicht, die man sonst nie im Tageslicht sehen bzw. hören würde. Meine Hochachtung, Herr Heymann, für Ihre Lebensaufgabe und ich hoffe, sie machen noch viele Jahre so weiter.

 

Nach Hans Franke folgte Hans Werner Henze, noch jemand, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Sein "Mänadentanz" erinnerte mich irgendwie an Strawinskys "Frühlingsopfer", wahrscheinlich aber eher, weil Golo Berg den grausigen Hintergrund zu diesem Teil in der Konzerteinführung erwähnt hatte. Und dies war die beste Musik an diesem Abend, einfach phantastisch bis umwerfend und hervorragend brillant. Ein Hochgenuß für meine Ohren, welcher mich in den weichen Sitz im Zuschauersaal drückte und nicht mehr Luftholen ließ. Brillant in jeder Fassette seines Erscheinens.

Mein lieber Herr Berg, sie beeindrucken mich immer wieder mit Ihrer Individualität und Ihrem Einfallsreichtum. Spritzig und Erfindungsreich. Das Anhaltische Theater kann sich wirklich glücklich schätzen Sie unter Vertrag zu haben!

 

Den letzte Teil in diesem meisterlichen Konzert bestritt  César Franck mit seiner sinfonischen Dichtung nach Bürgers Ballade "Le Chasseur maudit". Auch dies ein musikalischer Hochgenuss und von mir noch nie vorher gehört.

 

Was ist nun das Fazit dieser beiden Konzerte? Also wenn der Klang im Gewandhaus nicht so atemberaubend wäre, würde ich hier sagen: "Vergesst das Gewandhaus und Riccardo Chailly, geht nach Dessau und erlebt den Ideenreichtum und die Brillanz ihres jungen Generalmusikdirektors Golo Berg."

 

... und das zweite Fazit dieses Abends: "Könnt Ihr Golo Berg nicht mal im Gewandhaus dirigieren lassen? Ich glaube, das wäre eine gute Bereicherung für alle! ... und ich würde gern mal erleben, wie er sich da so macht ;-) "

 

 

 

Gute Nacht und süße Träume,

Eure Jana

 

 

 

 

*aus dem Programmheft des Konzertes, S. 10