Ein Tag in Meißen....
Einleitung
Ein Besonderes am 1.Mai, dem Tag
der Arbeit, ist, dass man genau eins nicht tun muss, nämlich arbeiten. Früher
hat man sich an solchen Tagen noch Gedanken gemacht, wie das Wetter wohl werden
würde. Wir haben seit dem aber unter Anderem mit Hilfe unserer Autos unentwegt
dafür
gesorgt, dass das schöne Wetter schon fast Garantie ist. Was tut man
also, man bleibt bei dieser angenehmen Tradition mit dem Auto und fährt nach
Meißen.
Meißen liegt in einem an Sachsen-Anhalt angrenzenden Bundesstaat namens Sachsen. Falls sich jetzt jemand Gedanken macht, ob nun beide Länder Freunde sind und sich vielleicht sogar ähnlich, kann ich ihr oder ihm nur sagen: Ja! Ein gutes Indiz dafür sind zwei kirchliche Feiertage, nämlich Die Heiligen Drei Könige und der Buß- und Bettag. Denn dann pilgern die Feiernden in das jeweilige Freundesland und besuchen dort meist grenznahe Tempel, in denen man sich die längst überfälligen Belohnungen für die tägliche Mühsal erbeten kann.
Nun ist der 1.Mai weder ein kirchlicher Feiertag, noch sind diese besonderen Tempel geöffnet. Noch nicht. Aber eine Art Belohnung kann man sich trotzdem abholen, auch wenn diese nicht in den Rucksack zu stecken geht, und sogar vielleicht auch eine, die in den Rucksack zu stecken geht.
Ankunft
Kommt man von der A14 rein nach Meißen ärgert man sich zuerst, dass man nicht so schnell eine Gelegenheit zum Anhalten findet, um den fantastischen Anblick des Doms aufs Foto zu bringen, doch es steht einem frei, sich das vorzubehalten. Und automatisch wird einem klar, dass man da zuerst hin muss.
Ein Fehler, den manche Leute nun
machen, ist, das Auto nicht so nah an das Zielobjekt zu bringen. Man verbraucht
Zeit durch Laufen durch Natur und Stadt, wobei man durch schöne Aussichten nur
vom Wesentlichen abgelenkt wird. Dann verbraucht man auch noch Energie, die der
Körper dann durch Hunger wieder aufzufüllen versucht. Zumal Burgen, wie die
Meißner Albrechtsburg neben dem Dom, es pflegen, sich auf einem Berg zu
befinden. Wie es besser geht zeigten uns etliche zum Teil jüngere Leute, die
mit unglaublicher Vitalität hinter dem Steuer direkt bis auf den Burghof
steuerten.
Ok, unsere ausgemergelten Körper lenkten uns nun in ein Kaffee da oben mit einem Hinterhof und dem Ausblick direkt auf Meißen und Elbe. Dazu Sonne, Kartoffelsuppe und Wohlfühlen mit einer ganz unbemerkt sich ganz langsam Schritt für Schritt immer mehr anschleichenden Trägheit.
Jetzt waren wir aber nun mal da, und so beschlossen wir pflichtbewusst, doch mal noch in den Dom zu schauen, und vielleicht auch noch in die Albrechtsburg. Und zu überprüfen, ob Meissner Porzellan tatsächlich was mit Meißen zu tun hat.
Wollte man jetzt in die Burg, hätte man sich an eine lange Schlange anstellen müssen, die dann zuerst zu einer altertümlichen Veranstaltung führte, bei der man von außen das Verhältnis zwischen Kultur und Konsum nicht einschätzen konnte. Eigentlich ist es in der globalisierten Welt unüblich, auch noch fürs Geldausgeben Geld ausgeben zu müssen, das schmälert den Profit.
Dom
Strafe muss sein, durch unsere
Völlerei haben wir eine Orgel- Halbestunde verpasst. Das legitimiert eventuell
den Wunsch, einst nach Meißen zurück zu kehren.
Schaut man nun auf die Türme des Dom empor kann man denken:
In unserer Kassenlage könnten wir uns so was grad mal nicht leisten; (Ergo: Die hatten früher viel mehr Geld.)
Oder: Wow!
Der Mensch ist zum großen Teil das Produkt seiner Einflüsse. Er nimmt alles in sein Unterbewusstsein auf, und alle diese Einflüsse bestimmen sein Denken und Handeln. Architektur bestimmt zum Großteil unser Leben, wir sehen sie, berühren sie und benutzen sie.
So ein Dom wurde nicht von irgendeiner Bank finanziert, weil sie sich grad mal wichtig tun und was von der Steuer absetzen musste.
Er war es den Menschen wert, wenn
auch sicher nicht allen. Und diese haben sich nicht gescheut, etwas zu beginnen,
von dem sie wussten, dass es während ihres Lebens nicht mehr fertig werden
würde.
Nach der düsteren schweren Romanik kam irgendwann im 12.Jahrhundert die Gotik. Geniale Baumeister berechneten plötzlich, wie man mit dünnen Wänden extrem hohe Gebäude bauen kann.
Durch das Kreuzgewölbe werden
die Lasten des Daches auf Punkte geleitet, die durch Säulen abgestützt werden.
Das Gewicht versucht, diese nach außen zu biegen, wobei im oberen Bereich die
größten Kräfte auftreten. Deshalb gibt es bei gotischen Bauwerken immer
Nebenschiffe. Sie lehnen sich an den kritischen Bereich des Hauptschiffes an.
Die dort wiederum auftretenden Kräfte drücken auf Stützbalken, die außen wie
Insektenbeine rundherum um das Bauwerk angeordnet sind. Damit diese
nicht nach
oben gebogen werden, sind sie oft noch mit kunstvollen Figuren belastet. Jedes
Element hat für die Statik eine Bedeutung, nichts ist einfach nur da, um schön
auszusehen. Das Tolle ist, dass wir meist gerade das Zweckmäßige als schön
empfinden, wie zum Beispiel stromlinienförmige Autos.
Da die ganze Konstruktion auf den Säulen steht, ist es möglich, riesige Fenster einzubauen. Die Gebäude werden dadurch mit Licht durchflutet. Gotik wird deshalb mit Licht und Helligkeit in Verbindung gebracht. Nicht zu verwechseln mit der englischen Übersetzung des Wortes in "gothic", wo es "gruselig", "schaurig" bedeutet.
Betritt man ein solches Gebäude bekommt man das, was vielen Menschen zu unser aller Übel fehlt, nämlich Ehrfurcht. Man spürt, dass man klein ist. Man spricht automatisch leise. Es ist umwerfend.
Wir hatten die Orgel verpasst, doch es war trotzdem Musik zu hören, die den Gesamteindruck perfekt machte.
Burgfest
Doch wo kam die Musik her? Lief
da etwa ein Tonband? Das wäre ein Sakrileg. Ich war schon vorher dort, da war
da keine Musik. Die Eintrittskarte war seitdem aber auch nicht teurer geworden.
Uns kam das dumpfe Gefühl, wir profitierten von etwas, wofür wir nicht bezahlt
hatten. Einem braven Bürger regt sich das Gewissen. Irgendwie fielen mir die
Worte eines weisen Mannes ein. Homer Simpson sagte einst: "Werbung
wegschalten ist wie Fernsehen klauen". Da wir die Musik nun mal genossen,
mussten wir auch dem Zweck ihrer Bestimmung folgen. Das war das draußen
stattfindende Burgfest, von der sie kam. Ihm beizuwohnen war außerdem die
einzige Möglichkeit, um in die Albrechtsburg zu gelangen. Man hat dann auch
gleich beide Eintrittspreise zu einem stolzen Preis von 6 Eus 50
zusammengefasst, wovon die Burg grad mal etwa die Hälfte ausmachte. Das ist
schlichtweg unverschämt, zu mal dieses "Fest" eine fast lupenreine
Verkaufsveranstaltung war. Der zugegebenermaßen recht ansprechende
Kulturbeitrag konnte diesen Auswuchs des besonders in Ostdeutschland häufig
anzutreffenden Primitivkapitalismus in keinster Weise auch nur annähernd
rechtfertigen.
Aber unsere Stimmung war viel zu gut, um uns davon die Laune verderben zu lassen. Schließlich bekamen wir dafür ja auch eine super Eintrittskarte und einen recht resistenten schönen Stempel auf die Hand. Irgendwie erinnerte bereits das an frühere Zeiten. Nur dass die Disko früher nur 2 DDRmark 10 gekostet hat.
Passend zum gotischen Dom gab es alles mögliche Zubehör zur bereits erwähnten Gothic-Szene. Und einige überaus nett anzusehende Angehörige dieser Kultur liefen da auch rum. Bei einem Steinmetz konnte man erfahren, wie nützlich doch einige Errungenschaften sind, die wir seit der Zeit gemacht haben, die bei diesem Burgfest wiederbelebt wurde. Nämlich Schutzbrillen. Wir lernten hier einfach nur so im Vorbeigehen, wie unangenehm es doch bei diesen Arbeiten ohne eine solche ist. Übrigens war das noch ein Beitrag für den wir nicht noch einmal extra bezahlen mussten.
Albrechtsburg
Fährt man heute auf der Autobahn
durch Sachsen, bemerkt man viele große Fahrzeuge, die aus slawischen Ländern
nach Sachsen kommen. Nicht nur Autobahngebühren ermöglichen es heute einem
kultivierten Land, mit diesen Völkern in friedlicher Eintracht zu leben. Alles
geht schön geordnet zu und wird an ein paar Grenzübergängen kontrolliert. Als
es diese noch nicht gab, kamen die Slawen ungeordnet von überall nach Sachsen
herein. Ich weiß nicht was die da wollten, vielleicht glaubten sie, sie
dürften das, vielleicht wollten sie auch was klauen, weil sie selbst nichts
hatten, keine Ahnung. Aber sie haben da auf jeden Fall alles durcheinander
gebracht. Als sie dann auch noch anfingen, jede Menge Ortschaften mit einem
unaussprechlichen itzsch oder itz hintendran zu gründen und sächsischen
Flüssen Namen gaben war man sich einig: So konnte das nicht weitergehen.
Sachsen braucht eine ordentliche Grenze und einen Markgrafen dazu!
Wettiner
Das wurde ein Wettiner. Die
Wettiner haben übrigens ihren Namen von der Burg Wettin bei Halle. Als dann die
Askanier ausstarben, wurde dann der Wettiner Markgraf Friedrich der Sanftmütige
auch noch 1425 Kurfürst, war damit einer der Sieben, die laut Goldener Bulle
von Kaiser Karl dem IV. den Kaiser wählen durften. Das war schon was. Leider
starb er bald und sein Sohn Friedrich der Sanftmütige übernahm den Job. Dieser
nun hatte neben ein paar Töchtern auch zwei Söhne, Ernst und Albrecht.
Der Sächsische Prinzenraub
Zu dieser Zeit gab es wenig Arbeitslose, weil potentielle solche immer in irgendwelche Kriege mussten. Und davon gab’s ne Menge. Und dann gab es ehrbare Ritter, die nicht ganz uneigennützig ihre Kampfkraft ihren Herren zur Verfügung stellten. Ein solcher war der edle Kunz von Kauffungen.
Der sanftmütige Kurfürst
Friedrich hatte ständig Zoff mit seinem Bruder Wilhelm, der mit ihm zusammen
das Land regierte. Irgendwie kam es dann dazu, dass unter anderem durch die
Uneinigkeit der beiden der tapfere Kunz seine versprochene Belohnung für
irgendwelche Kriegsdienste bei Nürnberg nicht erhielt. Kunz war sogar mit einem
Pfeil durchbohrt worden und ist wieder genesen. Was tut man, wenn man keinen
Lohn für seine Arbeit erhält? Man geht zur Agentur für Arbeit. Nun war ein
Kunz von Kauffungen nicht der Typ, der in irgendeine spießige
Arbeitslosenversicherung einzahlt. Er versuchte, das ihm Zustehende auf
gerichtlichem Wege einzuklagen, doch auch da hat man ihn ziemlich fies
behandelt. Nun sah er sich in seiner Ehre beleidigt, und die war ihm wichtiger
als sein Leben.
Er sucht sich ein paar Ritterkumpels und entführt 1455 in einem Geniestreich die beiden Prinzenbuben Ernst und Albrecht mittels einer Strickleiter von der Burg in Altenburg, während die Herrschaften gerade dabei sind, sich zu besaufen. Die zu Hause gebliebenen Frauen werden von den verwegenen Kerlen eingesperrt, so dass kein Tropfen Blut fließt. Kunz hätte ohnehin auch den Sprösslingen niemals irgendwelches Leid zugefügt, er will nur dem Herrn Kurfürst eine Lektion erteilen. Er hat sogar noch einen Fehdebrief geschrieben, der einem Ritter die Möglichkeit gibt, seine Ehre durch solche Aktionen wieder herzustellen. Das ist dann eine persönliche Sache, wo sich keiner einzumischen hat. Nur leider schickt er ihn etwas spät los. Doch auch das ist durchaus üblich zu dieser Zeit.
Kunz hatte Prinz Albrecht bei
sich, wollte nach Böhmen und war bereits bei Wiesenthal im Erzgebirge, als er
dem Gejammer des Prinzen nachgab und ihn Beeren pflücken lies. Durch
Kirchengeläut bereits in Alarm versetzt, wurde er von einem Köhler bemerkt,
der dann wiederum sofort seine anderen Mitarbeiter informell über den Vorgang
in Kenntnis setzte und sie alle zusammen nahmen die kleine Truppe gefangen.
Kunzens Kumpels mit Ernst, die ihn in einem solchen Fall freipressen sollten,
gaben dann auch auf. Kunz wurde dann sehr schnell in Freiberg auf dem Obermarkt
hingerichtet, sein Kopf schaut noch heute vom Erker der Rathauses auf einen
andersfarbigen Pflasterstein, wo er hingerollt sein soll. Das wirft einen
dunklen Schatten auf eine Stadt, die auch einen Dom und eine wunderschöne
Altstadt sowie eine Bergakademie und viele Kneipen hat, die auch eine Reise wert
ist und in der ich gelernt habe.
In der Albrechtsburg nun wird auf Bildern der Köhler als Held dargestellt und Kunz als Räuber. So ungerecht ist die Welt. Durch die Hinrichtung wurde ihm dann auch die Möglichkeit genommen, nach 25 Jahren begnadigt zu werden.
Die Albrechtsburg wurde ab 1471 für die beiden Prinzen als Residenz gebaut, aber die hielten es für besser, das Land zu teilen und die Burg ab 1485 nicht mehr zu nutzen.
Albrecht, der Beherzte, hatte bei
der Teilung Meißen für sich gewählt. Sein Sohn Heinrich der Fromme machte den
Protestantismus in Sachsen zur Staatsreligion. Heinrich hatte dann wiederum
einen Sohn namens Moritz.
Ernst bekam Thüringen und war dann Kurfürst. Sein Sohn Friedrich der Weise ging durch seine Unterstützung für Luther in die Geschichte einging, während ein anderer Sohn, Ernst II., Erzbischof von Magdeburg wurde. Ein Dritter Sohn war Johann der Beständige.
Wettiner und Halle
Für Ernst II. wurde in Halle die Moritzburg gebaut. Als in Halle die arroganten Pfänner gegen das gemeine Volk aufbegehrten, konnte er hier seine Macht verstärken und die Stadt unterwerfen. Das war der Stadt auch nicht recht und als Ernst 1513 an Syphilis starb, waren die Hallenser froh, als Kardinal Albrecht kam. Den haben sie dann erst 1541 verjagt, nachdem er hier den Dom, die Marktkirche und einiges mehr gebaut und die Stadt ansonsten ziemlich geplündert hat.
Kardinal Albrecht wiederum war Taufpate des bereits erwähnten Moritz aus der Albertinischen Linie, also ein Enkel des geraubten Prinzen Albrecht. Das ausschweifende Leben des Kardinals veranlasste allerdings Albrechts Onkel Georg den Bärtigen, ihn selbst ordentlich katholisch zu erziehen.
Kaiser Karl V. und die Wettiner
Inzwischen hatte Königin
Isabella von Spanien ihren Kolumbus nach Indien losgeschickt, der dabei aber aus
Versehen nach Amerika kam. Wenn man dann schon mal da ist, was
macht man? Klar,
es wird erobert. Ihr Enkel Karl, wie ihr Mann ein Habsburger, der 1500 zur Welt
kam, wurde somit Kaiser über ein Reich, indem die Sonne nie unterging. Mit so
einer Oma kann man eben was werden. So richtig genießen konnte er das nicht,
die Protestanten und dieser Luther ärgerten ihn ständig. Auch die Türken und
Franzosen. Oben erwähnter Moritz begleitete ihn oft bei seinen Kriegen.
Dann gründeten diese Protestanten auch noch den Schmalkaldischen Bund, der in der Schlacht bei Mühlberg 1547 mit Hilfe von Moritz zerschlagen wurde. Später hatte er es nicht mehr so dicke mit dem Kaiser. Und wer war Anführer des Schmalkaldischen Bundes? Johann Friedrich der Großmütige, Enkel von unserem entführten Ernst und Sohn von Johann dem Beständigen. Moritz hat also mitgeholfen, seinen Großcousin gefangen zu nehmen.
Übrigens war sich der Kaiser auf
dem Weg nach Mühlberg nicht zu schade, auch mal in einem Dörfchen namens
Schwarzbach bei Colditz im Pfarrhaus zu übernachten.
Später hat er freiwillig abgedankt, ziemlich unüblich für einen Kaiser.
Moritz hatte übrigens mit dem Vermögen von konfiszierten katholischen Klöstern die Fürstenschulen in Schulpforta, Meißen und Grimma gestiftet. Eigentlich war er ja auch evangelisch. Oder wie auch immer.
August der Starke, Johann Friedrich Böttger und das Porzellan
Moritz hatte noch einen Bruder namens August dessen Urururenkel auch August hieß. Auch der war eigentlich Protestant, aber um König von Polen zu werden (1697) wechselt man da schon mal schnell zu den Katholiken. Großzügig erlaubte er es aber den Lutheranern, in Dresden die Frauenkirche zu bauen, wenn er auch nichts dazu gab.
Ansonsten hatte er eine sehr
ausgeprägte Bau- und Sammelwut die Unmengen an Geld kostete. Da
hörte er 1701
von einem Alchimisten Böttger in Berlin, der öffentlich aus Silbermünzen
goldene gemacht hat. Friedrich I. in Preußen war allerdings auch an ihm
interessiert und versuchte, ihn anzuwerben. Als Böttger nicht wollte setzte er
gar ein Kopfgeld auf ihn aus, so dass der nach Wittenberg flüchtete. Am Ende
bekam ihn August der Starke und verdonnerte ihn nun, in einem Labor Gold
herzustellen, was der ja immer noch behauptete zu können. Irgendwann so um 1705
wurde August jedoch ungeduldig und drohte wohl auch, ihn hinzurichten. Ein Herr
Tschirnhaus, der Böttger helfen sollte, den Stein der Weisen zu finden,
überredete ihn, bei der Herstellung von Porzellan zu helfen, was seine letzte
Chance war. Gold wäre toll gewesen, aber na ja, fürs erste tut’s auch
Porzellan, muss sich wohl Kurfürst August gedacht haben.
Da das Schloss Albrechtsburg die ganze Zeit ziemlich nutzlos rumstand wurde Böttger 1705 da reingesperrt und erst 1714 wieder rausgelassen, als er ordentlich Porzellan machen konnte und nun seit 1710 die im Schloss eingerichtete Porzellanmanufaktur leitete.
Die Manufaktur blieb bis 1863 im
Schloss, danach musste es saniert werden und ist nur noch zum Angucken da. Und
um Burgfeste anzulocken.
Porzellanmanufaktur
Konsequenterweise legten wir nun den Weg zur Manufaktur auch noch zu Fuß zurück. Ich finde die Konstruktionen immer interessant, die Menschen anlegen, wenn sie mit Höhenunterschieden im Gelände fertig werden müssen. Dabei handelt es sich in der Regel um Treppen und Brücken, die unregelmäßig grad da gebaut werden, wo sie gebraucht werden. Ich vermute, die Elbe hatte keinen Bauplan, als sie sich ihren Weg gebahnt hat. Die Häuser können am Hang nicht zu breit sein, mehrere Türen müssten dann unterschiedliche Höhen haben und die Etagen passten dann irgendwie auch nicht so richtig zusammen.
Aber Häuser gibt es viele, schöne, alte. Mit vielen Schaufenstern. Meine Begleitung studierte exakt deren Inhalte, wobei ich des öfteren das Wort "Kitsch" vernahm. Ich sah sie mir auch an und fand, dass es stimmte. Aber das muss sicherlich so sein. Kurzzeitig schoss mir mal unkontrolliert der Gedanke durch den Kopf, dass uns geöffnete Türen neben besagten Fenstern vor eine geschlossene an der Manufaktur gestellt hätten.
Um zu zeigen, wie gut das Gesamtbild in dieser alten Stadt harmoniert, haben kluge Architekten ein Beispiel in Form einer Sparkasse hingebaut, das zeigt, was alles passieren kann, wenn man sich hier etwas unkontrolliert auslebt.
An die Manufaktur selbst wurde
auch vor ein paar Jahren ein moderner Anbau angefügt, der aber da draußen
nicht stört und mit dem alten Gebäude harmoniert. Drinnen ist es dann schon
richtig international. Auf den Toiletten kann man auf japanisch lesen, wo man
gebrauchte Handtücher hinwerfen soll. Jedenfalls denke ich, dass es das
bedeutet, wobei ich mir nicht sicher bin, denn die Konstruktion an sich wies auf
diesen Fakt schon hin und ich traue es keinem Japaner zu, dass er ein
gebrauchtes Papierhandtuch einfach mal so rumwirft. Apropos Japaner. Die haben es
bekanntlich auch mit Porzellan und deshalb existieren auch Beziehungen der
Manufaktur dahin, was viele von ihnen einen Besuch in Meißen machen lässt. Ich
selbst war mal in Begleitung eines solchen da. Ich war dann schon etwas
verblüfft, als ich für die Führung durch die Schauwerkstatt Kopfhörer
erhielt und er nicht.
Das Gebäude ist nun so
gestaltet, dass man nicht in die Schauwerkstatt kommt ohne die Verkaufsräume zu
durchschreiten. Ängstlich sah ich d
ann schon mal auf die Uhrzeit wegen der
letzten Führung und so. Aber die Stücke halten in ihrer Qualität und
Schönheit auch tatsächlich das, was man von ihnen erwartet. Man fängt zu
überlegen an, ob es nicht evtl. in Zukunft auch ohne das nächste Auto geht.
Wir passten also eine Führung in deutsch ab und begaben uns in die Werkstatt, wo uns richtige Menschen Schritt für Schritt zeigten, wie die Stücke entstehen. Der Ton (der akustische, haha) kam aus einer Sprechanlage, wahrscheinlich unter anderem, weil die Vorführhandwerker in ihrer Arbeit so perfekt sein müssen, dass sie während der Lehre keine Zeit hatten, japanisch zu lernen. Sie wiesen manchmal mit der Hand auf etwas, was im Text erwähnt wurde, wobei sie mich irgendwie an eine Stewardess erinnerten, die den Weg zum Notausgang zeigt. Ich fragte mich allerdings, woher sie bei einer japanischen Führung wussten, wann besagte Stelle im Text kam. Soweit ich mich erinnern konnte, trugen sie da selbst keine Kopfhörer.
Das Beeindruckendste für mich
sind einmal die Handbemalungen vor dem zweiten Brennen, wo jeder falsche
Pinselstrich unweigerlich das Objekt zu Ausschuss macht, sowie die
Vorausberechnungen der Größen und Formen bei komplizierteren Figuren, da sich
das Material beim zweiten Brennen um ich glaube 16% zusammen zieht.
Über der Werkstatt befinden sich noch Ausstellungsräume, für die man auch noch mal extra bezahlt. Sie zeigen, wie schwer es ist, den Beruf Meißnerporzellantöpfers oder -malers zu erlernen. Im Groben teilten wir die Stücke in Narrenepoche, Schwarzafrikanerepoche, Jagdepoche, Mopsepoche und Affenepoche ein, wahrscheinlich abhängig von den Gelüsten der jeweiligen Herrscher. Durchweg handwerklich perfekt ließen manche Objekte bei mir allerdings Zweifel am Geschmack des Auftraggebers aufkommen. Aber ich will hier nicht negativ sein. Alles ist wirklich sehenswert.
Zusammengefasst konnte man in einer etwas sterilen touristenoptimierten Schaumanufaktur vieles Schönes sehen, weniger davon kaufen, und etwas lernen.
Epilog
Und nun möchte ich noch auf die Sache mit dem Rucksack zurück kommen. Auf dem Rückweg war er ein wenig schwerer und wurde von nun an mit einer Art mütterlicher Fürsorge behandelt.
Es fehlte noch das Bild mit dem Dom von Ferne. Dieser war nun nicht gewillt, es uns irgendwie leicht zu machen. Mit viel Mühe nach mehreren Umleitungen fanden wir zu Einbruch der Dunkelheit endlich den Platz wieder, den wir Stunden vorher verpasst hatten. Keine Gefahr und keine Kälte konnte uns nun noch von unserem Ziel abhalten. Das Auto in der Jahnastrasse geparkt, pilgerten wir unter Einsatz unseres Lebens los. Amis hätten da längst einen "Dom View" mit Parkplatz hingebaut, aber dann hat das ja nichts authentisches mehr. Wir sind natürlich aus anderem Holz als ein guided Tourie. Die Kälte gab uns nur noch mehr das Gefühl von selbstzerstörerischer Waghalsigkeit. Ohne Fußweg, nur von einer Leitplanke begleitet, die uns möglicherweise vor einem rücksichtslosen Autofahrer hätte retten konnte, steuerten wir den Ort der Begierde an. Als wir ihn erreichten, wurden wir dann auch belohnt, wie einst Indiana Jones. Der Dom hatte sich schick gemacht und ließ sich bestrahlen, so dass der Mond ganz neidisch und rund über dem Rapsfeld rumstolzierte. Ein Augenblick, den es so höchstens einmal im Jahr gibt. Wenn überhaupt. Den hatten wir abgepasst.
Vielen Dank an Thomas für den Bericht!
Quellen:
Luise Schorn-Schütte: Karl V. - Kaiser zwischen Mittelalter und Neuzeit; C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München 2000
Regina Röhner: Der sächsische Prinzenraub, die Geschichte von Kunz von Kauffungen; Chemnitzer Verlag und Druck GmbH, Chemnitz 1993
