Von wohlorganisiertem Krach und gut organisiertem Spaß...

 

Nun sitze ich hier gemütlich zu Hause in meinem Sessel, im Hintergrund Mozarts hervorragenden "Don Giovanni", im Vordergrund auf dem Schoß mein Laptop und im Kopf meine Gedanken zu den Begebenheiten der letzten Tage.

Da gab es das brillante Kurt Masur Konzert im Leipziger Gewandhaus mit dem Londoner Philharmonic Orchestra am 03.Oktober 06. Es gab eine überaus grandiose Aufführung des "Don Giovanni" im alten Goethe Theater in Bad Lauchstädt am 07. Oktober 2006, des Weiteren das erste Sinfoniekonzert mit der Staatskapelle Halle und einem brand neuem Geburtstagsständchen von Thomas Buchholz zu Halles 1200sten am 09. Oktober 2006 und als hübschen Bonus obendrauf den 13. Herbstball im Maritim Hotel in Halle am 14. Oktober 2006.

 

Tja, und nun gibt es die interessante und alles bewegende Frage, wie fasse ich das jetzt geordnet und gebührend in nicht zu viele Zeilen zusammen?

Über die überaus grandiose Aufführung des "Don Giovanni" im Bad Lauchstädter Goethe Theater habe ich schon berichtet. Das war wichtig, denn es war einzigartig und unübertreffbar.

Das Kurt Masur Konzert war sehr schön und ich glaube, Ihr kennt meine Meinung zu Kurt Masur. Seine Konzerte sind immer brillant. Da gibt es keine Zweifel und auch diesmal keine andere Meinung von mir.

 

Der Maestro kam also wieder nach Leipzig in seine alte Heimat. Diesmal zum 25 jährigen Bestehen des neuen Gewandhauses. Diese Legende darf man nicht verpassen und ich hatte eine Karte mit sehr gutem Platz zu diesem Ereignis. --- die nicht sehr einfach zu bekommen war! Die Leipziger lieben ihren Dirigenten, weil er ihr Dirigent ist und ich liebe ihren Dirigenten, weil er perfekte Musik durch den riesengroßen Saal des Gewandhauses zaubert .....

...... und deswegen waren die Karten schon Monate vorher ausverkauft und der Saal bis zum Überlaufen voller interessierter Zuhörer.

Sein diesmaliges Programm war gängig, aber hervorragend: Mendelssohns wunderschöne "Hebriden", Schumanns Konzert für Klavier und Orchester und meine über alles geliebte 2. Sinfonie von Brahms. Was soll ich dazu noch sagen? Ich genoss jede einzelne Note davon und diese wunderbare Stimmung, die in der Luft lag und ich belohnte, wie alle anderem im Saal, dieses hervorragende Konzert mit Standing Ovation. Es war phantastisch! Die Zuhörer ließen ihren Meister nicht wieder gehen, .....Standing Ovation, noch mehr Standing Ovation.... minutenlang... noch länger... so lange, bis er den Konzertmeister beim Arm packte und zur Tür hinaus zog. Wahnsinn! So etwas habe ich noch nicht erlebt.

 

In Halle ging es da doch wieder etwas anders zu. Der Saal der Händelhalle war allerdings auch bis auf sehr wenige Plätze gefüllt und das Programm war sehr viel versprechend. Mozarts hübsches erstes Violinenkonzert, Brahms grandiose 3. Sinfonie und Thomas Buchholz neustes Werk im Auftrag der Stadt Halle für die Stadt Halle: "Die Stadt - FestMusikFest" für Chor, Orgel und großes Orchester - also ein Machwerk mit viel Personal und Krach.... wohlorganisierter Krach, wie einer der Herren in der Reihe hinter uns treffend bemerkte. 

Thomas Buchholz (Quelle: Programm des Konzertes) Was bedeutet wohlorganisierter Krach in diesem Fall? Die Zuhörer waren da sehr unterschiedlicher Meinung .... ungefähr so: die Zuhörer fanden es scheußlich und der Komponist fand es gut.... oder so: den Zuhörern waren die Pauken neben ihren Ohren zu laut und die Musik einfach zu modern --> Wo bleibt denn da die Musik bei dem Krach? ... und wann kommt endlich der zweite Teil des Konzertes, der Entspannendere für die jetzt arg geschundenen Ohren, alten Blutdrücke und völlig durcheinander gekommenen Herzfrequenzen? Rums! Das hat reingehauen ----

ABER! wenn ich jetzt mal die Meinungen der um mich herum sitzenden Zuhörer ausblende und nur meine gelten lasse, dann würde ich sagen: ja, sehr laut an meinen Ohren - die Pauken - und sehr modern - die Musik - aber ja, warum nicht? Dieser Krach war wirklich wohlgeordnet und hatte Fluss mit Sinn und der Klang war nicht so schlecht, also eigentlich im Gegenteil, das war brillante moderne Musik. Sie war interessant und ich konnte gut zuhören und mir Vorstellungen zu dieser Vorstellung machen. Eine Geschichte zur Geschichte... Musik, die in meinen Augen Halles Geschichte Revue passieren ließ. Ich weiß nicht, was der Künstler uns damit sagen wollte, ich habe das Programmheft nicht gelesen, aber mir gefiel der Gedanke, daß es eine Reise durch Halles 1200 Jahre alte Geschichte sein könnte. Ich hörte die Kanonen und das Kampfgeschrei um die alten Burgen, ich sah die Salzsieder und die ersten Siedlungen, ich spürte die Freude der Menschen in dieser Stadt und auch das Leid, ich sah die ersten Steine, die Halle Neustadt entstehen ließen, den Sozialismus und die Wende, Verfall und Trauer, Aufbau und Leben und Zukunft ....... und somit war es für mich eine gute Musik, passend und darstellend und eigentlich nicht nur Krach.

Kirill Karabits (Quelle: Programm des Konzertes)Kirill Karabits dirigierte die neue hallesche Staatskapelle und Thomas Buchholz schien ihm sehr gut zu liegen im Gegensatz zu Johannes Brahms dessen 3. Sinfonie nach der Pause folgte.

Ich kenne Brahms Sinfonien sehr gut und ich freute mich auf diese, seine Dritte. Schon aus dem Grund, weil nie jemand sie spielt. Immer gibt es nur die Zweite, ok, das ist auch meine Liebste, aber so ab und zu hätte ich schon gern mal auch etwas anderes von Herren Brahms gehört. Deshalb freute ich mich diesmal sehr auf das Ereignis nach der Pause ---- und jetzt frage ich mich, ist Brahms vielleicht schwer zu dirigieren? Ich saß unten im Parket (diesmal, da nichts anderes mehr zu bekommen war) und war entsetzt. Was war das für ein erster Satz? War das Brahms? Nein, das war nicht Brahms. Was spielen sie da nur? Alles war wirr und ungeordnet - ungeordneter Krach? Herr Karabits, was sollte das sein? Ihr Mozart vor der Pause war doch sehr gut, zusammen mit der phantastisch Violine spielenden Arabella Steinbacher und der wohlorganisierte Krach von Herrn Buchholz klang auch sehr schlüssig, aber was haben Sie mit meinem geliebten Brahms gemacht? Oder lag das etwa an den Plätzen im Parket? Normalerweise sitze ich oben in der Empore, weil eben der Klang dort oben bedeutend besser ist in unserer Händelhalle. Aber kann das wirklich sein, daß er hier unten im Parket so schlecht rüber kommt? Wenn das so wäre, sollte man diese Händelhalle sofort abreißen und neu bauen. Das ist Frevel an dieser hervorragenden Musik! Das beschämt meine Ohren und läßt meine Seele Arabella Steinbach (Quelle: Programm des Konzertes) trauern. Schlimmer, es tötet sie! So etwas kann man doch nicht verantworten - ein furchtbarer Tod. Ich hoffe wirklich sehr, daß es doch am Dirigenten lag und nicht an der Akustik in der Händelhalle. Das käme einem Mord gleich, wenn doch...... - naja, ich denke, ich werde zur Sicherheit meine nächsten Konzerte doch lieber wieder von der Empore aus genießen. So etwas würde ich ein zweites Mal nicht ertragen wollen - sorry - Im Gegensatz zu dem diesjährigen Herbstball im Maritim Hotel. Den möchte ich bitte jedes Jahr ertragen dürfen!

Allerdings war der Herbst an diesem Tag nicht ganz so schön, alles draußen war trüb und kalt und nass und ich war überhaupt nicht motiviert für den Abend mein rückenfreies Abendkleid anzuziehen. 

An diesem trüben Abend so "nackt" noch raus in die Kälte und Finsternis war nicht so wirklich meine Intension. Aber ich wusste, daß Bälle mit Tanz immer sehr schweißtreibend sein können und Frau letztendlich sehr froh ist nur so leicht bekleidet zu sein und deswegen entschied ich mich dann doch für die leichte, luftige Art. Naja und für außerhalb der warmen, schützenden Gebäude hatte ich ja schließlich noch meinen warmen, schützenden Mantel.

 

Dank einer netten Einladung war ich nun das erste Mal zum Herbstall im halleschen Maritim Hotel, dem zweiten Ballereignis nach dem Opernball und Dank einer hervorragend fahrenden Fahrahnfängerin erreichten wir auch sicher und pünktlich das alte, hässliche hallesche Maritim Hotel am neuen, jetzt eigentlich für seine Verhältnisse sehr gut aussehenden Riebeckplatz.

Durch den großzügigen "Hintereingang" gelangten wir schnell in das hübsche Foyer und ich war sofort begeistert. Sekt und Livemusik zum Empfang und überall gut angezogen, schwatzende Ballgäste. Ich muß ehrlich sagen, ich war sehr erstaunt, das es so etwas in Halle gibt. Selbst zum Opernball waren die Gäste nicht so gut angezogen wie hier. Ich fühlte mich fast in eine andere, London ähnliche Welt hineinversetzt und erinnert an die wunderbaren Bälle im Londoner Dorchester. Das Ambiente war phantastisch und das Publikum schien interessant. Unser 8 Mann/Frau Tisch stand um die kleinen Tische im Foyer und genoss schwatzend seinen hervorragenden Sekt. Oder sollte ich in diesem Fall und angebrachterweise "plaudernd" sagen - ja, ich sollte mir in Anbetracht dieses Ereignisses meine Wortwahl genauer überlegen, sozusagen an die Gegebenheiten anpassen. Vielleicht bin ich mit meiner jetzigen Wortwahl nicht "vornehm" genug - oder bin ich es doch? Wenn man den Abend in Gedanken bis zum Schluß Revue passieren läßt, gab sich die Hautevolee dann auch nicht mehr allzu vornehm. Der teure Champagner zeigte hier und da seine Wirkung. -- Sollte er auch, bei um die 150 EUR die Flasche. Aber gut, es machte Spaß und immer schossen mir Don Giovannis Zeilen in den Kopf:

"Auf denn zum Feste,

Froh soll es werden,

Bis meine Gäste

glühen vor Wein!....." .... und sie glühten und tanzten - kein Menuett, aber trotzdem wild durcheinander.... nach dem hervorragenden Buffet mit allerhand exquisiten Sachen und um Hummerhäppchen und Garnelen Cocktails zu verdauen.

Es hat mir sehr großen Spaß gemacht und nicht nur das Buffet war interessant. Um mich herum und beim hübschen Feuerwerk auf der Terrasse zeigten sich allerhand bekannte Gesichter. Frau Szabados lachte vergnügt und Herr Böhnisch schwatze an der Bar mit diesem und jenem Geschäftsführer. Wir beobachteten das Geschehen und tranken Espresso zur Entspannung. Andere beobachteten uns und letztendlich endeten wir bei oben erwähntem Champagner, als freundliche Geste, und einem Gespräch über Sinn und Unsinn des Lebens.

Die Bar war ein wirklich interessanter Ort, aber es zog uns dann doch wieder zurück auf die Tanzfläche um eben die sich um die Hüften legenden Leckerein mit schweißtreibenden akrobatischen Einlagen nicht ganz so drastisch aufschlagen zu lassen.

Sehr zu unserem Leitwesen endeten diese Versuche pünktlich am Morgen um 2 und wir wussten nicht so recht, was wir nun mit dem angebrochenen Abend (Morgen?) noch tun sollten. Also wirklich nach Hause gehen wollte eigentlich keiner unseres Tisches, aber wo gab es um diese Zeit in Halle noch eine Bar oder Ähnliches, wo man seine interessanten Gespräche fortsetzen konnte? Also ich persönlich kannte mich da überhaupt nicht aus. Meine Events enden im Allgemeinen immer gegen 22.00 Uhr und ich verspürte danach im Allgemeinen noch nie das Bedürfnis weiter zu machen.  Aber diesmal war unsere kleine Gesellschaft sehr nett und noch wunderbar munter und hatte überhaupt keine Lust so zeitig schon die Segel zu streichen, was letztendlich die Auswirkung hatte, daß wir an der Bar einer Table Dance Bar in der K&K Passage endetet. Egal, war die Meinung aller Probanten, dort ist es nicht zu laut, es ist trocken und warm, es gibt etwas zu trinken und wir können unsere Unterhaltungen fortsetzen.

Also für mich war es das allererste Mal, daß ich in so einem Etablissement meine Unterhaltungen fortsetzte - aber, ich muß Euch ehrlich sagen, es hat mich nicht geschockt. Im Gegenteil, ich war angenehm überrascht. Ich hätte mir das alles völlig anders vorgestellt. Die Frauen auf den Tischen waren hübsch, die Herren an den Tischen brav und gepflegt und alles um uns herum war sauber und freundlich. 

Wir suchten uns ein Eckchen weiter weg vom Geschehen und alle Augen folgten uns und hefteten uns an. Wahrscheinlich war unser Trüppchen doch etwas zu exotisch für diese Art von Bar, so daß wir ein kleines bis mittelgroßes Aufsehen erregten. Wie war noch gleich mein "Spruch der Woche"?: "It is better to be looked over than overlooked." Bingo! That's it!

Hmmm... alles sehr interessant. Frau lernt nie aus und jetzt weiß sie auch, wie das alles in solch einer Table Dance Bar funktioniert. Ich habe sogar einen Dollar verdient - nein, schaut nicht so erschrocken! Den habe ich natürlich nicht verdient, den habe ich einfach bekommen, von einem der heftenden Augen auf der anderen Seite der Bar. Und nein, unser Trüppchen bestand nicht nur aus Frauen, aber sie hefteten trotzdem <grins>.

Naja gut, es war eine lustige Erfahrung, aber irgendwann gegen 4 wurde ich so langsam müde uns es zog mich nach Haus in mein kuscheliges Bettchen. Natürlich allein!!!! Also bitte, wo habt Ihr Eure Gedanken?

Der Rest unseres Trüppchens blieb noch ein bißchen, aber ich folgte in einem Taxi meinem nun immer drastischer fordernden Verlangen nach Schlaf.

 

Es war ein hervorragender Abend, dieser Abend und es waren hervorragende Abende die anderen Abende und wisst Ihr, was ich jetzt denke über alles?:

 

Ist das nicht ein hervorragendes Leben!

 

Eure Jana