- Donatien Alphonse Francois de Sade -

 

 

Jetzt sitze ich hier draußen auf meinem Balkon und genieße die schöne Junisonne, die sich nun auch endlich mal blicken läßt. Mein Grammophon dudelt neben mir und ich lausche den etwas eingestaubten Klängen.

Was war das doch für eine grandiose Erfindung des Jahres Emile Berliner  (1851-1929) 1883 von Herrn Emile Berliner, phantastische Töne das erste mal auf für jeden erschwingliche, reproduzierbare Tonträger, kurz Platte und ein bißchen später Schellackplatte, festzuhalten. Ohne ihn würde es wahrscheinlich keine CD's oder mp3's geben - nein, eigentlich war der erste "Übeltäter" in Sachen Töne zu konservieren, Thomas Alva Edison und das schon 6 Jahre vor Herrn Berliner, im Jahre 1877.

Mein Grammophon ist wohl aus dem Jahre 1929 und ein stink normales und einfach Thomas Alva Edison (1847-1931) - Bildquelle: http://www.maur.de/ aufgebautes Tischgrammophon. Wahrscheinlich sind da auch nicht mehr allzu viele Teile original - aber egal, der Klang ist einfach herrlich nostalgisch und die Bedienung leider auch. Während ich hier sitze und tippe, ziehe ich mindestens nach jeder Schallplattenhälfte die Feder auf, damit mein Beethoven nicht zu langsam wird, das klingt dann auch etwas komisch und wäre sicherlich nicht im Sinne von Herrn  Ferdinand Leitner gewesen. Ich habe auch nur eine kleine Romanze hier laufen. Die passt komplett auf eine Schellackplattenseite.

Würde ich jetzt Tschaikowskis 5. Sinfonie hören wollen, bräuchte ich da wohl mindestens 4 oder 5 Platten. 

Aber es macht Spaß und gibt einen ein so hübsches nostalgisches Gefühl. Und man denkt, wie das wohl früher so war.... draußen vor einer hübschen Villa auf der Terrasse sitzen, Tee trinken und dieser wunderbaren Musik lauschen - genau wie ich jetzt auf meinem Balkon.... bloß habe ich niemanden, der immer das Ding aufzieht und die Platten wechselt. 

Und wie war das wohl, wenn man auf Reisen ging. Da war das nicht mal schnell getan mit einem winzigen mp3-Player. Nein, da gab es Koffergrammophone und wenn man ein Solches besaß und mitnehmen wollte, brauchte man wohl eine Menge Leute, die einem das Zeug hinterhergetragen haben. Stellt Euch mal vor, zum einen hat man die vielen Koffer zu schleppen - also nix mit auf Rollen hinter sich herziehen - und dann noch den Koffer mit dem Grammophon und dann noch die vielen zerbrechlichen Lieblingsplatten dazu, die ja nun nicht gerade sehr leicht sind. Hmmm... ich glaube, die haben da wohl früher mehr Schiffsreisen unternommen. Das war einfacher, denn da mußte man sich nicht vom Fleck bewegen, sondern da wurde man bewegt.

Und es gab Grammophone in Restaurants, die ja die mechanischen Klaviere abgelöst haben. Die waren um einiges größer und hatten auch etwas mehr Federung für längeren Musikgenuß oder einen kleinen Motor..... und manche hatten einen Schlitz, wo man eine Münze einwerfen konnte. Ist schon richtig beeindruckend.

 

So, naja eigentlich wollte ich ja über mein "Marquis de Sade" Erlebnis in Vockerode berichten, aber weils so schön ist, vorher noch schnell für Euch ein bißchen Grammophonnostalgie.

"Sie hören: Beethovens Violin-Romanze in F-Dur, op. 50 mit Erich Röhn an der Violine und Ferdinand Leitner am Pult der Münchner Philharmoniker." -- Naja, ein klitzekleines Stückchen davon. Daß Ihr mal wisst, wie so ein Grammophon klingt.

Einfach zum Download auf das Foto klicken. Es ist eine *.wmv mit ca. 1 MB.

 

Dann schlittern wir jetzt also von einer Nostalgie zu den Nächsten.

Ein paar Jahre später als mein Grammophon, entstand 1937 das Kohlekraftwerk in Vockerode, welches nach der Wende im Oktober 1994 abgeschaltet wurde und wo wir 12 Jahre später zu schrägen Tönen und kuriosen Tanzeinlagen der spektakulären Idee der Gregor Seyffert Compagnie folgen durften. Und zwar zu der noch viel nostalgischeren und verrückten Lebens- und Phantasiegeschichte des Marquis de Sade, in die Zeit zwischen 1740 und 1814.

Ich liebe solche alten, verfallenen Gebäude. Die haben immer so etwas Mystisches an sich. Und ich liebe kreative Menschen mit verrückten Ideen. Und ich finde es Klasse, daß die Gregor Seyffert Compagnie diese dann auch mit soviel Liebe zum Detail und zur Umsetzung realisiert hat.  

Das verdient meine größte Hochachtung! Alles hat genau gestimmt, von der Organisation bis zu den Darbietungen. Das war brillant und ein voller Erfolg, Herr Seyffert & alle Mitwirkenden und sehr schade, daß es nur so eine kurze Zeit lief. 

Wir haben sehr lange noch über das Gesehene diskutiert und selbst jetzt habe ich noch alle Eindrücke in meinem Kopf und Interesse das Thema ein bißchen zu vertiefen.

 

Wir kamen etwas zeitiger am Kraftwerk Vockerode an, weil wir dachten, wir können dort noch gemütlich in der Sonne ein Glas Wein trinken und etwas essen.

Leider ließ das Juniwetter sehr zu Wünschen übrig und es gab keine Sonne, aber dafür 3 Becher Glühwein zum Aufwärmen. Der Wind pfiff uns um die Ohren und die Kälte ließ sich leider nicht durch meine eigentlich warmem Sachen abschrecken und kroch meinen ganzen Körper hinauf. Hier hätte man einen Wintermantel gebraucht. Aber ich weigere mich strikt im Juni einen Wintermantel anzuziehen. Nein, das lasse ich nicht durchgehen! Das ist einfach nicht i.O. Nein, liebes Juniwetter, Du bekommt mich nicht dazu wie im Winter herumzulaufen! ..... leider hat das Juniwetter mein Schimpfen nicht für voll genommen und mich boshafter weise jetzt erst Recht frieren lassen. Frechheit!

Allerdings drinnen im Kraftwerk ging es mir dann besser. Dort pfiff der Wind dann nicht mehr so und die Inszenierung schaffte es, mich von meinen Frostgedanken abzulenken... jedenfalls meistens.

Wir betraten das riesige Kraftwerk und wurden durch die schönen alten, sehr theatralisch beleuchteten Hallen zum ersten Schauplatz des Geschehens geführt. Ja, das war schon beeindruckend so dicht am Abgrund zu stehen. Leider waren es ein bißchen zu viele Zuschauer und es war somit ziemlich eng auf den alten Treppen und ich habe sehr gehofft, daß die Traglast ausreichen würde, was sie dann auch tat, sonst würde ich hier wohl nicht sitzen.

Ich meine sicherlich hat  jeder einen Platz gefunden und konnte dem makaberen Spektakel auf der anderen Seite des Abgrundes folgen, aber ein bißchen viele Menschen waren es schon.

Das war dann aber auch das Einzige, was mir an der ganzen Show missfallen hat. Sie hätten einfach nicht so viele Leute auf einmal hineinlassen sollen. Nagut, später allerdings, auf den zwei weiteren Bühnen, hat sich das ganze Gedränge ganz gut verlaufen und man hatte wunderbar Platz zum Atmen.

 

Durch die Wanderung im verfallenen Kraftwerk sehr gut auf das Kommende eingestimmt, folgten wir dem Geschehen auf der gegenüberliegenden Seite des Schachtes, sozusagen der Gefangennahme des Donatien Alphonse Francois de Sade, kurz Marquis de Sade.

Der arme Kerl hat ja fast sein ganzes Leben nur in Gefängnissen verbracht, was sicherlich der erste Schauplatz verdeutlichen sollte.

Marquis de Sade (1740-1814)Wenn ich so sein Bild betrachte, kann ich mir gar nicht vorstellen, daß er solche verrückte Phantasien hatte. Und da sieht man mal wieder, selbst in diesem Jahrhundert, waren die Menschen auch nicht anders als jetzt - von wegen, gute alte Zeit - neenee - immer das selbe. Wie schreibt Gregor Seyffert so schön auf seinem Programm: "Der Mensch ist ein schönes, böses Tier."

 

 -- Nebenbei bemerkt, das Programmzettelchen Programm zu Marquis de Sade in Vockerode ist hervorragend gestaltet - gefällt mir sehr gut! ---

 

Aha - jetzt wissen wir also auch, wo der Begriff "Sadismus" herkommt. Ich habe mir vorher da nie Gedanken drüber gemacht - ich bin nicht sadistisch und die pornographischen Erfahrungen, die ich habe und Bücher, die ich dazu kenne, enden bei Giacomo Casanova.

Allerdings haben sie mich nun doch etwas neugierig auf den Marquis de Sade gemacht und vielleicht sollte ich mir diese alte Literatur mal zu Gemüte führen. ... naja, möglicherweise kann man noch etwas lernen ;-)

 

In unserer Aufführung schreibt der Marquis das auf, was in seinen Gedanken zu leben scheint, eingesperrt in der Irrenanstalt Charenton und mit Abscheu gegenüber seinen Peinigern. Und so ganz unrecht hat er ja nicht, mit seiner hier im Programm abgedruckten Äußerung: "Ob Kirche oder Staat, ob Monarchie oder Revolution, ob bürgerliche Aufklärung oder blutig erobertes einig Europa: vor meiner Wahrheit zittern sie alle! Denn sie zeigt ihnen ihr wahres Gesicht - die jauchfaule kranke Fratze der Menschheit!"

Wenn man nur bedenkt, was man nicht nur heut zu Tage an schrecklichen Sachen in der Zeitung ließt - nein, darüber möchte ich jetzt nicht nachdenken, daß versaut mir nur meine gute Laune.

 

Am 02. Juni 1740 ist er also in Paris geboren und am 02.Juni 2006 erwacht er im Kraftwerk Vockerode wieder zum Programm zu Marquis de Sade in Vockerode Leben. Da stimmt aber auch alles an dieser Aufführung, sogar das Premieredatum.

Also wenn ich so seine Bio lese, ist mir der Bursche durchaus sympathisch - abgesehen von diesen Spielchen, wo aber eigentlich keiner so recht weiß, was da wirklich dran war. In der Aufführung schreiben sie alles seiner Phantasie zu und den Schriften, die er in den verschiedenen Gefängnissen verfasst hat und langsam meine ich, man sollte die wirklich mal lesen.

1782 beschrieb er ein virtuelles Gespräch zwischen einem Priester und einem Sterbenden über den Unwert eines gottesfürchtigen Lebens.* Das wäre interessant und eine ausführliche Bio zu ihm, sollte man vielleicht auch mal lesen.

Ja, ich mag solche Aufführungen, die meinen Geist zum arbeiten bringen und mich noch im Nachhinein so gut beschäftigen. Das ist ein wunderbarer Stoff für intellektuelle Überlegungen - ja ich weiß, das klingt komisch, aber mein Hirn braucht so etwas einfach und dieser Marquis de Sade könnte interessanten Stoff für mich und mein Hirn liefern.

Heut zu Tage hat man es wirklich schwer bei soviel oberflächlichen Ballast die Sahnehäubchen rauszupicken. Da bin ich für jede Inspiration dankbar - naja, vielleicht ist das ja auch der Grund, daß ich so viele Konzerte, Opern und Theaterstücke besuche. Diese offerieren mir sehr viele Sahnehäubchen und interessante Denkstoffe.

Naja gut, will ich hier mal nicht so abschweifen und langsam zum zweiten Akt auf der zweiten Bühne nach einer Wanderung durch das Kraftwerk kommen.

Zwischen den Bühnen bekam man, sozusagen in der Pause und als Gegenwert zu hübschen grünen und gelben Kristallen, einen wärmenden Kirschpunsch und später auch noch einen kleinen Snack in den alten Messwarten des Gebäudes.

Noch eine brillante Idee, die man hier hervorheben sollte. Damit die vielen Menschen sich zu den weiteren Streichen sammeln konnten, gab es zwei 30 minütige Pausen zwischen den Geschehen. Blutrote Säfte zwischen merkwürdig aussehenden und um uns herumschleichenden Wesen, die einem hier und da unheimlich nahe kamen. Super gemacht, kann man da nur sagen.

 

Der zweite Akt folgte also im nächsten Raum mit einer choreographisch hervorragend getanzten Orgie hinter Gittern. Sehr gut war der "Kampf" zwischen dem knabenhaften Marquis und seinem "dunklen zweiten ich" dargestellt. Er schreibt und seine Phantasie wird für uns Wirklichkeit. Selbst der Darsteller des Marquis de Sade in diesem Teil, Enrico Palvarini, sah dem historischen Vorbild ähnlich und zusammen mit Gregor Seyffert, der übrigens immer die dunkle Seite des Marquis darstellte, zeigte er uns eine brillante Darbietung. Hier muß ich auch unbedingt noch die beiden Damen erwähnen, die super getanzt haben und noch besser gespielt mit einer hervorragenden Mimik dazu. Die beiden Damen waren als Justine (Aureline Guillot) und Juliette (Carine Auberger) exzellent!

Das Bühnenbild zu allen drei Akten war ebenfalls exzellent, aber am besten gefiel mir dieses hier im 2. Akt. ... so mit den Kerzen auf dem Boden und an den Säulen... einfach herrlich. Das war alles sehr gut durchdacht und hat perfekt zum Inhalt gepasst.

Der dritte Akt, auch wieder sehr gut in Szene gesetzt in einer beeindruckend riesigen Halle des Vockeroder Kraftwerkes, aber für mich jetzt doch etwas unverständlich bezüglich dem Marquis.

Kirche und System beherrschen das dumme Volk, ehe dem wie jetzt auch. An Leinen gebunden, geknebelt und manipuliert werden sie durch ihr Dasein geschleift und freuen sich darüber. Die Menschen, die das System für sich nutzen, profitieren sehr gut davon und ihre blutig roten Eskapaden auf den weißen Westen, werden hier durch ein großes Kreuz wieder rein gewaschen.... blütenweiß. Das war brillant dargestellt im dritten Akt und den Gedanken dahinter habe ich auch sehr gut verstanden.

Aber den Rest nicht so wirklich .... hmmmm... ich denke, ich werde mir doch mal seine Bio besorgen. Vielleicht kann ich das dann nachvollziehen. Manchmal fühlt man sich wirklich richtig dumm und unwissend, aber das kann man ja ändern - wie gut!

 

 

Eure Jana

 

 

 

* Wikipedia zu Marquis de Sade