Dieses kleine Teilchen aus Nikolaus Lenaus Gedicht zu "Don Juan" könnte so schön die Leidenschaft im Allgemeinen beschreiben. Wir verfallen immer wieder neuen Leidenschaften, genauso in der Liebe, wie in der Kunst oder überhaupt im Leben. Was ist der Mensch nur für ein sprunghaft unersättliches Wesen, will immer nur Abenteuer und Spaß, und Leidenschaft ist genau der richtige Antrieb für solch zwar gesellschaftlich unmoralischen und verurteilten, aber doch so wunderschöne Ziele. Die Leidenschaft allein ist es, die den Ehrgeiz gebärt und die nicht nur Liebeskummer und Liebe schafft, sondern auch Wissen und Fortschritt und Kunst. Ja! Die Leidenschaft auf das Neue macht das Leben täglich spannend.

Meine Leidenschaft der letzten Wochen galt unter Anderem natürlich und wie immer dem Kulturellen meines Umfeldes. Sie galt dem hervorragendem 4. Sinfoniekonzert der Anhaltischen Philharmonie Dessau, dem Stück "Sterne über Mansfeld" des "neuen theaters" Halle und dem Großen Konzert des Gewandhauses Leipzig

Die Zeile "den Zauberkreis, den unermesslich weiten..."* aus selbigem Gedicht wäre auch eine schöne Überschrift für meine diesmaligen Ausführungen, da alles wie ein wunderbarer Zauberkreis um mich herum geschieht, so daß ich mich nur noch zurücklehnen und das Wunderschöne um mich herum genießen darf. Ja, ich glaube, dieser Don Juan wusste schon sehr genau, worauf es im Leben ankommt und sicherlich genoss er jede Sekunde davon - naja gut, sagen wir mal fast jede Sekunde davon und somit bin ich nicht ganz einer Meinung mit Richard Strauß, der ihm in seiner Tondichtung mit zuviel Moll bedachte. Der Rückblick auf dieses Leben war nicht traurig, der war glücklich, weil er hat es genossen. Aber nichts desto trotz, war natürlich der "Don Juan", den uns Riccardo Chailly letzten Freitag im Gewandhaus präsentierte ein wunderbarer Strauß, der meine wunderbare Leidenschaft für diese wunderbare Musik wieder anfachte und ich glücklich und zufrieden aus diesem hervorragendem Konzert hinausging und mich noch auf dem Heimweg nach Halle Strauß' Melodien in meinem Kopf begleiteten, daß es einfach nur schön war Diesen wieder und wieder zu lauschen bis sich doch so langsam der Bruckner im CD Player meines Autos wieder dominantes Gehör verschaffte. Da waren sie also, meine Lieblinge: Strauß, Bruckner und Brahms, in so kurzer Zeit hintereinander in so wunderbaren Konzerten. Strauß mit "Don Juan" und dem unvergleichlichen "Heldenleben" letzten Freitag und Bruckners 1. Sinfonie und Brahms unvergleichlichem Konzert für Violine und Orchester zwei Wochen davor in Dessau. Was für ein wunderbarer Zauberkreis der Leidenschaft.

Dazwischen eher leidenschaftslos und tieftraurig eine Geschichte über die zerstörende Nachwendezeit des Mansfelder Bergbaugebietes.

 

Nun sitze ich gemütlich zu Hause, tippe meinen Bericht und lausche Barenboims Interpretationen zu Beethovens Klavierkonzert von arte - herrlich! Was für wunderbare Musik und was für ein wunderbarer Mensch, der diese Musik durch seine Finger gleiten lässt. Daniel Barenboim ist für mich einer der besten und sympathischsten Musiker der Welt, ob als Dirigent oder Pianist, er ist einzigartig und das was er tut ist bewundernswert, so wie sein ganzes Leben. Irgendwie läuft er mir dauernd über den Weg - mehr symbolisch als real, aber dauernd präsent in meiner Umgebung. Ob ich nun zufällig mal meinen Fernseher einschalte und sie bringen einen Bericht über Jaqueline du Pré und ihr trauriges Schicksal, oder sie bringen einen Bericht über das West Eastern Divan Orchestra oder wie gerade eben, schalte ich mal meinen Fernseher an und schon wieder Barenboim, oder ich suche in meinem CD Regal nach Brahms Violin Konzert um das Dessauer Konzert noch einmal Revue passieren zu lassen und finde das Violinkonzert in einer hervorragenden Interpretation unter dem Taktstock von Barenboim. Ich glaube Daniel Barenboim ist ein Mann, den ich gern einmal kennen lernen würde. Ich glaube sogar, er ist der einzige der "Hochkaräter" den ich überhaupt mal treffen möchte. Wenn auch Masur, Rattle, Eschenbach, Harnouncourt .... oder wer auch immer sehr gute Musik durch die weltweiten Hallen zaubern ist doch Barenboim der einzige, der meine Seele berührt und für den ich eine tiefe Sympathie empfinde - keine Ahnung warum. Vielleicht hat er ja eine gute Seele. Ich würde ihn sehr gern mal live erleben. Möglicherweise schafft es das Gewandhaus ja mal ihn als Gastdirigenten einzuladen. Das wäre zwar der absolute Gegensatz zu ihrem jetzigen Generalmusikdirektor Riccardo Chailly, aber es wäre sehr angemessen für dieses kulturelle Mekka Deutschlands.

Anhaltisches Theater Dessau im Februar 2007

Auch Dessau hatte diesmal einen Gastdirigenten für sein 4. Sinfoniekonzert. Ebenfalls einen sehr sympathisch erscheinenden und hervorragenden Dirigenten, den z.Z. amtierenden GMD des Lübecker Theaters Roman Brogli-Sacher. Sein Name weckte sehr schöne Erinnerungen in mir an meine Zeit in der Schweiz und an die wunderbaren Erlebnisse in Wien. Wahrscheinlich trug das auch ein gewisses Maß an Sympathie für ihn bei, schon im Voraus und von ganz allein. Ein weiterer sympathischer Pluspunkt an dem er nicht das geringste Zutun hatte, war meine überaus überraschende und sehr angenehme Begleitung. Jetzt weiß ich gar nicht, ob das Konzert wirklich so gut war, oder ob mein Empfinden mehr von diesen Unstand her rührte. Ich kann es gar nicht sagen, aber ich war begeistert. Der Brahms traf so wunderbar meine Seele und die so gigantisch klingende Geige in der Hand von Linus Roth vibriert jetzt noch in ihr. Was für ein Genuss!!! Was für eine Leidenschaft die sich meinen Sinnen da bot, was für ein wunderbarer unermesslicher Zauberkreis der Töne. 

Brahms Violinkonzert ist einfach göttlich und das Anhaltische Orchester transferierte diese Göttlichkeit hinein in den Zuschauersaal zusammen mit dieser so wundervoll klingenden Stradivari. Ein bisschen anders als gewohnt waren die transferierten Klänge schon, mir schien, als machte Roman Brogli-Sacher etwas längere Pausen, so dass meine Seele etwas schneller war als seine wohlklingenden Noten. Aber letztendlich stimme das Gesamtbild und meine Seele war überaus zufrieden, so zufrieden, daß sie dachte: 'Können wir den bitte behalten! Der springt auch nicht so wie Herr Berg und somit kann man das knarksende Podest auch von der 5. Reihe aus ertragen.'.

"Ich fliehe Überdruss und Lustermattung,

erhalte frisch im Dienste mich des Schönen,..."*

Nein, es ist völlig unmöglich dieser Lust überdrüssig zu werden.... nie im Leben wird mir dieser so wohlklingende 2. Satz überdrüssig. Wie so zart das Orchester vorangeht und die Geige so zart folgt. Das ist Genuss pur, das ist Leidenschaft, eine Leidenschaft, in der man sich so tief verlieren kann. Es gibt nichts Schöneres auf Erden in diesem Moment, alles steht still und ich atme die Töne der Geige ein bis der dritte Satz mir seine Melodie in die Seele schleudert und mich aus tiefem Gefühl wiedererweckt. Frisch und locker durchstreift er mein Gemüht und bringt es vor Freude zum Jauchzen, ja fast zum Tanzen. Niemals endend wollend.... "Hinaus und fort nach immer neuen Siegen,..... Es war ein schöner Sturm, der mich getrieben...."* Leider beendete die Pause nach einer hübschen Zugabe des Solisten meinen Sturm. "Er hat vertobt und Stille ist geblieben..."*

...............

 

Nach der Pause folgte der zweite brillante Streich dieses Abends: Anton Bruckners erste Sinfonie. Völlig unvorstellbar, das dieser Mann so lange verkannt und ignoriert ward. Bruckner ist für mich ebenfalls einer der besten Komponisten, die ich kenne und seine erste Sinfonie ein wunderschöner Exkurs in eine Welt brillanter Töne.  Ich bin ein Laie auf diesem Gebiet und vermag nicht zu sagen, was diese brillanten Töne für eine Bedeutung in der Musikgeschichte haben, aber ich vermag zu sagen, daß mich diese Töne so wunderbar begeistern und daß sie Anton Bruckner vom ersten gehörten Augenblick an, zu einen meiner Lieblinge avancieren ließen. Ich folgte wie hypnotisiert dem ersten Satz, den Roman Brogli-Sacher von der Bühne des Anhaltischen Theaters in mein Ohr transferierte und ich war überaus glücklich mir dieses Konzert zweimal angehört zu haben, was eigentlich nicht der Musik, sondern eher einem netten Umstand zuzuschreiben war. Normalerweise gehe ich nicht zweimal in ein und das selbe Konzert...."Es war ein schöner Sturm der mich getrieben..."* und das mit der Stille passt jetzt hier nicht mehr ;-) Wohl eher: "Wie jede Schönheit einzig in der Welt, So ist es auch die Lieb' der sie gefällt..."* und der Lieb' gefällt Bruckners 1. sehr gut und diese lässt Diese dann an diesem Abend auch gemütlich bei einem Glas Sekt in guter Gesellschaft und interessantem Gespräch still und irgendwie romantisch ausklingen.... "Wie jede Schönheit einzig in der Welt...."*

 

Aus diesem Himmel der Gefühle polterte ich mit "Sterne über Mansfeld" wieder auf den harten Boden der zeitgeschichtlichen Tatsachen hernieder. Ein Stück, was ich mir wahrscheinlich nie angesehen hätte, wenn es hätte in dieser Woche irgend etwas anderes Interessantes gegeben. Der Tatsache geschuldet, daß es in dieser Woche nichts, aber auch nicht das Geringste für mich Ansprechende in Halle und Umgebung gab, überredete mich, mal wieder unserem "neuen theater" einen Besuch abzustatten. Diesmal rührte meine Motivation in die Werft zu gehen daher, daß mir die Restaurants in der Umgebung des "neuen theaters" besser gefallen, als die Kneipen in der Umgebung der Ausweichspielstätte am Waisenhausring. Kurz: ich entschied mich für "Sterne über Mansfeld" weil ich endlich mal wieder ins "Las Salinas" Essen gehen wollte. Schändlich für einen Kulturliebhaber, aber nur halb so schändlich, für einen Liebhaber von gutem Essen. Darum sagen wir doch diesmal einfach, das Hauptprogramm war ein Essen im "Las Salinas" und das Beiprogramm ein Theaterbesuch zur Verdauung. Es zog mich also diesmal in die Gruft, die früher die hübsche Kommode war, zu einem Stück, was mich eigentlich nicht sonderlich interessierte. 

An das letzte Stück, in das ich mit einer Art Widerwillen und mehr aus Not gegangen bin, kann ich mich noch sehr gut erinnern. "Kunst" war eines der besten Stücke, die ich bis heute im "neuen theater" gesehen habe. Das zweite Stück, dem ich nicht besonders viel Bedeutung beimaß und was mich eines Besseren belehrte, war jetzt "Sterne über Mansfeld" von Fritz Kater.

Schon das Programmheft gewann bei mir 90 von 100 Punkten. Allein das Flussdiagramm zur Verhüttung zog mein Interesse als alte Mineraliensammlerin in seinen Bann und ließ mich das hässliche, aber diesmal sehr passende Ambiente der Werft vollkommen in den Hintergrund meiner Wahrnehmung verdrängen. Ein Blick über den Zettelrand ließ mich ein interessantes Bühnenbild (Aljoscha Begrich) entdecken. Dies gab eine Mischung von Umkleideraum und Kantine der Bergarbeiter wieder. Was ich selbstverständlich sehr passend fand für eine Geschichte, die im Mansfelder Land spielt.

Das Stück war sehr gut inszeniert (Christian Tschirner), fand ich, und auch darstellerisch ein Genuss. Zwar ein sehr großer Kontrast zwischen dem Chor, der einige Sequenzen nicht nur gesanglich darzustellen hatte, und den Profis, aber genau das wiederum machte auch den Charme dieses Stückes aus. Ich fühlte mich wirklich in eine Kantine oder in ein Pflegeheim, was es letztendlich ja darstellen sollte, hineinversetzt. Die Interaktionen und Hintergründe waren sehr gut durchdacht und der Vordergrund sehr gut bespielt. Jeder Charakter wurde brillant umgesetzt: 

Jörg Lichtenstein, als der Pastor, der nicht von hier war,

Björn Geske als Tomas der früher einmal Rockmusiker war,

Frank Benz als Christian, sein Bruder und Polizist des Ortes,

Hilmar Eichhorn als Benjamin als gelähmter Parteiarbeiter i.R.,

überaus hervorragend fand ich Endre Holéczy als Isabell, auf der Suche nach Liebe,

Anja Pahl spielte Tomas Frau, Betty,

Marie Bretschneider ihre Tochter und

Thomas Just Herrn Brosowski.

Die Story, nun ja, die Story fand ich ja schon ein bisschen aus der Luft gegriffen. Das roch doch sehr nach Lindenstraßenromantik: "Alle Probleme die man irgendwo finden kann in einer Straße, oder eben in einem Dorf." 

Vielleicht hat da Fritz Kater doch ein bisschen übertrieben.

"Scheintot ist alles Wünschen, alles Hoffen;..."*

Kann es wirklich sein, daß nach der Wende in diesem Dorf im schönen Mansfelder Land nur noch scheintote, im Leben versackte Gestalten hoffnungslos vor sich hinvegetierten? Ja klar war es damals ein sehr großer Einschnitt in das Leben der Beteiligten. Die Wirtschaft ging vollkommen den Bach hinunter und die Arbeitslosigkeit den Berg hinauf, aber war es im ehemaligen Osten nicht überall so? Über Mannsfeld kann ich nicht viel sagen, aber über die Chemieregion um Halle/ Leuna/ Bitterfeld herum schon und da bin ich der Meinung, daß es zwar nicht jeden gut geht, aber daß es auch nicht so düster ist, daß sämtliche Existenzen nur noch vor sich hin vegetieren und über das hoffnungslose Leben jammern. Ich fand es ein bisschen traurig, daß es in diesem Stück aber auch nicht den geringsten Hoffnungsschimmer gab, geschweige denn, daß auch nur einer der Charaktere nicht in irgendeinem Sumpf steckte. Selbst Janica, die Tochter des alternden Rockmusikers, die den Versuch wagte diesem trostlosen Leben zu entfliehen, gab Fritz Kater keine Chance. Im Gegenteil, er ließ diesen Versuch noch ins Unermessliche eskalieren. 

Nein, ich glaube dieser Schluss war zwar brillant gespielt, was mich sehr zu Tränen rührte, aber sah mehr danach aus, als sollte es endlich nur irgendeinen Schluss geben, ob nun unglaubwürdig oder nicht.

"....- der Brennstoff ist verzehrt,

Und kalt und dunkel ward es auf dem Herd."*

 

Sehr gut an der ganzen Geschichte gefiel mir, dass es eine Geschichte aus dieser Region und aus dieser Zeit war. Als "alter" Ossi konnte man sich hervorragend damit identifizieren und die Handlung wunderbar nachverfolgen. Als Wessi oder als nach der Wende Geborener wäre ich mir nicht so sicher, ob ich den Sinn wirklich verstehen würde. Also unterm Strich ein Stück für Insider und somit auch für Insider sehr empfehlens- und für Outsider vielleicht einen Versuch wert. Im Großen und Ganzen kann ich nur sagen, es hat mir gefallen, trotz vorangegangener Skepsis. Und ich bin immer wieder überrascht, wie falsch man doch liegen kann, wenn man sich nur nach Titel und eigenem Gefühl richtet.

 

.... so und nun für Euch, diesmal nicht aus dem Zusammenhang gerissen und für meine Zeilen Sinnverkehrt benutzt, das vollständige Gedicht von Nikolaus Lenau zu "Don Juan":

 

"Den Zauberkreis, den unermesslich weiten,

Von vielfach reizend schönen Weiblichkeiten

Möcht' ich durchziehn im Strome des Genusses,

Am Mund der Letzten sterben eines Kusses.

O Freund, durch alle Räume möcht' ich fliegen,

Wo eine Schönheit blüht, hinknien vor jede

Und, wär's auch nur für Augenblicke, siegen.

 

Ich fliehe Überdruss und Lustermattung,

Erhalte frisch im Dienste mich des Schönen,

Die einzle kränkend schwärm' ich für die Gattung.

Der Odem einer Frau, heut Frühlingsduft,

Drückt morgen mich vielleicht wie Kerkerluft.

Wenn wechselnd ich mit meiner Liebe wandle

Im weiten Kreis der schönen Fraun,

Ist meine Lieb' an jeder eine andre;

Nicht aus Ruinen will ich Tempel bauen.

 

Ja! Leidenschaft ist immer nur die neue;

Sie lässt sich nicht von der zu jener bringen,

Sie kann nur sterben hier, dort neu entspringen,

Und kennt sie sich, so weiß sie nichts von Reue.

Wie jede Schönheit einzig in der Welt,

So ist es auch die Lieb' der sie gefällt.

Hinaus und fort nach immer neuen Siegen,

So lang der Jugend Feuerpulse fliegen!

 

Es war ein schöner Sturm, der mich getrieben,

Er hat vertobt und Stille ist geblieben.

Scheintot ist alles Wünschen, alles Hoffen;

Vielleicht ein Blitz aus Höh'n, die ich verachtet,

Hat tödlich meine Liebeskraft getroffen,

Und plötzlich war die Welt mir wüst, umnachtet;

Vielleicht auch nicht; - der Brennstoff ist verzehrt,

Und kalt und dunkel ward es auf dem Herd."*

Soviel zur Vorlage Richard Strauss' zu seinem wunderbaren "Don Juan". Naja gut, klingt textlich, wie auch musikalisch irgendwie nach einem traurigen Ende für Don Juan. Was ich nicht wirklich verstehe, denn wenn ich mir da so die Lebensgeschichte des Giacomo Casanova und seine einführenden Worte dazu vor Augen führe, empfand ich sein Leben oder sein Fazit darüber überhaupt nicht als traurig und schon gar nicht als reumütig. Für mich klang das mehr nach Zufriedenheit über das gelebte Leben Riccardo Chailly - Gewandhaus Leipzig und über das Ausgeschöpfthaben der nicht verpassten Gelegenheiten. Aber vielleicht ist ja Don Juan nicht in jedem Punkt mit Giacomo Casanova gleichzusetzen. Oder gar mit Mozarts Don Giovanni, der ihn zwar gesellschaftsbestimmender Weise in die Hölle fahren ließ, aber immer noch mit einem Lächeln auf den Lippen ;-)

Aber gut, Richard Strauss gefiel wohl der Text und somit nahm er ihn heran für seine Tondichtung über den berühmten Weiberhelden und Gentleman Halunken, und Riccardo Chailly mit seinem Gewandhausorchester nahm die Straußche Tondichtung in sein diesmaliges Großes Konzert auf, zur Freude meinerseits und sicherlich auch der um mich herum sitzenden restlichen Zuhörer im ausverkauftem Gewandhaus Leipzig.

 

Diesmal zog mich diese, meine heiß geliebte, wunderbare Straußsche Tonwelt kurzfristig zum Konzert in das Leipziger Gewandhaus. Diese heiß geliebte Straußsche Tonwelt überspannte diesmal nicht nur die Don Juan Saga, sondern auch das bekannte Leben eines Helden im vollen Orchesterumfang. Zwischendrin gab es eine kleine Unterbrechung dieser beiden Grandiositäten durch ein hübsches Klavierkonzert (Yundi Li) von Franz Liszt, dem Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1. 

Da ich nun kein begeisterter Liszt Fan bin, genoss ich zwar die hervorragenden 20 Minuten trotzdem, aber wartete sehnsuchtsvoll auf das für mich größte Highlight dieses Abends, auf das Heldenleben.

Nach den Metamorphosen und der Alpensinfonie, ist diese Straußsche Tondichtung eine der schönsten Straußwerke, die ich kenne. Die Idee eines Heldenlebens ist so perfekt umgesetzt und brillant nachvollziehbar, daß ich jedes Mal aufs Neue mit glühenden Wangen und voller Spannung das Geschehen verfolge. Schon die ersten Töne, die den Helden vorstellen, passen auch hervorragend in meine Vorstellung eines Helden und Riccardo Chailly hat meine Vorstellungen zum Werdegang, Liebesleben und Aufstieg dieses Helden mit seinem Taktstock sehr gut unterstützt.

Einfach brillant! Mehr kann man dazu eigentlich nicht sagen. Es ist nicht zu glauben, mit was für einer Perfektion und Vollendung Strauß solch ein gigantisches Meisterwerk komponierte. Ähnlich wie in der Alpensinfonie, kann man auch hier jeden Schritt des Helden logisch und verständlich nachvollziehen. Die Musik passt bis ins klitzekleinste Detail. Man braucht sich nur zurückzulegen, die Augen zu schließen und sich die betreffenden Bilder zu den Tönen vorzustellen und es entsteht eine ganze Geschichte im Kopf, ein Film zur eigenen Vorstellung. Das schafft nicht jede Musik, das ist beeindruckende Zauberei.

Richard Strauß (1864-1949) ist nicht nur ein bedeutender Komponist, es ist auch interessant zu wissen, daß er die Gründung der Salzburger Festspiele unterstützte, die 1920 zum ersten Mal mit Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" realisiert wurden.** Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" ist übrigens eines der empfehlenswertesten Stücke, die ich kenne. Besonders die Abwandlung der Hamburger in ihrer Speicherstadt ist ein unbedingtes Muss für jeden Theaterliebhaber.

Des Weiteren haben wir Herrn Strauß' Initiative wohl auch die GEMA zu verdanken, die 1903 aufgrund seines begründeten Einsatzes gegründet wurde.** Herr Strauß ist also nicht nur musikalisch ein interessanter Mann und ich meine es ist überaus lohnenswert sich sein Leben mal etwas näher anzuschauen. Ich verspreche Euch, daß ich mir entsprechende Literatur besorgen werde und Ihr das nächste Mal etwas mehr über ihn in meinen Berichten zu lesen bekommt.

 

Eines der schönsten Teile des Heldenlebens ist des Helden erotisches Liebesleben mit solch einer phantastischen Frau. Diese wurde hervorragend durch Frank-Michael Erben mit seiner Solo-Violine vertreten. Oh, das klang so süß und verführerisch. Da kann selbst ein Held nicht widerstehen und ich wette, bei dieser Musik versinke Mann in den schönsten Träumen.

Im Programmheft*** des Gewandhauses ist Strauß' alles sagende und überdeutliche Spielanweisung zu diesem Thema kurz abgedruckt: "heuchlerisch", "schmachtend", "leichtfertig", "etwas sentimental", "sehr scharf", "spielend", "liebenswürdig", "lustig", "plötzlich wieder ruhig und sehr gefühlvoll", "drängend und immer heftiger", "zornig", "keifend", "zart und liebevoll".......  Also da fühlt man sich als Frau doch richtig geehrt. Wie kann Mann besser eine Frau beschreiben. Dieser Richard Strauß avanciert gerade zu einen meiner Lieblinge. Wer so hervorragend eine Frau beschreiben kann, verdient es einfach Liebling zu sein.

 

Letztendlich sagt Renate Herklotz im Programm des Gewandhauses, dass Strauß sich und sein Leben mit diesem Werk im Grunde selbst beschreibt und nicht zuletzt lässt er im 10. und 11. Satz alle seine Werke, sozusagen sein Leben, noch einmal melodisch Revue passieren bevor er beschließt "dem Kampf zu entsagen und sich in seine innere Welt zurückzuziehen"****.

Naja gut, bescheiden war er wohl nicht.

"Ich sehe nicht ein, warum ich keine Sinfonie auf mich selbst machen sollte. Ich finde mich ebenso interessant wie Napoleon und Alexander."*****

 

 

 

Eure Jana

 

 

 

 

 

*aus "Don Juan", Nikolaus Lenau; Programm des Gewandhauses Grosses Konzert 8./9. Februar 2007; Seite 6

** aus Wikipedia "Richard Strauß"

*** aus dem Programmheft des Gewandhauses Konzert 8./9. Februar 2007; S. 14; Renate Herklotz

**** aus dem Programmheft des Gewandhauses Konzert 8./9. Februar 2007; S. 16; Renate Herklotz

***** aus dem Programmheft des Gewandhauses Konzert 8./9. Februar 2007; S. 13; Renate Herklotz