Doch alle Lust will Ewigkeit!

 

Oh ja, die Lust will Ewigkeit - meine Lust will Ewigkeit! Will nie enden!

Dazu gehört auch die Lust dieser wunderbaren Musik zu lauschen. Diesmal die wunderbare Musik von Gustav Mahlers 3. Sinfonie. Eine wahre Herausforderung für die Anhaltische Philharmonie Dessau und ihren GMD Golo Berg.

Ich fand es eine klasse Idee, daß sich Golo Berg an so ein Mamutwerk heranwagte. Fast zwei Stunden ohne Pause Mahlers unendliches Universum.

 

O Mensch! Gib acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

Ich schlief!

Aus tiefem Traum bin ich

erwacht!

Die Welt ist tief!

Und tiefer als der Tag gedacht!

O Mensch!

Tief ist ihr Weh!

Lust tiefer noch als Herzensleid!

Weh spricht: Vergeh!

Doch alle Lust will Ewigkeit!

Will tiefe, tiefe Ewigkeit.*

 

Wieder in Dessau und diesmal sogar in einem sehr gut gefüllten Haus. Mahler scheint sehr beliebt zu sein. So gut besucht hatte ich das Anhaltische Theater selten gesehen. Ich bekam noch nicht mal einen Platz in meiner Lieblingsreihe und mußte mit meinen Freunden nach Reihe 6 ausweichen, welcher letztendlich auch sehr gut war, aber eben mit 22 EUR etwas teurer.

Diesmal leider auch keine Konzerteinführung mit Golo Berg - Mahler scheint schwierig zu sein, da er sich vor dem Konzert noch ein bißchen sammeln Anhaltisches Theater Dessau im Oktober 2005 wollte. 

Ronald Müller mußte somit allein die Stellung halten vor ziemlich großem Publikum (sie mußten noch Stühle dazustellen). Dafür war er sehr gut in Form und berichtete interessant über Mahler und seine 3. Sinfonie.

 

Als Mahler seine 3. Sinfonie 1896 beendete war er genauso alt, wie ich jetzt - na das passt ja wieder wunderbar.... und er hatte sogar einen ähnlichen Geschmack wie ich ;-) Zumindest mit dem 1. Satz, denn der 33 minütige Mamutsatz gefällt mir am besten. Schon der Anfang ist eine berauschende Glanzleistung - leider fand ich Golo Bergs Interpretation des Anfanges ein bißchen zu sanft und hatte schon Sorge, daß das so ruhig weitergehen würde. Aber ich brauchte mich nicht sorgen, denn schon ein paar Takte später interpretierte er wieder vollkommen nach meinem Geschmack und der Rest des 1. Satzes war so schön, daß meiner Nachbarin sogar die Tränen kamen vor Rührung ;-) Mir kamen diesmal nicht die Tränen, aber ich war gefesselt von Begeisterung - Mahler ist einfach ein wunderbares Genie und ich war sehr zufrieden mit der Entscheidung, mir Mahler im Anhaltischen Theater Dessau anzuhören.

Mahler bezeichnet seine dritte Sinfonie mit "Ein SomGustav Mahler (1860-1911) - Quelle: Programm des Anhaltischen Theaters Dessau    - gm.jpgmermittagstraum" und schreibt zu seinem ersten Satz, Pan erwacht und der Sommer marschiert ein. Warum erinnert mich das irgendwie an Shakespeares "Sommernachtstraum"?

.... Pan erwacht.... was mir die Blumen auf den Wiesen erzählen.... was mir die Tiere im Walde erzählen... was mir der Mensch erzählt... was mir die Engel erzählen.... und was mir die Liebe erzählt....

ja, so schön hat Mahler seine Sinfonie umschrieben.... und er sagt weiter: "Meine Sinfonie wird etwas sein, was die Welt noch nicht gehört hat! Die ganze Natur bekommt darin eine Stimme und erzählt so tief Geheimes, das man vielleicht im Traume ahnt!"** So etwas Schönes schrieb Mahler in einen Brief an Anna von Mildenburg - oh was kann sie für wunderbare Briefe bekommen. Da kann Frau ja richtig neidisch werden. Kaum zu glauben, daß Mann so romantisch sein kann. Das alles klingt für mich so wunderschön nach Liebe. Wie dumm muß Mann sein und sich so eine schöne Beziehung versauen? Sie liebt ihn und der Idiot macht einen Rückzieher.

Aber vielleicht kannte er ja auch den Spruch: "Die Liebe, die Liebe - Feuer und Flamme für ein Jahr - Asche für 30."*** Aber so ein schönes Jahr Liebe, Liebe, Liebe wäre doch auch mal herrlich, oder? ... die Liebe dreht in meinem Kopf - immer noch - und will einfach nicht verschwinden - immer noch nicht. Wie soll das nur weitergehen? So viele Wünsche, aber keine Erwartungen - hmmm - Wünsche eben...

Irgendwie verstehe ich Anna - übrigens war sie 12 Jahre jünger als Mahler - habe ich mal irgendwo gelesen.... und irgendwie schwirrte mir beim 1. Satz immer nur ein Gedanke im Kopf herum. "Doch alle Lust will Ewigkeit! Will tiefe, tiefe Ewigkeit." Was ist die Liebe nur für ein komisches Ding. Kommt und geht, wann sie will. Das ist doch nicht in Ordnung so, oder? 

Naja und die Liebe ist ja noch ein ganz braves Wesen, sie ist nett und schmust und kuschelt sich an. Die Lust ist viel schlimmer! Die fordert nämlich, die verlangt, die will unbedingt haben, jetzt sofort und auf der Stelle! Die duldet keinen Rückzieher, die will mehr und immer mehr und nimmermehr ein Ende. Sie will die Nächte und Glühen und Glut und verrücktes, unaufhaltsames wildes Treiben - ich liebe die Lust. Sie ist eine herrliche Erfindung! Die Liebe verwirrt mich. Sie geht viel zu tief. Das ist schlecht, das bringt Leben durcheinander und macht ganz wirr im Kopf - sie ist hinterlistig. Schleicht sich still und heimlich von hinten an und ehe Frau sich versieht hat sie sie schon erwischt, beißt sich fest und läßt nicht mehr los. Die Lust ist da einfacher. Die kommt und geht, einfach so und hinterlässt nicht so tiefe Gräben in der Seele. Das ist vernünftiger... wahrscheinlich sollte man sich die Liebe besser vom Hals halten - bloß wie nur?

... und somit hätten wir jetzt den Bogen und wären wieder bei Mahler angekommen. Denn der hielt sich die Liebe auch weitestgehend vom Hals.

Der erste Satz vorbei und dann nur noch sanfte Musik. Wunderschön, aber nicht zu vergleichen mit Mahler 5. Sinfonie und aufwärts. 

Der zweite Satz tänzelt wie die Schmetterlinge auf der oben erwähnten Wiese der Blumen. Hübsche, nette Melodie - Frau könnte sich hier einen roGolo Berg (*1968)   - gb.jpgmantischen Liebesfilm vorstellen. Alles ist in Ordnung und das Leben ist schön. Die Sommerwiese blüht in voller Pracht, blaue Kornblumen, roter Mohn und allerhand verschiedener Gräser, hier und da sogar ein paar Getreidehalme dazwischen. Die Blumen reichen bis über die Knie und man möchte sich darin verstecken und im Duft des Sommers ertrinken. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen blauen Himmel und alles ist hübsch um einen herum. Nein, man wird sich nicht hier in den Gräsern verlieren, man möchte viel lieber tanzen und springen, einfach in den Sommer hinein...

Dann bekannte Melodien im dritten Satz, ein sommerlich durchfluteter Wald. Sonnenstrahlen dringen durch das Dickicht der Bäume und alles ist hell, kaum ein schattiges Plätzchen, auch nicht im Wald. Ein paar Rehe in der Ferne, gemütlich grasend und sorglos. Sie schauen kurz auf, lassen sich aber nicht stören und fressen ruhig weiter. Man möchte sich am Wegesrand auf einen großen Stein setzen, aber will gar nicht wirklich verweilen. Lieber pfeifend weiterwandern, durch die wunderschöne Natur bei diesem herrlichen Wetter. Dann bleibt man stehen, von Weitem erklingt ein Horn, die Melodie legt sich wie ein Zauber über den Wald. -- Das war atemberaubend, wie Golo Berg und die Anhaltische Philharmonie das so hübsch rüber brachten - wunderschön :-) Das war sehr gut gelungen, lieber Herr Berg! --

Nach kurzem Verweilen ein paar Schritte, dann noch einmal stehen bleiben und lauschen - wunderschön - eine Fanfare und wild geht es weiter. Schneller und immer schneller, hinunter den Berg bis zum kleinen Bach, drüber hinweg und weiter.... und wieder von Weitem das Horn... was für eine wunderschöne Melodie... und dann steht man vor einem breiten, tosenden Bach, der in einem Wasserfall mündet und den Berg hinunterdonnert - wow! Was für ein Anblick.

Alexandra Petersamer (Quelle: Programm des Anhaltischen Theaters Dessau)    - ap.jpgDann Stille und der vierte Satz: "O Mensch! Gib acht!..." Alexandra Petersamer sang Friedrich Nietzsches poetische Zeilen. Sie hat eine tolle Stimme, nur ihre Betonung des Wortes "Mensch" war meiner Meinung nach ein bißchen zu aufdringlich. Zuviel gezischt beim "sch" fand ich. Das war für mich zu dominierend.

 

Was für eine Ruhe und so wunderschöne Violineneinsätze. Dieser Satz ist ein Meisterwerk Mahlers. Ich traute mich gar nicht zu atmen um nicht etwas zu verpassen - beeindruckend!

Erst das "Bim-Bam!" des Kinderchores erweckte mich wieder aus der Starre. Hübsch melodisch und manchmal sogar ein wenig bedrohendes Singen der Engel. .... bim-bam-bim..... und alles bleibt offen.... und wieder sind wir bei der Liebe. Sanft kommt sie auf Katzenpfötchen, lieblich - lächelnd, hübsche Melodie. Still und still und leise und leise.... sanfte Violinen, leise Töne.... tap, tap, tap.... die ersten Schrittchen ins Herz hinein. Erwärmend und wohltuend, wunderschönes Gefühl. Und dann wieder diese tollen Violineneinsätze - nicht mehr auf Samtpfötchen, jetzt tritt sie schon derber auf. Hier bin ich! Ignorier mich nicht! Ich laß mich nicht unter den Tisch schieben! Nein, Du wirst mich nicht so einfach wieder los! Ich bin jetzt da und ich bleibe! Hörst Du meine Melodie? Ist sie nicht wunderschön? - verführerisch? Komm, laß Dich fallen und folge mir! Denk nicht drüber nach! Vergieß einfach Deine Vernunft! Spring hinein in den tosenden Wasserfall! Vertrau mir ..... laß Dich einfach unterspülen und wieder hinauf. Du brauchst keine Luft zum Atmen hier unten, hier ist die Liebe. Die Ersetzt die Luft. Nein, Luft wirst Du hier nicht brauchen. Laß Dich fallen.... Genieße den Augenblick! Noch mal und noch mal und noch mal.......

.... aber mach mich nicht dafür verantwortlich, wenn Du untergehst!

 

Ein wunderschöner 6. Satz und leider der Letzte dieses fast zweistündigen Mahler Marathons. Und wie es aussah, wollte Gustav Mahler diesen wohl auch nicht so einfach enden lassen, daß er noch 4 Anläufe brauchte - kann ich voll verstehen. Das war wirklich ein Meisterwerk! Da möchte man einfach, daß es nie enden wird. Aber was für mich Bedauern war, war für Dirigent und Musiker wohl eher Erleichterung. Golo Berg kam diesmal ziemlich ins Schwitzen und die Bläser waren beim letzten Satz auch ganz schön außer Atem. Aber es war herrlich! Eine sehr gute Idee diese Sinfonie nach so langer Zeit mal wieder zu spielen. Da hat die Anhaltische Philharmonie ganz schön was geleistet. Meine Hochachtung! Und vielen Dank dafür!

 

Eure Jana

 

 

 

 

 

*aus "Also sprach Zarathustra"/ "Das andere Tanzlied" - Friedrich Nietzsche (aus dem Programm des Anhaltischen Theaters Dessau - Ronald Müller)

** Mahler in einem Brief an Anna von Mildenburg (aus dem Programm des Anhaltischen Theaters Dessau - Ronald Müller)

*** Habe ich letztens bei Elke Heidenreich gehört, kann mich aber leider nicht mehr erinnern, wer das gesagt hat.