Oh, show us the way to the next whisky-bar
Ja, ein bißchen
besoffen war ich nach der Premiere der Weill Oper "Aufstieg und Fall der Stadt
Mahagonny" als Auftakt des diesjährigen Kurt Weill Festes in Dessau auch.
NEIN! Um Gottes Willen kein Alkohol. Ich mußte ja schließlich noch bis nach
Halle zurück fahren. Viel mehr ein bißchen Wirr von Helmut
Polixas Inszenierung.
Ich kam nicht mit, konnte irgendwie dem Geschehen nicht so wirklich folgen - oh
nein, die Musik war selbstverständlich spitze und die Texte auch sehr gut. Mir fehlte einfach
nur der rote Faden bei der ganzen Geschichte und ich schäme mich
in Grund und Boden, daß ich mir das Stück nicht vorher durchgelesen habe, wo ich
doch hier in meinem Bücherregal schon mal Bertholt Brechts gesammelte Werke
stehen habe. Ich schäme mich zutiefst Kurt Weills Oper über den Aufstieg und
Fall dieser berühmten Stadt nicht gekannt zu haben. Und somit ist es
selbstverständlich meine Schuld, daß ich diesmal etwas dumm dastand (oder besser
saß) und den Sinn der Sonnenschirme nicht verstand, die mich irgendwie an ein
Ruhestandsheim für Rentner erinnerten.
Um in meine verzwickte Lage jetzt doch ein bißchen Klarheit zu bringen, habe ich mir meinen Brecht Wälzer aus dem Regal geholt und werde der undurchdringlichen Sache etwas näher auf den Grund gehen:

Golo Berg schmetterte die ersten Weill - Töne und Ouvertüre hervorragend in den Saal und ich fand das schon mal eine wunderbare Musik und freute mich auf das, was noch kommen würde. Der Vorhang liftete sich und wir durften der geschichtsträchtigen Gründung der Stadt Mahagonny beiwohnen, welche mich by the way irgendwie an Las Vegas erinnerte.
Drei Ganoven beschließen in der Wüste eine Stadt zu gründen - hmmm - ich sollte wirklich mal nachlesen, wie Las Vegas eigentlich entstand - ein grüner Ganove, ein Blauer und eine Rote. Gut, daß erleichtert die Sache natürlich ungemein, die drei im weiteren Verlauf immer wieder zu erkennen und auseinander halten zu können.
Es stellte sich nach einer etwas längeren Standort- und Strategiediskussion heraus, daß der blaue Ganove Dreieinigkeitsmoses war - ich hätte fast Ulf Paulsen nicht wieder erkannt - der grüne Ganove Fatty, der Prokurist (Marian Albert) und die Dame in Rot, Leokadja Begbick (Waltraud Hoffmann-Mucher).
Diese drei auf
einer leeren Bühne bzw. in einer Einöde
gestrandet und weder vor noch zurück kamen, beschlossen dann eben eine
Stadt zu gründen. Dies in der weisen Voraussicht, daß die Holzfäller und
Goldsucher der umliegenden Gegend, ja irgendwo ihr Geld loswerden müssen und was
würde sich da also
besser anbieten, als eine Stadt des Vergnügens in ihrer Nähe
zu errichten um dies tun zu können (nein, sie haben sie nicht Las Vegas genannt
- passt Ihr nicht auf? Das hatte ich oben schon erwähnt!).
Diesen Teil fand ich klasse vom Anhaltischen Theater Dessau dargestellt. Die Idee mit dem Autoreifen hat mir gefallen und ich konnte auch noch wunderbar folgen. Brechts Idee mit dem Auto hätte mir noch besser gefallen, aber das ist Geschmackssache und ich habe manchmal einen etwas fantasielosen, altmodischen Geschmack.
Und jetzt bin ich hier nur mit meinem Buch etwas wirr, weil meine Herren im Buch alle etwas andere Namen haben, als die Herren im Stück. Ok, aber da sie farblich gekennzeichnet sind, kann ich mir das so merken: Blau = Dreieinigkeitsmoses, Grün = Willy, der Prokurist = Fatty mit selben Beinamen und Rot (das ist einfach!) bleibt so :-)
Bei den später auftauchenden Holzfällern wird das schwerer.
Die beiden Herren
wissen nicht, was sie tun sollen und somit nimmt die Frau die Zügel in die Hand
- wie immer - kurze Erklärung der Lage: "Ihr bekommt leichter das Gold von den
Männern als von den Flüssen! Darum laßt uns hier eine Stadt gründen und sie
nennen Mahagonny."... "Und eine Woche ist hier: sieben Tage ohne Arbeit." Nur
Vergnügen und Spaß für Geld - hisst die Fahne oder hier die Gummipalme, stellt
einen Bartisch auf oder naja gut, ein Sonnenstuhl tut's vielleicht auch und
lockt damit die Leute mit Geld, damit sie es als schnell als möglich ausgeben
werden.
Die ersten Mädchen tauchen auf und singen ihren berühmten Alabama-Song, den sogar ich schon kannte, zusammen mit Jenny (Stefanie Wüst).
Wirklich klasse, wie Brecht das Milieu durch seine Charaktere mit nur so ein paar Zeilen auf den Punkt bringt, einfach genial! Im Buch weiß man sofort um was es geht und im Stück ist man sich noch nicht sicher, ob die Damen das sind, was man dem Songtext entnehmen konnte oder doch die Heilsarmee.
Dreieinigkeitsmoses
und der Prokurist ziehen in die umliegende
n
Slums der Großstädte und machen
Reklame für ihr Paradies.... und hier glaube ich, habe ich dann auch irgendwie
den Faden verloren, kann mich nur noch an bunt angezogene Männer erinnern, oder
kam das später? Totales Black out, muß da wohl geträumt haben - nein, so kann
das ja nichts mit mir werden. Da verabschiedete sich diese, meine freche
Aufmerksamkeit und suchte sich andere Bezugspunkte - tja, das Orchester ist
nicht zu sehen, aber was macht denn so der Dirigent - hmmm - Uli hatte das
hinterher so gesagt "rechter Arm hoch, linker Arm hoch, zweimal rechts und links
und .... viel mehr war von hier hinten nicht zu sehen" - sie sagte auch, ich
solle das hier nicht schreiben - ok, also dann seht
es jetzt mal als hier
nicht geschrieben an.
-- Ah, ich weiß jetzt, warum ich in der Szene abgeschalten habe, bei Reklame schalte ich immer ab. So ist mein Hirn eben programmiert. Ist schon sehr interessant, wie der alte Brecht Text so schön auf unsere heutige Zeit passt.
Sie hatten meine Aufmerksamkeit sofort wieder, als die vier Holzfäller die Bühne betraten. Pieter Roux spielte und sang wie immer brillant. Der passte schon in Schillers Räuber hervorragend hinein und hier zog er sofort wieder meine Aufmerksamkeit vom charmanten Dirigenten (Prof. Dr. Karl-Heinz Paqués Einschätzung!) zur beschirmten Bühne zurück. Oder war sie da noch gar nicht beschirmt? Es ist diesmal wirklich verrückt, ich kann mich einfach nicht erinnern, wann sie die Schirme aufstellten. In meinem Kopf fehlt der Match dieser Szene zum Bühnenbild komplett. Ich sehe Pieter Roux als Jim Mahoney/ Paul Ackermann in seinem Fellchen genau vor mir und die Arme des charmanten Dirigenten, aber das Bühnenbild ist komplett weg - charmanter Dirigent, brillanter Mahoney, hervorragende Musik, kein Bühnenbild - ok, ich sollte wohl besser für heute Abend hier aufhören und ins Bett gehen. Ist ja auch schon fast Mitternacht. Vielleicht kommt das Bühnenbild morgen wieder. - charmanter Dirigent, brillanter Mahoney, hervorragende Musik und immer noch kein Bühnenbild ... vielleicht sollte ich Uli mal anrufen. Die hat das Bühnenbild sicherlich noch im Kopf, aber schläft jetzt bestimmt schon ...... hervorragende Musik, brillanter Mahoney, chhhhhhhhhhhharmanter Dirigent..... Gute Nacht!
.....
Ok, ich habe eine
Nacht darüber geschlafen und beschlossen das Bühnenbild zu überspringen und mit
den "Krisen der großen Unternehmungen" weiterzumachen. Da kamen jetzt auf
alle Fälle die Schirme, die nach und nach zugespannt wurden, als die Männer die
Stadt wieder verließen und damit die Begbick mit ihrem
hübschen roten Kleid ganz
verzweifelt machen. - Also das muß Frau hier mal feststellen, ihre Kleider waren
wirklich erstklassig. Ich liebe funkelndes Rot! Damit überschattete sie dann
auch den Rest des bunten Wirrwarrs. Selbst Stefanie Wüst, die Jenny, hat man
kaum zwischen den Anderen wieder gefunden. Ich habe mir das dann ganz einfach
gemerkt: Schön schlank mit Tasche um den Bauch.
Die Krise also: Die
Stadt ist langweilig geworden "Mit dem Unrecht geht es eben doch nicht. Und
wer es mit dem Laster Treibt, der wird nicht alt!" - Erinnert mich schon
wieder an Las Vegas. Wir waren drei Tage in diesem Disneyland für Erwachsene und
am ersten Tag war alles sehr interessant, die wunderschönen Hotels mit ihren
glitzernden Foyers und Spielautomaten. Jedes Hotel ein anderes Thema sich selbst
übertreffend. Wir spielten mit einarmigen Banditen. 5 Cent rein, 5 Cent wieder
raus, wieder 5 Cent rein, dann noch mal und noch mal, dann wieder ein paar Cent
raus und wieder rein und wieder raus und rein und raus...... Wir übernachteten
in der märchenhaften Pyramide und am zweiten Tag das se
lbe. Die Mädels spielten
stundenlang am 5 Cent Automaten und ich flüchtete schon zum Bellagio und
vertrieb mit die Zeit mit der Wasserorgel. Nachts sieht sie am Schönsten aus -
oh wie herrlich, da hätte ich es wohl noch einen Tag und eine Nacht ausgehalten,
aber am dritten Tag zog es uns dann doch Gott sei Dank weiter. So Geld umsetzten
ist zwar mal ganz nett, aber hat eben keine wirkliche Substanz. Aber gut, ich
bin auch kein Spieler, würde wahrscheinlich am Spieltisch einschlafen -
schnarch....
Also klar, das
Animationsmanagement in Mahagonny mußte sich wohl etwas Besseres einfallen
lassen, als nur Sonnenschirme mit Sonnenstühlen, wenn sie ihre Touristen halten
wollten. Eigentlich hätten sie so etwas voraussehen müssen, wo es doch so ein
hervorragendes Beispiel dazu mit Mallorca etc. gibt. Vielleicht hätten sie sich
ja Herren Drews ausborgen können und der hätte mit Discomarathon, Ballermann und
eimerweise Sankria den tiefen Fall noch aufhalten können - nein, den hätte er
nicht aufhalten können, sie waren ja schon tief gefallen - aber vielleicht den
Fall
der Stadt in die Langeweile. Nein, was schreibe ich hier eigentlich. DAS
ist ja die Langeweile. Da müssen also unbedingt Animateure her. Wie wäre es also
mit einem All-inclusive-Urlaub? Hotelbunker mit Strand 50 m weg und mit Pool,
damit man nicht zum Strand laufen muß und eben den Animateuren, damit man sich
nicht selbst beschäftigen muß und noch wichtiger das reichhaltige Buffet von
morgens bis abends, dann braucht man zum Saufen und Essen den Bunker auch nicht
zu verlassen.
Ahhh, vielleicht wollte uns Helmut Polixa das damit sagen, vielleicht war das ja der Hintergrund zu dieser merkwürdigen Inszenierung - uhhh, dann war er aber wirklich ganz schön böse, zeigt uns Clowns in langweiligen Liegestühlen als Spiegelbild unserer wohlverdienten, mit Liebe geplanten Urlaube. -- Da hat er recht, ich mag auch lieber die Berge und schöne lange Wanderungen durch die Natur zum Gipfel in die Freiheit.
So also wollte er uns die zu ruhige Ruhe und Langeweile rüberbringen. Stimmt, das war langweilig, nur hat das keiner verstanden, weil keiner das Stück so gut kannte - wir hätten wirklich vorher unsere Hausaufgaben machen und es lesen sollen.
Also unserem Jim
Mahoney haben die langweiligen Liegestühle nun auch nicht mehr gefallen, der
Whiskey war zu billig, die Ruhe zu ruhig und Angeln macht auch nicht glücklich
und außerdem hat er ein Verbotsschild gesehen. "Etwas Schlechteres gab es
nicht und etwas Dümmeres fiel uns nicht ein, als
hierherzukommen." Und schon
gab es Krawall, wegen der Verbotsschilder von Witwe Begbick und wegen der zu
vielen Ruhe und der Eintracht.
Dann wird es dunkel und ein Hurrikan steuert auf die eigentlich hurrikanfreie Stadt zu - auf der Bühne wurde es auch dunkler und in diesen dunklen Zeiten beschlossen die Einwohner von Mahagonny alles zu dürfen, weil die Menschen es denn so haben wollen:
"Siehst Du, so ist die Welt:
Ruhe und Eintracht, das gibt es nicht
Aber Hurrikane, die gibt es
Und Taifune, wo sie nicht auslangen
Und gerade so ist der Mensch:
Er muß zerstören, was da ist.
Wozu braucht's da einen Hurrikan?
Was ist der Taifun an Schrecken
Gegen den Menschen, wenn er seinen Spaß will?
...
Wozu Türme bauen wie der Himalaja
Wenn man sie nicht umwerfen kann
Damit es ein Gelächter gibt?
Was eben ist, das muß krumm werden
Und was hoch ragt, das muß in den Staub.
Wir brauchen keinen Hurrikan
Wir brauchen keinen Taifun
Denn was er an Schrecken tun kann
Das können wir selber tun."
Tja und da hat sich der Hurrikan in anbetracht dieser Zeilen wohl gedacht, da spare ich mir die Arbeit, das können die wirklich selber tun und zog einen Bogen um die Stadt.
Also jetzt aber weg mit den lästigen Gesetzen und vorwärts mit dem Leitbild "Du darfst".... wenn Du Geld hast.
"Wie ihr es dreht, wie ihr es immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral......
Denn wovon lebt der Mensch?
Indem er stündlich
den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt.
Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich
vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist."
, nein, das ist
kein Mahagonny-Text, das ist aus der Dreigroschenoper, schwirrt mir aber schon
den ganzen Abend im Kopf herum. Sieht so aus, als hätte Herr Brecht nicht sehr
viel von den Menschen gehalten und nun zieht er auch die vollen Register. Zweite
Hälfte nach de
r Pause, der Fall der Stadt Mahagonny, Fressen, Lieben, Boxen,
Saufen.... Erst kommt das "Fressen" auf die Bühne mit einem Plüschkalb
und einem Holzfäller, der sich tot frisst. Eine merkwürdige Inszenierung, aber
der Sinn ist verstanden und ich hatte auch meinen roten Faden wieder.
Keinen der Männer von Mahagonny schert's und wir beschlossen, da unser Magen schon knurrte, nach der Vorstellung uns im Steigenberger den Bauch voll zu schlagen - allerdings denke ich, daß man bei den übersichtlichen Portionen sicherlich nicht platzen wird.
Dann kommt die "Liebe". Bei Uli und mir sah es, der Mangel an Männern wegen, an diesem Abend schlecht aus mit der Liebe, aber in Mahagonny ging es schon wie am Fließband "Jungs macht rasch, denn hier geht's um Sekunden." Die Bühne und Inszenierung dazu war nicht schlecht und Jenny und Jim sangen ein Liebeslied. "Und wann werden sie sich trennen? - Bald. - So scheint die Liebe Liebenden ein Halt." Und weiter geht's im Laufschritt in die nächste Szene: "Kämpfen". Hier beginnt das Boxen und das traurige Ende des Jim Mahoney.
Jim wettet beim Boxen auf seinen alten Freund, doch der wird von Dreieinigkeitsmoses totgeschlagen und verliert somit den Kampf. "K.o. ist k.o. Er vertrug nichts Saures." und weg ist Jimmys Geld. Keinen kümmert's, denn Jim spendiert trotzdem eine Runde und sie "Saufen". Leider kommt es dann ans Bezahlen und auch Jennys Liebe zu ihm geht nicht soweit, daß sie ihm etwas von ihrem Geld geben würde. Tja und so gibt es also eine Gerichtsshow (woher wusste Brecht schon damals davon?) und er wird auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet - Ende - Applaus.
Ja, wie im wahren Leben, Wirtschaftsverbrechen werden hier auch höher bestraft als Mord und Kindesmissbrauch.
"Hallo, Leute, da steht ein Mann
Der seine Zeche nicht bezahlen kann,
Frechheit, Unverstand und Laster!
Und das Schlimmste ist: kein Zaster!"
Eure Jana