Genau das war das Stichwort, "weiches, leidendes Weib verkrieche dich!" Was hat Frau davon eines Mannes wegen weich und leidend zu sein? Gar nichts, außer dem Leid vielleicht. Warum dann also nicht stark und berechnend sein um das zu bekommen, was man will? Ich meine, die Männer machen es auch so, warum also soll Frau sich anders geben? Liegt es in ihrer Natur so weich und hilfsbedürftig zu erscheinen? Erscheint sie nur so, oder ist sie so? Manchmal fühlt man sich wirklich weich und leidend und alles um einen herum scheint hart und kalt zu sein und so aussichtslos --- aber dann besinnt man sich eines Besseren und zieht in den Kampf, wie Jeanne d'Arc oder Maria Stuart oder man ergibt sich dem Schicksal, wie Luise Miller. Das aber nicht mit leidendem Herzen und Tränen in den Augen, sondern mit Stärke und Selbstsicherheit.

 

Nein, weich und leidend schien sie nicht wirklich, unsere Luise in der neusten Aufführung des "neuen theaters" Halle trotz der Tränen und des leidgeprägten Gesichtes, welches uns Natascha Mamier so gut zeigen konnte. Das Leid lag dann doch mehr auf der Seite der diesmal hübschen Danne Hoffmann als Lady Milford. "Verkrieche dich jetzt, weiches, leidendes Weib!" und lass mich in Ruhe mit Deinem nörgelnden und sinnlosen Liebesgeplänkel. Das  Liebesgeplänkel macht die Welt nur kurze Zeit rosarot und dann ist sie wieder grau in grau, d.h., die Liebe ist nicht das, was man in den Mittelpunkt stellen sollte, es gibt andere spannende Dinge, die es mehr verdienen geadelt zu werden. Die Liebe ist nicht das, wofür man sterben sollte. Das Herz spielt einen da nur einen dummen Streich und vernebelt den Kopf, so dass man keinen klaren und vernünftigen Gedanken mehr fassen kann. --- hmmmmmm....... allerdings....... ist dieser Nebel im Kopf und die geistige Umnachtung bezüglich klarer Gedanken oder der Rausch dieses unwiderstehlichen Begehrens, das Stillen dieses unbeschreiblich wilden Verlangens ein wahrer Hochgenuss eines leidenschaftlichen Herzens. Vielleicht lohnt es sich ja doch dafür zu sterben. Also eigentlich nicht leiden, sondern fordern und kämpfen, damit diese wilde Leidenschaft ihr Tribut einfordern und ihr überaus wildes Verlangen stillen kann. Das ist also doch das Ziel jeder Existenz - nicht das versacken in trübsinnigen Gedanken, sondern das Fordern und sich nehmen was man braucht! Koste es, was es wolle! Also lass es uns endlich tun, koste es, was es wolle!!!

In der heutigen Zeit kann man das allerdings auch sehr leicht sagen, aber zu der Zeit, als Luise Miller dieses Leid erfahren musste, war es schon sehr viel schwieriger sich über die Gesellschaft hinwegzusetzen, wenn nicht sogar völlig aussichtslos. Somit war es also nicht sehr einfach für Enrico Lübbe das alte Geschehen auf eine neue Bühne zu transferieren. Genau wie bei der "Romeo & Julia" Inszenierung bestand die Schwierigkeit darin glaubwürdig rüber zu kommen. Das was also "Romeo & Julia" nur mit großen Schwierigkeiten und einigermaßen schaffte, meisterte "Kabale und Liebe" mit Bravour. Ein geschichtsträchtiger Hintergrund im neuen kalten alu-blechernen Gewand. Da kann ich nur eins dazu sagen: "Hervorragend, Herr Lübbe!"

Allerdings muss ich ehrlich zugeben, der erste Eindruck des Bühnenbildes war abschreckend für mich und ich dachte mit Sorge, wie ich das Stück ohne Pause überstehen sollte. Ich saß mitten im Publikum und konnte nicht so einfach das Geschehen verlassen und da es keine Pause gab, musste ich das Stück also bis zum letzten Atemzug und Satz ertragen. Ja, ich muss ehrlich zugeben, ich brauchte wirklich eine Weile um mich an dieses blecherne und kalte Ambiente zu gewöhnen. Ich hatte schon beschlossen mit meinen Gedanken zu dem  hervorragenden Konzert des Vortages abzudriften und mich in Erinnerungen dazu schwelgend Schostakowitsch zu widmen, als mich der rosenvernichtende Wutausbruch Peter W. Bachmanns über die Liebe Luises und Ferdinands wieder auf die Bühne und mitten in das Geschehen holte. Meine Erinnerungen und Gedanken suchten verzweifelt nach einem Anhaltspunkt und den wirklichen Beginn Schillers tragisch-deprimierenden bürgerlichem Trauerspiels und beschlossen letztendlich, daß der Gebotene nicht der wirkliche Beginn war. Allerdings beschlossen sie weiterhin, daß der Gebotene ein wirklich sehr Guter war, waren somit überaus zufrieden und entschieden sich den Schostakowitsch bei Seite zu legen und nun doch der dargebotenen Darbietung zu folgen, was sich letztendlich als eine sehr gute Idee herausstellt. Die Inszenierung war wirklich perfekt, genauso wie die Kostüme, die Besetzung und die schauspielerische Leistung der Beteiligten. Also rundherum sehr gut gelungen. Da brauchte Christoph Werner auch nicht so nervös zu sein, das war wieder mal ein Glanzstück des "neuen theaters".

 

"Ich heiße Miller"** und Karl-Fred Müller (sehr passend!) betrat theatralisch die Bühne - den Rest des ersten Aktes haben sie irgendwie weggelassen, auch gut, war eh langweilig. Der Wurm (Peter W. Bachmann) versucht alsdann und sogleich die Gunst des eventuell zukünftigen Schwiegervaters zu ergattern und auszunutzen. Dieser pariert und stampft ihn, Schwiegervatergebührend und mit Recht in den blechernen Boden.

Die Szenenwechsel vollzogen sich blendend im neonröhrenden Blech und die Szene mit Frau Miller ward gestrichen und antakta gelegt. Den Wurm konnten sie nicht streichen, der war zu wichtig und deshalb bekamen wir wieder eine Peter W. Bachmann Glanzleistung zu sehen.

Die Mimik, die Sprache wieder alles hervorragend und das nicht nur bei Peter W. Bachmann. 

Sehr gut gefiel mir auch Jonas Hien, wenn auch hier nur mit der kleinen Rolle des Hofmarschalls von Kalb bedacht, die er aber mit Bravour absolviert. Im Grossen und Ganzen wie immer eine schauspielerisch hervorragende Interpretation aller Beteiligten. Danne Hoffmann gefiel mir überragend gut, genauso wie Karl-Fred Müller, Peer-Uwe Teska, Joachim Unger und nicht zuletzt die beiden Liebenden Natascha Mamier und Yves Hinrichs.

 

Den ersten Schock durch die Blechbühne überwunden machte ich mir also Gedanken, was das mit der Blechbühne wohl auf sich haben könnte und merkte schnell, auch durch die Herangehensweise der Akteure, die Kälte die sie ausstrahlte. 

Kälte also, war das Stichwort und der handelbare, angestrebte Hintergrund. Kalte Bühne, kalte Handlung, kaltes Handeln, das traurigste Trauerspiel von Friedrich Schiller in einem Ruck und ohne Pause immer noch in der Ausweichspielstätte Waisenhausring. Ja, da reichen die Spenden wohl noch nicht, aber immerhin ist jetzt ein "Klingelbeutel" aufgestellt, so daß ich nicht Herrn Werner mein Geld in die Hand drücken musste. Traurig war nur, das wenige der Zuschauer ein "Herz für Theater" hatten und sich achtlos daran vorbei schmuggelten. Vielleicht sollte man dem Beispiel diverser Kirchen folgen und den Klingelbeutel durch die Reihen gehen lassen mit der Aufschrift "Füttere mich, ich bin noch so mager!"

"Ich verstehe ihn, [...] - fühle das Messer, das er in mein Gewissen stößt;..."***

Luise allerdings, meinte das hier wohl in einem etwas anderem Zusammenhang der letztendlich ihr trauriges Schicksal besiegelt - "Schuster bleib bei Deinen Leisten!" Das Dumme ist nur, die eigenen Leisten sind nicht die Interessanten. Die Spannung kommt, wenn man übergreifend agiert: Spread out your mind! Erweitere Deinen Horizont!

Ich glaube, ich wäre damals auch sang und klang los in der Gesellschaft versackt und untergegangen mit meinen verrückten Ideen und horizonterweiternden Bekanntschaften. 

Solch dumme Barrieren würden mich umbringen - naja, das taten sie bei der hübschen Luise ja auch. Aus diesem Ergebnis heraus bin ich doch wahnsinnig froh in dieser, der jetzigen Zeit zu leben, wo die gesellschaftlichen Beschränkungen nicht immer und nicht überall ganz so hoch angenietet sind, oder vielleicht letztendlich nur noch geschraubt oder angelehnt?

Das ist doch gerade das Interessante an einer Beziehung, wenn beide aus verschiedenen Ecken des Universums stammen. Der eine kann sich für den Anderen interessieren und entdeckt und lernt immer neue Neuigkeiten, immer neue Sichtweisen und immer neue Erfahrungen - neue Blickwinkel und neue Begeisterungen eben. 

Die Beziehung zwischen Luise und Ferdinand wäre sicherlich sehr interessant geworden. Man hätte zusammen zwei verschiedene Bereiche oder hier Ebenen erkunden können. Man würde nicht immer nur die eine sehen, die man sowieso schon in- und auswendig kennt, so daß sie einem sehr bald langweilig werden würde. Es wäre eine glückliche Beziehung geworden und die beiden hatten ja auch keine Probleme damit. Aber wie das so ist, und das jetzt genauso wie früher, mischt sich die Gesellschaft in Sachen ein, die sie gar nichts angehen und zeigt mit spitzen und scharfen Finger auf den armen Sünder. Den stellt sie an den Pranger und gibt erst nach, wenn er tot und begraben ist - nein, was sage ich? Beim Begräbnis hat sie ihn schon lange wieder vergessen und wartet gierig und mit blutigem, aber schon neu geschärftem Finger auf den Nächsten.

Arme Luise, die in dieser kalten und blechernen Maschinerie untergegangen ist. Also eisige Kälte, die uns das Bühnenbild vermittelte und eisige Kälte, die die Akteure so hervorragend rüberbrachten. Wenn nicht die Hochspannung wäre, die meine Wangen zum Glühen brachte, wäre ich sicherlich in dieser Kälte erfroren.

 

Die Szenenwechsel waren wirklich hervorragend gemacht und man konnte erstklassig dem Geschehen folgen. Die Würmer krochen aus ihren Löchern um ihre Intrigen zu spinnen und die Kälber ließen sich dazu benutzen. Schmutzige Politik oder alltägliches Geschäft?

"... Laß auch Hindernisse, wie Gebirge zwischen und treten, ich will sie für Treppen nehmen und drüber hin in Luisens Arme fliegen."****

Ferdinand konnte bei diesem Satz nicht im Geringsten ahnen, welche politischen und gut aufgetürmte Gebirge er übersteigen müsste.

 

Die beste Rolle, denke ich fast, ist die der Lady Milford. Leider das Bühnenbild nicht dementsprechend, aber egal, es passe, wie schon mehrmals bemerkt, sehr gut zur Inszenierung.

Im zweiten Akt kamen eine Menge bitterer aber wahrer Worte über ihre Lippen und der Unterschied ihrer zu Luise Miller hätte nicht krasser sein können. Sie war die Erfahrung und das Leben und das ganze Gegenteil zur Unschuld Luise Millers. Das war perfekt interpretiert von der Inszenierung und Danne Hoffmann, wirklich hervorragend.

"Es ist wahr, [...], ich habe den Fürsten meine Ehre verkauft, aber mein Herz habe ich freibehalten - ein Herz, [...], das vielleicht eines Mannes noch wert ist - über welches der giftige Wind des Hofes nur wie ein Hauch über den Spiegel ging...."***** und mein Herz begann mit ihr zu weinen. Diese Rolle war eigentlich die Bedauernswerteste im ganzen Stück. Soviel Bitterkeit und Ausweglosigkeit und doch noch ein klitzekleines Fünkchen Hoffnung auf einen Ritter mit weißem Ross..... die Hoffnung stirbt eben zuletzt.... und das leider auch in Schillers Geschichte. Was muss der Mann für eine traurige Liebe erfahren haben, daß er so etwas schreiben kann, was einem das Herz zerreist und die Augen wässrig werden lässt? Nein, es ist nicht die Luise, die meine Tränen fließen lässt, sondern das traurige Schicksal dieser englischen Lady.

"Gib mir den Mann, den ich jetzt denke - den ich anbete - sterben, [...], oder besitzen muß. Laß mich aus seinem Mund es vernehmen, daß Tränen der Liebe schöner glänzen in unseren Augen, als die Brillanten in unserem Haar, und ich werfe dem Fürsten sein Herz und sein Fürstentum vor die Füße, fliehe mit diesem Mann, fliehe in die entlegenste Wüste der Welt --"*****

Ich hätte in diesem Augenblick so sehr gewollt, daß ihr dieser Wünsch in Erfüllung geht und Ihr werdet es nicht glauben, aber in diesem Augenblick vergaß ich das Theaterstück um mich herum und den Schillerschen Ausgang und hoffte mit ihr auf ein Happy End, auf ihr Happy End. Luise Miller war in diesem Augenblick einfach nur ein kleines Mädchen, was heulend ihr Glück verlangte - aber diese Frau hatte irgendwie Format und beeindruckte mich.

 

Natürlich war es nicht so, daß Luise Miller weich und farblos war und schon gar nicht war es in Schillers Sinne mich so denken zu lassen, aber trotz, daß sie ihr ein paar Sätze und Kapitel weiter, weise Paroli bieten sollte, waren die beiden Liebenden doch eigentlich einfach nur dumm und leichtgläubig und ließen sich so unproblematisch hinters Licht führen. 

Schiller legt sehr viel Stärke in Luises Worte, nur leider kann ich ihm das nicht so wirklich abnehmen.

Die Inszenierung bekommt das schon sehr gut hin beide Frauen ebenbürtig erscheinen zu lassen. Da kam es mir mehr so vor, als sind es die Männer, die hier in kein gutes Licht gerückt wurden. Der Erste verkauft um seinen Ehrgeiz zu befriedigen seinen Sohn, der Zweite möchte lieber jeden Schwierigkeiten aus dem Weg gehen, der Dritte versucht es mit Kriechen so tief er nur kann, der Vierte folgt einfach nur dem, was er gesagt bekommt und der Fünfte gibt sich doch noch sehr blauäugig. Gut, daß wenigstens diese fünf Charakterzüge nicht auf einen einzigen fielen.... was, wenn man sich ein bisschen umschaut, auch nicht selten der Fall ist....................

 

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Hierbei möchte ich es jetzt belassen und die Sache abschließen. Ich könnte das noch auf die Spitze treiben, aber ich denke, zu diesem Inhalt gibt es nicht mehr viel zu sagen. Allerdings sollte ich vielleicht auch noch sagen, daß man sich mit Schillers "Kabale und Liebe" viel mehr auseinandersetzen müsste. Es ist ein sehr interessanter Stoff und es gibt viel mehr interessante Hintergründe. Ich habe hier jetzt eigentlich nur den des Herzschmerzes betrachtet, wie ich das von der Inszenierung des "neuen theaters" auch in Erinnerung hatte und was meiner Meinung nach die Hintergründe ein bisschen darin untergehen ließ. Aber es gibt viel mehr noch dazu zu berichten.

Wenn man das Ganze vor dem politischen Hintergrund dieser Zeit betrachten würde, gäbe es eine Menge spannenden Stoff zum auseinandersetzen, aber ich möchte es jetzt doch hierbei belassen...... vielleicht noch zum Abschluss um zum wirklichen Nachdenken anzuregen, die Abschiedsworte der Lady an den Fürsten:

"Gnädigster Herr!

Ein Vertrag, den Sie so leichtsinnig brachten, kann mich nicht mehr binden.

Die Glückseeligkeit Ihres Landes war die Bedingung meiner Liebe.

Drei Jahre währte der Betrug. Die Binde fällt mir von den Augen. Ich verabscheue

Gunstbezeigungen, die von den Tränen der Untertanen triefen. - Schenken Sie die Liebe,

die ich Ihnen nicht mehr erwidern kann, Ihrem weinenden Lande,

und lernen von einer britischen Fürstin Erbarmen gegen Ihr deutsches Volk!

In einer Stunde bin ich über die Grenze.

                                Johanna Norfolk."******

 

 

Eure Jana

 

 

 

 

 

 

*Friedrich Schiller: "Kabale und Liebe", 4. Akt, 8. Szene

**Friedrich Schiller: "Kabale und Liebe", 1. Akt, 1. Szene

***Friedrich Schiller: "Kabale und Liebe", 1. Akt, 3. Szene

****Friedrich Schiller: "Kabale und Liebe", 1. Akt, 4. Szene

*****Friedrich Schiller: "Kabale und Liebe", 2. Akt, 1. Szene

******Friedrich Schiller: "Kabale und Liebe", 4. Akt, 9. Szene