Jedermann, jeder Art, jederzeit ...

 

... sofern es weiterbringt.

 

Es ist kein Wunder in der heutigen Zeit, daß der liebe Gott sich aus dem Staub macht und das Spielfeld dem Teufel überlässt. Sicherlich nicht ganz ohne Schadenfreude, denn selbst der Teufel findet keine Seelen, wo keine mehr sind.

Auch die Entscheidung ist nicht mehr ganz so einfach. Was ist denn nun gut, und was ist böse? Die Welt ist verrückt geworden. Keine klaren Grenzen mehr.

Nur der Tod kann noch unbedenklich seinen Job machen. Ihm ist egal, welche Seele wo hin wandern soll und ob überhaupt.

 

"Das ist doch schlimm. Wie kann man jetzt noch bei irgend etwas sicher sein?

Ich fühle mich beschissen, so allein.

Es haut mir richtig auf den Magen.

Wo kann ich jetzt mein Recht einklagen?

Wie soll sich das Böse definieren,

zumal in einer Stadt, die ein säuisch' Schweineherz

und nicht einen Hühnerschiß an Anstand hat?"

 

Der Teufel in Michael Batz Version vom "Jedermann" kämpft ganz schön verzweifelt um die eine Seele, die keine ist und hält uns vom Anfang bis zum Schluß einen netten Spiegel vors Gesicht. Der "Hamburger Jedermann" ist "ein anderes Spiel vom Sterben eines reichen Mannes" welches man sich unbedingt ansehen sollte. Die Dialoge sind erstklassig und ebenso die Inszenierung und Darstellung. Ich denke, ich kann hier schon vornweg nehmen, daß die Hamburger Kulturszene sich mir auch diesmal wieder von ihrer besten Seite gezeigt hat.

Nach "La Traviata" in der Hamburger Staatsoper, nun der "Jedermann" in der Speicherstadt. Aber erst mal

Aloa-he dem Feuerschiff, denn ein netter Schmaus vor dem Theater läßt sich natürlich nicht verachten und das alte Feuerschiff liegt an den Landungsbrücken leuchtend rot bereit zum anheuern - nagut, Ihr habt recht, anheuern will ich da natürlich nicht. Mir reichte jetzt schon das Schwanken und dabei hatten wir noch nicht mal Seegang. Es wehte ein laues Lüftchen bei strahlend blauem Himmel. Gehört sich auch so, denn wir wollten ja in eine Freiluftaufführung.

Also dann auf auf "Matrosen" in die Kombüse und hoffentlich hat der Koch auch einen guten Fisch auf Lager. Ich hatte richtigen Heißhunger auf schönen, frischen Fisch und wo kann Frau den besser stillen, als auf einem Schiff im Hafen - noch näher und frischer ans Wasser geht es ja wohl nicht.

Ach jeh war das Schifflein niedlich, nichts für große Menschen. 

Was für eine tolle Idee hier her zu gehen. Ein echtes Schiff - wow - das ist für eine Landratte wie mich schon eine Besonderheit. Bis jetzt kannte ich nur die Fähre nach Amrum und die ist nicht so niedlich. Also dann erst mal das Restaurant gesucht, ich glaube es war Achtern, aber beschwören könnte ich es jetzt nicht - oder hieß das Bug oder Heck? Naja, ist ja auch egal, jedenfalls war das Essen super. Natürlich nicht unbedingt billig, aber mal kann man das machen, schon wegen dem Ambiente auf einem Schiff zu speisen.... allerdings bei Wellengang würde ich persönlich es lieber lassen - wir wollen ja das gute Essen nicht gleich wieder loswerden ;-)

 

 

Das Theater war mitten zwischen den großen, alten Speichern des Hafens und besser als im Programm des "Hamburger Jedermanns" kann auch ich die Stimmung nicht beschreiben:

 

"Einer der schönsten Orte Hamburgs öffnet sich während der HafenKulturTage in den Sommermonaten für die Kunst - zwischen Fleeten und Luken, auf der Grenze zwischen Wasser und Land, in einer Stadt des Wandels und des Umbruchs.

Wenn die abendliche Sonne hinter den hellgrünen Dächern der alten Kaufmannsstadt versinkt, legt sich eine zuweilen italienisch anmutende Atmosphäre über den Spielort, immer größer werdende Schatten wachsen an der gegenüber liegenden Kulisse empor, der Zauber des Theaters beginnt ..."

 

Ein Fleetenkieker fischt den Teufel aus dem Schlamm der Fleeten, wohin dieser verschwand, als ihm durch die List der Kaufleute ein Menschenschreck in die Erik Schäffler (Quelle: Programm des Hamburger Jedermann) Teufelsglieder fuhr. Der Fleetenkieker läßt sich natürlich ganz und gar nicht vom Teufel beeindrucken

"Wat de Tid wegschmieten deith, is mien Lohn,

Und sei's de Düwel in Person."

und plaudert ein bißchen mit ihm .... Was hast Du denn so all die Jahre gemacht, dort im Schlamm?

... Aber als dann der Tod auftaucht packt ihn doch ein bißchen der Respekt, denn mit dem Tod ist nicht zu spaßen und er räumt das Feld. Der Tod erzählt dem Teufel die Neuigkeiten über Gott und Heidentraum und wen er denn im Moment so im Visier hat und als der Teufel hört, daß Jedermann, der reiche Kaufmann, der ihn damals reingelegt hat dran glauben soll, wittert er die Chance es ihm heimzuzahlen, indem er sich seine Seele holt. Er handelt mit dem Tod eine Frist aus, denn so eine Seele ist nicht so schnell und einfach zu bekommen. Der Tod willigt ein, denn dem ist's soweit egal, der Teufel krempelt die Ärmel hoch und macht sich an die Arbeit:

 

"Gebimmelt sei mein Dankeschön.

Das hat man nun vom Auferstehen.

Ein Himmel, der am liebsten nieselt,

Sand, der unerbittlich rieselt,

und Seelen, die auf die Nerven gehen.

Nun ja.

Heraus aus Schlick und trüber Stimmung.

Die Knochen hoch zu neuer Trimmung.

Der Lebenssinn ist für die Katz,

doch hat man einen Arbeitsplatz."

 

Wenn das nicht irgendwie an Hartz IV und das im Moment sehr populäre 1-EURO-Job-Thema erinnert. Da sieht man mal wieder, selbst der Teufel hat es nicht einfacher. Aber Erik Schäffler scheint wirklich Spaß zu haben an seinem Job. Er spielte den Teufel hervorragend - ok, nach 11 Jahren Jedermann, sollte man wohl auch perfekt sein. Nun ja, er war mehr als das. Sein Spiel ist nicht mehr zu toppen.

 

Dann kommt die Liebesszene - sozusagen - jedenfalls andeutungsweise..... "Sie hasten, rasen, hassen. Keiner hört die Glocken schlagen." ... und keiner hat mehr Zeit für Zärtlichkeit. Tja, und wenn die Glocke erst mal schlägt ist es zu spät. Dann ist es nur noch ein Job für Tod und Teufel. "Sie haben keine Zeit. Sie machen sie zu Geld." ... aber das können sie nicht mitnehmen und was bleibt denn dann am Ende? Die Zeit ist so schnell um, ehe man's sich versieht. Also sollte man doch besser einen Gang runter schalten und das bißchen Zeit, was man hat hier auf Erden, genießen. Jaja, da ist er wieder der Spiegel. Ich renne auch immer viel zu schnell und meine, ich könnte etwas verpassen. Naja, vielleicht bin ich auch nur auf der Suche nach einer Seele, die mich bremst und werde dann häuslich... hmmmm .... ist vielleicht einen Versuch wert.... 

 

Robin Brosch und Wolfgang Hartmann auf dem Programm des Hamburger JedermannFür Jedermann kommt leider alles zu spät. Er hat nur seine Geschäfte und sein Geld im Kopf. Klar kommt auch der Sex nicht zu kurz, aber ist es das, was wir wollen? Nur Sex, so ohne Liebe und Zärtlichkeit? Nur der Bedürfnisse wegen? Eine Geliebte an seiner Seite, hübsch aber kalt und berechnend? "Was mir gehört, gefällt mir. Was mir gefällt, gehört mir." ... "Was Dir gehört, braucht den Besitz." - is mir schlecht - Was ist das für ein Deal? Ich geb' Dir Sex und Du mir dafür Besitz - nein Danke. Das wäre nicht meine Welt. Meine Seele würde so etwas nicht ertragen.

 

"Seele?

Eine Vokabel aus dem Wörterbuch der Pleite.

Wer nichts mehr hat,

beruft sich auf die Tradition."

 

Die Speicherstadt für die Seele und Jedermann schlägt ein. Der wußte schon, daß in seiner Welt gar kein Platz für eine Seele ist. Der sah schon das große Geld fließen, welches seinen schon großen Berg an Besitz noch größer werden läßt. Sicherlich hat seine Geliebte jetzt schon Schwierigkeiten das ganze Geld wieder auszugeben. Ja, solche Sachen soll es geben.

Wie ist es wohl, wenn man soviel Geld hat, daß man es gar nicht mehr ausgeben kann? Verliert man da nicht den Überblick und vor allem den Boden der Realität unter den Füßen? Verliert man nicht, wenn man nur mit dem Vermehren seines Geldes beschäftigt ist den Blick für den Rest der Welt? Michael Batz hat den krassen Unterschied wunderbar dargestellt indem er nach diesem Bild die "Verlierer" dieser Welt einmarschieren ließ:

 

"Ob einer Teufel ist, ist nicht die Frage.

Die Frage ist, wer sich die Hölle leisten kann."

...

"Bürgersteige werden zu Kloaken,

das Elend schafft sich seinen Bazar.

Schon viele sind wir, die erschraken,

das nichts mehr ist, wie es mal war."

 

Und wie schnell kann man zum "Verlierer" werden? Kein Job, kein Geld aber Hartz IV? Das reicht zum Sterben nicht und nicht zum Leben. Das zieht einen nur immer tiefer hinunter. Selbst wenn man willig ist und will, wohin soll man denn noch gehen? Die Welt liegt in der Krise - überall.

Es ist wirklich ein Glück, wenn man einen Job hat und damit gut leben kann. DAS sollte man hoch schätzen und ich bin froh, daß ich unter den Wenigen bin, die das Glück haben und ich wünsche allen, daß es Euch nie so schlecht gehen wird, daß Ihr Euch die Hölle nicht mehr leisten könnt.

Die Huren schauen mit Verachtung zu den Büros in denen die Uhren doppelt gehen. Und wieder Sex und keine Liebe - was ist das nur für eine Zeit in der wir leben? Und selbst die Huren braucht niemand mehr. Jetzt gibt es doch das Internet. Schnelles Geld für schnelle Liebe .... Cybersex, na wunderbar. Willkommen im dritten Jahrtausend! ... und by the way, nur um Mißverständnissen vorzubeugen, die Sex Geschichtchen in diesem World Wide Web, die unter meinem Namen zu finden sind, sind nicht meine. Ich schreibe zwar gern Geschichten, aber auf so eine Idee bin ich noch nicht gekommen. Nein Danke, das ist nicht mein Ding und es ärgert mich sehr, daß da jemand meinen Namen benutzt, aber ich kann es leider nicht abstellen.

 

Schnell passiert's und man steckt im Schlamm wie der Teufel. So manch Kredit oder Unachtsamkeit sog so manchen in die Tiefe. Es gibt Tausende Beispiele, wo das Vertrauen und die Gutgläubigkeit der Menschen von Jedermann ausgenutzt wird. - Man sollte vorsichtig sein mit dem Glauben, daß Jedermann etwas verschenkt und man sollte aufpassen, wo man sein Geld anlegt. Die Szene mit dem Schuldner und dem kleinen Mann ist erstklassig und sehr gut durchdacht. Dem, wo nichts mehr zu holen ist zeigt Jedermann die kalte Schulter und denjenigen, der ihm freiwillig und ohne Bedacht sein Geld hin trägt, betrügt er so offensichtlich und der ist auch noch glücklich darüber. Naja, es war wohl auch nicht sein Geld, was er da so leichtfertig verschenkt:

 

"Das ist vom Leben abgetrotzt,

bevor ich es geerbt.

Jetzt habe ich mir vorgestellt,

daß jemand mehr daraus macht."

 

Na halleluja und "Auf Treu und Glauben".

 

Der Teufel freut sich und hält weiter den Spiegel hoch. "Die Leute selbst sind das Programm ..." "Man redet hier, hält dann dort den Mund, läßt die Wörter kämpfen, schaut nur einfach zu - so kriegt man sie am Ende alle." Ja, wer es schlau anstellt, kann mit so ein paar Worten am richtigen Platz angebracht, töten. Ich staune immer wieder, wie einfach es ist die Menschen zu beeinflussen. Da reichen schon ein paar Zeilen in einer Zeitung oder Worte im Fernsehen und alle springen auf den fahrenden Zug auf und tuten ins gleiche Horn. Niemand fragt, ob die Quelle auch seriös ist oder ob da nur irgendwas verkauft werden soll. - Das erinnert mich wieder an die Zeitungsszene in Erich Kästners "Fabian"..... "Wenn man eine Notiz braucht und keine hat, erfindet man sie."

Aber wahrscheinlich interessiert es auch keinen so wirklich was an den Storys dran ist. Im Grunde will man wohl nur sehen, daß es anderen noch schlechter geht, als einem selber, oder man freut sich, daß die, denen es gut ging jetzt endlich auf die Schnauze gefallen sind und sich böse Schrammen geholt haben. Es gibt nichts Schöneres als Schadenfreude und Elend der anderen. Und am besten klappt die Schadenfreude bei der Prominenz. Es ist doch immer wieder interessant, wer wo welche Falten bekommen hat und das Die sich schon wieder vom Dem getrennt hat und juhu, sie hat immer noch das gleiche Gewicht, wie zu ihrer Schwangerschaft.

... und was gibt es wieder Interessantes im Fernsehen, oh! endlich wieder eine neue niveaulose Spielshow. Das sind die Sachen, die einem den Alltag so richtig versüßen. Laßt uns gemeinsam vor der Glotze sitzen und wichtige Leute ansehen.

 

"Wer zockt mit wem in welcher Clique?

Wer tauscht schon wieder die Boutique?

Sie sind nicht gut, sie sind nicht tüchtig,

doch sind sie da, das macht sie wichtig."

 

Oder schalten wir doch jetzt mal um zum Leid der anderen:

 

"Die Leser halten das für wahr.

Menschlichkeit verkauft sich gut.

Hier bitte in die Kamera."

 

Aber gut, auch mit dem, was Michael Batz über Kultur sagt, hat er nicht ganz unrecht:

 

"Dann machen wir ein Festival.

Es fehlen die Ideen in aller Welt.

Das Neue wird nicht neuer.

Das Publikum ist eigen.

Theater biet' ich nicht mehr an,

nur noch den Anlaß, sich zu zeigen,

und den natürlich möglichst teuer.

Die Leute selbst sind das Programm,

mehr halten sie auch gar nicht aus.

Man schaut sich um: Wer ist noch da?

Übrigbleiben ist die größte Kunst."

 

Ja, der hat schon sehr gut erkannt, was die Show des Lebens ist, manch albernes Getue um den perfekten Schein zu waren und wenn man genau dahinter sieht bröckelt die hübsche Fassade und nicht mal mehr eine Seele bleibt übrig.

Jedermann plant den Konsum und die Konsumenten konsumieren. Blöderweise aber noch nicht genug und deshalb geht die Wirtschaft baden: "Die Handbreit Wasser unterm Kiel, die ist nicht mehr vorhanden. Wir drohen zu versanden." Darum laßt uns doch den Leuten einreden, daß wir ein bißchen ihrer Einkommenssteuer kürzen. Dann verfallen sie wieder in ihren Kaufrausch und kaufen den Plunder, den sie eigentlich gar nicht brauchen. Aber was soll das? Was ist da schief gelaufen? Die Steuern fehlen in den Kassen und es fehlt auch das Kaufen...

Na dann mal weg, mit dem was kein Geld bringt, "was sich nicht rechnet, kann nicht bleiben." Machen wir alles neu. Wie wäre es mit neuer Energie? Wo sind die Subventionen? Lassen wir noch mehr Windräder drehen und die Konsumenten die Subventionen zahlen und hoffen wir, daß wenn die Zuschüsse mal nicht mehr sind, diese nicht noch mehr Investruinen werden. Aber erst mal laßt uns ordentlich Kohle damit machen - und Sturm aufs Büfett.

Oh was für eine nette Party, mit netten Leuten um den netten Schein zu wahren. Wichtige Leute und schöne, hohle Frauen - dann laßt uns mal saufen und unser Hirn betäuben. Gibt es da nicht noch bessere Mittel?

 

"Gestern? Heute? Morgen?

Es gibt ein Tier, daß diese Worte frißt.

Und ein Dragée, mit dem man dieses Tier vergißt."

 

Oh jeh, Michael Batz zieht ganz schön vom Leder und läßt auch keine Kritik an der Gesellschaft aus. Die Partyszene ist wirklich erstklassig. Hohle Leute langweilen sich mit hohler Unterhaltung. Jedermann denkt beim Tanzen mit seiner Geliebten schon an seine nächsten Projekte und daß er hier doch eigentlich nur Zeit vergeudet.... und dann ruft der Tod aus der Speicherstadt. Jedermann zeigt Schwäche und sofort hängen die Leute ihre Fahnen in einen stärkeren Wind - keinen interessiert's, was mit ihm passiert. Bye bye armer, reicher Mann. Du hast ausgedient. Halten wir die Sektgläser hoch und suchen wir uns den nächsten, wo wir uns anbiedern können.

 

Jedermann hat seinen Herzinfarkt und die ersten Geier kreisen schon. Na, was wollen sie denn für eine Bestattung? Am liebsten recht schön teuer. "Ich schreibe gleich ein Angebot und komme später wieder."

Nach dem Bestatter bekommt dann endlich der Teufel seine Chance.

Langsam gewinnt man den Eindruck, daß er noch das ehrlichste Wesen in dem ganzen Stück ist. Er hält sein Wort und fordert die Seele ein. Nur Jedermann weiß nicht, was das ist.

 

"Was soll das, Seele? Das, was Du Seele nennst,

wo wird es produziert, sofern es mehr bedeutet,

als nur Geplapper auf der Couch?

Ist es Moral? Solche Kinkerlitzchen sind banal.

Weil auch das Menschenrecht nur existiert,

wenn's irgendeiner finanziert.

Ist es Erinnerung? Die Welt entsteht

im hektischen Entwurf.

Wenn ich dem Gestern glaube,

bin ich morgen aus dem Rennen.

Nichts in meiner Welt läßt sich Seele nennen."

 

Brillant! Mit nur so ein paar Worten trifft Michael Batz den Nagel auf den Kopf. Der ganze Jedermann ist eine erstklassige Theaterleistung, von der Vorlage bis zur Inszenierung und hat eigentlich kaum mehr etwas mit dem Original von Hugo von Hofmannsthal zu tun. Aber sehr viel mit der Zeit in der wir leben. Ich bin wirklich beeindruckt und möchte am liebsten das ganze Buch zitieren. Jede Seite ein neuer Abgrund. Nur ab und zu gibt es einen kleinen Lichtblick in diesem Sumpf. Das "alte Mädchen" und der "Bauer auf dem Flachen Land" geben der ganzen ausweglosen Situation ein bißchen Hoffnung. Sie strahlen Ruhe und Zufriedenheit aus und sie mögen sich ehrlich. Nein, es ist nicht alles Abgrund, aber die Abgründe werden uns wunderbar komprimiert im Hamburger Jedermann vorgeführt.

 

... und dem Jedermann in seinem Interview mit dem Teufel. Alles, was er so geschätzt hat ist jetzt plötzlich nichts mehr wert. 

"Umsatz! Umsatz! Umsatz! - weiter, weiter, weiter." Die Ökonomie ist das wichtigste im Leben und Jedermann wird zum Produkt. Nur als Bürge mitnehmen kann er sie nicht. "Wo bleibt der Mehrwert beim Krepieren?"

Die Technologie ist schön und der Fortschritt lobenswert, aber helfen tut ihm das auch nichts. Die Technologie ist für die Lebenden gemacht ... "Error, Error...". Und davon haben wir wirklich eine Menge, daß es selbst den Lebenden manchmal zuviel wird und sie nicht mehr hinterher kommen hinter manch neuer technologischen Errungenschaft. Und dann die Politik - na die war doch noch nie auf unserer Seite. "Der Hauptzweck der Politik ist es in der Politik zu bleiben." und somit ist sie auch nicht gewillt ihn zu begleiten. Und die Kultur macht den Tod zum Thema, "sorgt er doch stets für Munterkeit..... weil man verstorben leichter zu den Künstlern zählt." Bleibt noch der Sex. Doch der zieht mit dem Teufel ab. Tja, Jedermann, das war wohl nix.

 

... Aha, da haben wir es. Wieder ein neues Wort gelernt. Die Mortifikation - sie ist der ständige Begleiter Jedermanns. Na, weiß jemand, was das ist? Nein? Gut, daß beruhigt mich. Mußte auch im Programm nachlesen was sie damit meinen. Also für all die Unwissenden da draußen, hier die Definition aus dem Programm:

"Mortifikation, das heißt: Absterben, brandig an Leib und Gemüt werden. Mortifikation ist Inbegriff unmenschlicher Demütigung durch eigene Schuld. Gewebstötung, Seelenende, Ersterben aller Leidenschaften außer der einen: der Geldgier." und hier auch gleich noch die Erklärung dazu, auch aus dem Programm:

"Der Jedermann im Hamburger Spiel hat, so betrachtet, im Tod schlechterdings nichts in die Waagschale zu legen; denn er ist bei lebendigem Leibe schon längst gestorben, seine eigentliche Begleiterin, die wichtigste von allen, war, seitdem er sich auf sein Geschäft einließ, nicht etwa die Geliebte, sondern ein Wesen, daß den Namen Mortifikation trägt."

Das läßt nicht nur den Teufel erschaudern.

Aber auch dieses Wesen will nicht mit Jedermann gehen und er sucht weiter nach Freunden.

Zuerst erscheinen Ego und Arbeit gegenüber der Bühne in den alten Speichern. In der Dunkelheit jetzt, wirkte das richtig unheimlich. Natürlich war das Ego auf seiner Seite, da es ja immer an ihn/ sich dachte und die Arbeit will ihn auch begleiten, da er sie immer nur im Kopf hatte. "... sogar im Schlaf und bei der Zärtlichkeit ..." Jedermann ist zufrieden und es erscheinen die geheimen Sehnsüchte und unerfüllten Wünsche kaum noch lebendig auf der anderen Seite, aber immer noch da. Er meint, er hätte schon gewonnen und selbst der Teufel hofft wieder auf eine neue Seele in seiner Sammlung. Nur leider haben beide sich geschnitten, denn als es brenzlig wird, verschwinden die 4 auf Nimmerwiedersehen und Jedermann steht wieder allein da. Jetzt gibt er es endgültig auf und will dem Ganzen ein Ende machen und der Teufel ist am Verzweifeln:

 

"Langsam krieg ich das Gefühl,

daß man mich verarschen will.

Haben sie mich damals schon betrogen,

find' ich mich heute abermals belogen.

Es muß doch eine Seele in ihm stecken...."

 

Da muß doch irgend etwas sein, vielleicht " ... diese verrückte Liebe, die den Weltraum dehnt, nach der sich alles Leben und wohl am meisten der Teufel sehnt."

Und dann erscheint das alte Liebespärchen und die Hoffnung mit ihnen. Es sieht so aus, als hätte auch Michael Batz die Menschheit nicht so ganz aufgegeben. Die beiden stehen an seiner Seite, auch wenn sie ihn nicht kennen und geben ihm ein gutes Gefühl. Der Teufel ist sauer und sieht seine Arbeit aus den Händen gleiten. Keine Seele zu erbeuten und dann auch noch ein bißchen Hoffnung für die Menschheit. Der Tod erscheint nun endlich und die sensationsgeile Masse schaut zu:

 

"... uns interessiert nicht Schuld nicht Scheiß.

Wir wollen sein Sterben sehen.

Nur darin sind wir alle gleich."

 

Tja, das war es dann mit dem Jedermann.

Es gab einen wunderbaren Beifall für ein wirklich gelungenes Stück. Es hat mich sehr beeindruckt und als ich es heute noch einmal Revue passieren ließ und mir den Text genau durchlas, stimmt mich das jetzt alles nicht sehr fröhlich.

Ich hoffe, es ist nicht ganz so schlimm um uns bestellt, wie es Michael Batz beschreibt.

... naja und in der Hoffnung liegt ja bekanntlich der wahre Sinn des Lebens ...

 

 

Eure Jana

 

 

 

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