"Groß ist man durch Liebe. Doch größer noch durch Leid."
Naja - das mag
vielleicht auf E.T.A. Hoffmann zutreffen und sicherlich auch noch auf Beethoven
und vielleicht auch auf Heinrich Heine, aber auf mich keineswegs. Deshalb bin
ich wahrscheinlich auch so ein kleines Licht ;-) Denn ich bin fantasievoller
wenn ich glücklich bin und wenn ich leide fällt mir gar nichts ein. Dann möchte
ich mich lieber verkriechen und am Besten überhaupt nicht sichtbar sein auf
dieser Welt. Und eigentlich hat das Hoffmann in Offenbachs erstklassiger Oper
"Hoffmanns Erzählungen" auch so gemacht. Der hat sein Unglück im Alkohol
ersoffen und seinen Saufkumpanen unheimliche Geschichten über Frauen erzählt.
Tja, so ist das mit der Unzufriedenheit. Jeder versucht vor der Unzufriedenheit
zu flüchten und sucht sich irgendwo anders ein klein bißchen Glück, mache im
Glas Wein, sehr viele im Essen und ein paar in Fernsehserien. Besser wäre es
seine
Unzufriedenheit im Positiven zu kanalisieren. Anstelle von Saufen, Essen
und vorm Fernseher hinzuvegetieren, könnte man es doch mal mit Zeichnen
versuchen, oder mit Komponieren oder eben mit dem Schreiben von Geschichten. Das
macht Spaß und man wird nicht dick, besoffen oder blöd davon. Im Gegenteil, der
Horizont wird weiter und die Gedanken freier und das Leben gewinnt an Spannung
zurück. Man überschreitet Grenzen und geht auf Wegen, die man vorher gar nicht
kannte - alles wird interessanter und intensiver. Letztendlich wird man ein ganz
anderer Mensch. Kreativität! Einfach mal etwas anderes tun und seiner Phantasie
freien lauf lassen. Ein sehr schönes Beispiel für Kreativität und Ideen ist mir
erst Letztens untergekommen, als ich zu einer Fotoausstellungseröffnung
eingeladen wurde.
Was für eine
brillante Idee! Da hat der Mann einer Arbeitskollegin zusammen mit seinem guten
Freund eine Fotoausstellung organisiert - einfach so - in den Räumen einer
befreundeten Ärztin. Richtig professionell, mit professioneller Eröffnungsrede,
Sekt, Wein und "Häppchen". Nur geladene Gäste in
einer angenehmen und lustigen
Atmosphäre - zwischen erstklassigen Fotos mit sehr kreativen Texten unterlegt.
Das hat mir alles sehr gut gefallen und ich freue mich, daß es so etwas noch gibt. Endlich mal jemand der sich von der grauen Masse abhebt und sich traut mal etwas ungewöhnliches auf die Beine zu stellen. Meine Hochachtung! Ich wünschte, es gebe mehrere solcher Menschen in meiner Umgebung. Ich fühle mich unter ihnen wohl.
Es ist sonst einfach alles zu grau in meinem Umfeld und ich liebe es eben Farbe hineinzubringen, auch wenn mein Umfeld etwas komisch darauf reagieren sollte. Ich liebe es im Abendkleid in die Oper oder zum Konzert zu gehen, auch wenn sich alle Anderen konservativ geben und ich ziehe auch mal mein etwas schrägeres Kostüm aus London an, auch wenn sich die Leute dann danach umdrehen.
Gestern in der
Leipziger Oper war ich diesmal nicht die Einzige in
Abends-Ausgeh-Outfit. Einige Frauen waren sehr gut
angezogen und ein paar davon auch etwas gewagt - fand ich prima. Leuchtend rote
Kleider mit Rüschen oder Ringelstrümpfe zu hübschen Röcken. Das war alles sehr
schön und ich fühlte mich sofort wohl unter diesen Menschen.
Wie immer gingen wir vor der Oper noch gemütlich ins "Augustus" essen. Die Kochkunst des "Augustus" wie immer wechselhaft, aber die Creme Bruelée war diesmal excelent. Ich liebe eine gute Konversation zum Essen und diesmal hatten wir eine über Musik, Wirtschaft und ein bißchen Politik. Das war richtig schön. Draußen schneite es noch und drinnen war es schön warm und gemütlich, ein wunderbarer Abend, der mit einer erstklassigen Opernaufführung enden sollte.
Ich
hatte phantastische Plätze in der Reihe 10 und somit einen klasse Blick auf die Bühne,
wo man schon hinter einer schwarzen durchsichtigen Leinwand Personen still
sitzen sah. Vom Orchestergraben aus hörte man die Instru
mente und nach
einer kurzen Stille betrat der Dirigent das Podium Diesmal hatte Emmanuel Joel
die musikalische Leitung - Spot auf ihn, Klatschen und die Muse (Anne-Marie
Seager) sang mit ein paar Takten musikalischer Einführung, ihr Anliegen
bezüglich Hofmann brillant durch den Saal. Das war genau das richtige Maß an Lautstärke und
wie
sich später noch herausstelle auch genau das richtige Maß an Zusammenarbeit
zwischen Sänger und Orchester - hervorragend gemacht.
Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" ist ein brillanter Mix aus wunderbarer Offenbachscher Musik und Hoffmannschen Erzählungen. Von "Klein Zaches" über den "Sandmann" und "Rat Crespel" bis hin zur "Geschichte vom verlorenen Spiegelbild" ein wunderbar und sinnvoll zusammengefügtes Kunstwerk. Eine Geschichte um und ein paar Takte aus Mozarts Oper "Don Giovanni" geben dem Ganzen die richtige Würze und den Rahmen. Einfach ein perfektes Meisterwerk.
Im ersten Aufzug
sieht man Hoffmann (Robert Chafin) betrunken auf dem Tisch seine Stammkneipe
liegen und langsam und gespenstisch erscheint seine Muse hinter ihm und
verwandelt sich in seinen guten Freund
Nicklausse. Dieser Teil, wie auch viele
andere in dieser Inszenierung waren brillant von Marie-Elena Amos umgesetzt.
Am Gespenstischsten und Unheimlichsten war für mich Lindhofs Diener Andrès in seinen verschiedenen Rollen. Martin Petzold hatte zwar in dieser Rolle nicht allzu viel "Text" aber sein schauspielerisches Können war mehr als gefordert und er stellte die verschiedenen Figuren in einer vollendeten Perfektion dar. Schauspielerisch die beste Figur an diesem Abend.
Die Szene als er die schwarze Harfe für Olympias Lied auf die Bühne schleifte und sein Blick dazu war grandios. Das gab der ganzen Szene eine richtig unheimliche Stimmung. Alles sehr gut eingefangen durch die Inszenierung.
Die feine
Gesellschaft in schwarz/ weiß, die dem Gesang der Puppe des Physikers Spalanzani
(Torsten Süring) zujubelten und Hoffmann, der getäuscht durch Coppélius Brille,
sich in diese Maschine verliebte. Eine der besten Szenen dieser Oper in Leipzig.
Die Stimme von Eun Yee You als Olympia war
herausragend und ihr Spiel als
Maschine täuschend echt. Überhaupt diesmal im Großen und Ganzen eine
Spitzenleistung der Sänger. Jede Stimme ein wunderbarer Genuss und jede Handlung
eine erstklassige Darstellung. Der Teufel in seinen verschiedenen Gestalten
gespielt und gesungen von Tuomas Pursio gefiel mir sehr gut, genauso wie die
Gestalt des Crespel (Markus Hollop - trotz Erkältung), des Hermann (Herman Wallén), des Nathanael
(Jae-Min Ahn), des Luther (Erwin Noack) und des Schlemil (Jürgen Kurth).
Sehr schön auch die Szene und das Bühnenbild des dritten Aktes. Ein grünes Bündel was über den Tasten des Klaviers lag entpuppte sich als die schöne, kranke Antonia, die durch ihren wunderschönen Gesang starb. Auch hier hervorragend gesungen und gespielt von Marika Schönberg. Das Bild der Mutter (Kathrin Hildebrandt) begann zu singen und der teuflische Arzt misst den Puls am unheimlich bebenden, aber leblosen Kleid der Schönen. Auch hier für meinen Geschmack perfekt inszeniert.
Dann im vierten Akt
beim Übergang in das Etablissement der
Kurtisane Giulietta
(Riki
Guy) gab die
Bühne e
ine unheimliche schwarze versinkende Gondel frei, auf der ein Pärchen zum
Trunk anstieß. Die berühmte Barcarole "Belle nuit oh nuit d'amour" ertönt und
täuscht die Liebenden eine Liebesnacht vor. Leider verbirgt sich hinter der
säuselnden Melodie keine romantische Gondelfahrt, sondern ein Platz der
käuflichen Liebe an dem der Teufel seinen glänzenden, verführerischen Diamanten
poliert. Hoffmann verpfändet sein Spiegelbild an den Teufel und tötet den
Nebenbuhler Schlemil mit dem Degen des Teufels.
Dann bringt uns die Handlung wieder zurück in die Kneipe zu denen nun durch die unheimlichen Geschichten still gewordenen Studenten.
"Don Giovanni" ist aus, die Diva Stella
erscheint. Hoffmann ist betrunken und so wendet sie sich dem Teufel Lindorf zu -
Ende, das Böse h
at wieder gesiegt ;-)
3 1/2 Stunden purer Operngenuss mit Hoffmanns Erzählungen an der Leipziger Oper. Diesmal war die Aufführung wirklich ihr Geld wert. Es freut mich, daß die Stimmen wie immer perfekt waren, aber noch mehr freut mich, daß sie endlich mal eine Inszenierung nach meinem Geschmack hinbekommen haben. An diesem Meisterwerk gibt es nicht das Geringste zu kritisieren.
Eure Jana