Oberst Schädel Hirn Dings

Hristo Boytchev *1950 (Quelle: Programm des nt)Eigentlich sollte man bei so einem Titel den Besuch des Stückes meiden. Da kann einfach nichts Vernünftiges bei heraus kommen. Aber wie es immer so ist, gibt man auch manchmal etwas seltsameren Dingen eine Chance. Der Titel verwirrte, machte aber trotzdem neugierig. Wird das nun eine Komödie oder eine Tragödie. Vom Autor Hristo Boytchev jedenfalls haben wir, trotz daß er in Bulgarien sehr bekannt sein soll, noch nicht das geringste gehört.

 

Frau stand zwar wie immer unter Zeitdruck, kam aber diesmal trotzdem ausnahmsweise Dank der Bundesbahn (so was soll's auch geben) doch noch zu einem kurzen Dinner. Was nur dem Umstand zu verdanken war, daß sie diesmal nicht Leipzig, sondern gleich auf dem schnellsten Wege, wie es sich gehört, Halle angefahren haben.

Das "Las Salinas" ist schon perfekt auf uns eingestimmt. Diesmal brauchten wir nur sagen: "Wie immer" und so schafften wir es auch pünktlich mit einem guten Essen im Magen ins neue theater.

Da es im Großen Saal freie Platzwahl gab und andere wohl auf das Essen vorher verzichteten und somit früher da waren als wir, blieben uns nur noch die Schleudersitze. Das hieß also, still sitzen, nicht bewegen, nicht atmen, wenn man nicht mit samt der halben Sitzreihe und den Reihen davor auf die Bühne kippen wollte.

 

Diesmal war die Premiere wohl nicht ausverkauft, aber kein Wunder, bei so einem merkwürdigen Titel. Das Licht ging aus und eine melancholische Musik wurde eingespielt. Durch einen Spot sieht man Gummistiefel und graue Kleidungsstücke auf der Bühne liegen. Ein Mädchen in hübschen rosa Kleidchen und goldenen Schuhen betritt die Bühne und streift stumm die Gummistiefel und diverse Kleidungsstücke über ihre prinzessinnenhafte Kleidung. Das Mädchen wurde sehr gut durch die zarte Carmen Birk dargestellt, welche seit dieser Saison am "nt" arbeitet. Im Saal ist es still und auch still verlässt das Daniela Voß & Thomas Just - Probenfoto (Quelle: Prospekt des nt) Aschenputtel wieder die Bühne. Dann wieder Musik und Szenenwechsel zu einem OP Saal. Eine Operation fand statt, die von überfliegenden Flugzeugen und Stromausfall unterbrochen wird. Der Beginn des Stückes stiftete ein bißchen Verwirrung und verbreitete eine merkwürdige Stimmung. Man war gespannt, was sich daraus entwickeln würde, denn es schien nicht nach dem selben Muster, wie sonst die Theaterstücke, gestrickt zu sein. Mir war es etwas flau im Magen, weil mich diese Szene an Krieg und Tod erinnerte. Uli ging es nicht so, ihr war nur der Beginn ein bißchen zu abstrakt und ihr fehlte der Sinn. Dann wieder diese merkwürdige melancholische Musik und Dunkelheit.

Der Szenenwechsel wurde recht kreativ gelöst und man befand sich nach geradezu selbstständiger Installation der Krankenbetten in einem Krankenzimmer. Geniale Idee, fanden wir.

Sehr bald stellte sich heraus, daß wir uns nicht in einem normalen Krankenzimmer befanden. Szene für Szene erfuhr man mehr über die Leute, die in diesem Zimmer lebten. Kotusow kann sich an nichts erinnern, nicht mal an seinen Namen, wo der doch so wichtig ist oder an die Biere, die er fortwährend für seine Zimmergenossen spendiert. Der Großvater (geile Mütze) scheint der Einzige mit klarem Verstand zu sein, aber er schien sich in dieser faulen Welt wohl zu fühlen, bis auf die gelegentlichen Besuche seiner bäuerlichen Frau. Von Fernando haben wir jetzt alles Wichtige über die Schweiz gelernt (danke), wissen aber nicht so recht, was das sollte. Der frisch operierte Bratoi lag die erste Szene noch etwas unbeteiligt und stöhnend in der Ecke, aber dann erfuhren wir, daß er nur kurzfristig in diesem Zimmer landen sollte. Aschenputtel putze dekorativ den Boden. Womit wir meinen, was wir sagen. Denn mit so wenig Wasser ist das wirklich sehr dekorativ, aber wer weiß, vielleicht sollte es so sein.

Programm des ntDann gibt es große Aufregung, da ein Inspekteur die Szene betrat. Er notierte alles, was gesprochen wurde, machte seine Diagnosen, Insassen und Zuschauer waren beeindruckt und als er alle damit überzeugt hatte, zog er sich um und nahm das fünfte Bett in beschlag. Noch nie haben wir einen Mann erlebt, der ich so akribisch langsam und stumm auszog, wie Peer-Uwe Teska. Leider endete der Strip hinter dem Bett. Alle weiblichen Zuschauer in unserer Reihe setzten sich gerade auf und beugten sich nach vorn, was aber leider nicht den gewünschten Genuß brachte, sondern nur den Effekt hatte, daß unsere Bank nach vorn kippte und wir sie gerade noch so abfangen konnten. DAS wäre peinlich geworden.

Das war also William. Seinen Nachnamen verriet er uns nicht. Ganz wie im neuen Trend, nur ein aufgeschriebenes Leben ist ein "wertvolles" Leben. Das Wort gab es zuerst, aber wer schieb es auf? Und wenn Gott Buch führte, und der Mensch nach seinem Vorbild geschaffen ist, sollte doch auch dieser Buch führen. Und in diesem Sinne, laßt es uns aufschreiben....

Durch Williams Dokumentation und der anderen Phantasie entdeckte Kotusow Stück für Stück "sein" Leben wieder. Die Tatsache, daß er neben einem abgestürzten Flugzeug gefunden wurde, und im Krankenhaus unter dem Namen Contusio Cerebris (Schädel-Hirn-Trauma) geführt wurde - was eindeutig amerikanisch ist ?!?, begründete den Verdacht, daß er ein NATO Pilot sei. Er wurde vom Rang her zum Oberst erklärt und mit einer Rente von 5000 Dollar versehen. Zu einem Oberst gehört natürlich ein hoher Bildungsgrad, mindestens 2 Abschlüssen, und eine Villa mit wunderschöner Frau, die selbstverständlich eine Schauspielerin ist. Kotusow bekommt einen Geburtstag und an diesem eine etwas enge Uniform verpaßt.

Fernando findet dann auch noch seine Memoiren "Der kleine Prinz", und sein Leben ist perfekt.

Der Autor zeigt hier die nicht ganz unwahrscheinliche Möglichkeit, wie man sich ein Leben zusammendichten kann. Wie ein Hirngespinst zur Wahrheit wird. ... denn was geschrieben ist, ist wahr.

 

Die Geschichte wird ehr in einer zerhackten Abfolge von Szenen erzählt, was es dem Zuschauer schwer macht, so richtig zu folgen und überhaupt einen Sinn dahinter zu finden. Der einzige Sinn, der uns einfiel war, daß es gar nicht so schwer ist, die Leute mit einem ersponnenen Leben zu beeindrucken und zu beeinflussen. Nur leider landet man doch irgendwann wieder auf dem Boden der Tatsachen, so wie auch der "Oberst", als seine richtige Frau auftauchte, er seinen wirklichen Namen erfährt und nun wieder in seine nüchterne Wirklichkeit zurückkehren sollte. Wie es aussah gibt es wohl in machen Situationen kein Zurück mehr und man bleibt lieber in seiner eigenen Wirklichkeit und so auch unser Oberst. Er kehrt seinem wahren Leben den Rücken und findet in Aschenputtel die schöne, zauberhafte Frau, die ihm als Oberst gebührt.

Auch die Geschichte des Aschenputtel ist nicht soweit weg von der Realität. So mancher leidet in Sack und Asche und wartet auf die Erlösung durch, sagen wir mal, einen Traumprinzen/-prinzessin.

 

Keine Sorge, die Story ist nicht nur traurig. Es gab auch eine Menge heiterer Momente, wie z.B. die Geschichten von Bratoi und seiner Bombe oder den Mähdreschern mit Klimaanlage. Aber wer jetzt ein Happy End erwartet, wird enttäuscht werden. Das wäre ja auch sowieso zu kitschig.

 

Das Stück hat sehr viel Potential und wurde hervorragend dargestellt und in Szene gesetzt. Aber leider unserer Meinung nach ein bißchen zu langatmig. Was am Anfang noch amüsant und interessant erschien, wurde zum Schluß doch ein bißchen langweilig, da es eigentlich keine richtigen Höhepunkte gab.

 

Und die allerwichtigste Frage um die sich zum Schluß alles drehte war: Von wem zur Hölle war die Musik? Denn die war echt spitze.

 

 

Eure Jana, schon wieder in Kooperation mit Uli