Das Unauslöschliche

 

"Der Komponist hat durch die Verwendung des Titels 'Das Unauslöschliche' mit einem einfachen Wort anzudeuten versucht, was nur die Musik vollends auszudrücken vermag: den elementaren Lebenswillen."*  

Franz Xaver Neruda (Quelle: Programm des Anhaltischen Theaters) - fxn.jpg Ich stimme dem zu und würde für das diesmalige Konzert der Anhaltischen Philharmonie Dessau noch die beiden Wörter Lebensfreude und purer Genuß hinzufügen.

Dieses Konzert würde ich in meiner langen Reihe als eines der Schönsten einsortieren. Eines von denen, wo man zu gern die Zeit zurück drehen möchte um es noch einmal zu hören. Glücklicherweise kann ich einen Teil des Genusses wieder erleben. Sie haben den Celloteil aufgenommen, alle 5 Konzerte von Beate Altenburg (Quelle: Programm des Anhaltischen Theaters)  - ba.jpg Franz Xaver Neruda, von denen wir zwei, dank der Solisten Beate Altenburg, am heutigen Abend erstmalig hören durften. Diese CD lohnt sich auf alle Fälle. "... und mein lieber Herr Berg, DAMIT hätten Sie es nicht im Geringsten nötig gehabt zur Konzerteinführung so viel Reklame zu machen um die Zuschauer zum Kauf zu bewegen." Die Musik war klasse, melodisch und eingängig - einfach wunderschön! "Ich werde Ihre CD lieben und im Replay in Schleife laufen lassen, sobald ich sie bekommen kann ;-)"

 

Die Konzerteinführung der beiden Herren war diesmal super. Golo Berg hatte die beste Laune und Ronald Müller war nicht so zappelig und nervös wie beim letzten Mal. Es war richtig locker und wir haben herrlich gelacht. Vor allem über den Part mit der Olsenbande. Das erste Stück, die Ouvertüre zum Schauspiel "Elverhoj" von Friedrich Kuhlau war nämlich das Teil, was sie in der dänischen Filmkomödie "Die Olsenbande sieht rot" zum Einbruch in das Königliche Theater Kopenhagen eingespielt haben. "Der Dirigent haßt das Orchester" Golo Berg lachte und selbst ich konnte mich noch an diesen, Egon Olsenbande (Quelle: Programm des Anhaltischen Theaters Dessau) - olsen.jpg Olsens Satz, erinnern.

Bisher kannte ich von Friedrich Kuhlau nur 3 Sonaten für Flöte und Piano von einer meiner Lieblings CDs (NAXOS 8.555346 Uwe Grodd/ Matteo Napoli)  Bei dem Teil aus der Olsenbande wußte ich gar nicht, daß es von ihm war. Aber ich konnte mich noch sehr gut an den Film erinnern und wie verwirrt der Pauker auf seine Pauke geschaut hat, als es Egon unten im Keller so herrlich dazu krachen ließ.

 

Golo Berg dirigierte wie immer mit sehr konzentriertem Blick und auf den Zehenspitzen hoch und Golo Berg (*1968 - Quelle: Programm Anhaltisches Theater Dessau/ Spielzeit 2005/2006) - gb.jpg runter. Ich mag ihm gern dabei zuschauen. Er macht immer eine gute Figur. 

Das Orchester schaute diesmal ein bißchen mürrisch. Hatte wohl nicht ganz so gute Laune wie ihr Boss. Wahrscheinlich, weil sie den halbleeren Saal sahen und Golo Berg ja mit dem Rücken zu uns stand.

Ja irgendwie tat mir das diesmal sehr leid. So ein fantastisches Konzert und so wenige Zuhörer. Was für ein Jammer! Ich kann die Leute nicht verstehen. Die wissen gar nicht, was sie da alles verpassen an hervorragender Musik. Da kennen sie die Komponisten nicht und schon meinen sie die Musik ist es nicht Wert sie zu hören. Das ist sehr traurig und sehr dumm. Denn nur durch so einen Mut, wie das Anhaltische Theater ihn hat, bekommen wir auch mal etwas anderes zu hören, als nur immer die selben gängigen, gut gehenden, Leute anlockenden Stücke.

Ok, manchmal hat man Pech und es ist etwas dabei, was einem wirklich nicht eingeht. Aber mal davon abgesehen, daß mir das bis jetzt noch nicht allzu oft passiert ist, ist selbst das noch alle mal besser, als Abends zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen und sich diesen albernen, billigen Mist anzusehen oder die Sender rauf und runter zu schalten auf der verzweifelten Suche nach etwas Niveauvollem.

UND diesmal haben sie wirklich etwas verpaßt. Das Konzert war einfach brillant! Die beiden Cello Konzerte so schön, vor allem das Zweite gefiel mir sehr gut. Der Anfang riß mich richtig mit und Beate Altenburg spielte mit soviel Gefühl, daß es sich wirklich auf mich übertrug - einfach wunderschön. Auch der leise Teil der Bläser zwischendrin, der so ein bißchen mittelalterlich klang, war atemberaubend schön.

Anhaltisches Theater DessauIch bin schon sehr neugierig auf die CD, wie wohl die anderen drei Konzerte sein werden. Ich hoffe, es dauert nicht so lange, bis wir sie endlich bekommen können. Das ist wirklich etwas Einmaliges. Wenn ich die beiden Herren bei der Konzerteinführung richtig verstanden habe, wäre das die erste Aufnahme davon und überhaupt zum ersten Mal gespielt im Anhaltischem Theater in Dessau.

 

Das Theater wird immer interessanter für mich. Erst die wunderschönen Operninszenierungen von Johannes Felsenstein und jetzt die extravaganten Konzerte von Golo Berg. Wenn ich so das Programmheft für die nächste Spielzeit durchblättere, sind wieder viele interessante Sachen dabei. Schade, daß ich morgen nicht zur Vorstellung des Programms der neuen Konzertsaison kommen kann. Das hätte ich mir wirklich gern mal angesehen und ein paar Fragen an Herrn Berg gestellt. Aber ich bin morgen schon wieder auf dem Weg nach Braunschweig zur Classix Festival Eröffnung. Uli hatte von PwC, ihrer Firma, Karten dazu angeboten bekommen. Die sind einer der  Hauptsponsoren des Festivals. Na und da kann Frau doch nun wirklich schlecht 'nein' zu sagen - oder? Das wird auch sehr interessant, die Münchner Philharmoniker unter Christian Thielemann mit Beethovens Violinenkonzert und Strauß' Alpensinfonie.

Und für das Abschlußkonzert haben wir ebenfalls Karten. Das wird noch besser - einer meiner Lieblingsdirigenten: Krzysztof Penderecki dirigiert sein Orchester, die Polnische Nationalharmonie Warschau, zu Beethovens 5. Sinfonie und zwei seiner eigenen Stücke, "De profundis" und "Polymorphia" für 48 Streicher. Das wird sehr interessant, vor allem das Letztere.

 

Friedrich Kuhlau (Quelle: Programm des Anhaltischen Theaters) - fk.jpgBegonnen hat Golo Berg mit Friedrich Kuhlau, dann kamen die beiden hervorragenden Cello Konzerte und nach der Pause Carl Nielsens Sinfonie Nr. 4 "Das Unauslöschliche" - und diese Sinfonie ist wirklich unauslöschlich.

Ich habe alle drei Sachen noch nie gehört und bin begeistert.

Auch habe ich nicht gewußt, daß Herbert Blomstedt, der in diesem Jahr seine letzte Spielzeit im Leipziger Gewandhaus beendet, sich so sehr für die Musik des Dänens Carl Nielsen einsetzt. Ronald Müller hat dies im Dessauer Programm erwähnt, aber ich habe noch nie im Konzertprogramm des Leipziger Gewandhauses Carl Nielsen entdeckt. Kann natürlich sein, daß ich das immer übersehen habe - sehr schade. Das hätte sich wirklich gelohnt und wäre eine Bereicherung für mich gewesen.

Und wieso keine Rücksicht auf Schönklang? Also für mich klang das sehr schön und eigentlich auch harmonisch. Da kann ich überhaupt nicht verstehen, daß sein finnischer Altersgenosse Jean Sibelius, wie Ronald Müller schreibt, sich mehr durchsetzte. Vor allem das Statement von Alfred Beaujean: Carl Nielsen (Quelle: Programm des Anhaltischen Theaters) - cn.jpg"Anders als sein großer skandinavischer Zeitgenosse Jean Sibelius, dessen introvertierte, eher grüblerische Kunst die Weite der finnischen Landschaft zu spiegeln scheint, war der Sinfoniker Nielsen ein extrovertierter, vitaler Musiker. Er läßt sich als eine kraftvolle Natur beschreiben, deren extensive Harmonik gelegentlich an die Grenzen der Tonalität stößt und die simple melodische Bildungen zu Ausgangspunkten komplizierter polyphoner und rhythmischer Umformungen macht."**

.... ist interessant. Soviel intellektuellen Text muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, was manche da so alles heraus hören - wow! - Also ich höre da einfach nur zu und finde es schön ;-) 

Es ist sowieso merkwürdig, daß manche Musik dauernd gespielt wird und Andere einfach in Vergessenheit geraten ist. Für mich als Leihe auf diesem Gebiet völlig unverständlich. Das Unbekannte, was hier und da ausgegraben wird, steht dem so Bekannten für meine Begriffe nicht im Geringsten nach. Ein Beispiel dafür ist auch Ferdinand Ries. Von dem hatte ich noch nie etwas gehört, bevor der uns von den Händelfestspielen in Halle bekannte Dirigent Uwe Grodd zusammen mit dem Pianisten Christopher Hinterhuber und dem New Zealand Symphony Orchestra so wunderschöne Aufnahmen für NAXOS machte. Darum auch Hochachtung und vielen Dank an Beate Altenburg, die diese hübschen Cello Stücke von Franz Xaver Neruda wieder ausgegraben hat und an das Dessauer Team, das uns die Möglichkeit gab diesen zuhören zu dürfen. Ich hoffe, wir bekommen noch mehr dieser "Unbekannten" Meisterwerke hier und da zu hören.

 

Anhaltische Philharmonie/ Golo Berg (Quelle: Programm der neuen Spielzeit -  Anhaltisches Theater Dessau) - orch.jpgWieder zu Nielsen, der sich anscheinend ganz schön schwer tat mit seinem "neuen, großem Orchesterwerk", welches "eine Art Sinfonie in einem Satz" sein und "alles, was man fühlt und denkt schildern und unter dem Begriff, den wir das Leben oder noch besser 'Leben' in seiner eigentlichsten Bedeutung bezeichnen"** sollte.

Ein Weiteres, sehr zum Denken anregendes Zitat aus Ronald Müllers Programmheft will ich hier auch noch übernehmen:

"... das Nationalgefühl ... " ist "... zu einer geistigen Syphilis geworden, welche die Gehirne aufgefressen hat und in blödsinnigem Hass aus den leeren Augenhöhlen grinst".

Das hat Nielsen eigentlich auf den 1. Weltkrieg bezogen und ich frage mich, warum mich das doch so sehr an die Situation heute in den USA erinnert, mit ihrem Ölkrieg im Irak und dem Enthusiasmus ihre "Demokratie" allen anderen aufzuzwingen.

Mit Pauken und Trompeten!, wohin soll uns das noch bringen - und das hat wohl auch Carl Nielsen gedacht und in seine Sinfonie zwei Pauken eingebaut, die sich abwechselnd zu behaupten versuchten - hin und her, ein richtiger Krieg, einmal rechts, einmal links und dazwischen ließ Golo Berg das Orchester in einer wunderbaren Lautstärke durch den Saal donnern. "Das war brillant, Herr Berg und liebe Anhaltische Philharmonie, und hat mich so wunderbar in den Sitz gedrückt - ein Hochgenuß!"

Ronald Müller hat die Sinfonie so erstklassig in seinem Programm beschrieben, daß ich das hier am Liebsten abschreiben möchte - aber da ist Frau doch wieder so richtig froh einen Scanner zu besitzen. Somit für Euch hier den Text aus dem Programm des Anhaltischem Theaters zur Sinfonie Nr. 4 von Carl Nielsen. "Lieber Herr Müller, ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, daß ich den kleinen Teil Ihres Textes hier einfach mal von Ihnen klaue. Das haben sie wirklich toll beschrieben!"

 

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Ja, das war wieder ein sehr gelungener Abend und ich schwärmte noch die ganze Rückfahrt nach Halle davon. Somit vielen Dank der Anhaltischen Philharmonie für diese erstklassige Performance und ich freue mich auf die nächsten 4 Jahre mit Golo Berg in Dessau.

 

 

Eure Jana

 

 

 

... Vorwort Golo Bergs zur nächsten Spielzeit 2005/2006 aus dem Spielzeitprogramm für 2005/2006 :-)

 

 

 

 

 

 

*aus dem Programm der Uraufführung abgedruckt im Programmheft des Anhaltischen Theaters zum 7. Sinfoniekonzert 2005.

** aus dem Programmheft des Anhaltischen Theaters zum 7. Sinfoniekonzert 2005

Orchesterfotos: Claudia Heysel