... Eppur, si muove! ... und sie bewegt sich doch!

 

Programm zum StückEs freute mich überaus, daß sie endlich mal Bertholt Brechts "Galileo Galilei" in meiner Nähe auf die Bühne brachten. Diesmal 20 min von Halle weg, im historischen Goethe Theater in Bad Lauchstädt. Ein hübsches, kleines und historisch wertvolles Theater, wo sich ein Besuch immer lohnt. Schon die Idee, daß der alte Geheimrat vor langer Zeit seine überaus bedeutenden Schritte zum Zuschauersaal lenkte und auf den harten, ungemütlichen Holzbänken Platz nahm, erfreute mein Gemüt und ließ das Theater sofort in eine bedeutendere Perspektive rücken. 

Diesmal nahmen wir, ein paar hundert Jahre später, ebenfalls auf den harten, ungemütlichen Plätzen platz und freuten uns auf die Brechtsche Interpretation der Lebensgeschichte des Galileo.

Bertholt Brecht ist ein Genie und "Das Leben des Galileo" ein wunderbarer Abriss zum Leben Galileos mit netten kleinen Seitenhieben an die Gesellschaft und Kirche. Genau nach meinem Geschmack also. 

Brecht dachte brillant und Brecht schrieb brillant, darüber gibt es keinen Zweifel. Ob "Das Leben das Galileo" nun eines seiner größten Meisterwerke ist, steht noch in Frage, aber auf alle Fälle ist es lohnenswert es sich anzusehen.

Aus diesem Grund hat es mich schon ein wenig gewundert, daß der Saal diesmal nur halbvoll war, was im Goethe-Theater in meiner Anwesenheit eigentlich noch nie vorkam - im Gegenteil, meist hatte ich Schwierigkeiten überhaupt Karten zu bekommen.

Diesmal hatte ich einen guten Platz in der 7. Reihe und einen hervorragenden Blick auf die Bühne.

Der erste Eindruck des Bühnenbildes war eigentlich gut. Die Reihe alter Bücher am Bühnenrand gefiel mir sehr gut und der Rest passte zum "ärmlichen Studierzimmer des Galilei in Padua".*

Wolfgang Winkler als Galileo Galilei und Peter Dulke als Andrea tauchten kurz nach der Einführung von Leon Funke auf der spartanischen Bühne auf. Leon Funkes T-Shirt mit der blauen Erde war übrigens ein netter Link zum gespielten Stück. Sonst fand ich die Kostüme nicht passend. Für mich war das wieder zu modern. Dieses Bühnenbild und diese Kostüme mögen zwar Brechtkonform sein, aber durch diese moderne Darstellung konnte ich mich einfach nicht in die alte Zeit und somit in Galileos Geschichte hineinversetzen. Es wirkte einfach auf mich nicht so drastisch, wie es eigentlich hätte wirken sollen. Galileos damalige Sorgen, Nöte und dementsprechende Handlungsweisen passten also nicht so recht in das heutige Bild - allerdings, wenn man komplett umdenkt und das aus Brechtscher Perspektive und somit zeitkritisch sieht, könnte man das Geschehen ziemlich gut in die heutige Zeit adaptieren. Was aber leider in dieser Inszenierung nicht so richtig rüber kam. Allerdings muß ich sagen, das Gastspiel des "Klassik am Meer e.V." erzählte die Geschichte trotzdem sehr gut und zumindest im ersten Teil wurde es auch nicht langweilig. Sonst bin ich allerdings von unserem "neuen theater" eine bessere schauspielerische und szenische Qualität gewohnt. Ganz schön verwöhnt also.

Was mir auch nicht gefiel waren die Mikrofone am Bühnenrand. Normalerweise ist das bei einem Schauspiel im Theater nicht üblich Mikrofone zu benutzen. Es schien auch so, als kämen die Schauspieler nicht besonders gut damit klar, denn die Lautstärke schwankte, je nachdem in welche Richtung sie gerade sprachen. Ich meinBad Lauchstädt - September 2006e, die Schauspieler wären sicherlich auch ohne Verstärkung ausgekommen und die Akustik im Goethetheater ist ebenfalls nicht so schlecht. Sie sprachen eigentlich hervorragend.

 

Galileo Galilei ist eine sehr interessante und bedeutende Figur der Wissenschaft und Geschichte und es ist unglaublich, welch bahnbrechende Entdeckungen er zu verzeichnen hat und es erschüttert mich, daß ich bis dato viel zu wenig über ihn wusste. Mein schulisches Wissen bezüglich dieses interessanten Stoffes war leider total in die Abgeschiedenheit versackt, aber Dank Brechts Stück, habe ich es nach und nach und mit Hilfe des Internets wieder ans Tageslicht befördert und dieser Mann beeindruckt mich mehr den je.

Es ist gut das Leben des Galileo zu kennen, bevor man sich dieses Stück ansieht, aber es ist nicht nötig. Bertholt Brecht beschreibt dies in seiner Geschichte sehr gut und einfach verständlich. Das Einzige, worüber ich bei seiner Story gestolpert bin, ist dieser Cosmo de Medici, der mir aus der Medici Dynastie überhaupt nicht bekannt ist. Oder ist Cosmo = Cosimo? Das wäre zwar verwirrend, aber passt halbwegs zusammen. Cosimo II. war ein Befürworter Galileos, auch wenn er sonst nicht viel für Wissenschaft übrig hatte - hmmm - dichterische Freiheit also? Oder Unwissen meinerseits? Gut, ich denke, er meint mit Cosmo de Medici Cosimo den II, stellt ihn aber in seinem Stück nicht gerade sehr gut im Rampenlicht dar. Oder war das jetzt nur die Interpretation dieser Variante? Ich persönlich halte jedenfalls sehr viel von den Medici und ihres eigentlich fortschrittlichen Handelns und verstehe nicht, wieso Brecht das in diesem Stück so untergräbt und was er damit sagen will. .... nein, passt aber trotzdem alles nicht, denn Cosimo der II. wurde nicht schon mit 9 Großherzog, sondern erst mit 19, als sein Vater Ferdinand I. starb. Also doch dichterische Freiheit.... hmmm ... um uns denn nun WAS deutlich zu machen? Naja, jedenfalls holte Cosimo II Galileo wieder von der Universität Padua nach Florenz zurück und Galileo benannte seine neu entdeckten Satelliten des Jupiter demnach "mediceische SteBad Lauchstädt - September 2006rne" (heute Galileischen Monde) und das passt jetzt wieder irgendwie zu Brechts Bühnenstück. ...... Aber Moment, nachdem Cosimo II. starb, folgte ihm Ferdinand II auf den Thron und der war erst 10 Jahre alt, als er das tat - da haben wir also die Connection. Brecht hat einfach nur beide Personen zusammengeschmissen und Cosmo getauft. Oder doch nicht? Nein, Brecht meinte mit Cosmo nicht Cosimo II sondern seinen schwulen Sohn Ferdinand II, der zwar nicht wirklich mit 10 an die Macht kam, sondern mit 17, der aber gut in den Verlauf und Handlungsweise der Brechtschen Galileo Story hineinpasste. Nein, ich glaube ich bin immer noch verwirrt und lasse das Suchen nach geschichtlichen Verbindungen. Wahrscheinlich ist das doch alles nur dichterische Freiheit und somit weiter im Text.

Galileo Galilei entdeckte also die Satelliten des Jupiter mit Hilfe einer geklauten Idee eines Fernglases und zeichnete bzw. bildete die Mondkrater in seiner 1610 erschienenen Publikation "Sidereus Nuncius" ab. Er war überzeugt vom Kopernikanischen System und daß sich die Erde doch bewegt, was die Kirche damals allerdings auch sehr bewegte und überhaupt nicht behagte. Ach, was heißt hier damals, Galilei wird eigentlich erst 1992 durch Papst Johannes Paul II. rehabilitiert - naja, ein Weilchen hat's gedauert.

 

Brecht beginnt in Galileos Studierstube und läßt ihn durch die Erklärungen an seinen "Schüler" oder "unehelichen Sohn" die verschiedenen Sichtweisen, die ein Mensch haben kann, verdeutlichen. Was dreht sich um was oder Verstehen durch Toleranz. Aha - verschiedene Sichtweisen? Was dreht sich um was? Man kann Dinge von verschiedenen Punkten aus betrachten und kommt somit auch zu verschiedenen Ergebnissen. Die Kunst ist eigentlich alles von jeder Sichtweise aus zu betrachten und wenn Bad Lauchstädt - Goethe Theater - September 2006 man das aus seiner Unwissenheit heraus nicht kann, sollte man sich Meinungen Anderer einholen. Am besten Meinungen von Personen, die die andere Sichtweise bevorzugen. Suchen wir also die Konfrontation - oder besser: suchen wir die Zusammenarbeit, die friedliche Zusammenarbeit. Beispiele dafür gibt es on mass, ob in der Weltpolitik, oder einfach nur in den eigenen vier Wänden, oder in der Meinung Mancher über das Spiel des Bauens einer privaten Website wie dieser hier. Da erlebt man wirklich interessante Begebenheiten die ihren Lauf nehmen und man stellt fest, das es schon arge schizophrene Denkweisen gibt und ist sehr erstaunt darüber, aber letztendlich froh, daß es immer eine Gelegenheit gibt diese merkwürdige Sichtweisen über die Dinge richtig zu stellen. Trotzdem fragt man sich, was solche Angst macht, daß es solche Reaktionen gibt.  Also Feigheit vor dem Feind würde ich ja verstehen, aber Feigheit vor dem Freund? ----

 

Galileo war allerdings nur feige vor dem Feind. Der hatte schon richtig sondiert, wer für ihn Feind und wer Freund war. Da mußten halt die Ideale drunter leiden, aber eigentlich mit Recht, warum soll er in so einem hohen Alter noch um Ideale kämpfen? ER wusste, was die Wahrheit war, warum solle er sie der dummen Menschheit, die sie überhaupt noch nicht hören wollte aufzwingen und darüber zu Gunde gehen? Nein, das war es nicht Wert. Dann doch lieber einen ruhigen Lebensabend genießen und denken .... "und sie bewegt sich doch...".

Warum der dummen Menschheit also helfen? Das Volk, damals wie jetzt, läuft nur den Schlagzeilen hinterher. Niemand denkt ernsthaft darüber nach. Sie brauchen Action und Katastrophen anderer um sich gut und zufrieden zu fühlen in ihrer eigenen Haut. Umso schlechter es den anderen geht, umso besser geht es mir. Wen interessieren da verschiedenen Sichtweisen und Diplomatie zur Adaption und Übereinkunft? - niemanden.

"Du siehst! Was siehst Du? Du siehst gar nichts. Du glotzt nur. Glotzen ist nicht sehen."** Glotzen ist nicht denken, glotzen ist dumm. Gebt Euch mehr Mühe zum Sehen und Euren GedankeBad Lauchstädt - Goethe Theater - September 2006n die Chance zum Denken -- zum vernünftigen Denken, und nicht zum Nachdenken, wer jetzt welcher Superstar wird und mit wem er dann ins Bett geht. Das ist der Menschheit nicht würdig! Das beschämt sie!

Nehmt Euch ein Beispiel an Galileo und nicht an dem hässlichen Mädchen, welches "verliebt in Berlin" ist. Das ist eine Phantasiewelt und bringt die Menschheit nicht weiter, im Gegenteil, sie macht sie dumm und dümmer. Beschäftigt Euch nicht mit Schein und Show, beschäftigt Euch mit der Realität und dem realen Sehen! Taucht nicht ab in "unendlichen Weiten", lebt im hier uns jetzt und macht Euch Gedanken um die Zukunft. Innovation und Entwicklung und nicht Stumpfsinn und Stillstand. Sehen und nicht Glotzen!

 

Brecht ist einfach brillant. Jeder Satz in diesem Buch ist brillant. Wer es noch nicht gelesen hat, sollte dies schleunigst tun. Es verbergen sich so viele Wahrheiten darin.

 

"Wir haben die Verantwortung für den Sinn solcher Vorgänge (das Leben besteht daraus), die wir nicht begreifen können, einem höheren Wesen zugeschoben, davon gesprochen, daß mit derlei gewisse Absichten verfolgt werden, daß dies alles einem großen Plan zufolge geschieht. Nicht als ob dadurch absolute Beruhigung eingetreten wäre, aber jetzt beschuldigen Sie dieses höchste Wesen, es sei sich im unklaren darüber, wie die Welt der Gestirne sich bewegt, worüber Sie sich im Klaren sind. Ist das weise?"*** Oops - tja und da haben wir das Dilemma. Da ist wieder einer, der nicht konform ist. So ein Verrückter. Den muß man sofort zum Schweigen bringen, sonst bringt er das ganze schöne Weltbild durcheinander - nein, nicht, daß das jemals das dumme Volk interessieren würde... naja......, aber vielleicht gibt es ja doch den einen oder anderen, der darüber stolpert und dann verbreitet sich die Bad Lauchstädt - Goethe Theater - September 2006 Sache und wird gefährlich. Stellt Euch mal vor, Galileo hätte damals schon das Internet als Kommunikationsmedium gehabt - interessant was? Da hätten sie gar nicht geschafft so schnell eine Zensur drauf zu legen und die Entwicklung der Menschheit wäre jetzt wohl schon um einiges weiter als sie es im Moment ist. Allerdings würde dann jetzt wahrscheinlich das Internet vollkommen der Macht der großen Medienkonzerne unterliegen und nur noch als kontrollierte Werbeplattform fungieren. Die privaten Seiten wären verschwunden, aus Angst vor irgendwelchen Urheber- und Persönlichkeitsrechtsverletzungen, weil ja ein Normalsterblicher z.Z. bei unseren Gesetzgebungen überhaupt gar nicht mehr so recht durchblickt, -- und die Menschheit müßte sich ein neues freies, intelligentes Kommunikationsmedium suchen.

Es wäre wirklich schade, wenn die Sache mit den Urheberrechten für die kleinen Privaten solch unkontrollierbare Auswirkungen annehmen würde und nicht mehr überschaubar wäre. Sie würde deren Kreativität und Kommunikationsfreiheit einengen  und sie würde die Kreativität und offene Kommunikation im Internet töten.

Also sind wir mal froh, daß es dann doch nicht so war und wir jetzt noch nicht ganz soweit sind. --- Es würde mich mit tiefer Trauer treffen, zu sehen, daß es nicht mehr lange dauern wird und auch das Internet verkommt zu einem primitiven und "beschnittenen" Werbemedium, wie Fernsehen und Radio.

Betreiber von privaten Websites würden nach und nach verschwinden aus Angst vor Klagen und das sie irgendjemanden in irgendeiner Weise auf die Füße treten könnten. Entwicklung, Kreativität und Innovation würden dadurch zurückgedrängt werden. Wir würden in nicht allzu ferner Zukunft enden wie in der deprimierenden Zukunftsvision von "Max Headroom" .... falls jemand von Euch diesen Film kennen sollte.

 

Eigentlich war die Freiwilligkeit und der Spaß an der Sache selbst immer die treibende Kraft, die Entwicklung, Kreativität und Innovation voranbringt. Der kindliche Spieltrieb der Menschheit ohne Angst die Existenz zu verlieren bringt in friedlichen Zeiten den Fortschritt. Ich hoffe sehr, daß das jetzt nicht vorbei ist, da nun die Werbe- und Wirtschaftswelt das Internet als ihr Medium entdeckt hat und denkt dieses jetzt diesbezüglich überwachen zu müssen. DAS wird nicht das gewünschte Ergebnis bringen, nein, das wird konträre Auswirkungen haben.

ABER! was mich in den letzten Tagen sehr freute, es gibt immer noch Menschen, die zum Dialog bereit sind und nicht stur auf ihr kompliziertes und unüberschaubares Recht pochen. "Reach out" ist eine sehr gute Entwicklung und hervorragende Denkweise, denn DIE ist für beide Seiten von Vorteil und erstrebenswert, DIE bringt Interessantes zusammen, erschafft Kommunikation und bringt "Unrechtes" wieder auf die richtige Bahn zurück. Vielen Dank an alle Beteiligten für diese Hoffnung auf eine gute Internetzukunft. Das beruhigt meine Gedanken auf deprimierende Zukunftsaussichten um Einiges.

 

"Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein."****

 

 

Eure Jana

 

 

ps. Naja, eigentlich gibt es viel mehr über Brechts Galileo Galilei zu sagen, aber im Moment ist meine Zeit durch meine Diplomarbeit etwas knapp bemessen. So muß ich es heute hierbei belassen, aber verspreche: Beim nächsten Mal gibt's mehr.

 

 

 

 

*aus Bertholt Brechts "Das Leben des Galilei"; Die Stücke von Bertholt Brecht in einem Band, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1989 bis 1997, S. 493

**aus Bertholt Brechts "Das Leben des Galilei"; Die Stücke von Bertholt Brecht in einem Band, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1989 bis 1997, S. 494

***aus Bertholt Brechts "Das Leben des Galilei"; Die Stücke von Bertholt Brecht in einem Band, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1989 bis 1997, S. 515

**** aus Bertholt Brechts "Das Leben des Galilei"; Die Stücke von Bertholt Brecht in einem Band, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1989 bis 1997, S. 519