Jazzkonzert im Theaterfoyer im Anhaltischen Theater Dessau

 

Das Friedhelm Schönfeld & Jazzwerkstatt Orchester.

 

Jazz ist ja bekanntlich sehr vielseitig und wird in verschiedensten Besetzungen gespielt. Immer gibt es dabei Variationen, wo ein aufgegriffenes Thema bearbeitet und interpretiert wird. Es kommt dabei vor, dass ich als Zuhörer den Faden vollkommen verliere und dann nicht mehr so recht weiß, was da eigentlich abgeht. Ich schiebe das dann auf meine Unkenntnis und mein mangelndes Musikverständnis bzw. die mir fehlende Reife, das ganze zu verstehen.  

Doch dann gibt es das Friedhelm Schönfeld & Jazzwerkstatt Orchester. Liest man die Kurzbiografien der Musiker im Programmheft weiß man natürlich, dass man es mit hochkarätigen Leuten zu tun hat. 

Doch was sich dann bereits nach den ersten Tönen zeigt, ist sensationell. Es beginnt ein Feuerwerk der Töne. Das Thema wird Friedhelm Schönfeld & Jazzwerkstatt Orchester - Kurt Weill Fest Dessau 2009bis zur Unkenntlichkeit zerlegt, wandert hin und her von einem Instrument zum anderen, wobei hier eine völlige Gleichberechtigung zwischen den Beteiligten herrscht. Es wird auseinander gezogen (auch Bach tat das) und die thematypischen Harmonien werden in glänzender Virtuosität von den Musikern variiert. Dabei legen diese eine Geschwindigkeit zu Tage, die einem die Nackenhaare zu Berge stehen lässt. Und jeder Ton passt.  

Dabei ist die Formation nicht im eigentlichen Sinne zusammen gewachsen, sie wurde eigens für das Jubiläumskonzert zu Friedhelm Schönfelds 70. Geburtstag und  51. Bühnenjubiläum am 13.Mai 2008 in Berlin aus Wegbegleitern gegründet.  

Jörg Straßburger * ist freiberuflicher Pianist. Anfangs konnte man ihn nur wahrnehmen, wenn man genau die Ohren spitzte und versuchte, ihn raus zu hören. Natürlich hat sein Instrument die ganze Zeit zum fulminanten und fetten Sound beigetragen, doch was kann ein Klavier gegen drei Saxophone, zwei Blechbläser, einen Bass und ein Schlagzeug schon ausrichten. Erst zum Schlussstück hatte er Gelegenheit, sein ganzes Können zu präsentieren, was er auch tat! Die Töne waren teilweise als einzelne gar nicht wahrnehmbar, so schnell ging es mitunter, das Thema lebte unter seinen Fingern. 

Das Schlagzeug wurde von Stephan Genze * bedient, einem der gefragtesten der Jazzszene, der auch als Dozent an den verschiedensten Einrichtungen tätig ist. Obwohl Friedhelm Schönfeld immer der Leiter war und das Ensemble führte, gibt doch der Drummer den Takt an. Man hört ihn mehr als dass man ihn sieht hinter seinen Töpfen und hat deshalb auch kaum Gelegenheit, sich sein Gesicht einzuprägen. Er legte einen Teppich mit vielen brillanten bunten Mustern, die teilweise verschwammen, dann wieder scharfe Konturen annahmen, sich jedoch niemals verloren und immer die Spannung hielten. Die Axinia Schönfeld - Kurt Weill Fest Dessau 2009anderen Musiker hatten so die Räume, wo sie ihre Beiträge abstellen konnten und dabei noch mindestens drei Dimensionen zur Verfügung. 

Zum Beispiel der Bassist Gerhard Kubach *, der in zahlreichen Ensembles, unter anderem auch im Friedhelm Schönfeld - Trio mitspielt. Mal zupft er Jazz - typisch sein  Instrument, dann streicht er es und man wundert sich, wo dieser tiefe satte Ton herkommt, wo doch die Bläser grad alle Pause machen. Er spielt den Bass dann auch mal als Gitarre oder Harfe, wenn ich das richtig gesehen hatte und immer passte alles. Es war nicht das typische dum dum dum dum, schön, dass es da ist. Das war ein lebendiger Bass, der auch in der Lage war, alles zu beherrschen, der selbst Farbe brachte und nicht nur die strahlenden Bläser unterstützt. 

Ach ja die Bläser. Und wie die strahlten. Es musste einem kalt den Rücken runter laufen. 

Konrad Körner, bis 2008 Professor und Rektor der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, Gründer des Landesjugendjazzorchester Brandenburg, tätig auch in anderen Orchestern und unter anderem bei Panta Rhei, spielt Tenorsaxophon, Klarinette und Flöte. Er wechselt die Instrumente und spielt alle mit der selben Perfektion. Ähnliche Instrumente wie er spielte auch Friedhelm Schönfeld *, nämlich Altsaxophon, Tenorsaxophon, Klarinette und Flöte. Er gründete das Schönfeld Trio, war Musikdramaturg im Theater im Palast der Republik, ist 1983 nach Kanada emigriert, weil seine Frau Gipsy boykottiert wurde. Hört man diese Leute, dann weiß man, sie spielen nicht etwas, was mal aufgeschrieben wurde und nun runter gespielt werden muss. Die Musik lebt durch sie und wird jedes Mal neu geschaffen. Übrigens hab ich kaum jemand mal umblättern gesehen, bei der Fülle an Tönen kaum zu glauben. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob man sowas überhaupt wirklich 1 zu 1 aufschreiben kann. Das Notenbild muss unglaublich chaotisch wirken und wäre wahrscheinlich schwerer zu lesen als Chinesisch für einen Europäer. Ich vermute, solche exzellente Profis können enorm viel im Kopf behalten und geben sich nur bestimmte Richtlinien vor, mal mehr streng und mal mehr frei improvisierbar, und die verwirklichen sie mehr oder weniger aus dem Bauch (ich hab mal gelernt beim Instrumente blasen muss man Bauchatmung durchführen) heraus. Das ist allerdings genauso unglaublich, zumal alles perfekt zueinander passt und nichts Unkontrolliertes passiert ist.  

Friedhelm Schönfeld & Jazzwerkstatt Orchester - Kurt Weill Fest Dessau 2009Lew Spighel *, Trompete, kam in den 1970ern aus der Ukraine, und hat seitdem einen Namen in der Jazzszene. Er hat Tonhöhen erreicht, von denen ich nicht wusste, dass die überhaupt mit dem Instrument möglich sind. Dabei erzeugt er verschiedenste Klangfarben, mal unerhört schnell, mal langsam, mal mit Dämpfer, mal mit hinten angehaltener Tasse. Alles immer gefühlvoll, einfach unglaublich.  

Das gleiche gilt für die Posaune, gespielt von Simon Harrer *, freischaffender Solist, zu Hause in Bigbandmusik, Studiomusik, Swing und anderem mehr. Ebenfalls total erstaunlich, welche tiefen runden Töne aus seinem meiner Ansicht nach recht kleinen Instrument heraus kamen. Natürlich das gleiche atemberaubende Tempo, die selbe Virtuosität wie bei allen anderen auch. 

Rolf von Nordenskjöld *, Baritonsaxophon, Basssaxophon, Bassklarinette, Altflöte, Leiter verschiedener Bigbands, Komponist und Arrangeur, brachte allerdings noch etwas tiefere Töne zu Gehör. Man staunt nicht schlecht, wenn er fast schon zum Ende sein Basssaxophon hervorholt, das einfach geniale Töne macht und in dessen Trichter gut und gerne eine Herde Zwergpudel wohnen könnte. 

Tiefes Saxophon und Posaune begannen in mehreren Stücken, sich gegenseitig übertrumpfend, einen Wettstreit, in den dann die anderen Instrumente mit einstiegen und der sich fast bis zur Explosion steigerte. Das Feuerwerk zuvor am Dessauer Himmel war dagegen ein höchstens lauwarmer koffeinfreier Kinderkaffee. Das war vom Allerfeinsten. 

Friedhelm Schönfeld - Kurt Weill Fest Dessau 2009Das Unglaubliche Können dieser Leute kann sich natürlich nur voll entfalten, wenn die Musik, die sie spielen, das hergibt. Und das tat sie. Größtenteils Kompositionen von Kurt Weill, die Friedhelm Schönfeld für sich anpasste und in zwei Medleys packte. Die Anpassung bringt dann gleichmal Sambaklänge mit ins Spiel, einen Dixieland (wobei für mich eigentlich ein großer Teil der Musik nach Dixie klang), damit es nicht langweilig wird, und auch ruhige Töne gibt es, fein eindosiert. Das Umschreiben der Stücke auf diese Instrumentierung in solcher genialer Weise ist für sich schon ein absolutes Meisterstück. Natürlich muss die ursprüngliche Musik das hergeben, und es spricht sehr für den großen Meister Weill, das man seine Musik so vielfältig verarbeiten kann, wie mir Herr Schönfeld sinngemäß persönlich bestätigte, als ich im Anschluss einige Worte mit ihm wechseln durfte. 

Als Gast konnten wir noch Axinia Schönfeld *, Tochter von Gipsy und Friedhelm Schönfeld, hören. Beide Schönfelds waren schon bei der Eröffnungsveranstaltung fürs Kurt-Weill-Fest am selben Ort zu hören. Sie begleitete sich selbst am Klavier und F. Schönfeld sie mit Querflöte bzw. Saxophon. Da waren leise chanson - artige Töne zu hören, sehr angenehm. Mit der vollen Besetzung sang sie unter anderem Mack The Knife, wobei ihre Stimme Gelegenheit bekam, etwas aufzudrehen und sich von einer ganz anderen Seite zu zeigen. Besonders glücklich konnten wir uns schätzen, als Zuschauer eine Zugabe erkämpft zu haben. Denn da spielte sie mit ihrem Vater gemeinsam eine Eigenkomposition, die einfach hervorragend war. Es war wieder ein nachdenklicher Song, perfekt auf sie selbst zugeschnitten, bei der sie nochmals ihr ganzes Stimmspektrum ausschöpfen konnte. Als dazu noch draußen der Regen fiel, der offensichtlich von ihrer Musik ergriffen war, war man vollkommen in eine andere Welt abgetaucht. 

Die einzigen Dinge, die an diesem Abend nicht so ganz passten, waren erstens der Spielort und zweitens der entsetzliche Rotwein. 

  

Trotzdem, ich kann nur sagen: Ein äußerst gelungenes Konzert, das Maßstäbe setzt. 

 

Thomas

 

 

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*Biographische Details sind entnommen aus dem Programmheft des Kurt Weill Festes 2009