Wolframs Geschichte über den Heiligen Gral 

 oder

Richard Wagners religiöse Impressionen

 

Da sitze ich hier nun herrlich in der Sonne am Teich, die neuen Fischlein erkunden ihr Terrain , ich höre den wunderbaren Brahms in einer hervorragenden Interpretation von Claudio Abbado (der im Übrigen das Mahler ChamberParsifal - Richard Wagner - Anhaltisches Theater Dessau 2008 Orchestra - siehe Kurt Weill Fest 2008 - gegründet hat) und schreibe über Wagner. Das ist ja fast so, wie Jeschute am Fluss, bevor der naive Parsifal sie ins Ärgernis stürzte. Nur dass sie wahrscheinlich nicht so gute Backgroundmusik hatte. 

Mit Wagner bin ich da nicht ganz so zurechtgekommen, allerdings muss ich dazu sagen, dass der Dessauer Parsifal mein erster wagnischer Parsifal war und ich die Synopsis nicht kenne. Deshalb habe ich auch sehr bedauert, dass es keine im Programmheft gab. Naja, wahrscheinlich wurde vorausgesetzt, dass jeder die Story kennt und man beschränkte sich lieber auf anderweitige interpretorische Ergüsse. Natürlich waren die auch nicht ganz uninteressant, aber ich brauchte diesmal den kurzen Abriss um mit Eschenbachs Parzival vergleichen zu können. Nun ja, somit weiß ich also nicht, ob das die Felsenstein Interpretation von Eschenbachs Parzival war oder die Felsensteinsche Interpretation von Wagners Interpretation zu Eschenbachs Parzival. Oder ob das ganze überhaupt nichts mit Eschenbach zu tun hat, sondern im weitesten Sinne eine Interpretation der Bibel war und da grübele ich nun doch streng vor mich hin, wo in der Bibel der "Heilige Gral" in diesem Wort erwähnt wurde, und ob die übertriebene Zelebrierung  des Abendmahls nun auf Felsensteins oder Wagners "Mist" (was für ein schändliches Wort) gewachsen war. Aber gut und egal, es war so oder so schon ein bisschen sehr weit her geholt. Jedenfalls die Stimmung, die in den Zuschauersaal hinüberschwappte war hervorragend und die Inszenierung, wenn man ein Abendmahl inszenieren möchte, war ebenfalls hervorragend, aber irgendwie passte es nicht so wirklich zu Eschenbachs Idee des Festzuges des Fischers in seiner Gralsburg. Hübsche Mädels und schöne Frauen deckten prunkvoll granatenen elfenbeinbefußten Tisch bevor des Fischers wunderschöne Königin eintrat und den Gral in den Saal trug. Tafeln wurden mit allerlei fremden und köstlichen Speisen gedeckt und Ritter tranken Wein, weiß und rot, so dass man glauben könnte: 

".... der Gral war das höchste Heil, 

der irdischen Süße voller Teil, 

dass man ihn fast vergleiche 

der Märe vom Himmelreiche....

.... Da fände der Mäßige und der Prasser

gleicherweise genug,

als man es auf die Tafel trug."*

Da gefiel mir die spartanisch Interpretation in Dessau mit Priesterin und Ritter mit trockenem Brot nicht wirklich gut. 

Aber wie gesagt, vielleicht war's Wagners Idee den ganzen Eschenbachschen Prunkt mit einem kargen Abendmahl zu Parsifal - Richard Wagner - Anhaltisches Theater Dessau 2008 vergleichen. Im Gegensatz zu dem hatte ich eher den Eindruck, dass Eschenbach uns sagen will "Der Gral bringt Fülle und Wohlstand" und nicht, wie in dieser Interpretation "seit gläubig und darbet." Allerdings hatte in beiden Erzählungen der Prunk auch einen Wehmutstropfen in Form des Fischers mit seiner Verletzung, die nicht heilen wollte und in beiden Fällen stellte Parzival nicht die Frage, der er stellen musste, damit der ganze Spuk ein Ende hat. 

Was ich ebenfalls an der Felstensteinschen Interpretation nicht verstand, was der Fischer in seinem Mumiengewandt. Ursprünglich trug er wegen seiner Krankheit, warme kostbare Pelze und war nicht von oben bis unten mit schmuddeligen Binden bewickelt. Auch sollte die Wunde nicht an den Rippen sein. Was hier wahrscheinlich wieder ein Bezug zu Jesus' Kreuzigung war. Hmmm... Abendmahl und Kreuzigung als Interpretation zu Eschenbachs' Parzival Märchen. Nein, ich glaube nicht wirklich, dass das zusammenpasst. Es ist zwar eine hübsche Idee, aber eigentlich denke ich, so als dummer Heide, die einzige Verbindung ist der Gral, aber wenn man es genau nimmt, waren die Gralsritter auch nur Gralsjäger - genau wie heutzutage. Das hat meiner Meinung nach nicht wirklich solch religiösen Touch, das ist einfach Schatzsuche. Was würden die Schatzsucher heutzutage dafür geben die Gralsburg zu finden, wie in Eschenbachs Geschichte der naive Parzival - auch zu Eschenbachs Zeiten, was hätte so mancher Ritter damals dafür gegeben die Burg mit ihrem Schatz zu finden um an Fülle und Wohlstand heranzukommen. Schatzsuchergeschichte jetzt, wie damals, eigentlich weniger mit Religiosität als mit Mystik verbunden. Auch wenn man heut gern so manche Selbstfindung dort hineininterpretieren möchte, was es eigentlich nur ein historischer Bestseller für ein damals aktuelles und gern gelesenes Thema und ich wette so manch Schatzsucher machte sich schon damals auf den Weg den Gral zu finden, wie eben auch die bunte Schar der Ritter der Tafelrunde. Parzival war laut Eschenbach eben so naiv, einfach und ohne weiteres Nachdenken in das Geschehen hineingetappt, wo andere Karten studieren und sich als Schatzsucher praktizieren wollen. 

Die Naivität des Protagonisten am Beginn der Parzivalgeschichte ward auch hier sehr schön dem Zuschauer nahegelegt und die Vogelgeschichte schwanenförmig brillant dargeboten. Richard Decker gefiel mir sehr gut als Parsifal und Ulf Paulsen brachte uns einen guten Amfortas bei - trotz Mumifizierung. 

Am Anfang war also die Naivität eines kleinen, dummen Jungen, der Ritter werden wollte und am Ende? Tja, was war eigentlich am Ende Herr Wagner? Ein Abendmahl mit "Füße waschen" und ein Happy Ende letztendlich? Amfortas wird gesund und Parsifal der nächste Gralshüter? Herr Eschenbach ließ seinen Parzival noch etliche Abenteuer bestehen, bis er wieder zurückkehrt zu Gralsburg und den Fischer befreit. Anfortas freut sich über Parzivals Rückkehr und die endlich gestellte Frage: "Oheim,... wie ist es Dir?"**, die ihm die Genesung bringt. Parzival ist weiser und sozusagen ein Mann geworden, durch seine vielen Erfahrungen, die er auf seinen Reisen sammelte. Wagner interpretiert alles ein bisschen anders, aber war im Großen und Ganzen sehr Bibelrelated, was schon ein bisschen komisch anheimeln ließ im roten Dessau, aber trotzdem auf alle Fälle sehenswert, mit einer meiner Meinung schon guten Interpretation und einer guten musikalischen Umsetzung des Maestro, so im Hintergrund der Bühne. Die Stimmen waren allesamt gut, da gab es nicht wirklich etwas zu meckern, vielleicht (wie schon des öfteren) das Verständnis des Gesungenen. Vielleicht sollte man doch Übertitel einblenden. Die Praxis fand ich eine gute Errungenschaft zur Oper "Minotaur" in London Covent Garden. Man konnte sehr gut mitlesen und hat somit dem Geschehen Parsifal - Richard Wagner - Anhaltisches Theater Dessau 2008 hervorragend folgen können.

"Was schön ist, ist auch wahr"*** -  Schön und wahr war das hervorragende Bühnenbild, was uns sehr trügerisch den Schein vormachte, wir befänden uns in einem Wald. Interessant war zu entdecken, das die Gralsburg immer präsent war, wir das nur mit unseren oberflächlichen Blicken nicht bemerkten, genauso wenig wie die Protagonisten dieser Aufführung. Brillant gemacht in meinen Augen!

Tja, nun wollte ich Euch hier soviel berichten und was mache ich, nur meckern, so das der Anschein entstünde, der Dessauer Parsifal wäre nicht gut - denkt bitte an die versteckte Burg im Walde, der Schein trügt.....

 

 

 

Eure Jana

 

 

 

*Wolfram von Eschenbach, Parzival; Reclams Universal-Bibliothek Nr. 18243; Gralsburg und Tafelrunde 238, S. 67

**Wolfram von Eschenbach, Parzival; Reclams Universal-Bibliothek Nr. 18243; Gralsburg und Tafelrunde 795, S. 154

*** Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis; aus dem Gedächtnis, keine Ahnung, wo das damals stand