Tja, was soll ich jetzt dazu sagen. Diesmal hat Herr Felsenstein, so auf seine letzten Dessauer Tage, Beethovens Fidelio für sein Theater ausgewählt. Ich hätte vermutet, er sucht sich etwas Extravaganteres aus für das letzte Jahr, aber vielleicht wollte er unbedingt noch eine Oper über Gefängnisse machen und der Fidelio ist ja schon ein gängiges Werk, weil auch einzige Oper von Beethoven. Ich vermute Beethoven wusste warum. Naja, ich so als einfacher und ungebildeter Zuhörer mag Beethoven sehr, wie die meisten, aber irgendwie gehört Fidelio nicht wirklich zu meinen Lieblingsopern. Sicherlich bin ich da nicht allein mit meiner Meinung, denn schon die Uraufführung "Leonore" am Theater an der Wien in Wien war nicht sehr erfolgreich. Beethoven musste das Werk mehrmals umschreiben und wie das so ist mit dem Umschreiben, wird das Ergebnis selten besser. Nein gut, Programm - Fidelio - Anhaltisches Theater Dessau die Musik ist schon schöner Beethoven und ein bisschen 9. ist ja dann auch dabei. 

Würde ich das als Buch lesen, würde ich wahrscheinlich sagen: Kitsch: Frau rettet Mann aus Festung - hm - sicherlich war das, wie immer, ein zeitkritisches Thema, so mit Background der Revolution im Augenwinkel, konnte man da schon eine Menge gewichtige Sachen hineindichten. So, wie das heutzutage auch Herr Felsenstein und das Anhaltische Theater Dessau taten - gigantisch verzweifelnd aussehende Engelsgestalt vor mahnend dreinschauenden Gesichter an Holzzaun. Farblich perfekt abgestimmt, auch zu den Kostümen der Darsteller. Das muss man wirklich sagen, die farbliche Abstimmung war hervorragend, von hellem über dunklem grau bis schwarz mit einiger beiger Auflockerung - klasse. Das ließ schon auf einen tristen Gefängnisalltag schließen. 

Der Beginn der Oper, separat gesehen, gefiel mir sehr gut. Brecht als Mahnung gegen uns Augen verschießendes Gewürm. Super gesprochen, super dargestellt durch Maximilian Claus. Passt sicherlich hervorragend in den "guten Menschen von Sezuan". Sicherlich hätten noch mehr Brecht Zitate in der Oper untergebracht werden können. Vielleicht ja auch Sodanns bevorzugte Nationalhymne, die "Kinderhymne". Nein, sorry, nicht wirklich, aber ich fand es so lustig, dass ich das hier mal erwähnen musste. 

Brecht scheint jetzt wieder im Kommen zu sein, so dass er überall zitiert wird, selbst vom Kandidaten für den zukünftigen Bundespräsidenten - klasse - ob das jetzt ein Kriterium ist? Aber Dessau kennt sich ja bestens aus mit Brecht durch ihre Kurt Weill Lastigkeit. Da kann man so etwas schon mal zwischendurch ein- oder vorwegschieben. Aber wie angedeutet, mehr Brecht kam in der Oper nicht vor, aber dafür ein überdimensionaler Engel in weiß, der, wie man dann im zweiten Akt sehen konnte, sein Gesicht verzweifelnd in den Händen verbarg. Der wollte das um ihn herum nicht sehen  - das war jetzt aber sicherlich keine Selbstkritik. -- Also den Engel meine ich. Engel sind nämlich eigentlich nicht so wehleidig, siehe altes Testament. Die hatten schon manchmal einen merkwürdigen Sinn für Gerechtigkeit, aber sie waren vorzugsweise ja auch nur Boten, und konnten sicherlich nicht für jedes Desaster. Gut, in dieser Inszenierung hat er jedenfalls sein Gesicht theatralisch bis symbolisch in den Händen verborgen. Die riesige Gestalt des Engels war übrigens sehr gut gelungen (Stefan Rieckhoff) und stach gigantisch vom hinter ihm befindlichen Bretterzaun ab. Der Bretterzaun mit Stacheldraht, die Gefängnismauern darstellend, war sehr überzeugend. Auch den Stacheldrahtzaun am Bühnenanfang fand ich gut in Szene gesetzt. Sehr gut gefiel mir, dass wir Zuschauer im Parkett die Akteure auf der Bühne nur durch ihn hindurch sehen konnten. Das gab dem Ganzen eine gute Gefängnisatmosphäre. Auch die Kostüme waren sehr passend gewählt. Man Fidelio - Anhaltisches Theater Dessau - Chor und Iordanka Derilova konnte zwar den Kerkermeister nicht so wirklich von den Insassen unterscheiden, aber das war schon ok, sonst hätte es vielleicht die Farbabstimmung der Bühne kaputt gemacht. Und außerdem hat er sein Geld nicht sinnlos für Klamotten ausgegeben, sondern gespart für die Aussteuer seiner Tochter, denn: 

"Das Glück dient wie ein Knecht für Sold, 

Es ist ein schönes Ding, das Gold."*

Die hübsche Marzelline hat sich verliebt in den kleinen, zarten Fidelio. Schade, Jaquino hätte besser zu ihr gepasst. Aber so sind sie die Frauen, übersehen die bessere Wahl. Wahrscheinlich war Jaquino zu bodenständig, Frauen suchen nach Abenteuer und  Männern, die nicht nur den Alltag zu bieten haben. Fidelio schien so einer zu sein und klar, er war es, nur leider war er eine sie und auf der Suche nach ihrem Mann und wollte sich somit überhaupt nicht mit Marzelline abgeben. Die Story wandert wunderbar im Klischee herum und die Handlung ist dadurch nicht sehr interessant. Vielleicht war das zu Beethovens Zeit anders. Vielleicht mochte man solche Handlungen. Es gibt ja jetzt auch noch ein breites Publikum, was Rosamunde Pilcher liest - also alles Geschmacksache. Und außerdem soll die Geschichte ja auch noch auf Tatsachen beruhen... irgendwann in der französischen Revolution. Wo Beethoven ja sehr daran interessiert war, aber dann doch die Fronten gewechselt hat (siehe Beethovens "Eroica"). 

Somit sollte die Oper auch die Zeit der Revolution wiederspiegeln? Vielleicht - Herr Felsenstein nahm das jedenfalls zum Anlass um am Beginn der Oper einen Aufstand zu inszenieren, wobei auch der arme Florestan gefangengenommen und eingekerkert wurde. Das fand ich von der Grundidee und Inszenierung nicht schlecht, nur irgendwie war es dann doch nicht so ganz schlüssig mit dem eigentlichen Grund der Gefangennahme. Denn eigentlich war es nur eine private Fete, wohl mehr so, wie beim "Grafen von Monte Christo". Allerdings ging es hier wohl nicht darum eine Frau zu gewinnen, diese Front war schon geklärt. 

Florestan verschwand also hinter dem Bretterzaun und Leonore musste draußen bleiben. Sofort schnitt sie sich die Haare ab, stopfte sich in eine Hose und eine Waffe in die selbe um ihrem Mann in den Kerker zu folgen. Nur kam sie nicht so leicht an diesen heran, da er als etwas Besonderes einzeln verwart wurde. Sie musste sich also mühselig über schon genannte Umwege Vertrauen und Zugang erarbeiten.

So stapfte sie als Fidelio mit Ketten über der Schulter durchs Terrain und der Pförtner hatte mehr Zeit für seine Gefangenen. Z.B. gab er ihnen mit gesanglicher Untermauerung ihr Essen. Das hat mir in dieser Inszenierung hervorragend gefallen, Hände stakten aus dem Kerker und warteten auf ihre Zuteilung. Wirklich super. Genauso gut gefiel mir die "Freilassung" der Gefangenen. Der Chor (Helmut Sonne) wie immer Spitze und die Darstellung perfekt. Das kam sehr gut rüber bei uns da unten. Das war die Stelle, die ich in der Leipziger Aufführung furchtbar fand. Die hüpften damals wie junge Rehe aus ihrem Kerker. Hier war es sehr authentisch dargestellt, langsam und mit blinzelnden Augen krochen die Gefangenen in die Sonne nur leider war der geliebte Mann nicht dabei und man wurde erwischt. Don Pizzaro erschien im Geschehen, smart in Leder gekleidet mit Zweispitz, der wohl an die französische Revolution erinnern sollte. Aber auch nur im Entferntesten, denn es fehlte die Nationalkokarde, das eigentliche Wahrzeichen für solch Bemützung. Felsenstein hat irgendwie alle bösen Gefängnisskandale in die Oper eingebaut, von der französischen Revolution über die Nazizeit bis zum Guantanamo Feeling- vielleicht, aber vielleicht habe ich das auch alles nur falsch interpretiert.  Das wäre dann eigentlich schon wieder brillant, aber irgendwie denke ich, gibt die Gefängnisseifenoper von Beethoven solch große Gedankenspiele nicht her. Man kann es versuchen, was Felsenstein wohl auch tat, aber es passt nicht so richtig. Seifenoper bleibt Seifenoper, da kann man einfach nichts rausholen - ich schätze für Fidelio - Anhaltisches Theater Dessau diese Aussage werden ich mir einiges Kopfschütteln der Beethovenliebhaber und anderer einhandeln - oops - aber es muß doch auch nicht immer alles gut sein, was den Stempel Beethoven trägt, oder? Naja, manchmal ist mein Geschmack auch ein wenig irregeleitet. Allerdings die Musik ist, wenn auch in meinen Ohren nicht sehr spektakulär, schon nicht übel und Herr Berg tat wie immer sein Bestes. Das Stöckchen wippte auf und ab und Bemerkenswertes kam wiedermal dabei heraus - sehr schön - hat den super Beifall am Ende wohl verdient. Ich denke, Herrn Berg werde ich vermissen, denn soweit ich weiß, ist diese Saison auch seine letzte am Anhaltischen Theater - schade, aber gut, mal sehen wer Neues kommt und hoffentlich kann sich Herr Berg verbessern. Vielleicht wäre Ausland jetzt mal gut für die Karriere.

Don Pizzaro (Nico Wouterse) schmetterte uns einen schönen Bariton entgegen, aber ich habe doch Ulf Paulsen vermisst. Naja, Geschmacksache. Don Pizzaros tolles Lederoutfit hat mich zum Grübeln gebacht. Irgendwie, ich weiß nicht warum, hat es mich  an Fahrenheit 451 erinnert. Schon bei seinem ersten Erscheinen kam mir sofort dieser Film in den Sinn und ich meinte, er würde einen guten Feuerwehrmann abgeben. Nur hat das jetzt nichts mit der Oper zu tun, wir wollen hier nicht das Libretto von  Joseph Sonnenleithner und Georg Friedrich Treitschke oder gar die Vorlage von Jean Nicolas Bouilly verbrennen. So schlecht sind die nun auch wieder nicht. Ich hätte gern mal Beethovens ursprüngliche, ungekürzte Fassung gesehen, vielleicht war die inhaltsvoller und nicht ganz so Rosamunde Pilcher angehaucht. Mich wundert, dass Beethoven nicht so richtig die französische Revolution in die Oper einfließen ließ, würde schon passen, vielleicht einen Sturm auf die Bastille? Vermutlich ist die Oper deswegen bei der Uraufführung durchgefallen, er hat einfach nicht das Zeitgeschehen mit untergebracht, oder doch? Felsenschein schien es jedenfalls irgendwie zu versuchen. Vielleicht im Abschlussbild. Das Volk feiert den Sieg! Idee war super, Umsetzung fand ich nicht so toll. Die Stimmen dort oben auf dem Engel kamen unten im Saal nicht so wirklich gut rüber und es hatte schon etwas sehr Kitschiges. Der Chor konnte und musste sich wieder ordentlich ins Zeug legen, was er meisterlich über die Runden brachte. Mehrere Runden um den gestolperten Engel bis zum Knall - peng - somit war die schöne Revolution beendet. Heißt das jetzt alles umsonst, Herr Felsenstein? Volk! Du hattest Deinen Sieg, aber er hat Dir nichts genützt. - Hat dir nichts genützt? Wirklich? Glaube ich nicht, die französische Revolution und alles was danach kam, hat unser Leben gewaltig verändert und unterm Strich nicht zum Negativen. Warum also Peng! und tot? - siehe Verfassung: u.a. Kulturfreiheit! --> „Liberté, Égalité, Fraternité“

 

Akteure: vergessen, sorry, ich war so beschäftigt mit dem Inhalt der Oper und Felsensteins Umsetzung dazu, dass ich die Akteure sehr vernachlässigt habe, also kurz noch einmal etwas dazu:

1.) Jaquino, gesungen und dargestellt von Udo Scheuerpflug - hat mir sehr gut gefallen, der Bursche passt prima in die Rolle, aber mit der Angrabscherei hat Herr Felsenstein schon etwas übertrieben, kann mir nicht vorstellen, dass ihm Marzelline so etwas erlaubt hätte.

2.) Marzelline, gesungen und gespielt von Annika Sophie Ritlewski - hat mir auch gefallen, sie hat ebenfalls schön in die Rolle gepasst, sehr weiblich - ja, hat mir gefallen, denke aber Cornelia Marschall wäre auch schön gewesen.

3.) Rocco, gesungen und gespielt von Hans-Arthur Falkenrath - wunderbar, ein vortrefflicher Kerkermeister - Felsenstein hat schon ein gutes Auge für seine Besetzung

4.) Leonore/ Fidelio, Iordanka Derilova gab sich die Ehre und ich ändere meine Meinung dazu nicht. Tolle Stimme, aber für mich wieder total unverständlich. Auch, denke ich, war sie nicht der Typ für die Rolle des Fidelio. Sie sah irgendwie sehr verloren, winzig und unscheinbar aus. 

5.) Don Pizzaro, gespielt und gesungen von Nico Wouterse. Den Burschen mag ich. Angefangen als Nebenrolle und sich zur Hauptrolle hochgearbeitet. Meiner Meinung nach tolle Stimme und mächtig Potential, aber zu dieser Aufführung fand ich ihn nicht so toll, hätte gern Herrn Paulsen gehabt.

Fidelio - Anhaltisches Theater Dessau - Vincent Wolfsteiner6.) Florestan, wunderbar, ein neues Gesicht: Vincent Wolfsteiner, sehr sympathisch, tolle Geschichte, tolle Karriere, siehe Artikel in der Mitteldeutschen und Volksstimme. (Vielen Dank an Herrn Frank-Uwe Orbons, für das immer so perfekt zusammengestellte Pressematerial <-- das musste hier mal gesagt werden!)

Ich denke Herr Wolfsteiner passte stimmlich wunderbar zu der Rolle, aber den hungernden, bei Wasser und Brot dahinvegetierenden Gefangenen, habe ich ihn nicht so wirklich abgenommen ---

7.) Don Fernando, diesmal gesungen und dargestellt von Konstadin Arguirov, tja, viel haben wir von ihm ja nicht gesehen und er ist auch nicht unangenehm aufgefallen ;-) sorry, ich kann mich nicht wirklich erinnern.

8.) Golo Berg, Musikalische Leitung - keine Frage, Herr Berg und Orchester waren wie immer perfekt. Da gibt es einfach nichts zu meckern.

9.) Johannes Felsenstein, Inszenierung - habe ich in meinem kleinen Bericht ganz schön kritisiert, aber unterm Strich und wenn man genau darüber nachdenkt, die ganzen Wirrungen ein bisschen geordnet hat, macht das alles Sinn. Er hat einfach versucht in der Oper gesellschaftskritischen Inhalt unterzubringen, den sie meiner Meinung nach nicht hat. Herr Felsenstein hat es geschafft, dass ich die ganze Zeit gegrübelt habe, was er uns damit sagen wollte und mein Geist wohl nicht wirklich ausreicht um seine Gedankengänge nachzuvollziehen, nur eine ganz kleine Andeutung hämmert in meinem Kopf hin und her und meint etwas gefunden zu haben, ist sich aber nicht wirklich sicher.

10.) Stefan Rieckhoff, Bühne und Kostüme - farblich super auf einander Abgestimmt, aber wer war jetzt für Engel und anklagende Fotos zuständig?

11.) Helmut Sonne & Chor - die absolute Perfektion in meinen Augen. Der Chor war wieder mal spitze, von der Darstellung bis zum Gesang hervorragend.

12.) Susanne Schulz, Dramaturgie - Hintergrundwissen, sehr viel gewichtige Interpretation der Oper im Programm, Zivilcourage und Demokratie, Zivilcourage vs. Autoritätsgehorsam, Grenzen der Zivilcourage bis Beihilfe zum Mord mit Herbstmorgen im Kerker?  Das sind sehr viele schwere Gedanken zu Beethovschem Dreigroschenroman - sorry, ich bin unmöglich in meiner grenzenlosen Dummheit - und wie immer fehlt mir die Synopsis im Programm.

 

Eine Gefängnisoper quer durch sämtliche Gefängnisgeschichte, scheinbar ein bisschen wirr, aber letztendlich irgendwie hintergründig bis sinnvoll. Hat Beethovens Oper soviel Tiefsinn verdient? Eigentlich denke ich, er wollte/ musste eben nur mal eine Oper schreiben, aber geliebt hat er es nicht - Peng! und tot.

 

 

Eure Jana

 

 

 

 

 

*Fidelio, 1.Akt