Flucht in virtuelle Welten
Das ist schon
verrückt, was im Internet so alles möglich ist. Da lese ich doch gerade auf der
Spiegel Homepage in einem Bericht von Christian Stöcker, das jemand $100.000 für
eine virtuelle Immobilie, einen Asteroiden in einem Onlinespiel, bezahlt hat.
Weil ich das für einen Scherz hielt, las ich weiter und landete auf der Homepage von "Project Entropia" und dachte, ich melde mich da mal an um der Sache näher auf den Grund zu gehen. Ich kam gerade mal bis zur Seite 2 als sie schon von Kontodaten sprachen und habe dann abgebrochen. Das war mir zu abstrakt. Eine vollständige virtuelle Welt, in der man "leben" kann, Geschäfte macht und Geld ausgibt. Ein vollständiges Wirtschaftssystem - ist das nicht unglaublich? Hat da wirklich jemand für $100.000 ein Grundstück erworben, wo er eine Disko drauf baut und dafür Eintritt nimmt?
Eigentlich wollte ich Euch hier meine zwei letzten Konzertbesuche beschreiben und dann stolpere ich so nebenbei in so ein merkwürdiges Unterfangen.
Ich tauche ab in klassische Musik um mich zu entspannen und andere tauchen ab in virtuelle Welten im Internet. Ist es möglich, daß Menschen nicht mehr im Hier und Jetzt leben, sondern irgendwo im Cyberspace? Also wenn das wirklich so sein sollte, dann hat er seine $100.000 sehr gut angelegt. Dann kommen virtuelle Besucher und er bekommt ordentlich Eintrittsgeld dafür auf sein reales Konto.
Es sieht also so aus, als ob die Wirtschaft neue Wege geht. Wirtschaftswachstum im virtuellen Sektor. Ein Umsatz von 900 Millionen Dollar im Jahr für den Handel mit virtuellen Objekten (so der Spiegel*) sollte das doch beweisen.
Und weiter im Artikel: "Die Analysten von PriceWaterhouseCoopers prognostizieren im Bereich Onlinegaming für die Jahre bis 2009 Wachstumsraten von um die 60 Prozent - pro Jahr".
Noch ein Zitat aus
dem Artikel, der zum nachdenken anregt: "Er habe sich überlegt, sagte Jacobs
laut dem 'Sydney Morning Herald', ob er seine Ersparnisse - von denen viel a
us
Transaktionen mit Erspieltem aus Projekt Entropia stammt - lieber in ein echtes
Haus investieren sollte. Aber das hat ihm kein Einkommen garantiert, weil alles
von Zinszahlungen und Wartungskosten aufgefressen worden wäre. Im Gegensatz dazu
'brennt' der Immobilienmarkt im Project Entropia Universum, weil da soviel Geld
zu verdienen ist." --- Investition in eine virtuelle Wirtschaft -- Und das
Erschreckende an der Sache ist, er hat recht. Da gibt es so viele Menschen, die
sich in virtuellen Internetwelten verstecken. Da können sie das tun und das
sein, was sie gern wollen. Vom Helden bis zum Sexsymbol, gut, stark und schön.
Im Schein liegt die Zukunft.
Nein, ich glaube, das ist nichts für mich. Ich glaube, ich mag meine realen Konzertbesuche. Der Klang ist einfach besser ;-)
So auch zu meinen
beiden Konzertbesuchen so dicht hintereinander: Das 2. Sinfoniekonzert des
Opernhauses Halle diesmal in der Händelhalle und dann kurz entschlossen noch das
3. Sinfoniekonzert der Anhaltischen Philharmonie in
Dessau.
Was soll ich sagen?
Beide super. In Halle freute ich mich auf Tschaikowskis "Manfred" und wollte mal
sehen, ob wir das genauso gut machen, wie Leipzig. - Wir taten es, diesmal unter
der Leitung von Emil Tabakov. Aber noch besser fand ich Schostakowitschs Konzert
für Violoncello und Orchester Nr.1. Das war brillant! Der Solist Johannes Moser
spielte hervorragend. Und ich dachte mir, daß Schostakowitsch da froh sein
konnte, daß Stalin nicht meh
r lebte, als er das Konzert schrieb.
Und in Dessau freute ich mich auf Bernd Glemser, den ich ja schon mal in Leipzig erleben durfte, und war neugierig, wie Markus L. Frank dirigierte, der zweite Mann am Dirigentenpult, neben Golo Berg.
Der zweite Mann
neben Golo Berg begann mit Krzysztof Pendereckis "Threnos" - Den Opfern von
Hiroshima. Ich mag Penderecki sehr gern, aber irgendwie wollte mir das 8
minütige Stück nicht so recht zusagen. Markus L. Frank erschien auf der Bühne
und begann mit ausschweifenden Gesten Pendereckis Klangwelten zu beherrschen.
Für mich im Zuschauerraum sah das doch alles ein wenig merkwürdig aus, wie die
Musiker und der Dirigent versuchen diesen eigenartigen Tönen Leben einzuhauchen.
Alles irgendwie abstrakt und ich mußte mich schon arg zusammenreißen, daß
ich nicht begann zu Grinsen. Es fehlte mir einfach der Zugang zu dem Stück. Erst,
als ich mir im Hintergrund der Bühne eine große Leinwand vorstellte, auf dieser
ein s/w Film mit den Leiden des Hiroshima Bombenabwurfes ablief, begann mein
Hirn die Musik zu verstehen. Aber gefallen hat sie mir trotzdem nicht, genauso
wenig, wie Markus L. Fanks merkwürdige Dirigiergebaren. Nein, ich glaube, da mag
ich Golo Bergs ruhige und konzentrierte Art lieber.
Dann der erste
Höhepunkt des Abends. Bernd Glemser spielt
Sergej Rachmaninows "Rhapsodie über
ein Thema von Paganini op.43 für Klavier und Orchester". Die ersten Takte
erschienen mir ein bißchen zaghaft und ich war schon enttäuscht, wo Rachmaninow
mir doch eigentlich so gut gefällt, aber dann kam das Ganze richtig in Schwung und
entwickelte sich zu einem einzigartigen musikalischen Hochgenuß. Die 24
Variationen waren wie Sprünge durch die Zeit. Wenn ich mir weiter vorstelle, daß
dort im Hintergrund ein Film ablaufen würde, spielte der jetzt um die
Jahrhundertwende im Zeitraffer. Der Pianist mit seinem Piano in der realen Zeit
im Vordergrund und hinter ihm die Geschichte im Schnelldurchlauf. Ab und zu
stoppt das Bild um in eine Szene hineinzuspringen und dann jagt man wieder
weiter bis zum nächsten Stopp mit angehaltenem Atem.
In einer Szene spielt er
mitten auf einem Platz im verschneiten Paris sein trauriges Lied - erinnerte
mich irgendwie an Puccinis La Boheme - was einen kurz die Tränen in die Augen
steigen ließ -- und dann steht das Klavier mitten zwischen einer berittenen
Kavallerie und wird fast von ihnen überrannt. Dem Pianisten wehen die Haare und
Staub landet auf seinem Frack und dem Klavier. Die Pferde beginnen zu scheuen
und nur gut, daß er sofort in eine nächste Szene springt, bevor er von der
Kavallerie so richtig bemerkt wird. Verstaubt von der letzten Szene sitzt er nun
in einem Wiener Kaffeehaus und die feine Gesellschaft um ihn herum. Sie lächeln
und genießen ihre Leckereien, halten Händchen und lauschen dem Klavier mit
halber Aufmerksamkeit. Der Kellner kommt vorbei und versucht unauffällig mit
einem Wedel den Staub vom Frack des Pianisten zu wischen, als gehöre er zum
Inventar. Die Musik schwebt leise dahin und ich atme auf. Und dann eine
wunderschöne Variation.
Die 18. Variation macht mich glücklich. Sie klingt nach Happy End und Zufriedenheit. Was für ein wunderschönes Ende dieses Filmes. Man möchte Tränen der Freude weinen bei so einem herrlichen Sonnenuntergang - glühend rot und leise in die Nacht.... aufatmen ... Stille ... und dann rast die Zeit wieder im Zeitraffer an einem vorbei. Ich sehe das s/w Bild einer Großstadt Anfang des 20. Jh., Straßenbahnen und Menschen jagen vorüber. Die Turmuhr zeigt die Geschwindigkeit der Zeitreise an... schneller und schneller und schneller ... alte Gesichter, neue Gesichter... schneller, schneller, schneller.... und dann STOP und man befindet sich wieder im Hier und Jetzt - wow! Was für eine Wahnsinns Zeitreise, die Bernd Glemser uns da so perfekt präsentierte. Meine Wangen glühten und ich brauchte jetzt erst mal eine Pause zum Luftholen. Tosender Applaus und lautes Getrampel vor Begeisterung bewegten den glücklich lächelnden Bernd Glemser dazu noch zwei Zugaben zu spielen. Das war ein voller Erfolg in Dessau und ich war froh, daß ich mich doch noch entschied das Konzert zu besuchen.
Wie auch in Leipzig gab der sympathische Pianist draußen im Foyer noch Autogramme auf seine CD's und eins für mich ins Programmheft. Vielen Dank dafür und bis zum nächsten Mal.
Nach der Pause dann
das zweite Highlight des Konzertes in Dessau und eine Premiere für mich. Ich
habe das erste mal Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" life gehört und es war
ein Genuss. Markus L. Frank und die Anhaltische Philharmonie brachten das
erstklassig rüber. Auch hier folgte ich voller Spannung und mit glühenden Wangen
der Musik und war begeistert. Ich konnte mich wieder herrlich in so viel Gefühl
und
Leidenschaft
fallen lassen. Leidenschaft in virtuosen Welten anstatt in
Virtuellen. Damit kann ich zwar kein Geld verdienen und kurbele wohl auch nicht
so recht die Wirtsc
haft an, aber es beflügelt meine Sinne und macht mich
glücklich. Und das ist doch auch schon mal etwas, oder?
Auf alle Fälle ist es genau wie ich, real und wirklich, und es lebt und schwingt durch den Raum. Jedes Instrument ist real und Teil eines realen Ganzen, zusammenfügt zum Unglaublichen. Nein, diese vollkommene Schönheit kann es in keiner virtuellen Welt geben. Auch wenn ich es auf dem PC sehen und hören könnte, diese Atmosphäre kann nur die Wirklichkeit bieten.
Apropos Wirklichkeit, sie reden beim Projekt Entropia von virtuellen Nachtclubs - da steigt einen irgendwie die Frage in den Kopf... wie ist das dann wohl mit Sex? Virtuell? Haha. Das macht doch nun aber wirklich keinen Spaß. <-- Den Gedanken nur mal so am Rande mit eingeworfen.
Das zweite Konzert - einen Tag vorher in der Händelhalle, völlig echt und nicht im geringsten virtuell - gab mir eben genauso diese wunderbare Atmosphäre von besten Klängen wieder. Diesmal lauschte ich einem weiteren grandiosen Konzert in Halle, von den besten Plätzen in der zweiten Reihe der Empore, Mitte.
Robert Schumanns Ouvertüre zu Manfred, Dimitri Schostakowitschs Konzert für Cello und Orchester Nr. 1 und Pjotr I. Tschaikowskis Sinfonie in vier Bildern nach Lord Byrons dramatischer Dichtung "Manfred". Ein hervorragendes Programm also wieder. "Manfred" kannte ich ja nun schon life aus Leipzig und trotz, daß ich "Manfred" sehr mag, frage ich mich, warum so kurz hintereinander? Warum stimmen sich die Häuser in solchen Dingen nicht ab? Genauso auch mit "Bilder einer Ausstellung" - wenn ich mich recht entsinne, kommt das auch demnächst in Halle. Ist zwar nett, daß ich dann schön vergleichen kann, aber gibt es nicht genug andere wunderschöne Sinfonien, die gehört werden möchten, als daß man immer die Selben in so kurzer Zeit spielen muß?
Gut, wahrscheinlich pilgern die wenigsten Konzertbesucher zwischen Halle, Leipzig und Dessau hin und her, aber wenn nun doch? Wäre es dann nicht viel schöner öfter mal etwas anderes zu spielen? Das wäre doch für Orchester und Dirigent genauso interessant wie für die Zuhörer. Golo Berg hat da mit einigen Sachen schon sehr gut angefangen. Ich hätte da bitte gern mehr von diesen Exoten! Aber freue mich trotzdem auf das 4. Sinfoniekonzert im Januar in Dessau, auch wenn mit Mozart nicht ganz so exotisch ;-)
Eure Jana
*Spiegel Online vom 12.11.2005 - 100.000 Dollar für eine virtuelle Immobilie - Christian Stöcker