Divertimento für Mozart
"unterhaltendes
Musikstück in loser Satzfolge" - so steht es in meinem Lexikon aus dem Jahre
1955. Vergnügliche und heitere Stückchen zusammengefügt zu einer 50 minütigen
Ode der Anhaltischen Philharmonie Dessau an das Genie Wolfgang Amadeus Mozart
(1756-1791).
Willkommen im Mozartjahr 2006! 250 Jahre Mozart und der Auftakt dazu am knarksenden Dessauer Pult mit Golo Berg und Mozarts erster Sinfonie.
Eine wunderschöne
Sinfonie, die der damals 9 jährige Mozart für uns schrieb. Hübscher locker,
leichter erster Satz und hübsch und locker-leicht tänzelten die von der
Anhaltischen Philharmonie Dessau gespielten Noten in meine Ohren, hübsch und
locker-leicht erfreute sich mein Gemüt darüber. Leider wurde mein
locker-leichtes Gemüt dauernd durch das knarksende Podium des Dirigenten aus
meinen locker-leichten Gedanken gerissen. Was war denn heute los? Das hatten wir
ja noch nie - ein Schritt nach vorn, knarks, ein Schritt nach hinten, knarks -
meine Gedanken drehten sich ab dann nur noch um eins: "Lieber Herr Berg, bitte nicht
bewegen!" - knarks - "neiiiiiin, nicht immer wieder auf die Zehenspitzen!" - knarks - Na
prima, wenn das jetzt den ganzen Abend so weiter geht ist der Mozart versaut.
Gut, daß sich Golo Berg diesmal mit der Akrobatik ein bißchen zurück hielt -
zwar sehr schade für den Anblick, aber sehr g
ut für das Gehör. Vielleicht sollte
ich meine Lieblingsreihe 4 doch verlassen und ein bißchen weiter nach hinten
umziehen. Vielleicht blieben die Zuhörer dort hinten ja verschont von diesen
grauenvollen, störenden Tönen. Aber vielleicht bin ich ja auch nur ein
bißchen zu empfindlich, mein
Nachbar (nach der Pause) in Reihe 4 hatte jedenfalls kein Knarksen gehört. Gut, dann hoffen wir,
das es beim wundervollen zweiten Satz verschwindet. Der ist Andante, da braucht
sich der Dirigent nicht zu sehr zu bewegen, was Golo Berg dann auch nicht tat
und mich somit in einen Hochgenuß der mozartschen Musik katapultierte - der
zweite Satz ist das Wundervollste in dieser Sinfonie, finde ich - einfach
wunderschön und auch hervorragend durch Golo Berg interpretiert. Viel besser als
meine CD, die ich dazu habe. Einfach herrlich, endlich wieder meine Musik. Das
ist das, was mir in London über den Jahreswechsel gefehlt hat. Dieser klassische
Hochgenuß ist einfach nicht zu überbieten, auch nicht durch Party und Disco im
Londoner Club Roof Gardens in der Kensington High
Street. Das war diesmal MEIN Divertimento: London zum Jahreswechsel 2005/ 2006.
Wir hatten ein sehr
gutes Programm, vom Shopping -
selbstverständlich - über Theater, Kino und
Silvesterparty bis gemütlich im Pub sitzen und Quatschen über alles Mögliche.
Diese 5 Tage London waren wieder sehr gut gelungen. Nur eben keine Musik für
meine Ohren. Wieder alles viel zu laut zu unserer Party. Aber sonst ganz schön
wie die Engländer so den Jahreswechsel begehen. Einlass nur für geladene Gäste,
gutaussehende Männer und hübsche Frauen und Champagner für 150 Pfund, Lachen,
Feuerwerk, Prost und nettes Küsschen auf die Wange. ----- Eigentlich sollte ich
über unseren diesmaligen Londontrip wohl besser separat schreiben, sonst kommt
Ihr hier ganz durcheinander beim Lesen und der Bericht wird das Ausmaß an
Leselust in Länge etwas überschreiten ---- also gut, wieder zurück nach Dessau zum
Konzert mit knarksendem Podium.
Langsam hatte ich mich daran gewöhnt und konnte
das störende Geräusch etwas aus dem Gehörten ausklammern. Nach der hübschen
ersten Sinfonie folgten 12 Aspekte der Arie "Ein Mädchen oder Weibchen wünscht
Papageno sich", also eine Mischung zeitgenössischer, sehr modern klingender
Töne. Ursprünglich in den 50er Jahren zu Mozarts 200sten Geburtstag durch die
Idee des derzeitigen Abteilungsleiters Heinrich Strobel, Südwestfunk in
Baden-Baden,
entstanden und wie ich fand eine sehr gute Idee, damals wie heute.
Klasse, daß die Anhaltische Philharmonie so etwas wieder ausgegraben hat. Das macht dem Publikum Spaß und sicherlich auch den Musikern. Jedenfalls berichteten Ronald Müller und Golo Berg bei der Konzerteinführung mit Begeisterung darüber.
Das war diesmal wieder sehr interessant und das kleine Foyer wird immer voller zu den Konzerteinführungen. Als ich meine ersten Konzerteinführungen hier besuchte, waren wir mit ein paar Rentnern fast allein und jetzt mußten sie schon wieder weitere Stuhlreihen hinzustellen. Entweder hat das Interesse der Konzertbesucher am Hintergrund der Musik plötzlich zugenommen, oder sie mögen einfach die lockere, frische und unkomplizierte Art, wie die beiden Akteure die Theorie rüberbringen.
Und als ich mich
heute so umschaute, waren nicht mehr wir es, die den Altersdurchschnitt
drückten, sondern eine ganze Reihe Teenager und Twenties, die uns nicht mehr als
Exoten zwischen den ganzen Rentnern
erscheinen ließen. Eine wunderbare
Atmosphäre und ein wunderbares, der Kraft und Qualität der Musik der
Anhaltischen Philharmonie entsprechendes Publikum. Endlich ein Dankeschön, und
das nicht nur durch Beifalltrampeln am Schluß, an das Haus für den Aufwand und
die Mühe solch ein gutes und kreatives Orchester für uns spielen zu lassen.
Durch das vorangegangene melodische Spiel waren die 12 Aspekte ein wenig gewöhnungsbedürftig. Der erste Teil von Gottfried von Einem ging noch einigermaßen ins Ohr, aber dann wurde es kompliziert und erst bei Niels Viggo Bentzons "Brillantes Concertino" fingen sie mich so langsam wieder ein. Stefan Kozinski spielte ein hübsches Klavierstück und Golo Berg ließ das Orchester dazu erklingen - sehr schön - danach "Papageno's Pocket-Size Concerto" von Roman Haubenstock-Ramati, was auch nicht sehr lang war, aber sehr hübsch so mit diesen Glöckchen. Irgendwie erinnerte mich das Stück immer wieder an die Marseillaise, naja, oder eben an Mozarts Zauberflöte - hmmm - da frage ich mich doch, ob Rouget de Lisle hier von Mozart geklaut hat (sorry, zitiert sagen sie in der Klassik ja immer). Es ging jedenfalls ganz gut ins Ohr. Und dann Giselher Klebes "Espressione liriche" mit Horn (Paul Goodman), Trompete (Karsten Iwanow) und Posaune (Andreas Schwarz). Das hat mir auch sehr gut gefallen. Der Kleine, Karsten Iwanow, hätte gar nicht so nervös zu sein brauchen, er hat das super gemacht, so zwischen den alten Hasen.
Gerhard
Wimbergers "Allegro giocoso" war ein voller
Erfolg und bekam sogar Beifall
zwischendurch. Ja, das gefiel mir auch sehr gut. Aber
am Besten fand ich Maurice
Jarres "Concertino". Das war einfach perfekt. - Wie der Sohn, so der
Vater - nein, das passt hier nicht wirklich. Maurice Jarre scheint nicht so viel
von seinem Sohn zu halten, wenn er doch noch nicht einmal etwas mit ihm
gemeinsam machen möchte - traurig - ich jedenfalls mag Jean-Michel Jarre sehr
gern. Seine Homepage ist übrigens auch nicht übel: http://www.jeanmicheljarre.com/
Welch verrückter, verschiedener Töne sich sein Vater hier bediente, einfach brillant und super rübergebracht vom Orchester. Golo Berg hat das hervorragend umgesetzt! Ja, das hat mir sehr gut gefallen - und gut, daß Stefan Kozinskis Hämmerchen auch zur Verfügung stand - fand ich lustig, als er kurz vor dem Konzert danach suchte und sichtlich aufatmete, als er es fand. Allerdings glaube ich, daß kein Mensch im Publikum etwas bemerkt hätte, wenn da keine Hämmerchenschläge gewesen wären.
Schade, daß das Stück wieder nirgends zu finden ist. Ich hätte es mir zu gern noch einmal angehört. Ich suche schon Klaus Heymanns Naxos Musiklibrary hoch und runter und obwohl der auch immer seltene Stücke dabei hat, dies hier ist nicht zu finden :-( Wirklich sehr schade!
Das "Liebesfoto" von Jacques Wildberger gefiel mir leider nur vom Titel her. Die Sopranistin, Daniela Zanger, war klasse, aber das Stück irgendwie versaut durch diesen bescheuerten Text, oder besser, durch diese bescheuerten Laute. Ich mußte unfreiwilligerweise immer an den "Hurz"- Sketch von Hape Kerkeling denken und dauernd grinsen - pille palle ta ta ... nee, das war mir dann doch zu abstrakt, obwohl ich sonst nicht so zimperlich bim. Tut mir Leid.
Dann Applaus für Dirigent und Orchester und Pause für alle Beteiligten. Diesmal hatte ich keinen Appetit auf ein Glas Rotwein unten in der "Kantine"- das war einfach zu viel über die Feiertage und London - und so blieben wir im Foyer stehen, unterhielten uns und warteten auf das Klingeln zur Jupiter-Sinfonie.
Wieder ein gut durchdachter Rahmen, den Beginn mit Mozarts erster Sinfonie und den Abschluss mit seiner Letzten. Wieder erstklassig und wieder viel besser als meine CD. Die Anhaltische Philharmonie scheint Mozart zu lieben. Spannend bis zur letzten Note und hervorragend dargeboten. Ab und zu wieder das Knarksen, aber sonst hielt sich Golo Berg mit seinen Sprüngen zurück.
Trotz dieses Desasters ein erstklassiger und überaus verdienter Beifall für Golo Berg und sein Orchester. Das Orchester schaute finster und Golo Berg strahlte. Ich schließe mich dem Strahlen an und freue mich auf das nächste Konzert am 22. Januar 2006.
Vielen Dank für die wiedermal wunderschönen Stunden,
Eure Jana