"... auch wenn sie an die Macht kommen, werden die Ideale der Menschheit im Verborgenen sitzen und weiterweinen." - so Erich Kästner in "Fabian"

 

und da wir daran wohl nichts ändern können, tendiere ich doch mehr zu dieser Überschrift:

 

"Das Leben ist (war) eine der interessantesten Beschäftigungen" - auch Erich Kästner in "Fabian"

 

Anhaltisches Theater Dessau - Dezember 2004.... womit ich also der interessanten Beschäftigung ein Konzert in Dessau zu besuchen nachging, bei dem die Ideale zu Schostakowitschs 11. Sinfonie weiterweinten .... seufz - leider hat er so recht damit, alles wiederholt sich. Die Menschheit ist dumm und macht immer die selben Fehler. Aber gut, zu unserer Ehrenrettung sollte ich auch bemerken, daß manche interessanten Beschäftigungen auch zu einen gewissen Grad an Zufriedenheit führen was wiederum den im Verborgenen sitzenden Idealen ab und zu die Tränen trocknet und auch mal ein kleines Lächeln abringt.

 

Heute morgen noch mit dem Anfang zu Strauß "Metamorphosen" und in Anbetracht der mir bevor stehenden Prüfung in Trauer schwelgend aber jetzt himmelhoch jauchzend und glücklich die Sache hinter mich gebracht zu haben, sitze ich nun hier in meinem kleinen Wohnzimmer, gemütlich bei einem Glas Sherry und tippe meinen Bericht zu diesen grandiosen Sinfoniekonzert gestern in Dessau.

So ändert sich alles innerhalb von Stunden - ist das Leben nicht herrlich? - nagut, warten wir erst mal das Ergebnis der Prüfung ab. Vielleicht bin ich dann ja wieder tief am Boden zerstört - naja, aber erst mal geht es mir super. Das Wochenende mit vielen interessanten Beschäftigungen steht bevor und das Semester ist zu Ende - FREIHEIT!!!!!

 

Wahrscheinlich sitzt Ihr jetzt kopfschüttelnd da und fragt Euch, wie man vor einer Prüfung, wo man doch besser zeitig ins Bett gehen sollte, zu einem Konzert nach Dessau fährt. Wo Frau doch genau weiß, daß sie da vor Mitternacht nicht in dieses kommt. Tja, was soll ich dazu wohl sagen, Ihr habt recht. Ich bin unmöglich und leichtsinnig - wie immer. Aber es hat sich voll und ganz gelohnt und ich hatte den ganzen Feiertag für's Lernen geopfert. Damit hatte ich mir das Konzert redlich verdient. Ich hätte nicht eine Minute mehr länger über den Büchern sitzen können. Das war ja alles soooo langweilig. Ich meine die Bücher, nicht die Vorlesungen dazu. Die Vorlesungen waren klasse! Die ersten Vorlesungen in diesem Studium, wo ich müde hineinging und munter wieder hinaus - ist mir noch nie passiert und ich bin jetzt schon im Hauptstudium. Der Dozent war genial - Prof. Dr. Dirk Hass zum Thema "Marketing". Das mußte einfach mal gesagt sein!!! "Vielen Dank, Herr Professor! - Im Übrigen war Ihre Klausur auch fair - muß ich so zugeben. Wenn man ordentlich gelernt hatte, dürfte die keine Probleme machen." ... seufz, aber wenn man so faul ist wie ich und viel zu viele andere Hobbys hat .... naja, warten wir es ab ;-)

 

Ludwig van Beethoven (1770-1827)Da die Situation in Dessau mit den Restaurants in der Nähe des Theaters mehr als unmöglich ist, gab es diesmal wieder kein Dinner vorm Konzert, aber dafür eine Konzerteinführung. Meine erste in Dessau, auch mein erstens Sinfoniekonzert dort.

Als ich im Programm las, daß sie das 5. Klavierkonzert von Beethoven spielen, konnte ich mich natürlich nicht bremsen und Dessau ist ja nun auch nicht sehr weit weg von Halle. Und außerdem war ja Feiertag und was noch sehr begünstigend hinzukam, waren meine letzten Opernbesuche im Dessauer Theater. Die waren mehr als zufriedenstellend. Also warum dann nicht auch mal ein Sinfoniekonzert dort probieren?

Der Dirigent diesmal war wieder der GMD des Hauses, Golo Berg, und den mochte ich schon vom ersten Takt meiner ersten Oper dort.

 

Die Konzerteinführung war im Foyer dieses wunderschönen, neu sanierten Theaters. Ja, das haben sie wirklich gut hinbekommen - gefällt mir, genau mein Stil. Alles war schön poliert und glänzte mir entgegen. Sofort hatte ich meine Prüfungssorgen vergessen und kletterte die Treppe zum Foyer hinauf. Da ich zeitig genug oben ankam, waren dort noch etliche Plätze frei. Nur ein paar Rentner waren schon da und hatten die erste Reihe besetzt. Ich nahm einen Platz in der Zweiten.

programm.jpgEin paar Minuten später folgte der Rest der anwesenden Rentner und füllte den Saal noch etwas mehr. Mein bester Kumpel Thomas kam dann auch noch rechtzeitig - der mußte ja draußen vorher noch unbedingt eine 5-Minuten-Zigarette durchziehen. Die er in 2 Minuten problemlos schaffte. Und dann ging es los. 

Roland Müller, der Bursche, der das Programmheft verfasste - übrigens sehr gut - und Golo Berg führten die Inforunde.

Beide ein bißchen nervös - fand ich, aber goldig. "Jungs, das waren doch nur ein paar Rentner und ich und Kumpel Thomas. Wir sind doch völlig harmlos. Da müsst Ihr doch nicht so nervös sein!"

 

Golo Berg wurde dann auch schnell ruhiger und Roland Müller konnte ich nicht ansehen - jeh war der zappelig. Also wieder den Blick zum Dirigenten - ja, der könnte mir gefallen. Eigentlich ein schmucker Mann mit einem ruhigen, intelligenten Blick und einer schönen Stimme. Keinen Ehering - hmmmm.... ok, Jana, reiß Dich zusammen, das fällt auf - also Blick wieder rüber zu Roland Müller, der gerade sprach. Sie hatten sich das Thema geteilt und ihr Aufbau hat mir sehr gut gefallen. Sie erklärten viel zur Geschichte und weniger zur musikalischen Seite der beiden Stücke. Also auch für Normalsterbliche gut verständlich.

Aber irgendwie war meine Konzentration dahin. Der Blick des Dirigenten erinnerte mich wieder an jemand anderen, der auch keinen Ehering trägt - "Männer, laßt Euch warnen, das ist ein fataler Fehler! Ihr tappt so in Situationen hinein, wo Ihr nicht so einfach wieder heraus kommt." Oder ist das vielleicht so gewollt? Aber irgendwie finde ich das nicht in Ordnung so! Das ist Vorspielung falscher Tatsachen! Und dann sich wundern, wenn es zu spät ist - also bitte! Wonach soll Frau sich denn da noch richten? Tragen die einfach keinen Ring, wo sie es doch eigentlich müssten - grrr. Das macht Frau echt sauer und am Ärgerlichsten für sie ist, das sie es ihm jetzt nicht mal mehr übel nimmt - zu spät, denn sie mag ihn trotzdem - seufz - wie soll das nur weitergehen ....

... ja, weitergehen .... habe ich mich doch wieder durch meine Gedanken ablenken lassen. Gut, daß ich noch das Programmheft zum Nachlesen habe.

 

"Mir scheint, dieses Jahr [1905] war ein Wendepunkt -

das Volk hörte auf, an den Zaren zu glauben.

Das russische Volk ist nun einmal so - es glaubt und glaubt,

und dann plötzlich ist es mit dem Glauben vorbei.

Und wehe denen, an die das Volk nicht mehr glaubt."

                                                                                Dimitri Schostakowitsch

 

Dimitri Schostakowitsch (1906-1975)Das Zitat hat Roland Müller gut ausgesucht für sein Programm. Wenn ich das alles so lese, was da im Programm steht, wird dieser Schostakowitsch immer interessanter für mich. Ich glaube, ich sollte mir seine Bio mal besorgen.

Er hatte es, wie viele Künstler unter Stalin, nicht einfach in seinen Leben. Und dann war Stalin weg und es wurde auch nicht besser. Das ist alles so traurig, so traurig wie seine Sinfonien. Zumindest wie die, die ich kenne. 

Seine 11. habe ich gestern zum ersten Mal gehört und war beeindruckt. Golo Berg führte sein Orchester erstklassig und sie war keine Sekunde langweilig. Vom ersten ruhigen, traurigen Takt bis zum knallharten, wütenden Schluß - Wahnsinn! Das war mehr als brillant. Schostakowitschs Intelligenz hat so viel Gefühl, so viele Hinweise, seinen ganzen Ärger und seine tiefe Trauer in dieser Sinfonie zum Ausdruck gebracht, daß es einen richtig unheimlich wurde beim Zuhören.

 

"Lieder durchqueren den schwarzen, furchtgebietenden Himmel

wie Engel, wie Vögel, wie weiße Wolken ..."

Anna Achmatowa nach der Uraufführung der 11. Sinfonie am 30. Oktober 1957 in Moskau - aus dem Programm

 

Anhaltische Philharmonie Dessau (Quelle: Programm des Konzertes) - apd.jpgBeeindruckend! Das war atemberaubend. Es war ein wirklicher Genuß zuzuhören und auch den Dirigenten bei der Arbeit zu beobachten. Er hatte eine angenehme, ruhige Art. Und ich mag auch, wenn er sich so sehr konzentriert. Das steht ihm gut. Leider hat das Podium immer geknarrt, wenn er sich bewegte. Das hat schon gestört. Vor allem, wenn er sich so richtig ins Zeug legte. Immer auf die Zehenspitzen und wieder runter - nee, der braucht kein Fitneßstudio. Das war ein herrlicher Sport. Aber es sah gut aus, nicht so zappelig und künstlich wie bei Fabio Luisi. Und er sah zum Schluß auch ganz schön außer Puste und geschafft aus. Na, vielleicht wäre doch ein bißchen Fitneßstudio ratsam ;-) Oder Inlineskating, das ist gut für die Ausdauer - grins - "Na, Herr Berg, Lust dazu? Sagen Sie bescheid, es wäre kein großer Umweg an Dessau mal kurz ranzufahren, wenn ich das nächste Mal auf dem Weg zum Fläming bin. Das hilft auch gegen das Bäuchlein" ;-)

 

Super war auch, daß ich endlich mal das Orchester zu sehen bekam. Sonst sind die ja immer im Graben verschwunden und Frau sieht höchstens ab und zu die Stöckchen der Geigen.

Sie hatten viel Nachwuchs dabei und sie spielten hervorragend.

Super fand ich, daß Roland Müller einen von ihnen im Programmheft vorstellte. Es war interessant zu lesen, daß der junge Bursche (*1979), Holger Engelhardt, derjenige mit der Idee dieses Theatertalers war. Finde ich wirklich Klasse mit den Spenden dafür neue Stühle für die Probebühne zu kaufen - ja, aus dem wird noch was. "Viel Erfolg, junger Mann, für Deine weitere Laufbahn!" - ich hatte übrigens auch einen Taler davon - war lecker ;-)

 

Julian Gorus (*1978) - (Quelle: Programm des Konzertes) - jg.jpgNoch so ein junger Mann (*1978) spielte diesmal auch das Piano zu Beethovens 5. Klavierkonzert.

Das ist ja nun mein Lieblingskonzert und ich kenne fast jeden Ton daraus und Julian Gorus traf diese perfekt. Sein Spiel hat mir sehr gut gefallen. Ein großer Bursche und Thomas meinte, er sieht ein bißchen unfertig aus - grins - ja, er sah so verloren aus, in seinem etwas zu groß wirkenden Smoking. Und wer hat dem armen Jungen die Haare so furchtbar frisiert? Aber sehr höflich und sympathisch.

Er war fast im selben Alter, wie der Solist Friedrich Schneider, der damals am 28. November 1811 das Klavierkonzert zur Uraufführung im Leipziger Gewandhaus spielte. Beethoven konnte wegen seiner fortschreitenden Ertaubung leider nicht selbst spielen. 

Es bricht mir richtig das Herz, wenn ich daran denke. Es ist so grauenvoll und so unendlich traurig diese wunderschöne Musik nicht mehr hören zu können. Auch wenn sich die Töne im Kopf formen, ist es doch nicht das selbe, wie sie im Konzertsaal zu hören.

 

In Wien wurde es ein Jahr später von seinem Schüler Carl Czerny gespielt und fiel bei den Wienern durch. Denen war es zu lang - ich wußte schon immer, daß die Leipziger einen besseren Geschmack haben ;-)

Ich habe mich immer gefragt, warum sie dem Klavierkonzert den Titel "The Emperor" beigefügt haben. Das es mit Napoleon zu tun hatte, wußte ich, und Roland Müller gab mir in seinem Programm eine genauere Antwort:

"Allerdings glaubten Offiziere der französischen Besatzungsmacht in der heroischen Geste des Konzerts, namentlich seines ersten Satzes, ein Charakterbild ihres Kaisers Napoleon zu erkennen." Na so kann man sich täuschen. Wo Beethoven hier doch wohl eher das Gegenteil meinte "... der Vision eines von der Fremdherrschaft befreiten Volkes."

Da hat der Herr Beethoven eigentlich schon ganz schön gegen die Franzosen geschossen und mit dem "Yorkscher Marsch" 1809 setzte er dem Ganzen noch die Krone auf.

Das muß ein sehr interessanter Mann gewesen sein. Ja, den hätte ich gern mal kennengelernt. Schade, daß man keine Reisen in die Vergangenheit unternehmen kann. Ich hätte Beethoven zu gern mal life erlebt. Wie war das wohl damals mit den Konzerten? Sicherlich ganz anders als heute. Vielleicht alles ein wenig kleiner - oder? Glaube nicht, daß die schon Sinfonieorchester kannten - oder doch? Ich glaube, ich werde mal nach einem Buch darüber suchen. Das wäre doch mal interessant. Wie haben die das früher wohl gemacht? Vor welchem Publikum hat Beethoven dirigiert? Welches Orchester folgte ihm? Und wo spielte er seine grandiosen Stücke? Und wie kamen die an bei den Zuhörern?

Damals gab es ja auch kein Radio oder irgendwelche Platten oder CD's. Also waren die Menschen angewiesen auf die Konzerte. Was muß das wohl für ein Gefühl gewesen sein, keine Zigeunermusik auf dem Jahrmarkt zu hören, sondern diese mächtigen Sinfonien? Und dann immer nur an einem Ort. Und vieles davon in Deutschland. 

Wenn ich daran denke, daß viele Premieren in Leipzig statt fanden, macht mich das schon stolz hier zu leben. Das waren noch Zeiten - und was hören die Menschen jetzt? Schwachsinn aus Amerika. Musik aus dem Computer und Sänger, die eigentlich gar nicht singen können, nur hübsch aussehen. Was für eine traurige Entwicklung. Ich hoffe Oper und Konzerte bleiben uns noch viele Jahre erhalten und ich hoffe, es gibt viele neue Komponisten, wie Krzysztof Penderecki, Peter Ruzicka oder Matthias Pintscher, die auch in Zukunft mit einem wirklichen Orchester und echten Klängen und Stimmen arbeiten. Es ist deprimierend, daß Musik im Computer entwickelt wird, genau abgestimmt, auf die Ohren des Kunden. Nichts Eigenes, Individuelles mehr, nichts Kreatives, nur noch Kommerz und gesteuert. Nur noch Industrie und Gewinn, keine Schönheit, kein Gefühl. Nur noch Massenproduktion und Merchandising - Geld, Geld, Geld, so schnell und so viel wie möglich. Traurige Menschheit - trauriges Schicksal, trauriges Ende von Kultur und Lebensstil.

Wenn ich in meinem Studium die Vorlesungen zum Fach "Marketing" besuche, deprimiert und erschreckt mich das jedes Mal. Wo soll uns das noch hinbringen? Der Kampf um die Kunden, mit allen Mitteln. Das Steuern der Kunden, mit allen Mitteln - alles um uns herum nur Kommerz. Alles dient dem Verkauf, alles zielt darauf ab, wie man den Menschen am besten beeinflußt irgendwelchen Plunder zu kaufen, den er eigentlich gar nicht braucht. Nutzen oder Zusatznutzen, Image oder Marke, Sein oder nicht sein - das ist die Frage. Tod oder Teufel - was hat uns nur geritten so tief zu sinken? Das Überleben? Die Jagt nach dem Geld um besser zu Überleben als andere, um dann trotzdem mit ihnen unterzugehen? Herrliche moderne Welt. Laßt uns gemeinsam im Schlamm ersaufen! ... oder besser, laßt uns einen teuren, gut vermarkteten Wein kaufen und uns betrinken! Das vernebelt die Sinne und läßt uns die Welt durch eine rosarote Brille sehen. Zwar nicht mehr ganz deutlich, aber fehlerfrei und betäubt, schwankend durch die Zimmer der Wirklichkeit um das genervte Haupt im Schlafzimmer auf unser schneeweißes Kissen der Ignoranz zu betten. PROST & Mahlzeit,

 

Eure Jana