Stille

 ....ohne Stille ist Melodie unwichtig - John Cage

 

 

Wunderschöner erster Satz. Auf leisen Sohlen hat er sich in mein Herz geschlichen und es mit gewaltigen Klängen zum Beben gebracht. Was für eine wunderbare Sinfonie! Selbst jetzt, wenn ich daran zurückdenke, hämmert mein Herz wild.

 

Es wütet der Sturm,

Und er peitscht die Wellen.

Und die Well'n, wutschäumend und bäumend,

Türmen sich auf, und es wogen lebendig

Die weißen Wasserberge,

Und das Schifflein erklimmt sie,

Hastig mühsam,

Und plötzlich stürzt es hinab

In schwarze, weitgähnende Flutabgründe -

                                        "Sturm" - Heinrich Heine

 

 

Genau, wie das Schifflein habe ich mich gefühlt, so winzig klein in diesem tobenden Meer von Musik. Immer wieder versuche ich aufzutauchen und immer wieder drückt die Wucht dieser Melodie mich hinunter - nur eine kleine Geigenstimme kommt wie ein Strohalm zu Hilfe - doch selbst sie wird erdrückt von den schweren Wellen. - Wahnsinn! Was für Emotionen!

 

Sir Andrew Davis dirigierte Gustav Mahlers 9. Sinfonie mit so viel Gefühl, daß es sich auf den ganzen Saal übertrug und das Orchester des Gewandhauses folgte ihm in einem ebenso gefühlvollen Spiel.

Ich saß gespannt da und vergaß alles um mich herum - Stille - nur diese Musik. Ich hörte mein Herz berauschend schlagen und wünschte, es würde nie enden. Was für eine wuchtige Musik und leise, wie sie gekommen war, schlich sie zum Ausklang des ersten Satzes wieder davon - Stille - und ......

 

Aufatmen - 

 

Sir Andrew Davis (Quelle: Programm Gewandhaus)Der zweite Satz riß mich wieder heraus aus meinen Emotionen und ließ meine Seele aufatmen. Auch das Publikum bewegte sich wieder und die Welt war in Ordnung. Das Schifflein schwamm spielend auf den Wellen und der Sturm vom letzten Satz hat es noch nicht verschlungen. Es sprang die Wellen hoch und runter - zwar manchmal beängstigend dicht am Abgrund, so daß ich schon wieder den Atem anhielt, aber dann doch wieder obenauf.

Nein, es wird nicht untergehen. Die hohen Wellen schaffen es nicht, es ist zu wendig.

 

 

 

Diesmal saß ich in der Orchesterempore, rechte Seite gleich in der ersten Reihe. Auf dieser Seite saß ich noch nie und hatte mich schon geärgert, da die Orchesterempore nicht gerade günstig für den Klang ist. Ich sitze doch lieber vor dem Orchester und nicht daneben. Aber mein Ärger verflüchtigte sich nach den ersten Takten völlig. 

Ich hatte einen tollen Blick auf den Dirigenten und sein Orchester. Es war ein Genuß zuzuschauen, wie gefühlvoll er das Orchester führte. Was für ein sanfter Gesichtsausdruck. Er schien diese Sinfonie sehr zu lieben und versank vollkommen darin - nein, das war auch nicht schwer, denn sie ist wunderschön.

 

 

Hier oben konnte ich die Instrumente sehr gut heraushören und auch sehen. Es war ein Genuß den Stereoeffekt auch mal von dieser Perspektive zu haben - links die Geigen, rechts die Flöten und die Musik wechselte - links rechts, rechts links - toll. Die erste Geige spielte wunderbar, dann folge rechts ein Glockenspiel und wieder links die Geigen, dann von vorn die Bässe und Cellis, dann eine Harfe, die ich nicht sehen konnte, vor mir. Die Bläser wieder rechts und wieder diese wunderschöne Geigenstimme links. Eine wirklich interessante Perspektive.

 

Ich folgte locker dem Geschehen und dem Schaukeln des SchifflGustav Mahler (1860-1911)eins bis zum vierten Satz und hier glätteten sich die Wogen. Das Schifflein schwebte sanft über das ruhige Meer. Ab und zu blitzte das Sonnenlicht in den Wellen, alles war still und ich erleichtert, daß es heil davon gekommen ist. Was für eine wunderschöne Melodie, nur hier und da ein kleines Plätschern der wenigen Wellen. Ich lehnte mich zurück und genoß diesen wundervollen vierten Satz. Alles wurde leicht und das Schifflein segelte mit mir in den nächtlichen Himmel hinein. Ich genoß die kühle Luft der Nacht. Sie strich wohltuend zart über meinen Körper und ich machte die Augen zu. Eine Geige säuselte von der Ferne und es war eine angenehme Ruhe. Sanfte Musik schwebte um mich herum - alles war so friedlich - wohltuende Stille ------

 

 

 

 

 

Wahnsinn! Was für eine Musik. Sir Andrew Davis ließ den vierten Satz mit soviel Gefühl ausklingen, daß keiner der Zuschauer wagte sich zu bewegen. Mindestens 2 Minuten Stille - das Publikum um mich herum war versteinert  - Stille - kein Atem war zu hören - nur Stille - Dirigent und Orchester waren erstarrt - Stille - Wahnsinn! Was für ein Konzert -----

 

 

 

 

 

Eure Jana