Als Erstes: Dada hat überhaupt nichts mit dem Konzert der Anhaltischen Philharmonie am 14. September 2007 zu tun, es ist einfach nur ein interessantes Thema, mit dem ich mich z.Z. beschäftige. 

Das Einzige, was vielleicht einen Zusammenhang darstellen könnte, ist eventuell der Umstand, daß das Konzert in Dessau statt fand und Dessau im weitesten Sinne auch etwas mit Dada zu tun haben könnte. Dessau, könnte man sagen, ist Klick zum Vergrößern die Heimat des Bauhauses, welches sich 1919 in Weimar formierte und dann etwas später nach Dessau umzog. Hier könnte man (und auch Frau) so ganz nebenbei denken, wenn man (oder eben auch Frau) sich die beiden Sachen betrachtet und zu Gemüte führt, dass das eine mit dem anderen schon einiges zu tun haben könnte. Beide versuchten wohl etwas Neues und neue Sichtweisen unter die Menschen zu bringen, was so manchmal schon etwas Provokativ erschien und erscheinen sollte.

Das erste Sinfoniekonzert dieser Saison allerdings sollte wohl eher nicht provokativ erscheinen und erinnert auch mehr an die Zeit, wo Luther versuchte, festgefahrene Schienen aufzureißen und neu zu verlegen. Provokativ? Hmmm - naja, passt vielleicht doch so ein bisschen zu den Dadaisten - im weitesten Sinne: "Bevor Dada da war, war Dada da."* Das Holzpferdchen kam 1916 in Zürich zur Welt** und brachte eine Menge neuer und verrückter Ausdrucksformen mit sich. Ursprünglich, könnte man sagen, ist es aus der Flucht der Künstler vor Einbeziehung in diverses Kriegsgeschehen entstanden. "Huelsenbeck hat die ihnen allen gemeinsamen Beweggründe für das Exil in der Schweiz einmal drastisch so beschrieben: "Wir hatten alle keinen Sinn für den Mut, der dazu gehört, sich für die Idee einer Nation totschießen zu lassen, die im besten Fall eine Interessengemeinschaft von Fellhändlern und Lederschiebern, im schlechtesten Fall eine Interessengemeinschaft von Psychopaten ist, die, wie im deutschen 'Vaterlande', mit dem Goetheband im Tornister auszogen, um Franzosen und Russen auf Bajonette zu spießen.""** Naja, und Luther zog in den Kampf gegen die Katholiken und war eben auch irgendwie und in irgendeiner Weise damit revolutionär. "Ein' feste Burg ist unser Gott". - ok, das klingt nicht revolutionär, aber war das Motto dieses Abends.... das musikalische! Der unmusikalische Anlass war der 500. Geburtstag des Reformationsfürsten Georg III. von Anhalt - aha, Reformation! Erneuerung!, zu neudeutsch und etwas moderner: Re-engineering. Luther versuchte also die Prozesse der Kirche neu zu designen, bzw. zu optimieren und das schon vor 500 Jahren - tja, und da denken die großen Qualitäter Re-engineering wäre etwas Neues - ha! Alles dada, was?

Allerdings das Re-engineering der Lutherschen Burg-Zeilen war schon sehr beeindrucken für mich. Unglaublich, wie man aus solch ein paar mickrigen Noten solch gigantische Werke kreieren kann und so, daß es auch richtig gut klingt. Joachim Raff, zum Beispiel, schaffte es, mich mit der Ouvertüre op. 127 total umzuhauen. Oder Mendelssohn erschuf eine ganze wunderbare Sinfonie aus Reformationsenthusiasmus. Was für ein brillantes Meisterwerk seine 5. Sinfonie doch ist und wie wunderbar sie durch den anhaltischen Konzertsaal glitt. Golo Berg und sein Orchester waren an diesem Abend wieder sehr gut drauf und auch der Konzertsaal war sehr gut gefüllt. Selbst einige Hautevolee mit neuem Oberbürgermeister Koschig und blitzendem Ohrstecker war anwesend, soweit ich das vom Parkett aus erfassen konnte. Allerdings bleibt die Frage offen, ob das jetzt die Regel ist, oder die Ausnahme von der Regel. Für Ausnahme von der Regel würde der Umstand plädieren, daß Herr Koschig anwesend sein musste, denn wer sollte sonst Martin Schulze die Ehrung des Kammermusikers überreichen. Für Regel würde plädieren, daß ich die Herren größtenteils-Dessauer-Hautevolee schon des Öfteren und ja, eigentlich sehr oft zu diversen Premieren erspähen konnte. Also liebe Dessauer/ bzw. und nun auch Roßlauer , wer seinen gemeinsamen Oberbürgermeister und blitzenden Ohrstecker gern mal aus der Nähe sehen möchte, sollte sich ein Premieren Abbo für das Anhaltische Theater Dessau besorgen.... wer gute Musik und hervorragende Performance mag, übrigens auch. Und keine Panik mit Sorge, da ist nichts Dadaistisch, eher ein bisschen Konservativ... naja, bis auf den blitzenden Ohrstecker, aber der gehört ja auch nicht dem Theater und so ganz mit der Zeit ist er nun ebenfalls nicht mehr. Ein Piercing wäre doch ganz nett, oder eine coole individuelle Tätowierung, aber selbst solche Mainstream Phänomene kommen jetzt mehr und mehr aus der Mode. Warten wir mal ab, was die neuen Zeiten bringen. Interessant wird's allemal.

Mainstream, einer macht es vor und alle anderen machen es nach bis zur totalen Abnutzung. Jeder trägt seine individuelle Mainstream Marke und fühlt sich individuell im Mainstream - die Marketingabteilungen diverser Lebensstil Marken haben gute und ganze Arbeit geleistet, das Massen prevailing Movement stürzt sich drauf, was für ein Esprit bei Bi-Ba Butzemann!

Da vollführte doch der Herr Berg ein sehr individuelles Konzert diesmal. Also Mainstream ist das ganz und gar nicht und deshalb auch überaus empfehlenswert.

Das zweite Stück an diesem Abend, war die Uraufführung der Choralsinfonie "Sollt' ich meinen Gott nicht singen?" von Heinz Röttger. Unglaublich, wie man aus solch einem, sagen wir jetzt hier mal verwerflich, langweiligen Choral, so etwas unglaublich Gutes zaubern kann. Die Umsetzung und Aufführung waren brillant. Die üppige Bläserbesetzung (würde ich als Laie so sagen) kam mir wie ein Hinweis auf die Posaunenchöre vor. Die Bläsereinsätze waren spitze und ebenso gut gelungen waren auch die Violinen- und Flötenteile. Das ganze modern verpackt und perfekt in den Saal transferiert. Was will der Zuhörer mehr. Das war ein wunderbarer Genuss für jedes Ohr.

Auch Röttger, der in Dessau bis zu seinem Tode 1977, 23 Jahre lang Generalmusiker war***, war kriegsbeeinflusst, was man unschwer an dieser Musik erkennen kann. Er erlebte zwei Weltkriege und einen davon sehr aktiv. Mit meiner guten Phantasie könnte ich natürlich auch hier wieder ein/ zwei Zusammenhänge zum Dadaismus finden, wenn ich Euch noch etwas darüber mitteilen wollte, aber dann schweife ich wieder viel zu sehr vom eigentlichen Thema ab, welches nicht Dadaismus ist, sondern viel mehr das Saisoneinstiegskonzert der Dessauer an diesem wunderbaren Abend.

Der Abend war natürlich nicht nur durch das Konzert so wunderbar, auch das Ambiente verwöhnte wiedermal meine sämtlichen Sinne. Der Verwöhnung wegen verpasste ich allerdings an dem Abend leider die Konzerteinführung, die sicherlich diesmal höchst interessant ausfiel. Aber ich muß ehrlich sein und zugeben, daß es meinem Sinn eben mal mehr nach einem guten Essen und hervorragendem Wein im Pächterhaus stand, tja, und eins geht eben nur in solch kurzer Zeit umzusetzen. Da zieht man doch der Kultur und Kunst wieder den schnöden Mammon vor - hmmm - aber wenn Kunst Rhythmus mit jedem beliebigen Material ist, dann muß es ja nicht unbedingt eine Konzerteinführung sein, sondern dann tut es das Schmatzen vom Nebentisch auch. Da staunt Ihr Bauklötze, was?

 

Also wir versuchten natürlich nicht zu schmatzen, auch wenn das wegen dem Rhythmus als Kunst durchgehen könnte, nein, wir genossen einfach den Geschmack dieses hervorragenden Abendessens und den guten Wein dazu und wünschten uns, daß das ewig so weitergehen würde. Wir überlegten sogar schon, einfach noch ein Weilchen im Pächterhaus sitzen zu belieben und erst ab der Halbzeit dem Konzert beizuwohnen. Aber die Neugierde war stärker als der Hang zur Gemütlichkeit und so erlebten wir auch den brillanten ersten Teil der Ode an Georg.

 

Tja und was soll ich hierzu jetzt noch sagen? Das Konzert war klasse, der Abend wunderbar und wir waren überaus zufrieden.

 

Den Dada Spruch, den ich hier zum Abschluss meiner kleinen Ausführungen noch gern anbringen möchte, hat jetzt zwar nichts mit dem Konzert zu tun, aber das macht nichts, denn es hatte ja eigentlich so gut wie gar nichts hier mit dem Konzert zu tun. Ich hätte wohl besser etwas über Luther oder Georg schreiben sollen.... naja, das nächste Mal.

 

 

Eure Jana

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*Hans Arp

**Dadaismus - Dietmar Elger, Uta Grosenick (Hg.); Taschen GmbH, Köln 2004; S.8

***Programm des Anhaltischen Theaters Dessau zum 1. Sinfoniekonzert 2007, Ronald Müller; S. 10

****Kurt Schwitters

*****Max Ernst