Cristin Claas Trio & Special Guest
Das
Konzert fand in der Marienkirche statt. Diesem Gebäude wurde in seiner
Geschichte schon arg zugesetzt, wie vielen
anderen auch. Zuletzt ist es im
Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, innen ausgebrannt, und wurde von 1989 bis
1998 wieder aufgebaut.
Man betritt einen gotischen, hohen Bau mit den typischen Säulen, aus Ziegeln gemauert, die das Mittel- von den Seitenschiffen trennen. Es gibt keinerlei kirchentypische Inneneinrichtung. Es wurde nur eine einfache Decke und Fußboden eingezogen. So entsteht ein Eindruck von Schlichtheit und zeitloser Beschränkung auf das Notwendigste. Die Säulen wurden gekonnt mit blauem Licht bestrahlt, so dass sich der Eindruck der Zeitlosigkeit noch verstärkte.
Für Konzerte gibt es natürlich Sitze, Garderobe, einen Ausschank und diverse Tische. Doch diese Inneneinrichtung wirkt wie temporär und nicht dazu gehörig.
Auf der Bühne, die auch nur einfach ein erhöhter Fußboden war und dadurch nach hinten praktisch fast keine Begrenzung außer den schlichten Kirchenwänden hatte, waren links einige Keyboards aufgebaut und rechts standen verschiedene Gitarren. Elektronische Keyboards hatten wir beim Kurt Weill - Jazz dieses Jahr bislang noch nicht.
Man
spielte dann auch bald etwas poppig los und die Sängerin kam rechts die Treppe
herab, aus irgendwelchen unergründlichen Räumlichkeiten der Kirche. Sie
bewegte sich schlicht und konzentriert, machte keine sinnlosen schnellen
Bewegungen und sang los. Sie hat eine schöne klare Stimme, eine beeindruckend
klare Aussprache und man spürte, dass sie längst nicht an ihren Grenzen war.
Das Lied entpuppte sich als eigene Version des (Heiden-) Röslein, die mit
Schubert nichts zu tun hatte. Ihr Gesang trat stark in den Vordergrund, was
sicherlich typisch für diese Art von Musik ist. Nicht umsonst bestimmt ihr Name
den Namen des Ensembles. All diese Schlichtheit passte hervorragend zum Gebäude,
wo das Konzert folgerichtig auch nicht zum ersten Mal stattfand. Ihre sparsame
Verwendung von Bewegungen und Gesichtsmimik machte diese umso wertvoller und
beeindruckender, wobei man nicht genau sagen kann, warum eigentlich. Man
entwickelt unweigerlich eine starke Sympathie für die Sängerin, die natürlich
auch den anderen zu
gute kommt.
Auch
das zweite Lied, Paperskin, ebenfalls eine Eigenkomposition, zeigte, wie gut man
ein E-Piano in der Jazzszene verwenden kann. So hätte es dann weitergehen können,
und natürlich war man dann auch neugierig auf den angekündigten Überraschungsgast.
Und dann, während dem ersten Weill - Song "My Ship" tat sie, was
wahrscheinlich viele Sängerinnen tun, ich aber bisher nur von der wunderbaren
Sarah Kaiser kannte, sie sprach einfach singend weiter zur Musik und machte so
ihre Ansagen. Und die Ansage galt dem Überraschungsgast, nämlich Nils
Landgren. Der kam Posaune spielend die linke Treppe herunter und fügte sich
perfekt in die Musik ein. Das war schon toll. Die Posaune wurde meisterhaft
virtuos unaufdringlich gespielt, ihr warmer Ton brachte sofort noch viel mehr
Farbe in die Musik, als sie ohnehin schon hatte. Das Konzert drehte nun förmlich
auf und Christoph Reuter an den Pianos und Stephan Bormann an den
verschiedensten Gitarren zeigten, dass sie keineswegs nur die Begleitmusiker zur
Sängerin waren sondern gleichfalls absolute Meister ihres Fachs. Da kamen
orientalische Klänge ins Spiel, bei denen das Piano gegen ein undefinierbares
Schlaginstrument getauscht wurde. Die Sängerin brillierte in einer
Kunstsprache, bei deren Tempo sie normal informationsaustauschende Frauen,
selbst Wunder der Schnellzüngig
keit, total in den Schatten stellte. Wir konnten
lernen, wie sich Mutter-Tochter Gespräche in Afrika anhören. Es gab einen
bluesigen Macky Messer, der gemeinsam mit Nils grandios gesteigert wurde und
einfach nur Klasse war. Kurt Weill wurde hier erneut ganz neu und immer wieder
gut interpretiert. Besonders beeindruckend auch die Leistung von Christoph
Reuter am Flügel zu Beginn des zweiten Teils. Ein Klavier ist ohne weiteres in
der Lage, sehr schnell langweilig zu werden, selbst bei geübten Spielern. Der
wahre Könner schafft es aber, die Zuhörer vollkommen in den
Bann zu ziehen,
und das war hier beim Weill - Song "Es regnet" überragend
gelungen.
Ich hab schon manchmal gedacht, dass Menschen seltsame Wesen sind. Gemeinhin glaubt man, der eine gibt, der andere nimmt, und dann ist es (hoffentlich) auch mal umgekehrt. Betrachtet man das Nehmen einfach als Spaß haben, so ist Kultur ein Perpetuum Mobile. Zum Beispiel gute Tänzer tanzen, einfach, weil es ihnen Spaß macht. Und umso mehr Spaß sie dabei haben, desto mehr Spaß hat man auch, ihnen dabei zuzusehen. Und ebenso verhält es sich natürlich mit den Musikern. Es ist einfach toll, sie bei der Arbeit zu beobachten, wie sie sich gegenseitig ansehen und kurz Zeichen geben, um zum Beispiel eine Schlusskadenz einzuleiten. Cristin Claas hatte auch immer nach links und rechts zu ihren Musikern geschaut, natürlich wissend, wie gut sie ihren Job machten, doch immer mit so einem prüfenden Gesichtsausdruck der dann aber doch Zufriedenheit zeigte. Nur einmal wurde dieser Ausdruck sehr finster, als er nämlich den eigentlich zuhörenden Männern galt, die da mitsingen sollten (durften) und ziemlich jämmerlich versagten. Aber unter ihrer Leitung funktionierte es am Ende doch.
Man konnte sehen, die Leute auf der Bühne hatten Spaß, die Zuhörer dankten es ihnen, und sie hatten mehr Spaß und wurden noch besser. Es stimmte einfach. Als zum Ende hin die Musiker noch mal kurz vorgestellt wurden und bei Cristin der Beifall besonders tobte hatte sie kurz Tränen in den Augen, und das machte sie gleich noch mal sympathischer.
Sie sang gemeinsam mit Nils einen Nils Landgren - Song über einen Humming Bird, den ich zufällig tags davor im Deutschlandfunk gehört hatte, und man nahm ihr ab, dass sie dies nie zu träumen gewagt hätte, als sie sich vor Jahren die entsprechende CD gekauft hatte.
Das
Schlusslied, eigentlich eine Zugabe, war die Ballade
Shadows Of Your Words.
Eindrucksvoll ging sie vom Mikrofon weg, so dass sie immer leiser wurde, und
durchquerte, immer weiter singend, das Kirchenschiff auf der einen Seite, während
Nils mit der Posaune die andere Seite entlang ging. Die anderen Musiker spielten
auf der Bühne weiter. Das waren eindrucksvolle Effekte und alles klang ganz
ordentlich. Ich finde, solche Balladen sind immer eine hoch riskante Sache, weil
da wirklich alles stimmen muss. Für meinen Geschmack fehlt dem Stück jedoch
etwas die Substanz, die das ganze hätte tragen müssen. Es klingt nett jedoch
nicht mich überzeugend.
Alles in allem, trotz der sparsamen Instrumentierung die Musik querbeetein jazzig, poppig, rockig, bluesig oder balladisch, immer hoch professionell, für jeden Geschmack was dabei. Ein überaus gelungener Abend.