Wie läuft das hin, so voll, so breit!

Wie glückt mir Alles, wie ich's treibe!

Zwar fehlt der Schrift die Deutlichkeit -

Was thut's? Wer liest denn, was ich schreibe?"

Friedrich Nietzsche

 

 

 

- Brillanter Chailly und ein brillantes Konzert im Gewandhaus -

 

 

Riccardo Chailly - Gewandhaus Leipzig 2006Jetzt saß ich gerade gemütlich, hier auf einem meiner neuen, cremefarbenen und sehr schön nach Leder riechenden Sessel, zusammen mit einem exquisiten Glas Saale-Unstrut Riesling und Friedrich Nietzsche auf dem Schoß. Im Hintergrund Tschaikowskis 5. Sinfonie und mit den Gedanken bei dem grandiosen Konzert des Leipziger Gewandhaus am gestrigen Abend.

Da beschloss ich nun doch Friedrich Nietzsche wieder ins Regal zu stellen und mein Laptop aus der Tasche zu holen.

Friedrich Nietzsche ist brillant und sehr verführerisch weiterzulesen, aber gestern Abend im Gewandhaus war Riccardo Chailly ebenfalls brillant und das verführt doch nun sehr einen kleinen Bericht darüber zu schreiben. Ich muß ehrlich zugeben, daß ich seine Art und Interpretationen eigentlich überhaupt nicht mag und somit auch nicht viel Gutes über ihn zu berichten hatte - bis jetzt - , aber das, was er da gestern zusammen mit unserem Gewandhausorchester geboten hat, war einfach genial bis brillant und das vom ersten bis zum letzten Ton.

 

"Ja! Mein Glück - es will beglücken -,

Alles Glück will ja beglücken!

Wollt Ihr meine Rosen pflücken?

Müsst Euch bücken und verstecken

Zwischen Fels und Dornenhecken,

Oft die Fingerchen Euch lecken!

Denn mein Glück - es liebt das Necken!

Denn mein Glück - es liebt die Tücken! -

Wollt Ihr meine Rosen pflücken?"

Friedrich Nietzsche

 

Diesmal hat er meine Rose gepflückt, obwohl ich meine Dornen gut gespitzt hatte und sehr bereit war zum Stechen. Ich wollte das Blut tropfen lassen, so zwischen Fels und Dornenhecken, aber er fand diesmal ein hübsches Fleckchen Gras auf der Heide, ganz nett zwischen meinen Dornen und Felsen.

Und dort träume ich noch immer, sonnendurchflutet, von Tschaikowskis wundervollen Takten. Was war das doch für ein berauschendes Konzert.

 

 

Anton Webern (1883-1945) - Quelle: Programm des GewandhausesBegonnen hat er allerdings mit Anton Webern und der "Passacaglia". Webern war ein Schüler Arnold Schönbergs, der mir z.Z. dauernd über den Weg zu laufen scheint. Im Moment habe ich sogar eine CD von ihm unten im Auto. Ein wunderbarer Komponist und eine sehr gute CD seiner Werke, die ich da z.Z. höre. Ein Teil erinnert mich ein bißchen an Strauß' "Metamorphosen" - einfach wunderbar.

Webern war eigentlich noch nie so recht mein Liebling, aber irgendwie spüre ich, daß sich das jetzt zu ändern scheint. Alle Komponisten, die ich früher überhaupt nicht mochte, werden immer eingängiger für mich und immer interessanter. Ich lausche ihren Tönen und frage mich, warum ich sie damals nicht mochte. Entweder ließen damals die Konzerte zu Wünschen übrig, oder mein Musikgeschmack ändert sich langsam. Aber ist ja auch egal, dieser Webern gefiel mir jedenfalls bestens.

 

Diesmal hatte ich auch wieder sehr gute Plätze im Gewandhaus und der Klang kam perfekt rüber in die 6. Parkettreihe. Durch die etwas äußeren Plätze hatte ich auch einen sehr guten Blick auf Riccardo Chailly. Nun ja, die kürzeren Haare und das bißchen weniger Bauch standen ihm sehr gut und ich ließ mein Blick wieder durchs Orchester schweifen. Die Finger der Musiker glitten wunderbar schnell über die wunderschönen Instrumente. Harfe und Bläser waren diesmal sehr präsent und da war es wieder, dieses wunderbare Glücksgefühl.

Was für ein wunderbares Glück war es doch hier sitzen und dieser wunderbaren Musik lauschen zu dürfen. Das Gewandhaus ist und bleibt eben eines der Besten (wenn nicht sogar der Beste) Konzertsaal der Welt. Die wunderbaren Klänge durchfluteten den Raum in einer wunderbaren Lautstärke und ich saß da und lauschte mit Spannung dem noch Folgenden.

Allerdings die höchste Spannung folgte beim zweiten Teil vor der Pause, dem Auftragswerk des Gewandhauses und Riccardo Chaillys an den Weißenfelser Bernd Franke. Das war eine sehr gute Idee und ließ Riccardo Chailly auf meiner Lieblingsdirigentenscala gerade vom letzten Platz auf den vorletzten aufsteigen.

Bernd Franke (*1959) - Quelle: Programm des GewandhausesEin wunderbares Teil, oder besser 3 wunderbare Schnitte. Denn wir hörten CUT VI bis VIII.

Ja, es ist moderne Musik, aber sehr gute moderne Musik. Es gab sogar für einen Laien wie mich, schön klingende, melodische Ansätze und sehr hübsche Passagen zwischendrin. Das beste kam allerdings am Schluss, das Duell zwischen den beiden Celli - einfach perfekt! Sehr gut komponiert und super gespielt. Die Idee ein Cello neben die Orgel zu positionieren war grandios und ergab einen einzigartigen Klang. Das hat mir wirklich sehr gut gefallen und ich hoffe noch mehr von Bernd Franke hören zu können.

Der 1959 in Weißenfels geborene Komponist war anwesend und bekam einen wunderbaren Applaus für sein ebensolches Werk. Ja, Herr Franke, das hat mir wirklich sehr gut gefallen und schade, daß ich es jetzt nicht noch einmal hören konnte. Von Einmal kann man das einfach nicht alles erfassen. Ich hätte es wirklich gern noch einmal gehört.

 

Nach diesem brillanten ersten Konzertteil folgte leider, für meine Begriffe viel zu schnell, die Pause. 1000de von Konzertbesuchern (das Haus war so gut wie ausverkauft) drängten sich durch die schmalen Ausgänge und an den Theken nach einem Glase Sekt oder Wein. Und als ich mich so umschaute, dachte ich, diesmal sind sie alle wirklich sehr gut angezogen und es war ein sehr gemischtes Publikum. Nicht nur verschiedene Nationen, sondern auch verschiedenes Alter - vom Teenager bis zum Greis.... und das war wunderbar! Ich liebe diesen Mix und es macht mich glücklich solche Menschen um mich herum zu haben. Das war ein viel besseres Gefühl als vorgestern in Miller's Kneipe zum Robbie-Williams-Verschnitt-Konzert. Das war auch sehr nett und diese hallesche Kneipe ist ganz hübsch, und ich habe ein leckeres Irgendwas getrunken und der sehr guten Verschnittmusik zugehört, aber es war einfach nicht dasselbe. Die Leute waren anders, die Atmosphäre war anders und es war nicht meine Atmosphäre und es waren nicht meine Leute. Ich fühle mich einfach nicht dazugehörig. Die Menschen dort sahen irgendwie alle gleich aus, die Mädels blond und die Haare zum kurzen Pferdeschwanz zusammengenommen. Die Männer mit T-Shirt und Jeans und kein einziger schien interessant für mich. Im Gegenteil, ich war froh keinen von Diesen näher zu kennen.

Die Reaktionen und Rituale waren immer die Gleichen. Ich konnte das sehr gut beobachten und das war mir einfach zu wenig Individualismus und es war langweilig. Nur ein paar stachen heraus - ja, ein paar schienen anders zu sein - hmmm, es war nett dort und ich gehe nicht wieder hin.

Ich gehe morgen wieder nach Dessau zu einem Opernkonzert, diesmal zu "Don Karlos" und ich bin so froh und ein riesengroßer Stein fällt mir vom Herzen, daß dies meine Welt ist und das ich in der anderen Welt dort nur ein Gast und Beobachter war. Das beruhigt mich sehr, denn die Welt würde ich nicht ertragen können.... aber es war nett.... und ich finde es eine gute Idee, daß Miller's so etwas organisiert und das viele Leute das mögen finde ich auch gut und das sie hingehen und sich nicht zu Hause vom Fernseher berieseln lassen, das finde ich auch super.... aber ich bin so froh, daß das nicht meine Welt ist.

 

 

Peter Tschaikowski (1840-1893) - Quelle: Programm des GewandhausesNach der Pause ging es dann weiter mit Tschaikowskis 5. Sinfonie. Schon die ersten Takte schlichen sich heimtückisch in mein Gemüt und verbreiteten dort eine angenehme Wärme und Liebe zu dieser Musik. Tschaikowskis 5. Sinfonie ist und bleibt ein Hochgenuß! So einfach und doch so ein wunderschönes Teil.... solch wunderschöne Melodien.

Ganz ruhig und mit leisen Tönen schmeichelte sich schon der erste Satz bei mir ein und ich ließ mich sofort darin fallen. Chailly und das Gewandhausorchester setzten diese Töne brillant um und meine Gedanken wanderten mit diesen Tönen in eine andere Dimension vollkommener Schönheit.

Das war einfach vollkommene Schönheit im Klang und das Bild, was ich dabei vor Augen hatte untermauerte diese Schönheit und zog mich und meine Gedanken in diese Dimension. Das ist fast wie Liebe - oder ist das Liebe?

Sofort stellten sich meine Dornen auf - nein, Jana, Du wirst Dich nicht wieder verlieben. Komm wieder zurück und bleib bei der wunderbaren Musik, lausche den Tönen und nicht deinen Gedanken!

Die Töne wurden immer besser.... und Chailly so ganz ohne Partitur immer lebhafter. Aber es sah gut aus und er schien diese Musik zu lieben. Da sind wir einer Meinung Herr Chailly, ich liebe diese Musik auch. Besonders den zweiten Satz mit dem Horn - oh so wunderschön.

Ja, was soll ich jetzt eigentlich dazu noch sagen? Da gibt es nichts mehr zu sagen. Das war einfach ein wunderbares Konzert! Und ich war überglücklich gestern und der Tschaikowski war das Beste und das Konzert bekam Standing Ovation - redlich verdient - und dem schließe ich mich diesmal auch an.

 

 

Eure Jana

 

"Wollt Ihr meine Rosen pflücken?"