CARMINA  BURANA 
In der Schenke/ In Taberna
*

Estuans interius ...

Glühend in mir ...

Estuans interius

ira vehementi

in amaritudine

loquor mee menti:

factus de materia,

cinis elementi,

similis sum folio,

de quo ludunt venti.

Glühend in mir

Vor heftigem Ingrimm

Sprech ich voller Bitterkeit

Zu meinem Herzen:

Geschaffen aus Staub,

Asche der Erde,

Bin ich dem Blatt gleich,

mit dem die Winde spielen.

Cum sit enim proprium

viro sapienti

supra petram ponere

sedem fundamenti,

stultus ego comparor

fluvio labenti,

sub eodem tramite

nunquam permanenti.

Wenn es die Art ist

Des weisen Mannes,

Auf Fels zu gründen

Sein Fundament:

Gleiche ich Tor

Dem Fluß, der dahin strömt,

Niemals im selben 

Lauf sich hält.

Feror ego veluti

sine nauta navis,

ut per vias aeris

vaga fertur avis;

nin me tenent vincula,

non me tenet davis,

quero mihi similes

et adiungor pravis.

Ich treibe dahin

Wie ein Boot ohne Mann,

Wie auf luftigen Wegen

Der Vogel schweift.

Mich binden nicht Fesseln,

Mich hält kein Schloß,

Ich suche meinesgleichen,

Schlag mich zu den Lumpen.

Mihi cordis gravitas

res videtur gravis;

iocus est amabilis

dulciorque favis;

quicquid Venus imperat,

labor est suavis,

que nunquam in cordibus

habitat ignavis.

Ein schwerer Ernst

Dünkt mich zu schwer,

Scherz ist lieblich

Und süßer als Waben.

Was Venus gebietet,

Ist wonnige Müh,

Niemals wohnt sie 

In feigen Seelen.

Via lata gradior

more iuventutis,

inplicor et vitiis

immemor virtutis,

voluptatis avidus

magis quam salutis,

mortuus in anima

curam gero cutis.

Die breite Straße fahr ich

Nach der Art der Jugent,

Geselle mich zum Laster,

Frage nichts nach Tugend.

Nach Sinnenlust dürstend

Mehr als nach dem Heil,

Will ich, an der Seele tot,

Gütlich tun dem Leib!

               

Olim lacus colueram ...

Einst schwamm ich auf den Seen umher ...

Cignus ustus cantat:

Olim lacus colueram,

olim pulcher extiteram,

dum cignus ego fueram.

Miser, miser!

modo niger

et ustus fortiter!

Girat, regirat garcifer;

me rogus urit fortiter:

propinat me nunc dapifer,

Miser, miser!

modo niger

et ustus fortiter!

Nunc in scutella iaceo,

et volitare nequeo,

dentes frendentes video:

Miser, miser!

modo niger

et ustus fortiter!

Der gebratene Schwan singt:

Einst schwamm ich auf den Seen umher,

Einst lebte ich und war schön,

Als ich ein Schwan noch war.

Armer, armer!

Nun so schwarz

Und so arg verbrannt!

Es dreht und wendet mich der Koch.

Das feuer brennt mich sehr.

Nun setzt mich vor der Speisemeister.

Armer, armer!

Nun so schwarz

Und so arg verbrannt!

Jetzt liege ich auf der Schüssel

Und kann nicht mehr fliegen,

Sehe bleckende Zähne um mich her!

Armer, armer!

Nun so schwarz

Und so arg verbrannt!

               

Ego sum abbas ...

Ich bin der Abt ...

Ego sum abbas Cucaniensis

et consilium meum est cum bibulis,

et in secta Decii voluntas mea est,

et qui mane me quesierit in taberna,

post vesperam nudus egredietur,

et sic denudatus veste damabit:

 

Wafna, wafna!

quid fecisti sors turpissima?

Nostre vite gaudia

abstulisti omnia!

Ich bin der Abt von Cucanien,

Und - meinen Konvent halte ich mit den Saufbrüdern,

Und - meine Wohlgeneigtheit gehört dem Orden der Würfelspieler,

Und - macht einer mir morgens seine Aufwartung in der Schenke,

geht er nach der Vesper fort und ist ausgezogen,

Und - also ausgezogen, wird er ein Geschrei erheben:

Wafna, wafna!

Was hast du getan, Pech, schändlichstes?

Unsere Lebensfreuden hast du

Fortgenommen alle!

               

In taberna quando sumus ...

Wenn wir sitzen in der Schenke ...

In taberna quando sumus,

non curamus cuid sit humus,

sed ad ludum properamus,

cui semper insudamus.

Quid agatur in taberna,

ubi nummus est pincerna,

hoc est opus ut queratur,

si quid loquar, audiatur.

Wenn wir sitzen in der Schenke,

Fragen wir nichts nach dem grabe,

Sondern machen uns ans Spiel,

über dem wir immer schwitzen.

Was sich in der Schenke tut,

Wenn der Batzen Wein herbeischafft,

Das verlohnt sich zu vernehmen:

Höret, was ich sage!

Quidam ludunt, quidam bibunt,

quidam indiscrete vivunt.

ed in ludo qui morantur,

ex his quidam denudantur,

quidam ibi vestiuntur,

quidam saccis induuntur,

Ibi nullus timet mortem,

sed pro Bacho mittunt sortem:

Manche spielen, mache trinken,

Manche leben liederlich,

Aber die beim Spiel verweilen:

Da wird mancher ausgezogen,

Mancher kommt zu einem Rocke,

Manche wickeln sich in Säcke,

Keiner fürchtet dort den Tod,

Nein, um Bacchus würfelt man.

Primo pro nummata vini;

ex hac bibunt libertini,

semel bibunt pro captivis,

post hec bibunt ter pro vivis,

quater pro Christianis cunctis,

quinquies pro fidelibus defunctis,

sexies pro sororibus vanis,

septies pro militibus silvanis.

Erstens: wer die Zeche zahlt:

Davon trinkt das locke Volk,

Einmal auf die Eingelochten,

Dreimal dann auf die, die leben,

Viermal auf die Christenheit,

Fünfmal, die im Herrn verstarben,

Sechsmal auf die leichten Schwestern,

Siebenmal die Heckenreiter.

Octies pro fratribus perversis,

nonies pro monachis dispersis,

decies pro navigantibus,

undercies pro discordantibus,

duodecies pro penitentibus

tredecies pro iter agentibus.

Tam pro papa quam pro rege

bibunt omnes sine lege.

Achtmal die verirrten Brüder,

Neunmal die versprengten Mönche,

Zehnmal, die die See befahren,

Elfmal, die in Zwietracht liegen,

Zwölfmal, die in Buße leben,

Dreizehnmal, die unterwegs sind;

Auf den Papst wie auf den König

Trinken alle schrankenlos:

Bibit hera, bibit herus,

bibit miles, bibit derus,

bibit ille, bibit illa,

bibit servus cum ancilla,

bibit velox, bibit piger,

bibit albus, bibit niger,

bibit constans, bibit vagus,

bibit rudis, bibit magus,

 

Trinkt die Herrin, trinkt der Herr,

Trinkt der Ritter, trinkt der Pfaffe,

Trinket dieser, trinket jene,

Trinkt der Knecht und trinkt die Magd;

Trinkt der Schnelle, trinkt der Faule,

Trinkt der Blonde, trinkt der Schwarze,

Trinkt, wer sesshaft, trinkt, wer fahrend,

Trinkt der Tölpel, trinkt der Weise;

Bibit pauper et egrotus,

bibit exul et ignotus,

bibit puer, bibit canus,

bibit presul et decanus,

bibit sorsor, bibit frater,

bibit anus, bibit mater,

bibit ista, bibit ille,

bibunt centrum, bibunt mille.

Trinkt der Arme und der Kranke,

Der Verbannte, Unbekannte,

Trinkt das Kind und trinkt der Kahle,

Trinken Bischof und Dekan;

Trinkt die Schwester, trinkt der Bruder,

Trinkt die Ahne, trinkt die Mutter,

Trinket diese, trinket jener,

Trinken hundert, trinken tausend.

Parum sexcente nummate

durant, cum immoderate

bibunt omnes sine meta.

Quamvis bibant mente leta,

sic nos rodunt omnes gentes

et sic erimus egentes.

Qui nos rodunt confundantur

et cum iustis non scribantur.

Sechshundert Zechinen reichen

Lange nicht, wenn maßlos alle

Trinken ohne Rand und Band. -

Trinken sie auch frohgemut,

Schmähen uns doch alle Völker,

Und wir werden arm davon.

Mögen, die uns schmäh'n, verkommen,

Nicht im Buche der Gerechten

Aufgeschrieben sein!

 

 

            

 

 

*Abschrift des Textes aus dem Programmheft zum Konzert der Tschechischen Symphoniker im Leipziger Gewandhaus am 07. Januar 2004