CARMINA  BURANA 
Liebeshof/ Cour D'Amour
*

Amor volat undique ...

Amor fliegt überall ...

Amor volat undique,

captus est libidine.

Iuvenes, iuvencule

coniunguntur merito.

Siqua sine socio,

caret omni gaudio,

tenet noctis infima

sub intimo

cordis in custodia:

fit res amarissima.

Amor fliegt überall,

Ist ergriffen von Verlangen.

Jünglinge und Jüngferlein

Finden sich, und das ist recht!

Wenn eine keinen Liebsten hat,

So ist sie aller Freuden leer,

Muss verschließen tiefste Nacht

Drinnen in ihres Herzen Haft.

Das ist ein bitter Ding.

               

Dies, nox et omnia ...

Tag, Nacht und alles ...

Dies, nox et omnia

mihi sunt contraria,

virginum colloquia

me fay planszer,

oy suvenz suspirer,

plu me fay temer.

O sodales, ludite,

vos qui scitis dicite,

mihi mesto parcite,

grand ey dolur,

attamen consulite

per voster honur.

Tua pilcha facies,

me fey planser milies,

pectus habens glacies.

a remender,

statim vivus fierem

per un baser.

Tag, Nacht und alles

Ist mir zuwider.

Plaudern der Mädchen

Macht mich weinen

Um vielmals seufzen

Und fürchten noch mehr.

Freunde! ihr scherzt!

Ihr sprecht, wie ihr's wißt!

Schont mich betrübten!

Groß ist der Schmerz.

Ratet mir doch,

Bei eurer Ehr'!

Dein schönes Antlitz

Macht mich weinen

Viel tausend Mal.

Dein Herz ist von Eis. -

Mach's wieder gut!

Ich wurde lebendig sogleich

Durch einen Kuß.

               

Stetit puella ...

Stand da ein Mägdlein ...

Stetit puella

rufa tunica;

si quis eam tetigit,

tunica crepuit.

Eia.

Stetit puella,

tamquam rosula;

facie splenduit

et os eius floruit.

Eia.

Stand da ein Mägdlein

Im roten Hemd.

Wenn man dran rührte,

Knisterte das hemd.

Eia!

Stand da ein Mägdlein

Gleich einem Röslein.

Es strahlte ihr Antlitz

Und blühte ihr Mund.

Eia!

               

Circa mea pectora ...

In meinem Herzen ...

Circa mea pectora

multa sunt suspira

de tua pulchritudine,

que me ledunt misere.

 

Manda liet,

manda liet,

min geselle

chumet niet.

 

Tui lucent oculi

sicut solis radii,

sicut splendor fulguris

lucem donat tenebris.

 

Manda liet,

manda liet,

min geselle

chumet niet.

 

Wellet deus, vellent dii,

quod mente proposui.

ut eius virginea

reserassem vincula.

 

Manda liet,

manda liet,

min geselle

chumet niet.

In meinem Herzen

Sind viele Seufzer,

Weil du so schz~n bist:

Davon bin ich ganz wund.

 

Manda liet,

manda liet,

Mein Geselle

Kommet nicht.

 

Deine Augen leuchten

Wie Sonnenstrahlen,

Wie der Glanz des Blitzes

Die Nacht erhellt.

 

Manda liet,

manda liet,

Mein Geselle

Kommet nicht.

 

Gebe Gott, geben's die Götter,

Was ich mir hab vorgesetzt:

Dass ich ihrer Jungfernschaft

Fesseln noch entriegle.

 

Manda liet,

manda liet,

Mein Geselle

Kommet nicht.

               

Si puer cum puellula ...

Wenn Knabe und Mägdelein ...

Si puer cum puellula
moraretur in cellula,
felix coniunctio.
Amore suscrescente,
pariter e medio
propulso procul tedio,
fit ludus ineffabilis
membris, lacertis, labilis.

Wenn Knabe  und Mägdelein
Verweilen im Kämmerlein:
Seliges beisammensein!
Wächst die Liebe sacht heran
Und ist zwischen beiden alle Scham
Gleicherwiese abgetan,
Beginnt ein unaussprechlich Spiel
Mit Gliedern, Armen, Lippen.

                 

Veni, veni, venia!

Komm, komm, komme!

Veni, veni, venias,
ne me mori facias,
hyrca, hyrce, nazaza,
trillirivos...

Komm, komm, komme!
Lass mich nicht sterben!
Hyrca, hyrce, nazaza,
Trillirivos!

Pulchra tibi facies,
oculorum acies,
capillorum series,
a quam clara species!

Schön ist dein Angesicht,
Deiner Augen Schimmer,
Deiner Haare Flechten!,
O wie herrlich die Gestalt!

Rosa rubicundior,
lilio candidior,
omnibus formosior,
semper in te glorior!

Röter als Rosen,
Weißer als Lilien!
Du Allerschönste
Stehts bist du mein Ruhm!!

                 

In trutina ...

Auf des Herzens ...

In trutina mentis dubia
fluctuant contraria
lascivus amor et pudicitia.
Sed eligo quod video,
collum iugo prebeo;
ad iugurn tamen suave transeo

Auf des Herzens unentschiedener
Waage schwanken widerstreitend
Scham und liebendes Verlangen.
Doch ich wähle, was ich sehe,
Biete meinem Hals dem Joch,
Trete unters Joch, das doch so süße.

             

Tempus est iocundum ...

Lieblich ist die Zeit ...

Tempus est iocundum,
o virgines,
modo congaudete,
vos iuvenes!

Lieblich ist die Zeit,
O Mädchen,
Freut euch jetzt mit uns,
Ihr Burschen!

Oh, oh, oh!
totus floreo
iam amore virginali 

totus ardeo!
novus, novus amor 

est, quo pereo!

Oh! Oh!

Wie ich blühe,

Schon von einer neuen Liebe

Ganz erglühe!

Junge, junge Liebe ist es,

Daran ich vergeh!

Mea me confortat
promissio,
mea me deportat
negatio.

Mutig macht mich

Mein Versprechen.

Nieder drückt mich

Mein Verweigern.

Oh, oh, oh!
totus floreo
iam amore virginali 

totus ardeo!
novus, novus amor 

est, quo pereo!

Oh! Oh!

Wie ich blühe,

Schon von einer neuen Liebe

Ganz erglühe!

Junge, junge Liebe ist es,

Daran ich vergeh!

Tempore brumali
vir patiens,
animo vernali
lasciviens.

Zur Winterzeit

Ist träg der Mann.

Im Hauch des Frühlings

Munter.

Oh, oh, oh!
totus floreo
iam amore virginali 

totus ardeo!
novus, novus amor 

est, quo pereo!

Oh! Oh!

Wie ich blühe,

Schon von einer neuen Liebe

Ganz erglühe!

Junge, junge Liebe ist es,

Daran ich vergeh!

Mea mecum ludit
virginitas,
mea me detrudit
simplicitas.

Es lockt und zieht mich hin:

Ich bin ein Mädchen.

Es schreckt und ängstigt mich.

Bin, ach, so blöde!

Oh, oh, oh!
totus floreo
iam amore virginali 

totus ardeo!
novus, novus amor 

est, quo pereo!

Oh! Oh!

Wie ich blühe,

Schon von einer neuen Liebe

Ganz erglühe!

Junge, junge Liebe ist es,

Daran ich vergeh!

Veni, domicella,
cum gaudio,
veni, veni, pulchra,
iam pereo!

Komm, Geliebte!

Bring Freude!

Komm, komm, du Schöne!

Schon muß ich vergehn!

Oh, oh, oh!
totus floreo
iam amore virginali 

totus ardeo!
novus, novus amor 

est, quo pereo!

Oh! Oh!

Wie ich blühe,

Schon von einer neuen Liebe

Ganz erglühe!

Junge, junge Liebe ist es,

Daran ich vergeh!

             

Dulcissime!

Du Süßester!

Dulcissime! Ah!
Totam tibi subdo me!

Du Süßester!

Ganz dir ergeb ich mich!

 

                 

 

 

*Abschrift des Textes aus dem Programmheft zum Konzert der Tschechischen Symphoniker im Leipziger Gewandhaus am 07. Januar 2004