CARMINA  BURANA 
Im Frühling/ Primo Vere
*

Veris leta facies

Frühlings heiteres Gesicht ...

Veris leta facies

mundo propinatur,

hiemalis acies

victa iam fugatur,

in vestitu vario

Flora principatur,

nemorum dulcisono

que cantu celebrtur.

Frühlings heiteres Gesicht

Schenkt der Welt sich wieder.

Winters Strenge muss, besiegt,

Nun vom Felde weichen.

Flora tritt im bunten Kleid

Ihre Herrschaft an,

Mit süßtönendem Gesang

Feiern sie die Wälder.

Flore fusus gremio

Phebus novo more

risum dat, hoc vario

iam stipatur flore

Zephyrus nectareo

spirans in odore.

Certatim pro bravio

curramus in amore.

In Floras Schoße hingestreckt

Lacht Phoebus nun aufs neue.

Von diesem mannigfachen Blühn

Umringt, atmet Zephyrus

In nektarreinem Dufte.

Laßt uns um die Wette laufen

Nach dem Preis der Liebe!

Cytharizat cantico

dulcis philomena,

flore rident vario

prata iam serena,

salit cetus avium

silve per amena,

chorus promit virginum

iam gaudia millena.

Mit ihrem Liede präludiert

Die süße Philomele.

Voll bunter Blumen lachen nun

Heiter schon die Wiesen.

Vogelschwärme ziehen durch

Des Waldes Lieblichkeiten.

Reigentanz der Mädchen bringt

Freuden tausendfältig.

Omnia Sol temperat ... Alles amcht die Sonne mild ...

Omnia sol temperat

purus et subtilis

nova mundo reserat

facies Aprilis,

ad amorem properat

animus herilis

et iocundis imperat

deus puerilis.

Alles macht die Sonne mild,

Sie, die reine, zarte.

Neues schließt das Angesicht

Des April der Welt auf.

Wiederum zu Amor hin

Drängt die Brust des Mannes.

Über alles Liebliche

Herrscht der Gott, der Knabe.

Rerum tanta novitas

in solemni vere

et veris auctoritas

iubet nos gaudere;

vias prebet solitas,

et in tuo vere

fides est et probitas

tuum retinere.

Solche All-Erneuerung

In dem feierlichen Frühling

Und des Frühlings Machtgebot

Will, das wir uns freuen.

Altvertraute Wege weist er:

Auch in deinem Frühling

Fordert Treu und rechter Sinn:

Ama me fideliter,

fidem meam nota

de corde totaliter

et ex mente tota.

sum presentialiter

absens in remota.

quisquis amat taliter,

volvitur in rota.

Halt ihn fest, der dein ist!

Liebe mich mit treuem Sinn!

Sieh auf meine Treue,

Die von ganzem Herzen kommt

Und von ganzem Sinne.

Gegenwärtig bin ich dir

Auch in weiter Ferne.

Wer auf solche Weise liebt,

Ist aufs Rad geflochten.

Ecce gratum ... Sieh! der holde ...

Ecce gratum

et optatum

ver reducit gaudia,

purpuratum

floret pratum,

sol serenat omnia,

iamiam cedant tristia!

estas redit,

nunc recedit

hyemis sevitia.

Sieh! der holde

Und ersehnte

Frühling bringt zurück die Freuden!

Purpurrut

Blüht die Wiese,

Alles macht die Sonne heiter:

Weiche nun die Traurigkeit!

Sommer kehrt

Zürück, des Winters

Strenge muß nun fliehen.

Iam liquescit

et decrescit

grando, nix et cetera,

bruma fugit,

et iam sugit,

ver estatis umbera:

illi mens est misera,

qui nec vivit,

nec lascivit

sub estatis dextera.

Nun schmilzt hin

Und schwindet Hagel,

Schnee und alles andere.

Der Winter flieht,

Und schon saugt

Der Frühling an des Sommers Brüsten.

Das muß ein Armseliger sein,

Der nicht lebt

Und nicht liebt

Unter des Sommers Herrschaft

Gloriantur

et letantur

in melle dulcedinis

qui conantur,

ut utantur

premio Cupidinis;

simus jussu Cypridis

gloriantes

et letantes

pares esse Paridis.

Es prangen

Und schwelgen

In Honigsüße,

Die's wagen

Und greifen

Nach Cupidos Lohn.

Auf Cypris' Geheiß

Wollen prangend

Und schwelgend

Dem Paris wir uns gleich tun!

 

            

 

 

*Abschrift des Textes aus dem Programmheft zum Konzert der Tschechischen Symphoniker im Leipziger Gewandhaus am 07. Januar 2004