CARMINA  BURANA 
Fortuna, Herrscherin der Welt/ Fortuna, Imperatrix Mundi
*

O Fortuna!

O Fortuna!

O Fortuna!

velut luna

statu variabilis,

semper crescis

aut decrescis;

vita detestabilis

nunc obdurat

et tunc curant

ludo mentis aciem,

egestatem,

potestatem

dissolvit ut glaciem.

O Fortuna!

Wie der Mond

So veränderlich,

Wächst Du immer

Oder schwindest! -

Schmählich Leben!

Erst misshandelt,

Dann verwöhnt es

Spielerisch den wachen Sinn.

Dürftigkeit,

Großmächtigkeit,

Sie zergeht vor ihm wie Eis.

Sors immanis

et inanis,

rota tu volubilis,

status malus,

vana salus

semper dissolubilis,

obumbrata

et velata

michi quoque niteris;

nunc per ludum

dorsum nudum

fero tui sceleris.

Schicksal,

Ungeschlacht und eitel!

Rad, du rollendes!

Schlimm dein Wesen,

Dein Glück nichtig,

Immer im Zergehn!

Überschattet

Und verschleiert

Kommst du nun auch über mich.

Um des Spieles

Deiner Bosheit

Trag ich jetzt den Buckel bloß.

Sors salutis

et virtutis

michi nunc contraria,

est affectus

et defectus

semper in angaria.

Hac in hora

sine mora

corde pulsum tangite;

quod per sortem

sternit fortem,

mecum omnes plangite!

Los des Heiles

Und der Tugend

Sind jetzt gegen mich.

Willenskraft

Und Schwachheit liegen

Immer in der Fron.

Drum zur Stunde

Ohne Säumen

Rührt die Saiten! -

Wie den Wackeren

Das Schicksal

Hinstreckt: alle klagt mit mir!

Fortune plango vulnera ... Die Wunden, die Fortuna schlug ...

Fortune plango vulnera

stillantibus ocellis,

quod sua michi munera

subtrahit rebellis.

verum est, quod legitur,

fronte capillata,

sed plerumque sequitur

Occasio calvata.

Die Wunden, die Fortuna schlug,

Beklage ich mit nassen Augen,

Weil sie ihre Gaben mir

Entzieht, die Widerspenstige.

Zwar, wie zu lesen steht, es prangt

Ihr an der Stirn die Locke,

Doch kommt dann die Gelegenheit,

Zeigt meist sie ihren Kahlkopf.

In Fortune solio

sederam elatus,

prosperitatis vario

flore coronatus;

quicquid tarnen florui

felix et beatus,

nunc a summo corrui

gloria privatus.

Auf Fortunas Herrscherstuhl

Saß ich, hoch erhoben

Mit dem bunten Blumenkranz

Des Erfolgs gekrönt.

Doch, wie ich auch in Blüte stand,

Glücklich und gesegnet:

Jetzt stürze ich vom Gipfel ab,

Beraubt der Herrlichkeit.

Fortune rota volvitur:

descendo minoratus;

alter in altum tollitur;

nimis exaltatus

rex sedet in vertice -

caveat ruinam!

nam sub axe legimus

Hecubam reginam.

Fortunas Rad, es dreht sich um:

Ich sinke, werde weniger,

Den anderen trägt es hinauf:

Gar zu hoch erhoben

Sitzt der König auf dem Grat:

Er hüte sich vor dem Falle!

Denn unter dem Rade lesen wir:

Königin Hecuba'.

 

            

 

 

*Abschrift des Textes aus dem Programmheft zum Konzert der Tschechischen Symphoniker im Leipziger Gewandhaus am 07. Januar 2004