Donnerstag, den 27. Januar 1859.....

 

.... kein Wunder, daß Johannes Brahms bei der Aufführung in Leipzig für sein Johannes Brahms (1833-1897) Klavierkonzert Nr. 1 vernichtende Kritiken bekam. Wahrscheinlich hatte keiner Lust an so einem kalten Winterabend ins Gewandhaus zu gehen. Ich hatte wohl am letzten Freitag einen besseren Tag erwischt, denn ich fand das Konzert war einsame Spitze. Es klang fast zu gigantisch für "nur" ein Klavierkonzert. Selbst Schumann meinte, es wäre besser eine Sinfonie geworden. 

Mit 26 Jahren spielte Brahms sein 1. Klavierkonzert im Leipziger Gewandhaus, kurz nach der Uraufführung in Hannover am 22. Januar. Und ich saß auf meinem Platz, hörte zu und versuchte mir vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn nicht Garrick Ohlsson jetzt dort unten am Piano säße, sondern Brahms selbst. Ja, das ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn man sich vorstellt, daß Brahms hier vor 145 Jahren in Leipzig selber am Piano saß und sein Konzert spielte. Da wäre ich wirklich gern einmal dabei gewesen.

145 Jahre ist schon eine lange Zeit. Das könnten fast zwei Generationen sein. Es ist wirklich beeindruckend, wie lange seine Musik bestand hat im Gegensatz zur Heutigen, die es gerade mal schafft, wenn sie ihre Lieblinge gefunden hat, für 4 Wochen in den Hitparaden zu bestehen und dann aus dem Gedächtnis der Zuhörer gestrichen wird.

 

Nachdem ich jetzt drei Tage zu Hause eingesperrt an meiner Seminararbeit zur "Prüfmittelüberwachung" geschrieben habe, konnte ich es kaum erwarten zum Großen Konzert nach Leipzig ins Gewandhaus zu kommen. Diesmal spielten sie Brahms und dann auch noch meine absolute Lieblingssinfonie von ihm - die Zweite. Die habe ich erst letzte Woche, auf meiner 5 stündigen Autofahrt nach Neuss hoch und runtergeleiert und habe immer noch nicht genug davon. Und das allerschönste dabei war, daß es kurz vor Neuss anfing in strömen zu regnen, so daß es meine Scheibenwischer kaum schafften das viele Wasser wegzuwischen. - Nein, normalerweise mag ich Regen auf der Autobahn überhaupt nicht, aber diesmal gab es ein grandioses Bild. Es wurde schon langsam dunkel und der Regen peitschte gegen meine Scheibe, die Autobahn war kaum zu erkennen unter dem vielen Wasser und vor mir strahlte die schon untergehende Sonne mit ihren letzten Strahlen noch grell vom Himmel, so daß ich meine Sonnenbrille aufbehalten mußte und die Straßenschilder immer noch nicht erkannte. Rechts und links der Autobahn war dunkler Wald und in der Ferne sah man kleine, dunkle Hügel. Ich fuhr immer noch mit ca. 160 km/h und die Sonnenstrahlen krochen mir auf der Straße entgegen und kämpften gegen den Regen, welcher nach oben peitschte und sie zu ertränken versuchte. Aber die Sonne lachte ihn aus und brachte die Regentropfen und die nasse Straße zum funkeln und glitzern, das sogar Diamanten neidisch werden würden. Wow! DAS war ein atemberaubendes Bild. Und dann dazu den letzten Satz aus Brahms 2. Sinfoniekonzert -  das war Schönheit pur und wahrscheinlich saß ich staunend mit offenem Mund im Auto - Gott sei Dank konnte es durch den strömenden Regen keiner sehen. Am liebsten wäre ich stehen geblieben. Ich hätte mir dieses grandiose Bild stundenlang ansehen können - Wahnsinn!!! was die Natur für ein wunderschönes Schauspiel bieten kann. Ich staunte und lächelte und ein Gefühl von Glück kletterte in mein Herz. Alles war plötzlich so wunderbar leicht und freundlich um mich herum. Diese phantastische Musik und dieses wunderschöne Bild vor mir reichten schon mich in den Himmel der Glückseeligkeit zu heben.

 

Die Sinfonien von Brahms sind ja alle spitze. Es ist wirklich sehr bedauernswert, daß es nur vier davon gibt, aber die Zweite ist mein absoluter Hauptgewinn. Also Seminararbeit in die Ecke geschmissen, oder in dieser Zeit besser, in der Ecke abgespeichert und auf nach Leipzig.

Das "Riquet" in LeipzigDiesmal etwas zeitiger als sonst, da wir uns mal nach einem anderen Restaurant umsehen wollten. Das "Augustus" ist zwar herrlich in der Nähe dem Gewandhaus gelegen, aber so richtig gut treffen die beim Essen einfach nicht meinen Geschmack und außerdem waren wir diese Woche schon mal dort.

Wieder einen genialen Parkplatz gleich neben dem Gewandhaus, oder besser unter dem Gewandhaus neben dem Aufgang zum Gewandhaus, gefunden, machten wir uns also auf die Suche und den Weg Richtung Innenstadt. 5 Minuten und wir waren schon bei "Auerbachs Keller". Durch Goethe und einer guten Vermarktung ein sehr bekanntes Restaurant. Zwar nett, aber das Essen ist zu teuer und man kommt sich vor wie in einer Bahnhofshalle. Gleich daneben ein "Mövenpick" Restaurant - vorn rein, hinten raus - die haben bald das Niveau von McD erreicht. Weiter zur "Kneipenmeile" und da uns vom Suchen jetzt schon die Füße weh taten, nahmen wir das erste, was uns vor dieselben fiel. Nette Einrichtung, furchtbarer Zigarettengeruch, eben wie in einer Kneipe, aber egal, wir hatten Hunger. Ich bekam einen trockenen Rotwein, was mich schon hoffen ließ, daß das Dinner doch noch gut werden könnte. Ich bestellte leckere Nudeln mit Tomatensoße und Thomas Boeuf Stroganoff - schmeckte wirklich erstklassig, aber leider nur etwas für den hohlen Zahn. Den Namen der Kneipe habe ich mir nicht gemerkt, aber egal, ich denke, da werde ich wohl auch nicht noch einmal hingehen. Diesmal war ich mit meinem kurzem Rock und Pullover etwas sportlicher angezogen, aber in meinem Abendkleid, würde ich einfach nicht in so ein Ambiente passen. Damit würde ich mich im "Augustus" schon wohler fühlen, oder im "Riquet" im Schuhmachergäßchen.

Nachdem wir, noch immer ein wenig hungrig, nach einem Nachtisch suchten, stolperten wir über das Stadtcafé. Wir staunten über dieses wunderhübsche Gebäude und beschlossen dort noch eine Tasse Kaffee zu trinken. Es zeigte auch von Innen, was es von Außen versprach. Eine Arie von Tosca im Hintergrund und einen hübschen Tisch am Fenster im Vordergrund. Der Kellner war sofort zur Stelle und wir bekamen unseren Kaffee und ich ein leckeres Eis. Der Kaffee war erstklassig, das Eis superspitzenmäßig und die Schlagsahne schmeckte auch noch wie Schlagsahne. Mein bester Kumpel Thomas bekam die Hälfte der Schlagsahne ab - das macht man so mit besten Kumpeln - und war begeistert. Das ist wirklich ein Kompliment an das Haus, denn normalerweise wird ihm schlecht von so dem Zeug und er rümpft die Nase.

Das ganze Ambiente war einfach wunderbar. Ich fühlte mich sofort nach Wien versetzt und hätte meinen können, daß Strauss hier gleich zur Tür hinein spazieren würde. Alles war perfekt, sogar die Preise waren ok. Schade, daß es so etwas nicht als Restaurant gibt. genau das hätte ich mir gewünscht.

Wir schwatzten in dieser angenehmen Umgebung und fühlten uns so wohl, daß wir fast unser Rendevouz mit Brahms verpaßt hätten.

Gut, daß wir in 5 Minuten am Gewandhaus waren und somit konnten wir pünktlich unsere bequemen Plätze einnehmen. Ja, daß muß Frau auch mal erwähnen. Das Gewandhaus hat wirklich super bequeme Plätze. Wenn ich da an die in unserer Händelhalle denke, tut mir jetzt noch vom letzten Konzert das Kreuz weh.

 

Das Gewandhausorchester nahm seine Plätze ein und mein Lieblingsgeiger war auch mit dabei. Wieder rechte Seite, aber heute in der letzten Reihe, zumindest beim Klavierkonzert.

Das Konzert war bis auf ein paar Plätze völlig ausverkauft. Lag wohl daran, daß es diesmal ein Freitag war oder auch, das keine modernen Stücke dabei waren. Brahms kennt ja jeder und vielleicht gibt es noch andere, die seine Zweite auch so sehr mögen wie ich.

Garrick OhlsonHerbert Blomstedt brachte den Pianisten Garrick Ohlsson gleich mit. Das Piano war auf Hochglanz poliert und funkelte im Licht der Scheinwerfer. Ein wirklich hübsches Teil...

... genau wie das Klavierkonzert, was es hervorbrachte. Das Orchester begann, der Pianist konzentrierte sich und ich lehnte mich zurück und genoß dieses hübsche Werk. Brahms gefällt mir immer besser und dieses Klavierkonzert hörte ich an diesem Freitag zum ersten Mal. Der Pianist schien dieses Stück auch zu mögen, denn er vertiefte sich richtig hinein. Seine Anschläge waren so sauber und perfekt und klangen so gefühlvoll. Och, da konnte Frau so richtig dahinschmelzen. ... und wenn sie die Augen zumacht, und da sie sehr viel Phantasie hat, konnte sie sich glatt vorstellen, er spiele nur für sie - seufz - wäre das nicht herrlich romantisch? Ich sehen schon die Männer unter Euch die Augen verdrehen. Jaja stimmt schon, daß das albern ist, aber Frauen sind nun mal eine sonderbare Spezies und wie gesagt sehr phantasievoll was solche Dinge betrifft .... und ja, auch sehr phantasievoll, was die anderen Dinge betrifft, die ich hier besser nicht beschreibe, die Frau aber so manchmal bei solch wunderbarer Musik einfallen...

 

Herbert Blomstedt (*127)Nach der Pause endlich meine Lieblingssinfonie von Brahms. Die Zweite ist wirklich die beste, finde ich. Schon der erste Satz ist ein Genuß und ich kann gar nicht genug davon bekommen. Ich könnte darin zerfließen. Wie kann man nur so ein Meisterwerk zu Stande bringen - seufz. Schon die ersten Takte sind hervorragend und das zieht sich durch die ganze Sinfonie. Oh jeh, ich weiß gar nicht, wie man so etwas Schönes beschreiben kann - hmmm - die ersten Takte scheinen ein wenig bedrohlich, aber dann reißen die Wolken auf und die Sonne strahlt vom Himmel. Die Blätter der Bäume glitzern vom Regen. Meine Haare sind naß und die Tropfen fließen mir die Wangen hinunter. Ich biege die Zweige zurück und vor mir ist eine wunderschöne, vom Regen glitzernde Wiese und in weiter Ferne sieht man noch die Reste eines Regenbogens. Zwei Rehe schauen mich erschrocken an und ich staune über diese atemberaubende Schönheit der Natur. Ich stehe wie angewurzelt, bestimmt eine halbe Stunde dort ohne mich zu bewegen. Was für ein befreiendes Gefühl und was für eine herrliche Stille. Nur die Vögel zwitschern ihren hübschen Gesang.

Ich kneife die Augen zu vom grellen Licht und wische mir den restlichen Regen aus dem Gesicht, der jetzt schon über meinen Mund fließt und dann nehme ich einen großen Schritt aus dem dunklen Wald hinaus auf die erfrischend grüne Wiese. Meine Sachen sind völlig naß, aber die Sonne ist so angenehm warm und zieht die Nässe aus ihnen heraus. Als ich ein paar Schritte der Sonne entgegen gegangen bin, drehe ich mich noch einmal in Richtung Wald um. Die Regenwolken stehen noch schwarz wie die Nacht über ihm. Was für ein genialer Anblick. Die dunklen Wolken in ihrer bedrohlichen Schönheit.

Alles klar? Soviel zum ersten Satz. Und alsdann folgt der Zweite. Noch viel besser als der erste. ... und jetzt weiß ich auch, wo John Williams für "Jurassic Park" geklaut hat - sorry, zitiert. Also Brahms war definitiv eher da ;-)

Die Musik hat wirklich etwas Befreiendes. Der Anfang mit den Cellis ist das beste, was gibt. Diesen Brahms dirigierte Herbert Blomstedt auch ohne Partitur. Wahrscheinlich hatte er ihn schon sooft unter seinem Taktstock, daß er ihn auswendig kann. Es ist ja ein sehr gern gehörtes und somit auch oft gespieltes Werk.

Ich sitze jetzt hier zu Hause, bedauere, daß das schöne Konzert so schnell vorbei ging und hoffe, daß ich es bald wieder hören kann. Konserve ist ja nicht schlecht, aber ein richtiges Konzert ist doch bedeutend besser. Ich frage mich, wie Brahms das so klasse hinbekommen konnte. Selbst der dritte Satz gefällt mir sehr gut. Da bin ich in meiner kleinen Geschichte wohl in einem winzigen Dörfchen angekommen. Wie es aussieht feiern sie da gerade ein kleines Fest. Die Menschen lachen und tanzen und ich bin mittendrin und drehe mich im Kreise, so daß die ganze Welt um mich herum in helle und dunkele Linien verschwimmt. Lachend stolpere ich in den vierten Satz und der Tanz wird immer wilder. Herbert Blomstedt brachte sein Orchester zum Donnern und mich hielt es kaum noch auf dem Sitz, gut, daß zwischendurch immer ein paar ruhigere Takte kamen. Oh wie herrlich konnte ich mich in diese Musik fallen lassen und was für ein schönes Gefühl von Freude kroch in mir hoch. Wunderbar! Was für ein herrlicher Abend und das Wochenende lachte mir entgegen. ... und egal, daß ich am Samstag von 08:00 bis 14:00 Uhr Vorlesung haben würde. Genießen wir einfach den Augenblick! ... und das Finale ... wow! Die Kavallerie donnerte über das Feld und Blomstedt gewann die Schlacht!

 

Eure Jana