"Boris! Boris! Noch beugt vor Dir sich Alles, und niemand wagt's,

Dich zu erinnern ans bittre Los des unglücksel'gen Kindes.

Doch steht es hier in diesen stummen Blättern,

Und Deine Untat wird Dir nie vergessen:
Dich wird auf Erden schon Vergeltung treffen,

Dein Ende naht und Gottes Strafgericht."

 

Eine sehr unkomplizierte und nachvollziehbare Geschichte: Boris Godunow tötet den kindlichen Zarewitsch Dmitri und wird somit von den russischen Bojaren zum Zaren gewählt. Seine Herrschaft bringt ihm und seinem Volk nur Unglück und die Intrigen der Bojaren wachsen ihm über den Kopf. Sein Gewissen plagt ihn wegen dem Mord an den Zarewitsch und als ein Mönch auftaucht, der vorgibt der tote Dmitri zu sein, bringt ihn das um, nachdem er sich bei seinem Sohn ausgeheult und ihm die ganze Last des Regierungsverantwortung aufgeladen hat. 

Das war meine kurze Synopsis, aber eine sehr viel intellektuellere Zusammenfassung der Geschichte, hat uns Solomon Wolkow in seinem Buch "Stalin und Schostakowitsch - Der Diktator und der Künstler" Modest Mussorgski (1839-1881) - Quelle: Programm des Opernhauses Halle 2006gegeben: "Puschkin vollendete seinen 'Boris Godunow' im Spätherbst 1825, kurz vor dem Ausbruch des Dekabristenaufstandes.

Er verwandte für sein Schauspiel Material aus der 'Geschichte des Russischen Reiches', die der von ihm verehrte Nikolai Karamsin geschrieben hatte. Nach dem Vorbild von Shakespeares Historiendramen erzählt Puschkin die Geschichte des ehrgeizigen Bojaren Boris Godunow, der 1598 den Zarenthron bestieg, obwohl es bedeutendere Thronanwärter gab.

Doch all seine Bemühungen um das Vertrauen des Volkes schlugen fehl: Das Gerücht, dass er die Schuld am Tod des Zarewitsch Dmitri trug, wollte nicht verstummen; er habe den jüngsten Sohn Iwans des Schrecklichen getötet, um selbst den Zarenthron besteigen zu können. Hinzu kam, dass Moskau von Hunger und Seuchen heimgesucht wurde; das Volk war unruhig. In dieser Situation erschien ein Thronprätendent, der behauptete, er sei Zarewitsch Dmitri, der auf wundersame Weise gerettet wurde. In Wirklichkeit war er ein junger Mönch namens Grigori Otrepjew, der sein Gelübde gebrochen hatte. Ihm gelang es, die Unzufriedenen im Lande um sich zu scharen und mit polnischer Hilfe gegen Moskau zu marschieren.

Mit wenigen brillanten Strichen zeichnet Puschkin ein Bild des fortschreitenden Zerfalls, dem die der Macht des Zaren im Jahr 1605 ausgesetzt ist: Alle Welt verdammt ihn, niemand glaubt ihm; von Gewissensbissen geplagt, stirbt Godunow. Der falsche Dmitri triumphiert.

Wie Shakespeare mischt Puschkin das Erhabene und Tragische mit dem Komischen und 

Groben; die Handlung entfaltet sich rasch und konzentriert, ohne das sie jemals ins Sentimentale abglitte."**

 

 

Karte des russischen Reiches, welche tatsächlich Fjodor skizziert hat (1614)  - Quelle: Programm des Opernhauses Halle 2006

 

 

 

"Zeit ist's fortzugehen und allem Streit und Unglück auszuweichen." - so im Prolog der Oper und das wäre für Boris Godunow (und so manch Anderen) 

wohl das Beste gewesen, aber es ist gut, das Puschkin ihn ins Desaster schickte und nicht fortlaufen lies. So bekam Mussorgski die Chance eine so wunderbare Oper zu schreiben und wir die Chance sie am Opernhaus Halle sehen und hören zu dürfen.

ENDLICH! Endlich mal etwas anderes an unserem Opernhaus - endlich mal eine Oper, die sie nicht überall und dauernd hoch und runter leiern, endlich mal Mussorgski und endlich mal nicht wieder seine zwar hervorragenden, aber schon ziemlich oft gespielten "Bilder einer Ausstellung".  Endlich wurde mal eine Oper von ihm inszeniert. 

"Boris Godunow" wollte ich schon immer mal hören und endlich haben sie sie bei uns an der Oper Halle auf dem Spielplan. Vielen Dank dafür, liebes Opernhaus Halle!!!

Mussorgskis Oper "Boris Godunow" ist es wirklich Wert aufgeführt zu werden. Die Musik ist einfach klasse und die Handlung steht ihr in nichts nach. Und bei uns am Opernhaus gibt es die dann auch in Deutsch und nicht in Russisch, obwohl ich mir schon vorstellen könnte, daß sie in Russisch auch sehr gut klingt - vielleicht hätte ich sogar etwas verstanden - schließlich hatten wir Ossis ja mindestens 5 Jahre Russisch an der Schule. Aber gut, Deutsch macht die Sache natürlich einfacher, man muß sich nicht so auf die Sprache konzentrieren oder sich beim Lesen der Übertitel den Hals verrenken.

 

 

Diesmal keinen schweren, roten Vorhang, aber dafür diesmal schwere, große, eiserne Glocken. Das machte sofort einen typisch russischen Eindruck und erinnerte an das alte Moskau, an Gebäude mit goldenen Zwiebeltürmen und an stämmige prunkvoll gekleidete Bojaren.

 

 

Genau wie Puschkin es damals schwer hatte sein Drama unter Zar Nikolai I aufzuführen, genauso schwer hatte es Mussorgski seine zu der Zeit etwas chaotische gleichnamige Oper zur Aufführung zu bringen. Erst nach seinem Tode erlangte sie durch die Fassung von Rimski-Korsakow Weltbekanntheit. Ich persönlich kannte bis jetzt nur Schostakowitschs Instrumentierung, die der Diktator Stalin wohl sehr liebte - unverständlicher Weise, da diese zu dieser Zeit den grausamen Kreis der Geschichte des russischen Volkes wieder schloss.

"Das weltgeschichtlich Einzigartige unseren heutigen Systems besteht darin, dass es, über alle physischen und ökonomischen Zwänge hinaus, von uns auch noch die vollständige Hingabe der Seele verlangt: die unaufhörliche aktive Teilnahme an der gemeinschaftlichen, allen ersichtlichen Lüge. Diese Schädigung der Seele, dieser geistigen Versklavung können Menschen nicht zustimmen, sofern sie Menschen bleiben wollen."* - oh doch sie können, früher wie jetzt auch, mit dem kleinen Unterschied, daß sie heute überhaupt nicht mitbekommen wie ihre Seele versklavt wird und sich daran noch erfreuen! 

Der geistige Horizont wird immer kleiner und somit manipulierbarer und die großen weltlichen Zusammenhänge immer komplizierter und undurchschaubarer. Der Geist gibt auf bei solch unüberschaubarer Komplexität und verzieht sich vor den Fernseher und in die vorgespielte Glamourwelt von Big Super Brother Star Modell & Co.

Es ist schon beängstigend was für eine manipulierende Macht die Unterhaltungsbranche hat. Das hatte schon Stalin erkannt und diese zensiert oder für sich benutzt. Nur war damals die Unterhaltungsbranche noch kreativ und kritisch und existierte nicht nur wegen der Werbung. -- Die  Einschaltquoten so hoch wie möglich, trotz Kostenreduzierung oder besser Billigfernsehen, aber trotzdem hochmöglichsten Verdienst aus der Werbung, die größtenteils den Menschen das aufschwatzen soll, was sie sowieso nicht brauchen um ein besseres Lebensgefühl zu bekommen - so wie im Fernsehen oder in Kitschromanen eben. "Willkommen in einer Welt von Schein und Betrug! Kauft das und das und das auch und Ihr werdet noch besser betrogen! UND Ihr werdet sehen, Ihr fühlt Euch so gut dabei!.... naja, oder auch nicht, aber das interessiert doch keinen. Ab in das Hamsterrad und vorwärts geht's!"

 

GMD Klaus Weise (Quelle: Programm des Opernhauses Halle 2006)Die wunderschöne Ouvertüre ertönte, am Pult Klaus Weise und im Orchestergraben das Orchester des Opernhauses Halle.

Während der Ouvertüre bekam das Publikum eine Einführung zum ersten Teil mit Hilfe eines Schreibmaschinentextes auf einer durchsichtig schimmernden Leinwand, die die Bühne noch verdeckte. Der Schreibmaschinentext passte stilistisch zu den vielen Ordnerreihen rechts und links auf der Bühne und war eine gute Idee wie ich fand.

Aber den Sinn der vielen Ordnerreihen habe ich so richtig allerdings nicht verstanden. Naja, immerhin sah es gut aus. Vielleicht war das ja irgendwie eine Anspielung auf die Geheimdienstvergangenheit des echten Boris Godunow und da sie der Sache im Programmheft sogar ein eigenes Kapitel gewidmet haben, wohl auch um den Bezug zu Putin und Andropow zu verdeutlichen, die wohl ähnliche Vergangenheiten hatten - hmmm - naja gut - sehr weit her geholt. Vielleicht hieß es aber auch nur "die Bürokratie wird uns noch mal umbringen!" Ja, das mag schon stimmen, aber vor der Bürokratie wird uns das Sparen schon umbringen. Sie hätten Sparschweinchen aufstellen sollen - aber das hätte wohl wieder nicht zur Handlung der Oper gepasst ;-)

 

Der Anfang mit den Absperrungen erinnerte mich sofort an die Inszenierung von "Julius Cäsar", die ich in London gesehen habe und gab einen guten Bezug zur heutigen Zeit. Oder besser zur Zeit als der eiserne Vorhang noch fest gespannt war.

Das Volk rechts und links hinter der Absperrung wurde zum Jubeln "ermutigt" und jubelte fleißig unfreiwillig. Das Jubeln bei Julius Cäsar war immerhin freiwillig und echte Begeisterung und das Jubeln bei Harry Potter Premieren ist ebenfalls freiwillige Euphorie. Tja, daran sieht man wieder, daß Boris Godunow einfach nicht das richtige Marketing betrieben hat. Im Gegenteil, der Chronist Pimen versaut seine schöne Reputation und läßt ihn schändlich untergehen.

 

Allan Evans (Quelle: Programm des Opernhauses Halle 2006)Der Prolog, fand ich, war sehr gut gelungen und Allan Evans hat perfekt gesungen. Er hat eine fantastische klare Aussprache, so das ich jedes Wort verstanden habe und seine Stimme ist hervorragend. Da hat unser Opernhaus wirklich mal einen sehr guten "Fang" gemacht. Dieser Sänger stellte alles Andere an diesem Abend in den Schatten.

Allerdings von der Inszenierung her, gefiel mir das 2. Bild noch besser. Am Schönsten als der "Vorhang" noch geschlossen war und man die unheimlich dunklen Mauern des Klosters, in dem Pimen seine Chronik schreibt, durchschimmern sah. Leider verschwand dieser Zauber, als der "Vorhang" geliftet wurde.

Jürgen Trekel (Quelle: Programm des Opernhauses Halle 2006) Trotzdem gut inszeniert und wunderbar dargestellt und gesungen von Jürgen Trekel als Pimen und Nils Giesecke als Grigorij.

Eigentlich legte Pimen hier ja mit seinen paar Worten an Grigorij die Lunte zum großen Knall. Auch wenn er seine Chronik erst Nils Giesecke (Quelle: Programm des Opernhauses Halle 2006) mal mit ein paar tiefschürfenden Sätzen zwischen den vielen Ordnerreihen verschwinden läßt..... "Gott zürnt unseren Sünden, unserem Frevel, Da Russland nun zum Herrscher sich einen Mörder auserkor!"

Her mit der Krücke, die Mönche jammern und der Vorhang fällt.

 

 

Endlich gab es dann auch wieder Allan Evans, der seinem Sohn versuchte deutlich zu machen, wie schwierig doch seine Lage sei. Melanie Hirsch spielte den Sohn sehr gut und die Idee mit der Landkarte gefiel mir auch.

Melanie Hirsch (Quelle: Programm des Opernhauses Halle 2006)Meiner Meinung nach war der zweite hervorragende Sänger an diesem Abend Marek Wojciechowski, der den Bettelmönch Warlaam sang, obwohl ich die Kneipenszene eher ein bißchen langweilig fand - mehr von der musikalischen Seite als von der Inszenierung. Leider habe ich noch keinen Vergleich zu einer anderen Aufführung des Boris Godunow, aber hier kam es mir so vor, als ob da etwas nicht stimmte. Genauso Marek Wojciechowski (Quelle: Programm des Opernhauses Halle - 2006) auch in dem darauf folgenden Bild, welches das Schloß Sandomir in Polen darstellen sollte. Auch hier kam mir die Musik zu eintönig vor und das kann nicht an der hervorragenden Sängerin Ulrike Schneider gelegen haben. Sie sah übrigens diesmal toll aus in ihrem roten Kleid. Nils Giesecke mit seinen grauenvollen langen roten Haaren passte nicht im Mindesten zu so einer schönen Frau. Ich kenne Stücke, da hat er eine weit aus bessere Figur gemacht. Warum hat die Maske (Kostüme: Barbara Krott) nicht besser aufgepasst? Ich hatte irgendwie den Eindruck, sie konnte ihn nicht leiden ;-)

Und wie es aussah, war die hübsche Polin ihm auch nur angetan, weil sie meinte, daß dieser Bursche wirklich der tote Zarewitsch Dmitri sein. Das interessierte sie und verscheuchte ihre Langeweile. -- Ja, so sind die Frauen, immer nur auf Geld und Macht aus oder auf Erfolg, den "nichts ist erotischer als der Erfolg". Da ist dann also auch das dünne, kleine, rothaarige Dmitriimitat erotisch. "Ist ein Strahl mir aufgeblitzt: 's ist der fremde Abenteurer, der Marinas Herz gefangen.......

Dich, mein stiller Freier,

Will bezaubern ich mit heißen Liebestränen,

Werd Dich küssen, werd dich pressen

An mein warmes Herze,

Mein Zarewitsch, mein Dimitrij,

Du mein Auserwählter!"

Ulrike Schneider (Quelle: Programm des Opernhauses Halle - 2006)Die Arie der Marina ist vom Autor exzellent geschrieben und verbirgt einige Wahrheiten über Frauen, die ein Priester wie Rangoni (Gerd Vogel) sehr gut für sich auszunutzen versteht. "Huh! welch Sünde! ...Hochwürden, o wie entsetzlich habt ihr verführt meine sündige, und unerfahr'ne, flatterhafte Seele." Aber letztendlich triumphiert trotzdem Frau und läßt sich ganz und gar nicht so einfach um den Finger wickeln, was Mann dann aber ganz schön in Zorn versetzt und der Vorhang fällt.

 

Unbedingt erwähnenswert zu diesem Bild Gerd Vogel (Quelle: Programm des Opernhauses Halle - 2006) sind die weiß-roten Kostüme des Gefolges der Polin, wahrscheinlich als Anspielung auf die polnischen Farben gedacht. Die Idee ist etwas fürs Auge und sehr schön. Sonst fand ich die Kostüme nicht immer passend und manchmal ein bißchen zusammengewürfelt. 

Da ich in diesen Dingen ziemlich altmodisch - romantisch bin, hätte ich mir da mehr etwas zur Zeit der Zaren Zutreffendes gewünscht. Und was mir auch überhaupt nicht gefiel, waren die beiden Szenen mit dem Handy. Das fand ich völlig blöd und überflüssig. Sollte das eine Anspielung auf Handybenutzer und deren Langeweile und Geschäftigkeit sein? Schön, aber was hat das mit Boris Godunow zu tun? Klingeling und Pause....

 

Die Pause ließ diesmal sehr lange auf sich warten. Da die beiden letzten Bilder vor der Pause irgendwie für mich nicht sehr interessant waren, erschien die Zeit bis zur Pause etwas lang um nicht zu sagen langweilig. Ich kenne nun nicht die Gründe dieser Staffelung, weil ich von solchen Dingen keine Ahnung habe, aber ich hätte die Pause zwischen die beiden langweiligen Bilder gesetzt, damit mir die Leute munter bleiben ;-)

Die beiden letzten Bilder waren wieder so hervorragend inszeniert und musikalisch interpretiert, daß die zweite Hälfte bedauerlicherweise viel zu schnell vorbei ging.

Im Empfangssaal im Kremel in Moskau sitzen die Bojaren und richten über den falschen Dmitri. Vor der Kremeltür steht Pimen, der über den Zaren richtende Worte sprechen wird und mittendrin steht der Bojar Schujskij, der noch wunderbar Salz in die offene Wunde streut, sozusagen der Verantwortliche für den noch fehlenden kleinen Schubs in den Abgrund.

Eine wunderbare Szene auch, wo Boris seinem Sohn Fjodor erklärt, daß er dem armen Kind die Zarenbürde übertragen und sterben wird. Er geht und hinterlässt seinem Erben das Desaster.

"O, segne sie, sie sind rein und schuldlos" --- Ja, hinterlasst den Kindern das Desaster, aber segnet sie, denn sie sind schuldlos daran.

 

Auch noch unbedingt zu erwähnen, sind die gut "inszenierten" Bühnenumbauten. Die "musikalische" Begleitung Dieser hat mir gefallen.

Und schön zum Abschluss noch einmal die beiden sehr guten Stimmen von Allan Evans und Marek Wojciechowski und unseren erstklassigen Chor unter Einstudierung von Jens Petereit.

Also im Großen und Ganzen eine ganz gut gelungene Inszenierung unseres Opernhauses zu Mussorgskis Meisterwerk "Boris Godunow". Sollte Mann und Frau auf keinen Fall verpassen!

 

 

Eure Jana

 

 

 

 

 

 

* Alexander Solschenizyn aus dem Programmheft des Opernhauses zur Oper "Boris Godunow"

** Solomon Wolkow "Stalin und Schostakowitsch - Der Diktator und der Künstler"; S. 52/ 53; Propyläen Verlag, Berlin 2004 - ISBN 3-549-0721-2