Das ist der alte Märchenwald!

 

Die Rothenburg im Kyffhäuser - 25.03.2005

.... Es duftet die Lindenblüte!

Der wunderbare Morgenglanz

Bezaubert mein Gemüte.

 

Ich ging fürbaß, und wie ich ging,

Erklang es in der Höhe.

Das ist die Nachtigall, sie singt

Von Lieb' und Liebeswehe.

 

Sie singt von Lieb' und Liebesweh,

Von Tränen und von Lachen,

Sie jubelt so traurig, sie schluchzet so froh,

Vergessene Träume erwachen. -

 

Ich ging fürbaß, und wie ich ging,

Da sah ich vor mir liegen

Auf freiem Platz ein großes Schloß,

Die Giebel hoch aufstiegen.

 

Verschlossene Fenster, überall

Ein Schweigen und ein Trauern;

Es schien, als wohne der stille Tod

In diesen öden Mauern.

 

Dort vor dem Tor lag eine Sphinx,

Ein Zwitter von Schrecken und Lüsten,

Der Leib und die Tatzen wie ein Löw',

Ein Weib an Haupt und Brüsten.....

 

 

Die Rothenburg im Kyffhäuser

Nein, diese Verse von Heinrich Heine haben nicht das geringste zu tun mit dem 4. Sinfoniekonzert unseres Opernhausen, aber ich war heute den ganzen Tag im Kyffhäuser unterwegs, an dem mir liebsten Platz, der alten Rothenburg. Und als ich jetzt so durch den Heine blätterte, fand ich diese Verse dazu passend. Es war wunderschön heute dort draußen, ein paar Frühlingssonnenstrahlen und dann die einsamen Mauern der Rothenburg. Zu dieser Zeit war niemand hier oben und das machte diesen Ort besonders. Keine Wanderer, nur einsame Stille. Ein merkwürdiges, aber wunderbares Gefühl machte sich breit in meinem Gemüt und ich konnte mir vorstellen, wie es wohl im 12. Jh., als die Burg gebaut wurde, hier zuging und vielleicht passte ja Béla Bartóks 2. Violinenkonzert irgendwie dazu. Das hat mich auch dauernd an verfallene Mauern erinnert - allerdings mehr an eine Nachkriegsszene wie die in Kurt Weills "Street Scene".

Der Himmel verfinsterte sich langsam und gab das Zeichen zum Aufbruch, wenn man nicht naß werden wollte. Durch diese merkwürdige Dunkelheit kam mir der Gedanke, wie es wohl Nachts hier oben sein würde. Die halb zerfallenen Mauern im fahlen Mondlicht um mich herum - unheimlich, schöne Finsternis. Da möchte Frau nicht allein hier oben sein .... und da ist er wieder dieser nette Gedanke, der sich schon dauernd bei "Don Carlos" in London in meinem Kopf breit machte und nicht mehr von der Stelle weichen wollte - hmmm ... verrückter Gedanke..... aber schön :-)

 

 

........ Ein schönes Weib! Der weiße Blick,

Er sprach von wildem Begehren;

Die stummen Lippen wölbten sich

Und lächelten stilles Gewähren.

 

Die Nachtigall, sie sang so süß -

Ich konnt nicht widerstehen -

Und als ich küßte das holde Gesicht,

Da ward's um mich geschehen.

 

Lebendig ward das Marmorbild,

Der Stein begann zu ächzen -

Sie trank meiner Küsse lodernde Glut

Mit Dürsten und mit Lechzen.

 

Sie trank mir fast den Odem aus -

Und endlich, wollustheischend,

Umschlang sie mich, meinen armen Leib

Mit den Löwentatzen zerfleischend.

 

Entzückende Marter und wonniges Weh!

Der Schmerz wie die Lust unermeßlich!

Derweilen des Mundes Kuß mich beglückt,

Verwunden die Tatzen mich gräßlich.

 

Die Nachtigall sang: "O schöne Sphinx!

O Liebe! was soll es bedeuten,

Daß Du vermischest mit Todesqual

All deine Seligkeiten?

 

O schöne Sphinx! O löse mir

Das Rätsel, das wunderbare!

Ich hab darüber nachgedacht

Schon manche tausend Jahre."

 

Heinrich Heine

Heinrich Heine

 

- seufz ... Entzückende Marter und wonniges Weh! Der Schmerz wie Lust unermeßlich! .... unermeßliche Lust - wie eigenartig schön Heinrich Heine das doch beschreibt. Ich hätte gern gewußt, was er wohl zu Béla Bartóks Bedrich Smetana (1824-2884) (Quelle: Programm des Opernhauses Halle) Violinenkonzert gesagt hätte, oder zu Antonín Dvoráks 8. Sinfonie. Soviel Gefühl an einem einzigen Abend.

Ich freute mich sehr auf dieses Konzert. Nicht Arkadi Marasch (Quelle: Prospekt des Opernhauses Halle) wegen Béla Bartók oder Dvorák, nein, eigentlich am meisten wegen Smetanas "Moldau". Ich mag die "Moldau" sehr gern, hatte es aber noch nie life gehört. Aber im Nachhinein muß ich sagen, daß der beste Teil des ganzen Konzertes Béla Bartóks 2. Violinenkonzert war. 

Diesmal spielte die Geige jemand aus unseren eigenen Reihen, Arkadi Marasch, der Konzertmeister des Orchester des Opernhauses. Es hat mir sehr gut gefallen und ich würde mir wünschen ihn öfter als Solist bei uns zu hören.

Und dann diese wunderschöne 8. Sinfonie von Antonín Dvorák. Unser Opernhaus hatte diesmal wirklich eine gute Wahl getroffen - einfach wunderschön!!!

Diesmal dirigierte Georg Fritzsch das Orchester des Opernhauses Halle und ließ die Moldau für meine Begriffe ein wenig leise und zart dahin plätschern. Thomas fand das völlig in Ordnung. Die plätschert halt nicht lauter! Nagut, aber in einem waren wir uns einig, das Plätschern war viel zu schnell vorbei. - aber dann Béla Bartóks 2. Violinenkonzert - Wahnsinn!!! Schon der Anfang war genial. Der gefiel mir sogar am besten und ich konnte nicht genug davon bekommen. Ich habe einen Zugriff auf die Naxos Musik Library. Dadurch konnte ich mir das Teil sofort zu Hause noch einmal anhören und noch einmal und noch einmal..... eine tolle Musik. Im Übrigen ist auch die Musik Library von Naxos sehr zu empfehlen. Erst war ich ja ein bißchen Georg Fritzsch (Quelle: Prospekt des Opernhauses Halle) skeptisch, ob das bei meiner lahmen Verbindung auch wirklich funktioniert ohne zu ruckeln. Es funktioniert! Klasse! Und damit habe ich alles zur Verfügung, was Naxos irgendwo auf CD auch im Handel anbietet, wie eben Béla Bartoks 2. Violinenkonzert.

Béla Bartók (1881-1945) Quelle: Programm des Opernhauses HalleBéla Bartok kommt mir jetzt immer häufiger unter und so am Anfang, bei den ersten Werken, die ich von ihm hörte, wußte ich noch nicht so wirklich, was ich von ihm halten sollte, aber mit jedem Neuen gefällt er mir besser und besser. Bei dem 2. Violinenkonzert hört man sofort die Zeit heraus, als es entstand, 1937/38. Ich sah immer die 45er Nachkriegs Kulisse zu Kurt Weills "Street Scene" des Anhaltischen Theaters Dessau vor mir. Die düstere Stimmung, die kalten zerfallenen Häuser und das einsame Mädchen in der verlassenen Straße..... ein Geiger im Hintergrund und dann diese Musik dazu. Der Schnee fällt auf seinen Hut und Mantel, aber er läßt sich dadurch nicht beirren. Er starrt das  Mädchen an und hört nicht auf zu spielen. Sie ist in ihren dünnen, zerschlissenen Mantel gehüllt und sucht nach einem alten Radio in den Trümmern eines zerfallenen Hauses. Es ist dunkel, ein paar Gaslaternen erhellen die Straße mit ihren schwachen Schein. Alles ist so hoffnungslos und traurig und die Geige hört nicht auf zu tönen und er hört nicht auf sie anzustarren mit seinem ernsten Blick. Wenn sie lächelt kommt ab und zu ein bißchen Fröhlichkeit in sein Spiel, welche aber sofort wieder durch die schaurige Realität um sie herum nieder gemacht wird. Sein Spiel schmettert einen immer wieder in eine beängstigende Situation zurück. Die Musik läßt einen nicht zur Ruhe kommen.

Kulisse zu "Street Scene" (Quelle: Programm des Anhaltischen Theaters Dessau)Der zweite Satz ist auch ein bißchen ruhiger und immer noch so traurig und immer wieder dieses schluchzende Thema. Wenn ich mich in die Musik fallen lasse, dann breitet sich ein beklommenes Gefühl in mir aus. Wenn ich die Augen zu mache und mir die Situation vorstelle, erscheint alles so hoffnungslos und der Geiger spielt einsam und das Mädchen stöbert einsam in den verlassenen Ruinen. Es schneit und es ist kalt. Die ganze Nacht hindurch dieses Spiel und dann im dritten Satz kommt so ganz langsam die Sonne hinter den Trümmern hervor. Es ist immer noch kalt. Ihre Strahlen sind noch zu schwach für ein bißchen Wärme, aber ihr Licht läßt die Beiden traurigen Personen aufblicken. Sie schauen in die Richtung der aufgehenden Sonne und über das Gesicht des Geigers huscht ein flüchtiges Lächeln und sein Spiel wird schneller. Es klingt fast so, als ob da doch noch ein bißchen Hoffnung mitschwingt. Das Mädchen hält inne und schaut zu ihm rüber, sie lächelt.... -  ich glaube hier höre ich jetzt mal auf mit Spinnen aber Frau kann sich da wirklich so herrlich in diese tolle Musik fallen lassen. Gut, das es dann in die Pause ging und Frau wieder von diesen düsteren Gedanken ab kam und danach dann Antonín Dvoráks wunderschöne 8. Sinfonie. Ein sanfter und dann beschwingter Einstieg, der mich die Traurigkeit der letzten Stunde wieder vergessen ließ. Vorsichtiges Aufatmen und Abwarten, ob das nur eine Täuschung, oder ob die Traurigkeit jetzt wirklich vorbei war. Ich kannte Dvoráks 8. Sinfonie bis jetzt noch nicht. Nur die 9. "Aus der neuen Welt" und die ist wohl auch am Bekanntesten und im letzten Sommer hatte ich im Leipziger Gewandhaus mal die 7. gehört. Wunderschön!

Antonín Dvorák (1841-1904) Quelle: Programm des Opernhauses HalleAber auch bei Dvorák schwingt so ein merkwürdiger Unterton mit. Allerdings hat man da mehr das Gefühl eines Sieges und nicht von einer Niederlage. Immer wieder ein Aufbrausen und Vorwärtsgehen. Immer schneller und schneller, Sieg im ersten Satz. Im Zweiten kommt dann die Erholung sanft und beruhigend über einen hinweg. Mit ganz leisen Schritten als ob man die ersten Frühlingssonnenstrahlen genießt und die unter dem restlichen Schnee hervorblühenden Krokusse bewundert. Wie sie mit solch einer Kraft die kleinen Schneeschollen zur Seite schieben. Alles erwacht und lächelt der Sonne entgegen und ich wandere glücklich und mit leuchtenden Augen in der schon wärmenden Frühlingssonne umher zur Rothenburg. Aber dann plötzlich verfinstert sich der Himmel und es fängt an zu regnen, wie bei einem Gewitter. Gut, daß da eine kleine Hütte an der Wegegabelung stand. Ein bißchen frierend und nach oben blickend auf die Sonne wartend, suchte ich dort Unterschlupf. Leider blieb es auf meiner Wanderung beim Regen und der schöne Frühlingstag war vorbei.

Bei Dvoráks 3. Satz allerdings schien dann wieder die Sonne und lud zum Tanz auf einer duftenden grünen Frühlingswiese ein. Man verspürte irgendwie das Bedürfnis sich zur Musik zu drehen. Immer schneller und schneller. Das war ein herrliches Glücksgefühl, wie verliebt sein.... Frühling, Sonne, Liebe, Lust ... Das Gedicht von oben paßt nun nicht mehr. Hier würde eher dieses zutreffen:

 

Sag mir, wer einst das Küssen erfund?

Das war ein glühend glücklicher Mund;

Er küßte und dachte nichts dabei.

Es war im schönen Monat Mai,

Die Blumen sind aus der Erde gesprungen,

Die Sonne lachte, die Vögel sungen.

 

Und dann ertönt die Fanfare und weiter dreht es sich im vierten Satz. Mal schnell, mal langsam und die Wanderung geht weiter über die Frühlingswiesen, vorbei an einem klaren, eisigen blauen See bis hin zu den steilen Bergen, die noch von Eis und Schnee bedeckt sind. Man möchte zu gern weiter auf den Gipfel, aber es ist jetzt noch zu zeitig, der Aufstieg zu gefährlich. Man schaut gebannt in die Höhe und wünscht sich dort oben in der Freiheit zu sein und man weiß, im Sommer wird man hinauf steigen und die klare Luft dort oben genießen, aber jetzt bleiben einen nur die grünen Wiesen und die zarten Blümchen unter dem wenigen Schnee. Aber dann wird alles noch besser....

 

Ja, in eine solch wunderschöne Musik kann Frau wirklich tief versinken. Aber nun wieder zurück auf den Boden der Realität und Schluß mit Träumereien.

 

 

 

Ich wünsche Euch allen ein wunderschönes Osterfest und vielen Dank, liebes Opernhaus, für dieses herrliche vorösterliche Konzert!

 

Eure Jana