„Alle treffen sich um 10 vor 8 da drüben und gehen dann gemeinsam runter.”

Wo könnte man solche Worte hören? Kindergarten? Ok, da waren wir raus. Wo geht man gemeinsam runter? In eine Tropfsteinhöhle oder so was. Man bekommt einen Helm aufgesetzt, eine Belehrung, dass für kaputte Sachen keine Garantie übernommen wird, und los geht’s, immer dem Führer hinterher, auf, in unbekannte spannende Welten. Was wird uns dort erwarten?

Nun, einen Helm bekamen wir nicht und ebenso wenig eine Belehrung. Die Tropfsteinhöhle war in Wirklichkeit das Kellertheater im Schauspielhaus Leipzig, doch der Rest stimmt. Und wie. Der Weg führte durch ein Labyrinth von Gängen und man fragte sich, ob man jemals wieder raus findet. Diese Wege waren ursprünglich offensichtlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Wir liefen an Trassen mit vielen dicken Kabeln entlang, wo der Elektriker in mir plötzlich hellwach war und versuchte, aus dem Installations- und Montagematerial auf die jeweilige Zeit der Erschaffung zu schliessen; zumindest Vor- und Nachwendeepoche lassen sich so sehr treffsicher bestimmen. Die Schauspielhaus Leipzig 2007 dicken Kabel waren Nachwende, es muss sich also doch seitdem einiges getan haben. Alles war schön geweisst und wirkte auf die Kellertouristen absolut authentisch, was es ja wohl auch war. Und eigentlich war genau das schon ein Teil der Bühne, in der man sozusagen mittendrin war. Nur war das Bühnenbild an dieser Stelle kein Bild, sondern real.

Schliesslich gelangte man in den Keller, wo man sich sehr gut einen Haufen Kohlen vorstellen konnte. Den gab es nicht, alles war sauber. Alles? Ein etwas erhöhtes Podest mit einem schmuddeligen Bücherregal liess im Halbdunkel nun doch auf so was wie eine Bühne schliessen, von zwei Seiten durch Bestuhlung in das Blickfeld der Kellertouries gebracht. Wir suchten uns einen Platz ganz vorn und waren so fast mitten im Geschehen, das da kommen würde. Doch was war das? Unter dem Bücherregal bewegte sich etwas. Da lag doch jemand und brummelte unverständliches Zeug vor sich hin. Er kramte da und suchte offensichtlich was. Bestimmt eine Utensilie, die dann für das Stück gebraucht wurde. Ja, so war es, und wir waren schon mittendrin. Ein Projektor warf ein Bild mit einem Schauspieler an die Wand. Als der Mann auf der Bühne dann mit einem Buch hervor gekrochen kam erkannte man, dass es derselbe in offensichtlich besseren Zeiten war. Der auf der Bühne sah runtergekommen aus, hatte eine zu kurze Hose und eine Weste mit einer Uhrenkette an. Und brabbelte immer noch leise unverständliches Zeug vor sich hin. Das war klug. Die Leute wollen natürlich hören, was er sagt, und werden dadurch ganz schnell leise und konzentriert. Er tat also genau das Gegenteil von dem, was heutzutage üblich ist, nämlich er machte kein Bombardement von Eindrücken damit ja was hängen bleibt und ich ohne das Produkt nicht mehr leben kann.

In der Ecke war ein SNV-Verteiler mit Schaltern. Für alle Nichtelektriker: Diese Dinger waren eine sehr DDR – typisch praktische Erfindung. Sie waren einfach nur genial und etwas, was nur in einem Land mit Zwang zu Erfindungsreichtum erSNV Kastenfunden werden konnte. Gut, was Ähnliches gab's schon vorher aus schwerem Guss, doch SNV- Kästen sind einfach quadratisch praktisch gut und aus leichtem verzinkten Blech. Man kann sie dadurch nach Herzenslust zusammenschrauben wenn man will zu riesigen Verteilern. Es gab dann alle möglichen Sachen zum Reinbauen und alles passte irgendwie zusammen. Eine Art Elektrikerlego. Und wenn der Verteiler nicht mehr gebraucht wurde, schraubte man ihn auseinander und setzte ihn dann einfach neu zusammen. Mit Schrauben M8. Das passt natürlich nicht wirklich in eine Wegwerfgesellschaft und deshalb verschwanden dann die Dinger ganz schnell. Ich muss zugeben, dieser Teil der DDR, wo Leute kreativ waren und das Beste aus ihren Möglichkeiten gemacht haben und dabei nach vorn gesehen haben hat was. Da war nichts mit Jammerossi.

Jedenfalls war so ein Ding aus drei zusammen geschraubten SNV – Kästen in der hintersten Ecke der Bühne. Mit Schaltern. Wie jeder weiss, befinden sich Schalter in der Regel in der Nähe von Türen. Man muss sie gut erreichen können, um nicht erst im Dunkeln durch den Raum stolpern zu müssen. Da der Keller nun aber nicht ursprünglich als Bühne angelegt worden war, hätten die Schalter da hinten keinen Sinn gemacht, es sei denn man hätte damit iSNV Kastenrgendeine technische praktische Einrichtung wie einen Ofen oder so was betrieben. Da war aber keiner (mehr) da. Es musste also was mit der Bühnenfunktion des Kellers zu tun haben. Da aber die eigentliche Installation da unten der Nachwendeepoche angehört, hat man aus meiner Sicht den Kasten nachträglich bewusst dort angebracht. Vielleicht sollte es ja nichts kosten. Er mutet nun dort wie ein Relikt aus der Vergangenheit an, genau wie das an die Wand geworfene Bild. Diese Gedanken sind vermutlich dort jedem durch den Kopf gegangen, mussten sie ja einfach. Ich vermutete nun, der Kasten würde bald von dem Mann auf der Bühne benutzt werden, wodurch ein Bogen in die Vergangenheit geschlagen würde und gleichzeitig etwas praktisch sinnvolles geschah. Um es vorwegzunehmen, so geschah es dann und es war perfekt.

Der Mann hatte noch eine Strippe rumhängen, womit er ein neues Dia an die Wand werfen konnte. Alle Bilder zeigten ihn in der Vergangenheit. In besseren Tagen. Der Mann las nun aus dem Buch, das er gefunden hatte, laut vor. Er beschrieb damit ein Bühnenbild, nämlich sein eigenes. So hatte er neben der Rolle des Lichttechnikers (die er mit Hilfe des SNV- Kastens wahrnahm), und des Bühnenbildners (Diashow) nun auch noch die Rolle des Erzählers des Stückes übernommen. Später wurde er dann noch Tontechniker. Er beschrieb seine Situation und sein Aussehen und erinnerte mich damit irgendwie an einen Film mit einem Lord Helmchen auf einem Raumschiff, wo der sich in dem Raumschiff genau ebendiesen Film angesehen hat und dann gerade an die Stelle kam, wo er sich eben diesen Film ansah.

Er beschrieb sich also und hatte so die Möglichkeit, noch paar mehr Sachen rein zu packen, die er vielleicht aus Ermangelung technischer Möglichkeiten da unten nicht darstellen konnte. Musste er auch nicht. Allein sein schauspielerisches Können hat jeden so in seinen Bann gezogen, dass man seine Umgebung vergaß.

Es stellte sich nun heraus, dass der Dargestellte namens Krapp nur einen überschaubaren prozentualen Anteil seiner wachen Lebenszeit nüchtern war, was man mit seinem Aussehen gut in Einklang bringen konnte. Er fing irgendwann an, nach einer bestimmten Tonbandspule zu suchen. Er fand sie, kramte nun plötzlich unter einem Lichtgitterrost ein altes Tonbandabspielgerät hervor, was mein Herz nun noch mal höher schlagen ließ, und legte das Band ein. Es war eine Aufnahme von ihm selbst aus früherer Zeit. Ein Tagebuch. Bananen spielten eine Rolle, was etwas mit unterdrückter Sexualität zu tun haben soll. Etliches von dem, was man hören konnte ergab zumindest für mich nicht viel Sinn, es ging jedoch öfter um Frauen, und ich konnte jedoch nicht herausfinden, ob er nun oder nicht. Bei einer jedenfalls hat er nicht, und um diese ging es dann hauptsächlich. Er ist mit ihr auf einem Nachen dahin getrieben und in einem Gebüsch oder so im Wasser hängen geblieben. Die Szene war sehr romantisch und diese Romantik hatte offensichtlich auf das Mädchen seine volle Wirkung entfaltet. Nur unser Held wollte sich offenbar nicht binden, möglicherweise wegen seiner Schauspielerkarriere. Heute nun tat er, was wohl viele tun würden: Er ärgerte sich. Er spulte das Band paar mal zurück und hörte sich manche Stellen mehrfach an, wobei uns allen das Wort Wittibtum zugänglich gemacht wurde, was er dann selbst im Wörterbuch nachschlug. Sicherlich ein Zeichen, dass auch eine gewisse Ironie in dem Stück steckt.

Irgendwann fing jemand an zu klatschen, das Stück war ziemlich abrupt zu Ende. Woher wusste dieser jemand das? Er muss schon mal da gewesen sein. Und ich kann es ihm nicht verdenken. Der Mann auf der Bühne verneigte sich nach beiden Richtungen, wo Zuschauer sassen und der Beifall nahm kein Ende. Er verschwand plötzlich und da bemerkte ich zum ersten Mal, dass die Bühne auch einen Vorhang hatte, allerdings irgendwo hinten daneben. Er kam paar Mal wieder heraus und mir taten dann die Hände weh.

Das letzte verbleibende Abenteuer nun war der Weg hinaus. Irgendwie bogen wir mal anders ab als hineinwärts und der Weg nahm und nahm kein Ende. Ich war jedoch zuversichtlich, wieder raus zu kommen, denn wie sollte man denn besser Andere dahin locken als dass man uns denen erzählen lässt, was wir erlebt hatten. Und das war eben nun mal grossartig, ein Stück wie geschaffen für diese Atmosphäre mit einem brillanten Schauspieler, Tontechniker, Lichttechniker, Bühnenbildner und Erzähler.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

... ein Bericht von Thomas, vielen Dank!