„Alle
treffen sich um 10 vor 8 da drüben und gehen dann gemeinsam runter.”
Wo
könnte man solche Worte hören? Kindergarten? Ok, da waren wir raus. Wo geht
man gemeinsam runter? In eine Tropfsteinhöhle oder so was. Man bekommt einen
Helm aufgesetzt, eine Belehrung, dass für kaputte Sachen keine Garantie übernommen
wird, und los
geht’s,
immer dem Führer hinterher, auf, in unbekannte spannende Welten. Was wird uns
dort erwarten?
Nun,
einen Helm bekamen wir nicht und ebenso wenig eine Belehrung. Die Tropfsteinhöhle
war in Wirklichkeit das Kellertheater im Schauspielhaus Leipzig, doch der Rest
stimmt. Und wie. Der Weg führte durch ein Labyrinth von Gängen und man fragte
sich, ob man jemals wieder raus findet. Diese Wege waren ursprünglich
offensichtlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Wir liefen an Trassen
mit vielen dicken Kabeln entlang, wo der Elektriker in mir plötzlich hellwach
war und versuchte, aus dem Installations- und Montagematerial auf die jeweilige
Zeit der Erschaffung zu schliessen; zumindest Vor- und Nachwendeepoche lassen
sich so sehr treffsicher bestimmen. Die
dicken Kabel waren Nachwende, es muss
sich also doch seitdem einiges getan haben. Alles war schön geweisst und wirkte
auf die Kellertouristen absolut authentisch, was es ja wohl auch war. Und
eigentlich war genau das schon ein Teil der Bühne, in der man sozusagen
mittendrin war. Nur war das Bühnenbild an dieser Stelle kein Bild, sondern
real.
Schliesslich
gelangte man in den Keller, wo man sich sehr gut einen Haufen Kohlen vorstellen
konnte. Den gab es nicht, alles war sauber. Alles? Ein etwas erhöhtes Podest
mit einem schmuddeligen Bücherregal liess im Halbdunkel nun doch auf so was wie
eine Bühne
schliessen, von zwei Seiten durch Bestuhlung in das Blickfeld der Kellertouries
gebracht. Wir suchten uns einen Platz ganz vorn und waren so fast mitten im
Geschehen, das da kommen würde. Doch was war das? Unter dem Bücherregal
bewegte sich etwas. Da lag doch jemand und brummelte unverständliches Zeug vor
sich hin. Er kramte da und suchte offensichtlich was. Bestimmt eine Utensilie,
die dann für das Stück gebraucht wurde. Ja, so war es, und wir waren schon
mittendrin. Ein Projektor warf ein Bild mit einem Schauspieler an die Wand. Als
der Mann auf der Bühne dann mit einem Buch hervor gekrochen kam erkannte man,
dass es derselbe in offensichtlich besseren Zeiten war. Der auf der Bühne sah
runtergekommen aus, hatte eine zu kurze Hose und eine Weste mit einer Uhrenkette
an. Und brabbelte immer noch leise unverständliches Zeug vor sich hin. Das war
klug. Die Leute wollen natürlich hören, was er sagt, und werden dadurch ganz
schnell leise und konzentriert. Er tat also genau das Gegenteil von dem, was
heutzutage üblich ist, nämlich er machte kein Bombardement von Eindrücken
damit ja was hängen bleibt und ich ohne das Produkt nicht mehr leben kann.
In
der Ecke war ein SNV-Verteiler mit Schaltern. Für alle Nichtelektriker: Diese
Dinger waren eine sehr DDR – typisch praktische Erfindung. Sie waren einfach
nur genial und etwas, was nur in einem Land mit Zwang zu Erfindungsreichtum er
funden werden konnte. Gut, was Ähnliches gab's schon vorher aus schwerem
Guss, doch SNV- Kästen sind einfach quadratisch praktisch gut und aus leichtem
verzinkten Blech. Man kann sie dadurch nach Herzenslust zusammenschrauben wenn
man will zu riesigen Verteilern. Es gab dann alle möglichen Sachen zum
Reinbauen und alles passte irgendwie zusammen. Eine Art Elektrikerlego. Und wenn
der Verteiler nicht mehr gebraucht wurde, schraubte man ihn auseinander und
setzte ihn dann einfach neu zusammen. Mit Schrauben M8. Das passt natürlich
nicht wirklich in eine Wegwerfgesellschaft und deshalb verschwanden dann die
Dinger ganz schnell. Ich muss zugeben, dieser Teil der DDR, wo Leute kreativ
waren und das Beste aus ihren Möglichkeiten gemacht haben und dabei nach vorn
gesehen haben hat was. Da war nichts mit Jammerossi.
Jedenfalls
war so ein Ding aus drei zusammen geschraubten SNV – Kästen in der hintersten
Ecke der Bühne. Mit Schaltern. Wie jeder weiss, befinden sich Schalter in der
Regel in der Nähe von Türen. Man muss sie gut erreichen können, um nicht erst
im Dunkeln durch den Raum stolpern zu müssen. Da der Keller nun aber nicht ursprünglich
als Bühne angelegt worden war, hätten die Schalter da hinten keinen Sinn
gemacht, es sei denn man hätte damit i
rgendeine technische praktische
Einrichtung wie einen Ofen oder so was betrieben. Da war aber keiner (mehr) da.
Es musste also was mit der Bühnenfunktion des Kellers zu tun haben. Da aber die
eigentliche Installation da unten der Nachwendeepoche angehört, hat man aus
meiner Sicht den Kasten nachträglich bewusst dort angebracht. Vielleicht sollte
es ja nichts kosten. Er mutet nun dort wie ein Relikt
aus der Vergangenheit an,
genau wie das an die Wand geworfene Bild. Diese Gedanken sind vermutlich dort
jedem durch den Kopf gegangen, mussten sie ja einfach. Ich vermutete nun, der
Kasten würde bald von dem Mann auf der Bühne benutzt werden, wodurch ein Bogen
in die Vergangenheit geschlagen würde und gleichzeitig etwas praktisch
sinnvolles geschah. Um es vorwegzunehmen, so geschah es dann und es war perfekt.
Der
Mann hatte noch eine Strippe rumhängen, womit er ein neues Dia an die Wand
werfen konnte. Alle Bilder zeigten ihn in der Vergangenheit. In besseren Tagen.
Der Mann las nun aus dem Buch, das er gefunden hatte, laut vor. Er beschrieb
damit ein Bühnenbild, nämlich sein eigenes. So hatte er neben der Rolle des
Lichttechnikers (die er mit Hilfe des SNV- Kastens wahrnahm), und des Bühnenbildners
(Diashow) nun auch noch die Rolle des Erzählers des Stückes übernommen. Später
wurde er dann noch Tontechniker. Er beschrieb seine Situation und sein Aussehen
und erinnerte mich damit irgendwie an einen Film mit einem Lord Helmchen auf
einem Raumschiff, wo der sich in dem Raumschiff genau ebendiesen Film angesehen
hat und dann gerade an die Stelle kam, wo er sich eben diesen Film ansah.
Er
beschrieb sich also und hatte so die Möglichkeit, noch paar mehr Sachen rein zu
packen, die er vielleicht aus Ermangelung technischer Möglichkeiten da unten
nicht darstellen konnte. Musste er auch nicht. Allein sein schauspielerisches Können
hat jeden so in seinen Bann gezogen, dass man seine Umgebung vergaß.
Es
stellte sich nun heraus, dass der Dargestellte namens
Krapp nur einen überschaubaren prozentualen Anteil seiner wachen
Lebenszeit nüchtern war, was man mit seinem Aussehen gut in Einklang bringen
konnte. Er fing irgendwann an, nach einer bestimmten Tonbandspule zu suchen. Er
fand sie, kramte nun plötzlich unter einem Lichtgitterrost ein altes Tonbandabspielgerät
hervor, was mein Herz nun noch mal höher schlagen ließ, und legte das Band
ein. Es war eine Aufnahme von ihm selbst aus früherer Zeit. Ein Tagebuch.
Bananen spielten eine Rolle, was etwas mit unterdrückter Sexualität zu tun
haben soll. Etliches von dem, was man hören konnte ergab zumindest für mich
nicht viel Sinn, es ging jedoch öfter um Frauen, und ich konnte jedoch nicht
herausfinden, ob er nun oder nicht. Bei e
iner jedenfalls hat er nicht, und um
diese ging es dann hauptsächlich. Er ist mit ihr auf einem Nachen dahin
getrieben und in einem Gebüsch oder so im Wasser hängen geblieben. Die Szene
war sehr romantisch und diese Romantik hatte offensichtlich auf das Mädchen
seine volle Wirkung entfaltet. Nur unser Held wollte sich offenbar nicht binden,
möglicherweise wegen seiner Schauspielerkarriere. Heute nun tat er, was wohl
viele tun würden: Er ärgerte sich. Er spulte das Band paar mal zurück und hörte
sich manche Stellen mehrfach an, wobei uns allen das Wort Wittibtum
zugänglich gemacht wurde, was er dann selbst im Wörterbuch nachschlug.
Sicherlich ein Zeichen, dass auch eine gewisse Ironie in dem Stück steckt.
…
Irgendwann
fing jemand an zu klatschen, das Stück war ziemlich abrupt zu Ende. Woher
wusste dieser jemand das? Er muss schon mal da gewesen sein. Und ich kann es ihm
nicht verdenken. Der Mann
auf der Bühne verneigte sich nach beiden Richtungen, wo Zuschauer sassen und
der Beifall nahm kein Ende. Er verschwand plötzlich und da bemerkte ich zum
ersten Mal, dass die Bühne auch einen Vorhang hatte, allerdings irgendwo hinten
daneben. Er kam paar Mal wieder heraus und mir taten dann die Hände weh.
Das
letzte verbleibende Abenteuer nun war der Weg hinaus. Irgendwie bogen wir mal
anders ab als hineinwärts und der Weg nahm und nahm kein Ende. Ich war jedoch
zuversichtlich, wieder raus zu kommen, denn wie sollte man denn besser Andere
dahin locken als dass man uns denen erzählen lässt, was wir erlebt hatten. Und
das war eben nun mal grossartig, ein Stück wie geschaffen für diese Atmosphäre
mit einem brillanten Schauspieler, Tontechniker, Lichttechniker, Bühnenbildner
und Erzähler.
...
ein Bericht von Thomas, vielen Dank!